Apropos Mode

Tiefenverspannt

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Foto: Harry Langdon/Getty Images

Tiefenverspannt

Die stellvertretende annabelle-Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin will keine Polyesterfüdli sehen, die im Athleisure-Look durch den Tag sprinten.

1924 baten die Gebrüder Dassler erfolglos um einen Kredit für die Herstellung eines Sportschuhs. Lächerlich, fand die Bank, niemand benötige zum Sport spezielle Schuhe. Falsch gedacht, 2015 machte die Adidas-Gruppe einen Umsatz von 16.9 Milliarden Euro, der Online-Retailer Net-a-porter launchte kürzlich seinen sportlichen Ableger Net-a-sporter, und Sportswearlabels schiessen wie Pilze aus dem Boden.

Wobei Sportswear nicht der richtige Ausdruck ist. Der Begriff «Athleisure» wurde kürzlich ins «Merriam-Webster»-Wörterbuch, den Duden der USA, aufgenommen: Athleisure bedeutet so viel wie «zwanglose Kleidung für Sport und zum generellen Gebrauch». Da haben wirs. Athleisure ist nicht nur für den Spinningkurs gedacht, man soll damit durch den ganzen Tag sprinten. Überall Polyesterfüdli. Eine Horrorvision. Natürlich mutieren nun sämtliche Celebritys zu Mini-Jane-Fondas: Rihanna, Rita Ora, Beyoncé, sogar die elegante Charlotte Olympia. Und Kate Hudson, die früher lieber mit Rockstars rumhing, säuselt, «es ist ein sehr lukrativer Markt», und plant, mit ihrer Linie Fabletics hundert Läden zu eröffnen.

In unserer Social-Media-dominierten Welt ist uns eben nichts so wichtig wie das eigene Image. Athleisure gaukelt unseren Followern vor, dass wir fit und vital sind, von innen glowen, weil wir auf unseren Körper aufpassen. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Athleisure ist die Spitze des Selbstoptimierungswahns, damit können wir noch schneller noch mehr und sehen selbst dann noch total relaxt aus, wenn wir vor der Sitzung noch schnell die Pilates-Pose posten. Interessanterweise stieg der Absatz von Yogahosen in den USA im vergangenen Jahr um 45 Prozent, nur 4.5 Prozent mehr Menschen schrieben sich jedoch tatsächlich in Yogakursen ein. Übrigens wird der Trend auch zärtlich Performancewear genannt. Denn performen, das sollen wir, in allen Lebensbereichen. Dabei steckt in Athleisure das Wort «leisure». Das heisst Freizeit.

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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