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Über den Fluch, eine attraktive Frau zu sein

Zeitgeist

Über den Fluch, eine attraktive Frau zu sein

  • Text: Céline Geneviève Sallustio
  • Bild: ZVG

Auch wenn im Volksmund gern das Gegenteil behauptet wird: Autorin Céline Geneviève Sallustio findet es überhaupt nicht einfach, eine schöne Frau zu sein. Ein Plädoyer der 25-Jährigen dafür, hinter die Fassade zu blicken.

«Keine schöne Frau war je dankbar für ihre Schönheit», schreibt der Schweizer Schriftsteller Thomas Meyer in seinem Buch «Einhundertvierundvierzig Einsichten». Meint er damit, dass attraktive Frauen dankbar für ihre Schönheit sein sollten? Dass sie privilegierter sind als andere? Ganz egal, was Meyer damit aussagen wollte: Über schöne Frauen wird gesagt, dass ihr Leben einfacher ist. Achtung, kleiner Spoiler: Dem ist nicht so. Ich kann versichern: Für eine schöne Frau gehalten zu werden, hat mir im Leben nichts erspart. Keinen Herzschmerz, keinen Ärger und schon gar keine Selbstzweifel.

Aber was ist das denn überhaupt: Schönheit? Laut des Wissenschaftsmagazins «Uni Nova» gibt es eine «universelle Schönheit», deren Eigenschaften sich weder in der Zeit noch zwischen den menschlichen Kulturen unterscheiden. «Bei Männern wie bei Frauen wirken Gesichter mit kindlichen Merkmalen besonders attraktiv: ein grosser Kopf mit einer dominanten Stirnregion, grosse, runde Augen, eine kleine, kurze Nase und ein klares, rundes Kinn, ein Schmollmund mit dicken Lippen und eine elastische und weiche Haut», schreibt der Biologie-Professor Daniel Haag-Wackernagel.

Oberflächliche Komplimente, ungefragte Kommentare

Demnach bin ich also eine universelle Schönheit. Wenn ich Fotoalben von mir durchblättere, fallen mir meine grossen, dunkelbraunen Augen auf. Mein Schmollmund, meine Stupsnase und mein breites Lachen. Zeigte es damals noch schiefe Zähne und später jahrelang eine Zahnspange, habe ich heute schön aneinandergereihte, weisse Zähne. Und ja: Meine attraktive Erscheinung, sie hat einen grossen Teil meines Lebens – insbesondere meines Erwachsenwerdens – bestimmt.

«Du siehst hammer aus», «Deine Lippen sind so schön voll», «Du hast so einen tollen runden Po» – solche Sätze habe ich in meinem Leben ständig gehört. Für die meisten Männer, die ich kennengelernt habe, war ich deshalb toll, weil ich dem Schönheitsideal entsprach. Das haben mir ihre ständigen oberflächlichen Komplimente und ihre ungefragten Kommentare gezeigt. Selten erhielt ich ein Kompliment über eine meiner Charaktereigenschaften oder meine Talente. Dass ich beispielsweise mutig bin, unkompliziert oder spontan.

Beim Daten bin ich unsicher geworden: Findet er mich auch interessant, lustig, schlau – oder steht er einfach auf meine Optik? Will er sich in erster Linie mit mir zeigen – und mich vielleicht gar nicht wirklich kennenlernen?

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Plötzlich wollte ich ständig gut aussehen

Irgendwann fing es an, dass mich die vielen Kommentare zu meinem Aussehen langsam beeinflussten. Und zwar so, dass ich die Erwartung an mich stellte, ständig schön aussehen zu müssen. Mehr als ich wollte, habe ich mich fortan über mein Aussehen definiert – weil ich eben dafür von meinem Umfeld nahezu die gesamte Aufmerksamkeit und Anerkennung bekam. Ich schminkte mich täglich für die Schule, stylte mich auf und gab als Kantischülerin viel zu viel Geld für Beautyprodukte aus. Und: Ich verfiel einem Fitnesswahn – ich wollte einen noch runderen Po.

Einige Jahre später, als ich mich für einen Nebenjob in einem Zürcher Gastrounternehmen bewarb, meinte der Inhaber des Restaurants bei der Begrüssung zu mir: «Attraktiv bist du ja bereits» – als wäre das die erste und wichtigste Qualifikation, die ich für diesen Job mitbringen musste. Mein Aussehen kam mir abermals zuvor. In diesem Moment waren Fähigkeiten, die ich vorzuweisen hatte, nicht relevant.

Der Inhaber des Restaurants gab mir das Gefühl, dass ich als Schmuckstück, als Dekoration, gut für den Job geeignet sei. Mehr nicht. Und später, während eines Praktikums bei einer Lokalzeitung, meinte ein Kollege: «Mit deinem Aussehen sollte es ja kein Problem für dich sein, fremde Menschen auf der Strasse anzusprechen.»

«Ich dachte, du wärst voll arrogant!»

Doch nicht nur im Kontakt mit Männern kommt mir mein Aussehen ständig zuvor. Auch beim Zusammentreffen mit anderen Frauen spielt meine Optik eine zentrale Rolle – was sich oft in Form von Skepsis, Eifersucht oder Neid zeigt. Viele Frauen reagieren beim ersten Aufeinandertreffen sehr distanziert auf mich. So, als ob sie pauschal davon ausgehen würden, dass ich nur unsympathisch sein könne. Als würden sie einfach nichts mit mir zu tun haben wollen – ohne überhaupt je ein Wort mit mir gewechselt zu haben.

Ich erinnere mich noch gut an einen Moment, als ich als Studi in einer Bar kellnerte: Eine junge Frau, die ich aus der Oberstufe flüchtig kannte, kam zu mir an den Tresen und meinte etwas beschwipst: «Es tut mir leid, aber ich habe dich falsch eingeschätzt! Ich dachte, du wärst voll arrogant, aber du bist echt in Ordnung.»

Macht mich nur mein Aussehen aus?

All diese Erfahrungen wirkten sich lange Zeit negativ auf meine Selbstentwicklung und mein Selbstbewusstsein aus. Denn das ist die traurige Wahrheit: Irgendwann begann ich selbst daran zu zweifeln, ob ich gewisse Erfolge nur meinem Aussehen zu verdanken hatte. In manchen Momenten glaubte ich, dass mein Aussehen das Einzige war, das mich ausmachte.

Es ist nicht so, dass ich mir wünsche, anders auszusehen. Was ich mir wünsche, ist, dass attraktive Frauen ernst genommen werden. Dass wir – unabhängig von unserem Aussehen – gleichberechtigt behandelt werden. Und zwar ohne dass wir einen Extra-Effort leisten müssen oder eben bevorzugt werden. Ich wünsche mir, dass wir in unserer Gesellschaft nicht als Objekt wahrgenommen werden. Denn Schönsein ist nur eine Fassade. Was sich dahinter versteckt, ist viel essenzieller.

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Bana Musie / Arani Jeyakumar / Eescha Rasiah

Liebe Céline
 
Nachdem wir deinen Artikel sorgfältig durchgelesen haben, sind uns einige Gedanken durch den Kopf gegangen. Wir möchten dich hier in keiner Weise persönlich angreifen, aber folgendes möchten wir dir mitteilen:
Du schreibst in der Einleitung, dass es nicht einfach ist, eine schöne Frau zu sein. Du beziehst dich hier auf die Schwierigkeiten einer schönen Frau im alltäglichen Leben. Unser Argument ist, vielleicht liegt es einfach daran, dass du eine Frau bist und es nicht so viel mit deinem Aussehen zu tun. 
‘Über schöne Frauen wird gesagt, dass ihr Leben einfacher ist.’ In der Tat ist das so. Zahlreiche Studien und Untersuchungen haben ergeben, dass sich ‘attraktiven Personen’ viele Vorteile ergeben, sei es bei der Wohnungssuche, im Bewerbungsprozess oder in alltäglichen sozialen Interaktionen. 
Du hast auch erwähnt, dass deine Schönheit dich nicht vor Herzschmerz, Selbstzweifel und Ärger bewahrt. Natürlich nicht! Du gehst hier auf Situationen ein, die eine emotionale Ursache haben und nicht direkt mit deinem Aussehen zu tun haben. Wem wurde das Herz denn nicht gebrochen? Oder wer hat keine Selbstzweifel? Das sind ganz natürliche und menschliche Gefühle. 
Zu deiner Erfahrung in der Bar: Wie sollen sich denn flüchtige Bekanntschaften ein Bild von deiner Persönlichkeit machen können, nur mit deinem Erscheinungsbild? Beispielsweise auf Instagram verschafft sich jeder einen ersten Eindruck von uns, obwohl er/sie uns noch nie kennengelernt hat. Vorurteile gibt es überall und betreffen uns alle. 
Des Weiteren gehst du darauf ein, dass du öfters ungefragt Komplimente und Kommentare zu deinem Aussehen bekommst. Catcalling erfährt praktisch jede Frau. Es ist ein gesellschaftliches Problem und betrifft nicht ausschliesslich Gutaussehende. 
 
Zu deiner Unsicherheit: wir als dunkelhäutige Frauen fragen uns ständig, ob wir eine nur schwarze Eroberung für unser Gegenüber sind. Wenn sich jemand wirklich und genuin für dich interessiert, dann wirst du das früh genug merken 🙂 
 
Deine Erfahrung als Kantischülerin ist das Narrativ von so vielen pubertierenden Mädchen im digitalen Zeitalter. Das Aussehen hat an Signifikanz gewonnen über die letzten Jahrzehnte, vor allem durch Social Media. Das Problem liegt hierbei wieder spezifisch nicht an deinem Aussehen, sondern dass heranwachsende Frauen sich mehrheitlich mit anderen automatisch vergleichen und unrealistische Schönheitsideale erreichen wollen. 
 
«Wow, sie hat so viel erreicht, und ist sogar auch noch hübsch!» Diesen Satz kennen wir alle. Ja, es ist nicht gerecht, dass sich Frauen doppelt beweisen müssen. An dieser Stelle ist aber zu erwähnen, dass es Menschen mit einem tieferen Selbstbewusstsein und die sich selber nie als schön bezeichnen würden, viel schwerer fällt durchs Leben zu gehen. 
 
Zum Abschluss möchten wir dir raten, dich nicht in der Opferrolle zu wälzen. Die Probleme, die du angesprochen hast, bestehen tatsächlich. Steh darüber, nutze die Vorteile und Chancen, die du kriegst, um einen Wandel zu bewirken und stell nicht nur dich in den Mittelpunkt! Du bist nicht alleine und wir alle kämpfen dagegen.
 
 

Céline Geneviève Sallustio

Liebe Bana, liebe Arani und liebe Eescha,

vielen herzlichen Dank für Euer sehr konstruktives und gut überlegtes Feedback. Ich habe mich sehr darüber gefreut und schätze Eure Meinung enorm. Kurz vorweg: Ich habe mir, bevor ich den Text geschrieben habe, dieselben Gedanken gemacht wie Ihr: Habe ich das Recht, in einer so privilegierten Situation über dieses gesellschaftliche Phänomen zu schreiben? Gibt es nicht andere Frauen – und Männer – denen es viel schwerer fällt, mit ihrem Aussehen durchs Leben zu gehen?

Alle diese Fragen habe ich für mich selbst mit “ja” beantwortet. Ihr könnt euch also vorstellen, dass es für mich nicht einfach war, diesen Text zu schreiben. Und dennoch habe ich mich dazu entschieden. Da ich es wichtig finde, dass man Menschen nicht lediglich auf ihr Erscheinungsbild reduziert. Und ja, dazu gehören auch Menschen, die dem Schönheitsideal entsprechen. Und in diesem Diskurs, so kam ich zum Entschluss, sollten diverse Stimmen ihren Platz haben. Also auch Stimmen von Frauen, die es “vermeintlich” einfacher im Leben haben.

Einige Gedanken, die Ihr mir mitgeteilt habt, habe ich tatsächlich nicht im Text erwähnt. Beispielsweise die Erfahrung als Kantischülerin, die als Narrativ von so vielen pubertierenden Mädchen im digitalen Zeitalter gilt. Dazu gehört auch, dass ich mich im Text wohl zu sehr als Opfer dargestellt habe, statt die Vorurteile und Chancen zu nutzen. Es war mir eine grosse Hilfe, dass Ihr meinen Text von einer differenzierten Perspektive betrachtet und mir dies mitgeteilt habt.

Ich wünsche Euch alles Gute.

Herzlichst,

Céline