Meinung zu neuer Netflix-Serie

Warum mich «Love & Anarchy» so begeistert hat

Text: Marie Hettich; Bild: Netflix

Wer mal wieder darüber staunen möchte, wie fortschrittlich Skandinavien ist, sollte «Love & Anarchy» schauen – eine neue, sehr kurzweilige Netflix-Serie aus Schweden.

Manchmal begreift man Stereotype erst so richtig, wenn sie gebrochen werden. Ein aktuelles Beispiel: die achtteilige Netflix-Komödie «Kärlek & Anarki» («Love & Anarchy») mit der schwedischen Schauspielerin Ida Engvoll als Sofie. Sie spielt die Hauptrolle in der Serie – neben all den anderen Frauen, die ganz selbstverständlich queer, alt oder schwanger sind.

Sofie lebt in Stockholm, ist um die vierzig und arbeitet als Unternehmensberaterin. Sie hat einen Partner, der viel zuhause ist, und zwei Kinder. Als sie ein kleines Verlagsteam auf die Übernahme eines grossen Streamingkonzerns vorbereitet, fängt sie dort eine ziemlich ungewöhnliche Affäre mit dem deutlich jüngeren und sehr schönen Max (Björn Mosten) an. Um abzuschalten, schaut sie gerne Pornos.

Zur Abwechslung mal keine Femme fatale

Wer nun eine geile Femme fatale vor Augen hat, die allen Männern den Kopf verdreht, würde im Fall der meisten Mainstream-Serien und -Filmen natürlich richtig liegen. «Love & Anarchy» der schwedischen Regisseurin- und Drehbuchautorin Lisa Langseth funktioniert aber anders. Denn Sofies Figur ist nicht für den Male Gaze, den männlichen Blick, gemacht. 

Das merkt man schon allein daran, dass sie häufig ungeschminkt zu sehen ist. Und zwar tatsächlich ungeschminkt – so, wie es Frauen in Film und Fernsehen so gut wie nie sind, mit müden Augen und Pickeln am Kinn. Auch Sofies Mimik ist ungewohnt realitätsnah: Wenn sie wütend ist, sieht sie wütend aus. Und nicht: sexy-wütend oder herzig-wütend. Richtig wütend. 

Ein guter Job – ohne besonders kämpferisch zu sein

Es gibt noch eine Frauenrollen-Schublade, in die Sofie schönerweise nicht passt: in die der «knallharten Businessfrau» . Sofie hat einfach einen guten Job, ohne besonders kämpferisch oder aussergewöhnlich brillant zu sein. Diese Selbstverständlichkeit kennt man sonst fast nur von Männern.

Dass Sofie zwei Kinder hat, spielt in der Serie nur manchmal eine Rolle. Und nein: nicht weil Sofie eine «Rabenmutter» ist. Sondern schlicht, weil ihr Leben viele Facetten hat (und sie in einem Land lebt, das diese Tatsache ermöglicht).

Frauen als Subjekte

Man kann «Love & Anarchy» mögen oder nicht. Aber schon allein deshalb, weil die Serie indirekt alle anderen Serien und Filme entlarvt, in denen Frauen immer noch nicht als Subjekte, als Menschen, dargestellt werden, lohnt es sich, reinzuschalten.

Und wegen dem schönen Max. 

Marie Hettich ,
Redaktorin
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