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«Was ist, wenn wir plötzlich allein dastehen?»

Leben

«Was ist, wenn wir plötzlich allein dastehen?»

  • Text: Rahel Bains; Bild: Annick Ramp

Wie viel Geld habe ich einmal im Alter? Drei Autorinnen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen haben es ausgerechnet. Spoiler: Alle sind erschrocken. Der letzte Teil unserer Mini-Serie mit Rahel Bains.

Rahel Bains (31), Redaktorin, verheiratet, drei Kinder: Yuna (2), Mael (6) und Daliyah (9). Sie hat mit ihrem Mann jahrelang das Modell «Mann: Vollzeit, Frau: Teilzeit» gelebt. Was das für ihre Vorsorge bedeutet, war ihr lang nicht bewusst.

Durchschnittlicher Monatslohn der letzten Jahre, brutto: 2450 Franken
Arbeitspensum: 30 bis 60 Prozent
AHV*: 1131 Franken
PK*: 719 Franken
Total: 1850 Franken

«Obwohl mein Mann und ich für heutige Verhältnisse früh – sprich gleich nach beziehungsweise noch während des Studiums – Eltern geworden sind, wollten wir nie zu denen gehören, die «nur» der Kinder wegen heirateten. Hochzeit gefeiert haben wir trotzdem und zwar vor vier Jahren am Ufer der Limmat. Als ich an jenem Tag in meinem seidenen Jupe, in der einen Hand ein Glas Rotwein, in der anderen die Hand meines Mannes, zu Drakes «Shut It Down» tanzte, dachte ich nicht im Entferntesten daran, dass wir nur wenige Monate später die finanziellen Auswirkungen unseres soeben geschlossenen Bündnisses ziemlich heftig zu spüren bekommen würden.

Nicht nur steuertechnisch, sondern auch bezüglich Prämienverbilligungen: Bäm! 4000 Franken im Jahr gestrichen. Kulturlegi: tschüss. Und dann erst die Heiratsstrafe! Die Summe beider Renten eines Ehepaars ist heute auf 150 Prozent, also nur eineinhalb Renten gedeckelt. Verheiratete und eingetragene Paare erhalten so im schlechtesten Fall pro Monat also bis zu 1200 Franken weniger Rente als Konkubinatspaare. Die CVP will sich übrigens im Parlament für die Abschaffung der Heiratsstrafe durch eine Plafondanhebung in der AHV stark machen.

Nein, als mich mein Mann vier Jahre zuvor an einem kalifornischen Strand fragte, ob ich ihn heiraten will, habe ich das Thema Geld beziehungsweise unsere Vorsorgeplanung in die hinterste Ecke meiner Gedanken verbannt. Dafür dachte ich an unsere Tochter, die neben uns mit ihren kleinen Fingern Sandkörner in den Mund beförderte, und an all die Abenteuer, die noch vor uns lagen. Damals war ich Anfang zwanzig.

Nun, fast zehn Jahre später, haben wir drei Kinder, und in mir erwacht mehr und mehr das Bewusstsein für die finanziellen Lücken, die sich erst im Alter zu erkennen geben werden. Ich las vom Gender Pension Gap, der bei verheirateten Frauen wie mir am grössten sein soll. Auch wenn Frauen im Arbeitsmarkt heute viel aktiver sind, als es die Generation unserer Mütter war – in der Schweiz sind es immer noch oft die Frauen, die ihr Arbeitspensum reduzieren, sobald Nachwuchs da ist.

Auch mein Mann und ich haben einige Jahre nach diesem Schema gelebt: Er arbeitete mit einem 100-Prozent-Pensum in der Werbebranche, ich wandelte nach dem Mutterschaftsurlaub meine Vollzeitstelle als Redaktorin in eine Teilzeitstelle um. Zwar fest angestellt, doch der Lohn zu klein, als dass es für Pensionskassen-Beiträge gereicht hätte. Denn erst ein jährlicher Lohn ab 21 330 Franken wird obligatorisch versichert.

Viele meiner Freundinnen, die sich selber als unabhängig und selbstbestimmt bezeichnen würden, leben ebenfalls nach dem oben beschriebenen Modell. Mit einigen sass ich vor ein paar Wochen am langen Holztisch in unsere Küche. Der Prosecco floss und die Stimmung war ausgelassen – bis ich unvermittelt das Stichwort «Altersvorsorge» in die Runde warf. Das Gelächter verstummte. Auf meine Frage, ob sie denn wüssten, wie es um ihre finanzielle Vorsorge steht, erntete ich nur beschämtes Kopfschütteln. «Mein Mann hat sich eine dritte Säule eingerichtet», war so ziemlich alles, was kam.

Natürlich sind jene verheirateten Frauen, die bis ins hohe Alter mit ihrem Partner eine Einheit bilden, nicht gleich vom Gender Pension Gap betroffen. Dennoch müssen sich angesichts der Statistik, die besagt, dass zwei von fünf Ehen geschieden werden, alle mit der Frage befassen, was genau passiert, wenn man doch plötzlich allein dasteht. Reicht dann meine Teilzeitarbeit, um genug fürs Alter zu sparen? Die Antwort liefert ein Altersvorsorge-Rechner: tut sie nicht.

«Die Gleichung ist eigentlich ganz einfach: Je weniger du verdient hast, desto weniger Rente gibt es am Schluss. Das ist vor allem den Frauen oftmals nicht so bewusst», macht mir Lisa Spaar, Vorstandsmitglied der Frauenzentrale Zürich und verantwortlich für das Ressort Altersvorsorge, in einem Gespräch klar. Immerhin würde im Falle einer Scheidung das Guthaben aus der beruflichen Vorsorge 50:50 aufgeteilt. So soll verhindert werden, dass diejenige Person, die während der Ehe Betreuungsaufgaben wahrgenommen hat und deshalb nicht über eine ausreichende eigene berufliche Vorsorge verfügt, bei einer Scheidung benachteiligt wird.

Vor zwei Jahren stockte ich meine Stellenprozente auf, mein Mann nahm einen neuen Job an, der ihm Gelegenheit bot, zumindest für einige Zeit mehr als nur den klassischen «einen Papitag» wahrzunehmen. Spaar empfiehlt mir und meinem Mann, nun beide vorübergehende Teilzeitler, zwei Dinge: Einerseits sollen wir meine bisherigen und seine allenfalls künftig entstehenden Lücken in der Pensionskasse nachzahlen. Zudem soll sich jeder von uns eine Säule 3a zulegen.

Für Letztere gibt es neuerdings einfach zu bedienende Apps, dank deren man innerhalb von zehn Minuten ein individuelles Vorsorgekonto eröffnen kann. «Diese Apps werden womöglich die mit der Thematik verbundenen Hemmschwellen sinken lassen», so Spaar. Mir fällt der Versicherungsvertreter ein, der seit einem Jahr auf eine Unterschrift für den 3.-Säule-Vertrag wartet, den er für uns ausgearbeitet hat. Ich glaube, ich werde ihn bald mal anrufen.»

Den ersten Teil unserer Mini-Serie finden Sie hier, den zweiten hier.

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