Wohntraum

Auf einem Weingut wohnen

Text: Andrea Bornhauser; Fotos: Fabrizio Cicconi

Weingut, alles gut: Inmitten von Reben leben
Weingut, alles gut: Inmitten von Reben leben
Weingut, alles gut: Inmitten von Reben leben
Weingut, alles gut: Inmitten von Reben leben
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Weingut, alles gut: Inmitten von Reben leben
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Weingut, alles gut

Herrschaftlich: Die Einfahrt zum Weingut Contrada Bombolieri

Die Trauben sind geerntet, das gibt Arianna Occhipinti wieder mehr Zeit für Spaziergänge mit Labrador Paco

Im neu gebauten Kellergewölbe lagern die Weinfässer. 

Platz für Altes, Raum für Neues: Im Steinhaus hat eine alte Waage überlebt

Stillleben mit Weinflasche, von Arianna Occhipinti mit Kreide auf die Tafel in der Küche gemalt

Nach der Degu ist vor dem Abwasch.

Schmucke Reminiszenz: Der sorgsam restaurierte Raum mit der alten Traubenpresse ist heute Entree zur grossen Wohnküche, wo das Team um Arianna Occhipinti gemeinsam isst und die anstehenden Arbeiten bespricht

Im neuen Betonanbau wurde eine Degustationsecke eingerichtet

Der Trester mit den Überresten der gepressten Trauben

In der Wohnküche eine antike Sizilienkarte – dekorativ und informativ zugleich: Arianna Occhipintis Weingut liegt in der Provinz Ragusa ganz im Süden der Insel

Inmitten von Reben leben, die guten Tropfen zuhause keltern, in der eigenen Küche Degustationen veranstalten – ein dionysisches Wohngefühl! Ja, Arianna Occhipinti wohnt wie Gott auf Sizilien.

Der Tag beginnt für Arianna Occhipinti um 6.15 Uhr. Es ist noch ruhig auf ihrem Gut mitten im Cerasuolo-Gebiet, drei Kilometer entfernt von ihrer Heimatstadt Vittoria im Südosten von Sizilien. Nur ihr Hund Paco bellt durch den Morgen und hofft auf ein baldiges Gassigehen. Um 7 Uhr trudeln die neun Mitarbeiter auf dem Weingut der Contrada Bombolieri ein, versammeln sich im Hof und warten auf die Anweisungen ihrer Chefin, bevor sie in die umliegenden Rebberge ausschwärmen. Noch hängt dort die Kühle der Nacht und der nahe gelegenen bewaldeten Monti Iblei. Doch bald werden die vom Meer her wehenden warmen Winde Afrikas für die Hitze sorgen, die Arianna Occhipintis Reben so gut gedeihen lässt.

Die 33-jährige Winzerin hat das Weingut aus dem 19. Jahrhundert vor drei Jahren gekauft, als ihr Erfolg zu gross wurde für die drei kleinen Rebberge, die sie bis dahin bewirtschaftet hatte. Insgesamt besitzt sie heute knapp dreissig Hektar Weinland – immer noch eher wenig für die Weinregion Sizilien. Mithilfe eines befreundeten Architekten restaurierte Arianna Occhipinti den baufälligen Palmento, das Gebäude, in dem die Trauben gepresst wurden, und machte sich an die Planung der neuen Produktions- und Wohnräume. Der Betonanbau wurde vor zwei Jahren fertig. Verbunden sind der alte und der neue Teil durch einen Tunnel. Hier lagern die Fässer mit den Occhipinti-Naturweinen. «Ich liebe das Gefühl, nur zwanzig Schritte von meinen Babys entfernt zu wohnen. Ja, die Weine sind wie meine Kinder, die ich grossziehe», sagt Arianna Occhipinti lachend.

Vorreiterin der Slow-Wine-Bewegung

Seit sie mit gerade mal 22 Jahren an der grössten italienischen Weinmesse mit ihren Naturweinen für Furore sorgte, gilt Arianna Occhipinti als Vorreiterin der Slow-Wine-Bewegung. Die setzt auf kleine Produktionsstätten und Weine, die weitgehend ohne chemische Zusatzstoffe hergestellt werden. Die Occhipinti-Weine stammen aus Rebbergen, die strikt chemiefrei bewirtschaftet werden, für die Gärung kommen ausschliesslich natürliche Hefen vom eigenen Traubengut zum Einsatz. Ebenso wichtig wie die Kultivierung alter Traubensorten ist es der Winzerin, dass die Böden unterschiedlich genutzt werden. «Ich halte nichts von Monokulturen, wie sie im industriellen Weinbau gängig sind, und setze auf Biodiversität», erklärt sie. Deshalb wachsen auf ihrem Besitz neben den Reben auch Oliven- und Orangenbäume, Kakteen, Thymian und andere Kräuter der Region.

Die werden in der eigenen Küche für das Mittagessen verwendet, das Arianna Occhipinti so oft als möglich gemeinsam mit ihrem Team einnimmt. Häufig fehlt ihr aber die Zeit, sich mit an den Tisch zu setzen, und sie verdrückt lediglich ein wenig Käse im Stehen. Die Küche wurde am radikalsten umgebaut, hier ging es Arianna Occhipinti vor allem ums Praktische, weswegen sie eine Industrieküche einbauen liess. In den übrigen Räumen des alten Steinhauses war es ihr hingegen wichtig, die bestehenden Strukturen und so viele historische Elemente wie möglich zu erhalten. So stehen beispielsweise die zweieinhalb Meter hohen alten Weinpressen im Eingang zum Wohnhaus. Insgesamt wirkt die Einrichtung archaisch-nüchtern. Kernstück ist der grosse Küchentisch aus Massivholz, an ihm verbringt Arianna Occhipinti die meiste Zeit mit ihrem Team.

Dass Arianna Occhipinti nach ihrem Önologie-Studium in Mailand in ihre alte Heimat zurückkehrte, um hier mit einem Hektar Reben ihre Existenz zu gründen, haben nicht alle verstanden. Schliesslich wanderten die jungen Leute scharenweise aus, um im Norden ihr Glück zu suchen, das sie in Sizilien nicht fanden. Doch für die Rückkehrerin ist «Sizilien eine Insel, die man von Zeit zu Zeit verlassen muss, um ihre Schönheit und Einzigartigkeit zu erkennen».

Mit dieser Erkenntnis ist sie allerdings noch allein, noch leben in der ländlichen Gegend der sizilianischen Provinz Ragusa hauptsächlich alte Menschen. Unter ihnen die drei Bauern, die Arianna Occhipinti als Neu-Önologin seinerzeit um Hilfe bat. Sie sollten ihr vor allem zeigen, wie man die Trauben auf traditionelle Art schneidet: «Aus meinem Studium kannte ich ja nur die Theorie und wie es in industriellen Weinproduktionen funktioniert.» Doch die alten Männer konnten mit dem Interesse der damals 21-Jährigen nicht viel anfangen. «Unsere Söhne arbeiten lieber in Norditalien bei Fiat, anstatt das Handwerk ihrer Vorfahren zu erlernen. Und jetzt willst du als junge Frau hier in der Erde buddeln?», fragten sie verständnislos und liessen sie im Rebberg stehen.

Für Arianna Occhipinti waren Erlebnisse wie dieses erst recht ein Ansporn, ihr Vorhaben voranzubringen. «Ich wollte allen Skeptikern zeigen, dass ich es schaffen kann.» Aber selbst als ihre Weine schon kurze Zeit später im Ausland Beachtung fanden, nahmen die benachbarten Bauern sie noch nicht ernst. Das änderte sich erst, als sie bei Wind und Wetter auf dem eigenen Traktor durch die Rebberge fuhr.

Der eiserne Wille und ihr Eigensinn wurden Arianna Occhipinti in die gut behütete Wiege gelegt. Schon als Kind habe sie ihren Kopf gern durchgesetzt, erinnert sie sich. Zum Beispiel, als sie ihre Eltern – eine Lehrerin und ein Architekt – mit 17 Jahren darüber informiert hat, dass sie statt den ursprünglich vorgesehenen Fächern Jus, Politikwissenschaften oder Medizin lieber in Mailand Önologie studieren wollte. Nicht ganz unschuldig an diesem Richtungswechsel war Ariannas Onkel Giusto Occhipinti, ein erfahrener Weinbauer, der ebenfalls in der Nähe von Vittoria ein bekanntes Weingut führt. Zu ihm hatte sie schon immer einen besonders guten Draht. Er hatte die Schülerin gefragt, ob sie ihn an die Vinitaly begleiten möchte. Hatte sie darin zunächst nur eine Gelegenheit gesehen, vier Tage die Schule zu schwänzen, erwies sich der Messebesuch als Eintritt in eine Welt, die sie ab da zu ihrer eigenen machen wollte. «Zurück von der Messe, verbrachte ich viel Zeit auf dem Weingut meines Onkels, in den Rebbergen und Kellereien», erzählt Arianna Occhipinti, die Wein trinkt, seit sie 16 Jahre alt ist.

«Natural Woman»

Seit die Önologin mit ihrer charismatischen Art die Männerdomäne Wein aufmischt, wird sie von internationalen Medien hofiert, allein in der «New York Times» sind rund dreissig Artikel über sie und ihre Weine erschienen. Immer wieder wird sie in der ganzen Welt als Referentin eingeladen, vor zwei Jahren ist ihre Autobiografie «Natural Woman» erschienen. «Ich gebe mein Wissen gern weiter und spreche über unsere natürliche Produktionsweise und eine neue Art von Landwirtschaft, in der ich die Zukunft sehe.»

Wenn abends um 18 Uhr alle Mitarbeiter das Weingut wieder verlassen haben, ist es für Arianna Occhipinti Zeit, mit Paco nochmals einen Rundgang durch die Rebberge zu machen, um nach dem Rechten zu sehen. Dabei kommen ihr die besten Ideen. Wie zum Beispiel die, auf ihrem Weingut eine Schule zu eröffnen, in der eine moderne, natürlichere Landwirtschaft gelehrt wird. «Ich bekomme so viele Mails von Anwälten, IT-Spezialisten oder Ärztinnen. Sie wohnen in den Städten und sehnen sich nach einem einfacheren, naturnahen Leben», erzählt Arianna Occhipinti. «Das Problem ist, dass das bäuerliche Leben einen schlechten Ruf hat und als minderwertig angesehen wird. Meine Vision ist, das mit meiner Arbeit zu verändern.»

— Die Naturweine von Arianna Occhipinti sind in der Schweiz exklusiv über Cultivino zu beziehen: www.cultivino.ch; www.agricolaocchipinti.it

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