Ardez

Engadiner Haus in Ardez

Text: Andrea Bornhauser; Fotos: Maurice Haas/13photo

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Das Engadiner Haus in Ardez ist voller Dinge, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Die Designerin Helen von Albertini zeigt nicht nur ihr neu renoviertes Haus, sondern hat für annabelle-Leserinnen exklusiv das Handschuhmodell Sielva entworfen.

Ein Händchen für Einzigartiges hat die Designerin Helen von Albertini nicht nur in der hohen Kunst der Handschuhmacherei. Auch ihr Engadiner Haus in Ardez ist voller Dinge, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen.

Wer genau hinhört, vermeint sie zu vernehmen: geflüsterte Geschichten, die sich zwischen den dicken Steinmauern des rund 350-jährigen Unterengadiner Hauses in Ardez zu einem kostbaren Stoff verweben. Eine, die genau hinhört, ist Hausherrin Helen von Albertini. Wenn sie Besucher durch ihr Reich führt, wird in ihren Erzählungen die Geschichte des Hauses wieder lebendig.

Zum Beispiel die der Familie Mengiardi, der dieses Haus einst gehörte und die dann im 19. Jahrhundert aus wirtschaftlichen Gründen nach Italien gehen musste, sich in Florenz niederliess, um ein Hotel zu eröffnen, in dem sie jeweils mehrere Monate im Jahr arbeitete. Ein altes Schwarzweissfoto in der Küche zeigt die Familie, todernst und in hochgeschlossenen Gewändern. «Sie waren so genannte Randolinas engiadinaisas, Engadiner Schwalben, die damals ihre Heimat in Scharen verlassen mussten, um in Italien und anderswo Geld zu verdienen. Im Sommer kehrten sie jeweils – wie die Schwalben – hierher zurück, in ihr Haus», erzählt Helen von Albertini.

Seit zehn Jahren ist dieses Haus nun im Familienbesitz der Schweizer Textildesignerin. Anfangs diente es lediglich als Feriendomizil, letzten Frühling ist die in Zürich aufgewachsene 55-Jährige ganz ins Unterengadin gezogen. Zusammen mit ihrer 17-jährigen Tochter Greta und der Hündin Monti, auf der Suche nach Ruhe, fernab der Stadt. «Es war ein grosser Schritt, aber das Beste, was ich machen konnte», sagt Helen von Albertini. «Hier oben kann ich meine Energien bündeln und werde nicht abgelenkt. » Zudem schliesst sich mit dem Umzug für die Designerin ein Kreis, denn ihre Familie hat Bündner Wurzeln. «Die von Albertinis stammen ursprünglich aus La Punt-Chamues-ch. Meine Grosseltern führten in Davos um die vorletzte Jahrhundertwende ein grosses Hotel.» Aus dieser Zeit stammt auch der weiss lackierte Liegestuhl, der auf der Terrasse steht, ein Erbstück unter vielen. «Einst erholten sich darauf Ferien- und Kurgäste, heute geniesse ich hier die Aussicht auf das Unterengadin.»
Geklöppelte Spitzenvorhänge, bestickte Bettüberwürfe, seidene Kissenbezüge und geknüpfte Teppiche: Überall im Haus gestaltet Stoff die Wohnatmosphäre. «Es gibt kein sinnlicheres Geräusch als Stoff, der knistert und raschelt», sagt Helen von Albertini und streicht über ein Seidenfoulard an der Wand, das sie entworfen hat. Dazu erzählt sie die Geschichte der darauf abgebildeten Blumenfrau, die ihren Laden im Zürcher Niederdorf gleich neben ihrer damaligen Wohnung hatte und die sie manchmal mitten in der Nacht zu sich rief, mit dem Vorwand, es werde eingebrochen. Und dann stellte sich heraus, dass sie nur ein wenig schwatzen wollte. Die Blumenfrau ist vor einem Jahr gestorben, mit dem Foulard leben solche netten Geschichten weiter.

Stoffe begleiten Helen von Albertini, seit sie Ende der Sechzigerjahre in Zürich die Textilfachschule besuchte. Sie spürt sie hauptsächlich auf Reisen auf, nimmt sie nach Hause und hütet sie wie kleine Schätze. Ihre dreissigjährige Sammlung umfasst unterdessen Hunderte dieser Trouvaillen, die nicht selten von der Designerin zu kunstvollen Kissenbezügen, Handschuhen oder Foulards weiterverarbeitet werden. Alles Unikate, alle in aussergewöhnlichen Farbkombinationen.

«Mein Vater war Farbenfabrikant, er stellte Druckfarben her. Ich wollte schon immer was mit Farben machen, in ihnen kann ich mich regelrecht verlieren», erzählt die Textildesignerin. Sie habe zwar auch gern gemalt und fotografiert, sei aber immer wieder zur Materie Stoff zurückgekehrt. «Die Verarbeitung von Stoff ist ein uraltes Handwerk, es gibt Tausende Möglichkeiten.» Viele davon hat sie ausprobiert, als sie in Paris und Tokio Stoffe und Stoffdrucke für die Haute-Couture- und Prêt-à-porter-Mode entwarf. Aus dieser Zeit stammen auch die beiden mit Applikationen übersäten Decken, die Helen von Albertini auf die Geburten ihrer Kinder Gion Balthasar und Greta angefertigt hat. Sie schmücken heute die Wände ihres Engadiner Hauses.

Genauso wie die grossformatigen, im Inkjetverfahren auf körniges Gewebe gedruckten Bilder aus dem Familienalbum. Auf einem sitzt ein vergnügtes Baby auf einem Sofa und schüttelt einem gut aussehenden Mann die Hand. Auch dieses Bild steht für ein Kapitel in ihrer Lebensgeschichte. «Das war Ende der Achtzigerjahre in New York. Mein damaliger Mann und ich wohnten in einem Loft in Manhattan, mein Sohn Gion Balthasar war gerade mal ein paar Wochen alt.» Der Mann auf dem Bild war ein befreundeter Künstler, mit dem Helen von Albertini oft für Stoffkreationen zusammenarbeitete. «Wir haben dann immer bis spät in die Nacht nähend auf diesem Sofa gesessen und viel miteinander gelacht. Zwischendurch nahm mein Freund Anrufe von Madonna entgegen, die damals gerade am Durchstarten war, um mit ihr irgendwas zu besprechen. Ja, es war eine verrückte Zeit, damals in New York», erinnert sich die Designerin.

Vieles im Haus erzählt von dieser Zeit: Kinderfotos, Bücher oder ein Stück Couture- Stoff, der mal für ein Hochzeitskleid gefertigt wurde. «Alles Dinge, die mit einer Geschichte oder einer Phase meines Lebens verbunden sind. Nie könnte ich mich davon trennen», sagt Helen von Albertini. Die Designerin stellt auch selten etwas um in ihrem Haus. Alles ist so, wie sie es ursprünglich eingerichtet hat: «Ein neues Objekt stelle ich jeweils dorthin, wo es passt. Ich liebe es, stimmige Ecken zu arrangieren, etwa eine Fruchtschale mit Blumen oder die gerahmten Fotos meiner Kinder.»In der Arvenstube, dem eigentlichen Herzstück des Hauses, wirkt das Licht wie weich gezeichnet. «Ein Freund sagte einmal treffend, hier drin fühle man sich wie im Bauch eines Musikinstruments», erzählt Helen von Albertini. Das liege bestimmt am Arvenholz, das hier – fürs Engadin um 1900 ganz typisch – dunkel und glänzend lackiert wurde. «Beim Ausbau ihrer Sommerresidenz liessen sich die Mengiardis offenbar von ihrer neuen Heimat Italien beeinflussen.» So sind etwa die Fenster grösser als in traditionellen Engadinerhäusern. Romantische Wandmalereien über der Tür wirken auf den ersten Blick amateurhaft und in der Arvenstube ein wenig deplatziert. «Und trotzdem käme mir nie in den Sinn, sie zu übermalen.» Denn das hiesse ja, ein Stück Geschichte zu übertünchen, und das wäre gar nicht im Sinne von Helen von Albertini.

Die Nacht zuvor hat es im Engadin geschneit. Zusammen mit zwei Freundinnen aus dem hochalpinen Internat ist Greta gerade daran, mit ihrer Mutter die leer stehende Scheune herzurichten – für die bevorstehende Eröffnungsparty. Die Designerin hat sich nämlich einen lang gehegten Wunsch erfüllt und mitten in Ardez ihre eigene Handschuhmanufaktur eingerichtet. Die einzige in der Schweiz. Dafür hat sie den Schaf- und Pferdestall gleich neben ihrem Wohnhaus umgebaut.

«Ich wollte hier schon immer Handschuhe in Handarbeit herstellen», erzählt die Designerin, die sonst die Handschuhe und andere Lederwaren für ihr Label Una in Italien produzieren lässt. Gerade ist eine erfahrene Handschuhmacherin da und weist eine der insgesamt drei Näherinnen an der Maschine ein. Das ist auch nötig, denn die sechs Maschinen, die hier im Kellergewölbe stehen, sind spezielle Handschuh- Nähmaschinen, geeignet selbst für das hochdiffizile, butterweiche Leder. «Das sind achtzig Jahre alte Porkerts, die Rolls-Royces unter den Handschuh-Nähmaschinen», erzählt die stolze Designerin. «Ich habe sie nach langem Suchen in Ungarn gefunden. Zusammen mit einer tonnenschweren Stanzmaschine und rasierklingenscharfen alten Stanzvorlagen für die Einzelteile eines Handschuhs.»

Noch rattern die Nähmaschinen in der kleinen Manufaktur erst an einem Tag pro Woche. «Mir ist es wichtig, das Ganze langsam anzugehen. Ich habe es nicht pressant und will mich selber Schritt für Schritt in das Handwerk einarbeiten.» Das Ziel ist jedoch, dass irgendwann sechs fleissige Näherinnen an den Porkerts sitzen, den Raum mit Maschinenrattern und der einen oder anderen Geschichte füllen.

Handschuhe vom Feinsten
Designerin Helen von Albertini gründet 1996 ihr Label Una und spezialisiert sich auf Handschuhe. Daneben entwirft sie auch Foulards und andere Accessoires. Unterdessen besitzt die gebürtige Zürcherin zwei Läden, einen in Zürich, einen zweiten in St. Moritz. Seit September produziert sie in ihrer neuen Handschuhmanufaktur in Ardez kunstvolle Kleinserien und exklusive Unikate.

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