Heft 08/15

Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform

Text: Line Numme; Fotos: Flavio Leone

Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
Viva Sofa: Zu Besuch in der Möbelfabrik Flexform
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«Wir opfern nie Komfort für Form»: Matteo Galimberti

In der Polsterei erhalten die Sofas ihre Endform

Die traditionellen Holzstrukturen werden nur noch für aufwendige Sofaformen verwendet

Für jede Bestellung werden die Komponenten auf einem Kommissionswagen zusammengestellt und danach verarbeitet

Die Polsterung wird Schicht für Schicht aufgebaut

Damit die Nahtübergänge stimmen, werden gemusterte Stoffe immer von Hand zugeschnitten

Pin-ups entdeckt man nirgends, dafür hübsche Madonnenbilder

Für lange Distanzen stehen Velos bereit; hier flitzt gerade Matteos Onkel Giancarlo Galimberti vorbei

Jede Sofa-Grundstruktur, hier aus Polyurethan, wird gebrandet

Das Stofflager ist Dutzende von Metern lang

Beim Sofa kommt es auf die inneren Werte an. Keiner weiss das besser als Matteo Galimberti, Chef der Möbelfabrik Flexform. Er gewährte uns Einblick in die Produktion im italienischen Meda.

Es ist ein geschichtsträchtiges Möbel, das Sofa. Schon die alten Ägypter flochten aus Riemen Unterlagen zum Ausruhen, umgeben von Fellen, Decken und Kissen. Durch die Jahrhunderte änderten sich Herstellung und Bezeichnung immer wieder – der Anspruch an Komfort und Wohlgefühl blieb.

Heute könnte man den Namen Flexform schon fast mit Sofa gleichsetzen: Keine andere Marke hat den Polstermöbelmarkt in den letzten Jahrzehnten so geprägt. Dahinter steckt neben gutem Marketing vor allem fundiertes Knowhow und viel Herzblut. Das ist beim Gang durch die Produktionshallen der Firma deutlich zu spüren. Es herrscht ein sehr familiärer Umgang unter den 135 Mitarbeitenden, die gemeinsame Passion für das Produkt und das Handwerk scheint wichtiger als die Hierarchie. So nehmen auch die Eigentümer gern selbst mal die Schere in die Hand.

Sofas bestehen heute aus aufwendigen Spritzgussstrukturen aus Metall und Polyurethan. Der Aufbau dieser Formen ist das gut gehütete Geheimnis jedes Produzenten, das uns natürlich auch Matteo Galimberti nicht verriet. Dafür aber einiges über Sitzkultur und die Persönlichkeit eines guten Sofas.

annabelle: Matteo Galimberti, welches Sofa steht bei Ihnen im Wohnzimmer und warum?
Matteo Galimberti: Das Modell Grandemare mit Halbinsel-Element. Mir gefällt die hohe, wie ein grosses Kissen anmutende Sitzfläche und, als Kontrast dazu, das Meer von weichen Daunenkissen an der Rückenlehne, die immer ein bisschen verlebt wirken. Das ist das Schöne an unseren Sofas, es sind Objekte, die bewohnt werden wollen.

Testen Sie jedes Sofamodell selbst, bevor es auf den Markt kommt?
Natürlich. Jedes Sofa wird von allen meinen Familienmitgliedern zuhause getestet. Schliesslich werden die Meinungen und Kommentare aller zusammengefasst. Solange das Produkt ergonomisch und ästhetisch nicht einwandfrei ist, geht es nicht in Produktion. Und falls uns etwas in der Folge immer noch nicht vollkommen überzeugt, stellen wir das Modell zurück und fangen nochmals von vorne an.

Was macht ein Sofa zu einem guten Sofa?
Es sind vor allem Zeitlosigkeit im Design und Komfort. Ein qualitativ überzeugendes Sofa zeichnet sich aber auch dadurch aus, dass es sehr flexibel und vielseitig ist. Das ist uns ebenso wichtig wie eine hervorragende Qualität made in Italy. Und last but not least legen wir Wert auf elegante Schlichtheit und eine Portion Charme.

Was unterscheidet ein 10 000- Franken-Sofa von einem 1000-Franken-Sofa, das auf den ersten Blick gleich aussieht?
Erstens das, was drin ist: Ausgezeichnete Materialien und die erstklassige Verarbeitung tragen dazu bei, dass ein Sofa dreissig und nicht drei Jahre hält. Zweitens das, was dahintersteckt: die langjährige Erfahrung im Kreieren von guten und schönen Sofas. Und schliesslich das, was im Vordergrund steht: eine Vision, die es ermöglicht, Formen, Materialien und Verwendungszwecke der Sofas von morgen vorherzusehen und darauf einzugehen.

Die Lebensdauer von qualitativ hochwertigen Sofas ist äusserst lang. Sowohl was das Design als auch was die Nutzung betrifft. Wie kann man als Hersteller die aktuellen Trends und Tendenzen berücksichtigen?
Indem man Modeerscheinungen nicht folgt, sondern selber Trends setzt. Aber letztlich ist das auch gar nicht das vordringliche Ziel. Unser Interesse besteht nicht darin, ein Produkt zu präsentieren, das heute gefällt, aber in der nächsten Saison stilistisch nicht mehr funktioniert. Ganz im Gegenteil. Es geht darum, langlebige Möbel zu kreieren, an denen man sich dank ihrer zeitlosen Form und Funktion auch nach zwanzig Jahren noch nicht sattgesehen hat, und die man immer noch gern nutzt.

Wie gewichten Sie Ergonomie, und wie wichtig ist das Design?
Beides ist gleich wichtig. Komfort darf aber nie der Form geopfert werden. So spielen bei unseren Produkten beispielsweise Daunenkissen eine Hauptrolle. Damit werden wir unserem Anspruch gerecht, in erster Linie komfortable, weiche und anschmiegsame Sofas herzustellen. Das steife Sofa mit avantgardistischem Design ist einfach nicht Teil unserer DNA.

Haben sich unsere Sitzgewohnheiten und -bedürfnisse im Lauf der Zeit geändert?
Ja. Das Sofa ist heute eine multifunktionale Insel im Wohnbereich. Auf ihm wird geplaudert, gelesen, geschlafen, am Tablet gearbeitet, beim Fernsehen gegessen, Zeit mit Freunden verbracht und werden sowohl öffentliche wie auch private Augenblicke geteilt.

Flexform produziert seit über fünf Jahrzehnten Polstermöbel. Wie ist es möglich, das Sofa immer wieder neu zu erfinden?
Man muss eigentlich nur darauf achten, was in der Gesellschaft vorgeht. Im Salotto buono stand früher das gute Sofa mit höheren Sitzflächen, das für einen formelleren Gebrauch und ein geordnetes Sitzen gedacht war. Heute wird das Sofa informeller genutzt, es dient der Entspannung und dem intimen Augenblick, man kauert sich mit angezogenen Beinen darauf, von daher die niedrigeren und tieferen Sitzflächen. Was sich ebenfalls stetig weiterentwickelt und verändert, das sind die Textilien. Die Hülle des Sofas wechselt oft seine gesamte Anmutung. Jüngst haben wir Kaschmir in unsere Kollektion aufgenommen. Mit diesem Material verleihen wir einem bereits existierenden Modell eine komplett neue Wärme.

Gut gepolstert

Flexform ist ein Familienunternehmen, das 1959 gegründet wurde. Heute wird es in der dritten Generation von vier Cousins der Familie Galimberti (u. a. Matteo Galimberti) geführt. Zu Beginn wurde vor allem der italienische Markt mit handgefertigten Sofas und Sesseln beliefert. Die zweite Generation wagte dann Ende der Sechzigerjahre den Schritt über die Grenze nach Europa und kreierte die Marke Flexform. Die Firma wandelte sich von einem kleinen Handwerks- zu einem Industriebetrieb. Die jetzige Generation expandierte in den weltweiten Markt und beliefert inzwischen 75 Länder. Schon sehr früh setzte das Unternehmen auf eine enge Zusammenarbeit mit ausgewählten Designern und Architekten. Der wichtigste, Antonio Citterio, steuerte vor vierzig Jahren als junger, unbekannter Architekturstudent seinen ersten Entwurf bei. Er wuchs in der Nähe der Firma auf und fühlte sich dem Betrieb von Anfang an verbunden. Bis heute koordiniert er alle Entwürfe und verleiht den Möbeln ihre unverkennbare Flexform-DNA.

Im Sofa-Paradies

Fotoassistent Flavio Leone hat für das Sofa-Dossier unseren Besuch bei der traditionsreichen italienischen Möbelmanufaktur Flexform dokumentiert. Aufgefallen sind ihm nicht nur die familiäre Betriebsatmosphäre und die Sorgfalt, mit der jedes Sofas hergestellt wird, sondern vor allem die allgegenwärtige italientypische Mischung aus Madonnen und Fussballfan-Devotionalien an den Arbeitsplätzen. Ein neues Sofa brachte er übrigens nicht mit, «obwohl das in unserer WG ziemlich durchgehockt ist».

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