Waffen zuhause

„Keine Schusswaffen zu Hause“

Text: Helene Aecherli

Reportage Waffen

«Gefährden Schusswaffen meine Sicherheit?»

«Gefährden Schusswaffen meine Sicherheit?» So lautete der Titel der Podiumsdiskussion, die kürzlich im Rahmen des „Forum Sécurité Chablais“ in Martigny VS durchgeführt worden ist.  Ziel des Forums war, das Gefahren- und Bedrohungspotential von Schusswaffen, aber auch deren Handhabe und Aufbewahrung aus verschiedenen Blickwinkeln zu erörtern. Zu den Diskussionsteilnehmern gehörten unter anderem CVP-Präsident Christophe Darbellay, die Waadtländer FDP-Nationalrätin Jacqueline de Quattro, Korpskommandant Dominique Andrey, der Walliser Polizeikommandant Christian Varone, die Walliser SP-Staatsrätin Esther Waeber-Kalbermatten, Sonia Lucia Esseiva vom Kriminologischen Institut Lausanne und annabelle-Redaktorin Helene Aecherli.

Und die Debatte zeigte: Gerade die Frage bezüglich der Aufbewahrung von Schusswaffen, besonders von Armeewaffen, ist nach wie vor kontrovers, die Diskussion höchst emotional. Noch immer werden Tradition, Vertrauen in den Wehrmann und Vaterlandsliebe als Hauptargumente für die Heimabgabe von Armeewaffen genannt. Dabei wird völlig ausgeblendet, dass die militär-strategische Legitimation für diese Praxis längst nicht mehr gegeben ist.

annabelle hatte im Sommer 2006 mit ihrem Beitrag über den Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Schusswaffen, insbesondere der Armeewaffen, und Familienmorden weltweite Aufmerksamkeit erregt und mit ihrer Petition „Keine Schusswaffen zu Hause“ innert fünf Wochen 17400 Unterschriften sammeln können. annabelle forderte in dieser Petition, dass zumindest Armeewaffen nicht mehr zu Hause, sondern in Zeughäusern aufbewahrt werden sollen, und dass endlich ein nationales Waffenregister eingeführt wird. Denn das sind die ersten Schritte zur Abrüstung der Privathaushalte.

Das Begehren ist nach wie vor aktuell: Jeder dritte Schweizer Haushalt ist bewaffnet: Laut der „Small Arms Survey 2007“ lagern in Schweizer Privathaushalten schätzungsweise 3, 4 Millionen Schusswaffen, davon 237 182 Sturmgewehre und Pistolen bei aktiven Armeeangehörigen und 16800 Sturmgewehre zur Ausleihe bei Jungschützen. Umgerechnet ergibt dies 46 Schusswaffen pro 100 Personen. Damit liegt die Schweiz weltweit auf Platz 22, hinter den USA (90 auf 100 Personen), dem Jemen (61 auf 100)  und Finnland (56 auf 100), aber weit vor dem Irak (39 Waffen auf 100 Personen). Noch fehlt in unserem Land eine verlässliche Statistik über die Anzahl und Art der Waffen - wofür die Schweiz 2007 vom Institute of International Studies (GIIS) gerügt wurde. Nach den neusten Erhebungen des Kriminologischen Instituts der Universität Zürich hat die Schweiz auch hinsichtlich der erweiterten Suizide (der Täter erschiesst seine Frau und/oder Familie und richtet sich selbst) einen tragischen Spitzenplatz. Die Verfügbarkeit von Schusswaffen wird auch hier als einer der Hauptgründe erwähnt. Zur Zeit laufen vertiefte Studien zu weiteren sozio-kulturellen und ökonomischen Hintergründen von Familienmorden in Zusammenarbeit mit den USA, der Universität Utrecht in Holland und dem National Research Institite of Legal Policy in Finnland.  Eine der wichtigsten Erkenntnisse der annabelle betrifft das Bedrohungspotential von Schusswaffen. Allein die Präsenz einer Schusswaffe im Haus, sei es nun eine Armee-, eine Jagd- oder eine Sportwaffe, kann Frauen, aber auch Kindern Unbehagen bereiten. Allzuoft wird die Waffe benützt, um Frauen einzuschüchtern oder sie gefügig zu machen. Dafür braucht kein einziger Schuss zu fallen, ein Hinweis auf die Waffe im Keller kann genügen.

Nationale Umfragen bestätigten, dass die annabelle mit ihren Begehren den Volkswillen aufgreift. Laut einer Umfrage von Isopublic im April 2007 sind 66 Prozent der Befragten dafür, die persönliche Armeewaffe inklusive der Munition im Zeughaus zu deponieren. Am deutlichsten sprachen sich die Frauen (76 Prozent) und die 35- 54jährigen (74 Prozent) dafür aus. Dagegen sind hingegen 61 Prozent der SVP-Wählerschaft.

Die Petition von annabelle brachte nicht nur die öffentliche Diskussion um die Aufbewahrung von Armeewaffen in Schweizer Privathaushalten ins Rollen, sondern gab auch der Volksinitiative „Schutz vor Waffengewalt“ entscheidenden Auftrieb. Die Initiative wurde 2007 von rund 75 Parteien und Organisationen, unter anderem von der SP Schweiz, der Grünen Partei, der GSoA und der Dachorganisation Frauenhäuser DAO, lanciert und am 23. Februar 2009 bei der Bundeskanzlei mit 106'323 bescheinigten Unterschriften eingereicht. Der Bundesrat hat nun das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement damit beauftragt, bis spätestens 23. Februar 2010 eine Botschaft an die Eidgenössischen Räte auszuarbeiten. Die Initiative kommt voraussichtlich 2010 oder 2011 zur Abstimmung.

Die öffentliche Debatte um die Aufbewahrung von Schusswaffen hat aber auch weitere Resultate erzielt:

  • Als Folge des Mordfalls von Höngg (im November 2007 erschiesst ein vorbestrafter Soldat mit seinem Sturmgewehr eine 16jährige Schülerin kaltblütig und ohne ersichtliches Tatmotiv) will Bundesrat und VBS-Chef Ueli Maurer die Sicherheitsvorkehrungen bei der Rekrutierung junger Männer verschärfen und erreichen, dass die Armee künftig über frühere Delikte ihrer Soldaten  informiert wird.
  • Die Heimnahme von Taschenmunition wird für Soldaten verboten.
  • Die freiwillige Lagerung von Armeewaffen in Zeughäusern könnte bald schweizweit eingeführt werden. In Genf besteht diese Möglichkeit seit 2008.
  • In der ganzen Schweiz werden Waffenabgabeaktionen durchgeführt.
  • Im November 2008 reicht die Arbeitsgruppe Ordonnanzwaffen ihren Schlussbericht zur Heimabgabe der Ordonnanzwaffen an Armeeangehörige ein.
  • Seit Dezember 2008 gilt das revidierte Waffenrecht, das aufgrund des Schengen-Beitritts nötig wurde. Neu müssen auch jene einen Waffenschein besitzen, die von Privaten Waffen erwerben. Besonders gefährliche Waffen, wie Seriefeuerwaffe, Panzerfäuste aber auch Schmetterlingsmesser, werden verboten.

Diese Neuerungen sind Fortschritte, greifen aber immer noch zu kurz. Bis zur Abstimmung werden noch einige intensive Diskussionen geführt werden müssen. annabelle bleibt dran.

Weitere Informationen:
Informationen zur Initiative „Schutz vor Waffengewalt finden Sie auf: www.schutz-vor-waffengewalt.ch
Sehen und hören Sie das Anliegen der annabelle auch in der  Sendung: „Sturmgewehr daheim - Gefahr für die ganze Familie?“ im „Club“ des Schweizer Fernsehens auf www.sf.tv/sf1/club/archiv.php.
Schlussbericht der Arbeitsgruppe Ordonnanzwaffen: www.vbs.admin.ch
Small Arms Survey: www.smallarmssurvey.org

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