Wie ist es eigentlich ...

Als Eltern halbe-halbe zu machen?

Text: Dominik Ritter-Wurnig, Bild: Getty Images

Unser Plan, als Matthäa schwanger wurde: Wir wollen uns gleichermassen um unseren Sohn kümmern, für ihn da sein und die Verantwortung für sein Wohlergehen übernehmen. Wir wollen Zeit haben für uns selbst, für unsere Hobbies, für unsere Jobs und natürlich für unsere Beziehung.

Und nicht zuletzt: Wir wollen beide in gleichem Masse für das Einkommen unserer Familie verantwortlich sein. Für uns beide war diese Aufteilung nur logisch: Niemand will nur im Büro sitzen, niemand sich nur um Kinder kümmern. Teilen wir es auf, haben es alle besser.

Für mich bestand der Plan bereits, lang bevor ich Matthäa kennenlernte. 1996, ich war gerade 13 Jahre alt, sprachen in meiner Heimat Österreich alle über die Fernsehspots «Ganze Männer machen halbe-halbe». Ziel der Kampagne der damaligen Frauenministerin war die Umverteilung der Versorgungsarbeit.

Als berufstätige Alleinerzieherin gab es für meine Mutter nichts partnerschaftlich aufzuteilen: Sie machte alles. Mir wurde damals klar: Halbe-halbe ist die einzig faire und sinnvolle Lösung.

Schon kurz nachdem Matthäa unseren Sohn auf die Welt gebracht hatte, fiel uns auf, dass wir die Ausnahme sind. Auf der Kinderintensivstation, wo wir die ersten Wochen verbrachten, reiht sich ein Familienzimmer ans nächste. Doch unser Zimmer war das einzige, in dem nicht nur die Mutter, sondern auch der Vater übernachtete.

Statistiken zeigen, dass bei viele Paaren mit der Geburt des ersten Kindes eine Retraditionalisierung einsetzt. Auch wenn es zuvor anders war, kümmert sich die Frau vermehrt um den Haushalt, während der Mann sich aufs Geldverdienen konzentriert. Das wollten wir auf jeden Fall verhindern.

In Deutschland, wo wir heute leben, konnten wir uns 14 Monate freistellen lassen und dafür Elterngeld beantragen. Matthäa pausierte sieben Monate und stieg dann wieder mit fünfzig Prozent in ihren Job als Frauenbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin ein.

Ich übernahm die darauffolgenden sieben Monate. Seit August bin ich wieder in meinen Job als Datenjournalist bei der ARD-Anstalt RBB eingestiegen. Nach 14 Monaten startet in Deutschland der Kindergarten. Jetzt arbeiten wir beide wieder dreissig Stunden pro Woche, also etwa 75 Prozent.

Damit es funktionierte, war für uns unter anderem wichtig, dass wir immer offen über Geld redeten. Schon als sie schwanger war, erstellte Matthäa eine detaillierte Tabelle mit dem veränderten Einkommen während der Elternzeit. Ich war erst genervt, fand, dass Geld doch nicht so wichtig sei. Aber sie musste wissen, dass die Familie gut abgesichert ist – schliesslich trägt auch sie die Einkommenslast.

In der Elternzeit erhielten wir 65 Prozent unseres normalen Salärs ausbezahlt und mussten unsere Ersparnisse anknabbern. Wir hätten wohl auch halbe-halbe gemacht, wenn wir an einem Ort als in der Schweiz leben würden, wo keine Modelle wie Elternzeit existieren. Aber dann wäre das Loch auf unserem Konto weit grösser gewesen.

Gleichstellung muss man sich leisten können, das ist leider auch heute noch so. Was wir bisher gelernt haben: Spontaneität führt bei uns zu Frust. Besser fahren wir, wenn wir Dinge detailliert besprechen. Wir sitzen also jeden Sonntag zusammen, um die Woche zu planen. Wir klären, was zu erledigen ist, und teilen uns diese Aufgaben auf.

Wenn wir diese Sitzung nicht einhalten, fällt alles schnell auseinander: Entweder fühlen sich dann beide verantwortlich – oder niemand kümmert sich. Inzwischen achten wir genau darauf, wer wie viel für die gemeinsame Sache tut – bei grossen Aufgaben wie Kinderbetreuung und Haushalt wie auch bei jenen, die schnell vergessen gehen, etwa Ferienplanung oder das Besorgen von Geschenken.

Begriffe wie Mental Load, Care Arbeit und Emotional Work haben uns dabei geholfen, unsichtbare Arbeit besser in Worte zu fassen. Nach anfänglichem Ringen bekennen wir uns: Wir sind Erbsenzähler geworden. Und stolz darauf.

Dominik Ritter-Wurnig (36) ist Journalist und lebt in Berlin.

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