Familienleben

Ein Vater – vier Töchter

Text: Sven Broder; Illustration: Kleon Medugorac

Tillmann Prüfer
Tillmann Prüfer
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Tillmann Prüfer

Tillmann Prüfer hat das vierfache Vaterzertifikat und zweifelt dennoch, ob eigentlich er seine Kinder erzieht – oder nicht vielleicht umgekehrt sie ihn. Ein Gespräch über Familie, elterliche Autorität und die Frage, wohin sich die Männlichkeit verzieht, wenn alle um einen herum auf Pferde stehen.

annabelle: Tillmann Prüfer, Sie haben vier Töchter, keinen Sohn. Wie lautet die häufigste Reaktion darauf?
Tillmann Prüfer: Oh, Respekt! – als ob es eine besondere Leistung wäre, vier Töchter zu haben. Oft schwingt auch was Bedauerndes mit, als hätte ich statt eines Stammhalters vier Nieten gezogen. Es ist ein bisschen traurig, dass viele Menschen noch diese Klischees im Kopf haben. Dabei könnte man es auch umgekehrt sehen: Wenn die alten weissen Männer tatsächlich ausgedient haben und wir auf dem Weg ins Matriarchat sind, ist man mit Töchtern ganz gut dran.

Werden Sie von Ihren Töchtern angehimmelt?
Das wird oft angenommen. Aber nein, als Vater von vier Töchtern bekommt man vor allem eines: ehrliches Feedback. Lotta, die Zweitälteste, fragt mich ständig Sachen wie: «Papa, warum hast du eigentlich kein Sixpack? Der Papa von XY hat eines.» Auch Juli, unsere Jüngste, ist überzeugt, dass ihre Mama grösser und auch stärker ist als ich, ja, dass sie mir ganz grundsätzlich überlegen ist, in jederlei Hinsicht, natürlich auch beim Kochen. Und Greta, die Zweitjüngste, meinte neulich zu mir: «Glaubst du eigentlich, dass Pullover dir stehen?»

Darf man sagen, dass Sie auch nicht besonders maskulin herüberkommen? Oder beleidigt Sie das?
Nein. Warum sollte das eine Beleidigung sein?

Ihre Töchter halten Sie nicht für einen Vater, sondern eher für einen Vaterdarsteller ...
... ja, und nicht einmal für einen besonders guten. Vermutlich, weil ich noch nicht mal Auto fahren kann.

Also eigentlich könnten Sie schon, zumindest haben Sie es mal gelernt. Sie haben einfach Angst davor?
Sagt zumindest mein Fahrlehrer, bei dem ich Auffrischungsstunden nehme. Aber ich bleib dran, ich hab es noch nicht aufgegeben!

Worin besteht denn Ihre Männlichkeit – wo sind Sie so richtig Mann im Haushalt?
Oh Gott, was ist denn das für eine Frage ...
Greta, die in der offenen Küche steht und schon verdächtig lang und total stoisch den Geschirrspüler ausräumt – wohl um heimlich unserem Männergespräch im Wohnzimmer zuzuhören, schaltet sich plötzlich ein. Sie ruft: «Papa kauft den Weihnachtsbaum!»
Tillmann Prüfer: (lacht) Nun, es ist schlicht auch eine Mehrheitssache: Wenn sich fünf Haushaltsmitglieder ausser einem selbst für Ferien auf dem Reiterhof interessieren, tja, wo geht die Männlichkeit da hin?

Darf ich annehmen, dass Sie generell kein Anhänger traditioneller Geschlechterkriterien sind?
Wenn man schaut, wie diese vermeintliche Männerrolle aussieht, wirds doch auch schnell komisch. Dann ist dieser Mann auch der, der tagsüber im Büro die Welt unsicher macht, abends spät nachhause kommt und am Wochenende den Grill anwirft. Zudem gehen mit dem, was wir gemeinhin unter männlich verstehen, auch viele Probleme einher: Sexismus, häusliche Gewalt, Gefühlskälte, kein Zugang zur eigenen und zur Emotionalität anderer und so weiter.

Lautet der gesellschaftliche Konsens nicht genau umgekehrt: Den Kindern fehlen, insbesondere in Kitas und Schulen, zunehmend die männlichen Vorbilder. Und dafür gibt es dann diese Männlichkeitscamps?
Was wird da geübt – Raufen im Feld, Übernachten unter Bäumen? Wenn das die Männlichkeit ist, die uns verloren geht, dann ist das doch ein bisschen wenig. Überhaupt glaube ich, dass diese ganze Geschlechterdiskussion uns viel stärker beschäftigt als die Generation unserer Kinder. Sie kennen zum Beispiel nichts anderes, als dass Deutschland von einer Frau regiert wird. Sie haben nicht mehr diese klassischen Rollenbilder im Kopf und müssen sich nicht ständig fragen, ob sie als Frau den Erwartungen an sie gerecht werden oder nicht.

Was bedeutet Ihnen Familie?
Ohne sie wäre ich tatsächlich nichts. Ich konnte mir nie vorstellen, keine Kinder zu haben. Und auch jetzt fände ich das eine ganz, ganz fürchterliche Vorstellung. Mit den Kindern haben sich viele Fragen beantwortet. Mit ihnen wird einem klar, was einen im Leben motiviert. Und auch, wie man die Welt wahrnimmt, dass man die Welt für jemanden schön machen will.

Sie haben bereits ein Buch über ihren Urgrossvater geschrieben und eines zusammen mit Ihrem Bruder. Jetzt legen Sie eines über Ihr Vaterdasein nach. Warum auch beruflich dieser Fokus auf das Familiäre?
Weil ich es immer etwas gar einfach fand, die grossen Weltendinge zu interpretieren. Es ist doch erstaunlich, wie viele Leute in meiner Branche wissen, wie man die Klimakrise löst, wie man Amerika mit Europa versöhnt und den Brexit verhindert, aber ihr eigenes kleines Reich gelingt ihnen überhaupt nicht.

Weil diese Leute im Kleinen keinen Wert sehen?
Ich will das gar nicht beurteilen. Ich fand es einfach immer interessanter, vor die eigenen Füsse zu schauen. Dort teilt man mit den meisten Menschen am meisten.Familie, Freunde, Nachbarschaft: Das haben Sie, das habe ich. Dieser private Bereich bestimmt unser Leben und unser Glück viel mehr als die Frage, ob Donald Trump nun mit dem rechten oder linken Bein aufgestanden ist. Und wenn man in seinen eigenen zwischenmenschlichen Beziehungen versagt und sich nicht verantwortlich fühlt, wird es schwierig, woanders glücklich zu werden und sich verantwortlich zu fühlen.

Sie wurden mit 25 zum ersten Mal und mit 41 zum vierten Mal Vater. Welches Alter würden Sie rückblickend bevorzugen?
Ich hab das Jungvatersein nie als Nachteil erlebt. Nachts aufstehen, den Kinderwagen die Treppe hochschleppen, das alles fällt einem im Alter ja nicht leichter. Als junger Vater wurstelt man sich durch, man weiss nicht, was richtig ist. Die Kinder auch nicht. Und keiner beschwert sich. Und es gibt auch noch nicht diese vielen Leute um einen herum, die sagen, wie es denn richtig wäre, und mit denen man nur noch über Kinder redet, obwohl man das gar nicht möchte. Mit meiner ersten Tochter konnte ich noch an Hip-Hop-Konzerte gehen, ohne dass ich aussah, als sei ich nur hier, um sie abzuholen. Man versteht als junger Vater auch noch intuitiver, was bei den Töchtern gerade Phase ist. Deswegen würde ich sagen, dass die Leute eher früher als später Kinder bekommen sollten. Man hat dann auch einfach länger mehr davon.

Die Tendenz geht aber in die andere Richtung.
Dabei wäre die Welt doch für uns alle einfacher, wenn es selbstverständlicher wäre, dass auch Männer bereits beim Berufseinstieg ein Kind haben, und wenn Firmen dies entsprechend berücksichtigen müssten. Zudem halte ich gar nichts von diesem Lebensabschnittsdenken: Zuerst ist man wild, dann macht man Karriere, mit vierzig wechselt man nochmal schnell die Partnerin und mit fünfzig macht man ein Kind. Dieser Plan ist nicht nur dumm, er geht auch selten auf, weil sich weder Kinder noch das Leben selbst an solche Pläne halten.

Wie lautet die erstaunlichste Erkenntnis, die Sie als Vater von vier Töchtern gewonnen haben?
Es ist ja recht lustig, wie schnell man sich als Eltern die Eigenleistung des Kindes auf die eigene Erziehungsleistung schreibt. Ich habe mir gern selbst auf die Schultern geklopft und meinte – spätestens nach der dritten Tochter –, dass ich es nun voll raus hätte mit der Erziehung. Bis ich feststellte, die sind alle ganz und gar verschieden, jedes einzelne von ihnen – und vielleicht habe ich meine Töchter ja gar nicht erzogen, sondern vielleicht erziehen die mich die ganze Zeit! Anzuerkennen, dass der eigene Einfluss viel geringer ist, als man meint, und dass Kinder viel mehr Selbst sind als ein Produkt von irgendwas, das war meine wichtigste Lektion. Und: Dies nicht als Defizit zu begreifen, sondern als grosse Chance, die man als Vater hat, wenn man so viele Menschen um sich herum hat, von denen man ganz viel lernen kann und die einem in vielerlei Hinsicht einfach auch ganz viel voraushaben.

Welchen Einfluss hat man denn als Vater oder Mutter auf das So-Werden seiner Kinder?
Ich glaube, Kinder lernen viel davon, wie Eltern miteinander umgehen, ob sie respektvoll sind, Probleme offen ansprechen und auch mal verzeihen können. Kinder sind nicht blöd, sie erkennen sofort, wenn etwas nicht stimmt. Wenn das nicht transparent ist, wirkt es eher verunsichernd. Dann trauen sie ihren eigenen Gefühlen nicht und fragen sich, ob sie diesem Konstrukt da oben überhaupt trauen können. Mir ist wichtig, dass meine Kinder sehen, dass ihre Eltern auch schwierige Zeiten haben, zuhause, im Büro, aber dass sie die Dinge anpacken und – im besten Fall – zustande bringen. Und grundsätzlich sollte man als Eltern gut darin sein, Liebe zu geben. Man kann in der Erziehung alles falsch machen – ich selbst mache bestimmt ganz vieles falsch –, aber wo Eltern wirklich Schaden anrichten, das ist dort, wo Kinder das Gefühl haben, ihre Eltern stünden nicht hinter ihnen und hätten eigentlich lieber was anderes im Leben als diese Gören an der Backe.

Sind sie dank Ihrer Töchter ein besserer Ehemann?
Tillmann Prüfer gibt die Frage an seine Frau weiter, die unterdessen ebenfalls nachhause gekommen ist und nun in der Küche das Abendessen zubereitet. Es gibt Fleischbällchen mit Nudeln und Salat.
«Hm, schwierig zu sagen», antwortet sie. «Du hattest ja bereits eine Tochter, als ich dich kennenlernte. Aber natürlich hilft es, seine Frau zu verstehen, wenn man Frauen in allen Altersklassen um sich hat. Vor allem aber machen vier Töchter krisenresistent. Und Krisenresistenz hilft nicht nur in der Erziehung, sondern auch in der Partnerschaft.»

Tillmann Prüfer: Das stimmt. Wenn man vier Töchter hat, dann ist das so, als würde man vier Filme gleichzeitig schauen. Irgendwo läuft da immer was. Die eine hat eine wichtige Prüfung, die andere Liebeskummer, die dritte gerade ihr Handy verlegt. Und oft spielen sich die Dramen im Verborgenen ab, grosse Dramen, von denen man nichts mitbekommt, weil man als Eltern nicht involviert wird. Als Lotta ein Teenager wurde, wars so, als würde sie uns aus ihrem Leben nur noch ab und zu eine Postkarte mit ein paar nichtssagenden Sätzen schicken. Für mich war das wie damals, als ich selber ein Teenie war und total unglücklich verliebt.

Als hätte Lotta mit Ihnen Schluss gemacht?
Genau. Doch das Leben besteht aus Übergängen. Und diese sind oft mit Krisen verbunden. Menschen durch diese Phasen zu begleiten, ist extrem bereichernd, weil man auch ganz viel lernt fürs eigene Leben.

Als Ihre älteste Tochter auf die Welt kam, gab es noch kein Smartphone und keine Social Media. Wie hat sich der Umgang mit elektronischen Medien im Hause Prüfer über all die Jahre verändert?
Natürlich gewaltig. Luna, meine Älteste, hatte glaubs mit 14 ihr erstes Handy. Da hatten wir auch noch ein klares Konzept, was den Umgang damit betrifft. Über die Jahre hat sich dieses – wie soll ich sagen? – immer mehr verwässert. (lacht)

Wie meinen Sie das?
Die Selbstverständlichkeit, dass man schon als junger Mensch ein eigenes Smartphone braucht und auch ständig benutzt, ist viel grösser geworden. Nehmen sie Juli, die Jüngste: Sie sitzt hier in der Wohnung, und überall sind da Leute, die mit diesem Ding irgendwas total Wichtiges machen oder etwas irrsinnig Lustiges erleben – nur für sie selber ist das nichts? Das muss für Juli unerträglich sein.

Sie haben aber bestimmt Bildschirmzeiten und so?
Natürlich – und tolle Apps, die den Medienkonsum einschränken. Oder besser: einschränken sollten. Denn dann funktioniert mal wieder was nicht oder irgendeine hat den Code geknackt und man stellt fest: Himmel, die war schon wieder vier Stunden auf Whatsapp! Letztlich muss man sagen: Ich habe die Kontrolle über die elektronischen Medien weitgehend verloren und trage an den ständigen Diskussionen darüber zu weiten Teilen selbst die Schuld. Denn wer am meisten mit dem Handy vor der Nase herumläuft, das bin ich. Und mein Argument, das gehöre zu meinem Beruf, ist doch nur eine Ausrede. Denn wer im Alltag mit einem Presslufthammer arbeitet, spielt ja auch nicht abends mit ihm im Wohnzimmer herum.

Wie sehr haben Smartphone und Social Media Ihre Kinder verändert?
Sind Handy und Empfang da, verändert dies alles. Aber dieses Rad lässt sich ja nicht einfach zurückdrehen. Zudem bin ich kein Anhänger der Theorie, dass all diese neuen Technologien die Hirne unserer Kinder nachhaltig schädigen. Man kann sein Hirn auch schädigen, indem man eine dumme Zeitung liest.

Seit knapp zwanzig Jahren bestimmen Kinder Ihr Leben. Was wird aus Ihnen, wenn sie mal weg sind?
Ach, wissen Sie: Wenn die Letzte weg ist, ist vermutlich schon das erste Enkelkind da. Mich beschäftigt mehr die Frage, was mache ich, wenn nur noch Juli zuhause ist – müssen wir sie dann ganz allein bespassen?

Wissen Sie, wie viele Geburtstagsparties Sie schon gefeiert haben?
Da müsste ich nachrechnen. Denn mein Leben besteht ja im Wesentlichen aus dem Absolvieren von Kindergeburtstagen. Es waren um die fünfzig. Das ist schon krass! Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, wie viel da immer auf dem Spiel steht. Bei Kindergeburtstagen, wie ich sie noch erlebt habe, wurden wir Kinder einfach irgendwo abgegeben, ein paar Stunden bespasst und dann wieder abgeholt. Und es war völlig klar, dass diese zwei Stunden absolut frei waren von jeglichen pädagogischen Werten; je abgefahrener, desto besser: Eine Zuckerschlacht mit Pommes und ganz viel Ketchup.

Und heute?
Heute gelten bei Jungeltern ganz neue Massstäbe, da gibt es zwei Varianten von Kindergeburtstagen. Variante 1: Man fährt sein Kind zu einer Geburtstagsmassnahme: Jumphouse, Paintball, Tanzkurs. Das Ganze findet irgendwo weit weg statt, sodass man auch gleich dort bleiben kann. Also sitzt man zwei Stunden als Geburtstagsbegleitung irgendwo im Vorraum eines Industriebaus und schlägt dort die Zeit tot. Der Tag ist jedenfalls gelaufen. Variante 2: Das Programm dauert den ganzen Tag und alle Eltern bleiben vor Ort und quetschen sich gemeinsam ins Wohnzimmer, weil sie sich von ihren kleinen Goldknöpfen nicht trennen können oder sich nicht trennen wollen; weil sie dem Partysetting, dem Kinderbuffet oder dem kleinen Boris misstrauen. Alles, was irgendwie nach Wettkampf tönt, ist schwierig, am Ende sollen sich alle Kinder als Gewinner fühlen. Nur keine Demütigungen! Gummibärchen bitte nur in Einzeldosen – alle zwei Stunden. Und natürlich vegan.

Haben Sie selber mal einen Elternratgeber gelesen?
Ja, einen: «Jedes Kind kann schlafen lernen.» Das hat bei Lotta auch tatsächlich geklappt. Trotzdem bin ich der Meinung: Ratgeber braucht man als Eltern nicht. Das Konzept von Erziehung ist ohnehin ein komisches Konzept, weil man davon ausgeht: Ich habe irgendein Wissen, das ich topdown an meine Kinder weitergebe, und dann wachsen da Dinge wie Werte und so – als wäre man ein Gärtner. Bei gewissen Sträuchern mag das klappen, bei Kindern nicht. Ich glaube, dass man sich als Eltern einfach zutrauen sollte, seinen Kindern ein guter Partner zu sein und eine Bank, auf die sie zählen und der sie vertrauen können.

Was ist für Sie Autorität?
Autorität ist ein schwieriges Wort. Denn wenn Autorität bedeutet, dass Kinder einfach das tun, was man von ihnen will, dann wäre Erziehung ein ewiger Kampf gegen fortschreitenden Autoritätsverlust. Denn je grösser die Kinder werden, desto mehr machen sie, was sie selbst wollen. Und das ist ja auch gut so. Respekt hingegen ist ein gutes Wort. Den Respekt kann man sich verdienen, man kann ihn aber auch schnell wieder verlieren. Denn Kinder wissen sehr genau, für was sie einen respektieren und für was nicht. Ich glaube, je mehr man sich als Eltern auf die eigene Autorität berufen muss, desto schwächer ist die Position, die man im Kopf des Kindes tatsächlich hat.

Auf was könnten Sie am ehesten verzichten in Ihrem Alltag mit vier Töchtern?
Auf all das Zeug, das ständig und überall herumliegt. Vor allem aber auf die vielen Bürsten und Haare. Männer in meinem Alter beklagen gern, dass sie immer weniger Haare haben. Mein Leben ist voller Haare. Sie sind nur einfach nicht auf meinem Kopf, sondern im Abfluss, auf der Couch, ja, eigentlich überall. Und verzichten könnte ich auch auf dieses ständige Herumgeseiere; die ganze Zeit ist irgendeine irgendwelche zerstückelten Songzeilen am Mitsummen. Kennen Sie Austin Mahone?

Klar, ich habe eine zwölfjährige Tochter.
Schrecklich! Er singt, als würde er ständig mit einem Plüschbär knuddeln. Ich hab schon daran gedacht, einen Eimer Kreide zu fressen, und mit dem Gesülze, das ich bei meinen Töchtern den ganzen Tag über so aufschnappe, eine Gesangskarriere bei Youtube zu machen.

Instagram?
Bis zum Abwinken! Wenn ich wissen will, was Lotta gerade macht, muss ich nur auf Instagram schauen, dort postet sie in ihrem Freundeskreis gern Fotos von sich, die mit so viel Hingabe komponiert sind wie die Porträtmalerei der Renaissance. Allerdings mit Lippenstellungen, die als Vater nur schwer zu ertragen sind.

Luna, Ihre älteste Tochter, sagte mal zu Ihnen, dass sie es nicht leicht finde, eine Frau zu sein, denn Frausein sei mit vielen grossen Entscheidungen verbunden. Sie meinte Dinge wie Verhütung oder Schwangerschaft. Wie gehen Sie als Vater mit solchen Frauenthemen um?
Ich finde es komisch, dass Väter gern für sich in Anspruch nehmen, sich für gewisse Themen nicht interessieren zu müssen. Mach das mal mit deiner Mutter aus! Warum? Ist das irgendein geheimes spirituelles Wissen, das sich unseren männlichen Gehirnen nicht erschliesst? Wenn es zu einer ungewollten Schwangerschaft kommt, zucke ich dann mit den Schultern, weil mich das als Vater nicht betrifft? Natürlich muss man sich mit der Tochter auch über solche Dinge unterhalten können, und es ist ein Vertrauensbeweis, wenn sie einen darauf anspricht. Zudem muss ich in der Drogerie wissen, welches Kind jetzt gerade welche Binde trägt – das gehört doch zum Leben dazu.

Aber es gibt bestimmt Themen, die Ihre Töchter lieber mit Ihrer Frau besprechen.
Klar, aber das sagen sie einem dann schon selber – und zwar sehr deutlich. Aber wir leben in unserer Wohnung ja alle auf recht engem Raum zusammen, hier sind alle Aspekte des Lebens total präsent.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass man eigentlich ein Buch über Ihre Frau schreiben müsste. Warum?
Weil sie ganz einfach eine sehr, sehr besondere Frau ist. Und weil es tatsächlich ein grosses Defizit meines Buches ist, dass es so aussieht, als wäre ich hier alleinerziehend. Aber das ist überhaupt nicht der Fall, in keinster Art und Weise.

Aus welchen Gründen lohnt es sich, nett zu sein zu seinen Töchtern?
Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: Wenn man vier Töchter hat, wird man vielleicht auch mal vier Schwiegersöhne haben. Oder Schwiegertöchter. Dann ist es doch gut, wenn die eigenen Töchter bis dahin gelernt haben, wie sich Liebgehabtwerden anfühlt. Und dass das normal ist. Denn dann werden sie später auch von ihren eigenen Partnern erwarten, dass diese sie gut und wertschätzend behandeln.

Kurz gesagt: Sie wollen einfach keine Idioten als Schwiegersöhne.
Genau. Wer nett ist, erhöht die Chancen, einmal nicht ein Arschloch neben seiner Tochter am eigenen Tisch sitzen zu haben. Das ist zwar ein Experiment, hat aber durchaus eine gewisse Logik.

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