Nüchterne Wahrheit

Die liebe Liebe

Text: Sven Broder; Foto: GettyImages / Symbolbild

Die liebe Liebe

Frau, Kind, Alltag – die heilige Dreifaltigkeit der Langeweile? Kann man so sehen. Muss man aber nicht. Reportagenleiter Sven Broder über die Liebe.

«Ich habe in meinem Leben noch nicht einmal die eine passende Hose gefunden. Sag, wie sollte ich darauf hoffen, irgendwann noch die eine grosse Liebe zu finden? Den einen Mann, bei dem ich mich zeitlebens zu Hause wähne, angekommen – ohne mich parkiert, domestiziert, des Potenziell-Besseren oder auch nur anderen beraubt zu fühlen? Und bietet das Leben nicht eine XXL-Packung an süssen Versuchungen, warum also sollte ich mir überhaupt nur das eine immergleiche Praliné gönnen? Ist das Ehebett, sei ehrlich, für die Begierde nicht das, was der Gnadenhof für hüftlahme Pferde ist? Nie Lust auf ein Update? Ein Upgrade? Und nehmen wir an, ich finde ihn tatsächlich, den einen, trotz allem – warum sollte ich mich für ein Kind entscheiden, das dann auch noch den letzten kümmerlichen Rest Zeit, Geld und Freiheit ein- und wegsaugt, den der Alltag übrig lässt? Schon der Gedanke an ein Leben mit Hund weckt Leinenzwang und Fluchtreflexe. Kinder und Tinder mag nur ein Buchstabe trennen – aber dazwischen liegen Welten. Sag, wie hast du das nur geschafft? Zwanzig Jahre mit derselben Frau, drei Kinder – bist du wirklich glücklich? Ganz ehrlich?»

Ich weiss nicht, obs an meinem Alter liegt; 42, die Hälfte der zu erwartenden Lebensjahre ist rum. Oder an den Zeiten ganz allgemein. Jedenfalls mag ich mich gerade an keine Woche erinnern, in der ich nicht mit Leuten meines Alters über die Treue, die Ehe, die Polygamie, den Seitensprung, das Singledasein, die Trennung, das Kinderkriegen, kurz: über die Liebe diskutiert und nachgedacht hätte. Und dann zünde ich – weil man ja wohl hoffentlich was dagegen zu halten hat, wenn das eigene Liebeskonzept zur Debatte steht –, aus meiner Position des Missionars, die Tischbombe namens «ewigi Liebi». Und Blubb – herausfallen tun, wen wunderts, nur Tröten, die mehr versprechen, als sie halten, billige Maskerade, leere Luftballons und ganz viel buntes Füllmaterial.

Denn die nüchterne Wahrheit will nicht nur niemand hören, sie klingt selbst in den eigenen Ohren nicht nach «Peng! Nimm das!», sondern nach: Gestern kam ich nach der Arbeit nachhause, und zuhause wartete Arbeit. Meine Frau fiel mir nicht in die Arme und auch nicht über mich her, aber die Suppe war gut. Meine Tochter hatte viel zu erzählen, jedenfalls hörte es sich so an. Mit meiner Aufnahmefähigkeit war es da leider schon schlecht bestellt, aber meine Tochter schien das nicht zu stören. Das fand ich nett von ihr. Mein Ältester lag in den Seilen, niedergestreckt von Schule, Pubertät und zu vielen nicht gestandenen Skateboardtricks. Er ass wie das Tier, das ich später im Bett imitierte. Im Bett lag ich mit dem Kopf bei den Füssen und mit den Füssen auf einem feuchten Leintuch, weil mein Jüngster mal wieder seinen Hoheitsanspruch angemeldet und mein Revier mit seinem Pipi markiert hatte, was mir den Morgen und vielleicht sogar den Tag vermiest hätte, hätte ich nicht aus dem Nichts dieses SMS von meiner Frau bekommen, das mit «Amor» begann und mit «Ohne dich wär ich verloren» endete. Ich schrieb nur «dito» zurück – und freute mich schon wieder auf die Arbeit nach der Arbeit.

Sven Broder ist Leiter Reportagen bei annabelle. Er schreibt abwechselnd mit Thomas Wernli und Frank Heer übers Mannsein bei einer Frauenzeitschrift und andere Extremsituationen.

Lesen Sie auch Teil 1 unserer Serie «Ein Plädoyer für die Liebe» 

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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