Mutterliebe

Wenn die Mutterliebe fehlt

Text: Barbara Achermann; Illustrationen: Shout

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So eine Rabenmutter! Darf eine Mutter ihr Kind verlassen? Zwei Frauen erzählen, wie es war, die Kinder zu verlassen. Und ein zurückgelassener Sohn zieht Bilanz.

Zwei Frauen, die aus der Mutterrolle ausgebrochen sind, reden offen über dieses Tabu, über Schuldgefühle und die Zerrissenheit zwischen Familie und Beruf. Und ein Sohn sagt, wie es ist, eine so genannte Rabenmutter zu haben.

Annette Schneider hat ihren Sohn nie geliebt. Sie mochte Stefan, mag ihn noch immer. Aber Mutterliebe ist ein Gefühl, das sie nicht kennt. Als Stefan knapp fünf Jahre alt war, hat sie ihn weggegeben. Heute ist ihr Sohn erwachsen, heute will sie ihn schützen. Ihm zuliebe will Annette Schneider anonym bleiben. Ihr Name ist in Wahrheit ein anderer, wie auch die Namen der zweiten Mutter und jenes Sohnes, die hier zu Wort kommen werden.

Wir reden lange am Telefon, und obwohl ihr Tonfall bestimmt klingt und sie schnell spricht, wird deutlich, dass Annette Schneider ihre Geschichte nicht oft erzählt. Sie sucht nach Worten, weicht aus und stellt sich während unseres Gesprächs selbst Fragen. Etwa diese: «Warum hatte ich für Stefan keine Gefühle?»

Mit dem Verstand wusste Annette Schneider schon immer: Das ist mein Sohn. Aber gespürt hat sie es nicht. Stefan war für sie, wie sie sagt, «eine Zwangsbeziehung». Entsprechend habe sich auch ihr Zusammenleben gestaltet. Solange er bei ihr gewesen ist, habe sie ordentlich für ihn gesorgt. Doch wenn er abends um sechs oder sieben im Bett lag, war sie unendlich erleichtert, dass sie endlich Feierabend hatte. «Wie spielt man mit einem Kind?», fragt Annette Schneider. Sie wusste es nicht: «Ich sass auf dem Spielplatz und dachte, jetzt muss er spielen. Aber ich mit ihm, das ging nicht.» Geärgert hat sie sich, wenn Stefan sie Mama nannte, denn sie habe keine Rolle sein wollen, sondern eine eigenständige Person mit einem eigenen Namen.

Annette Schneider war berufstätig und allein erziehend. Sie arbeitete als Lehrerin, später als Therapeutin. Ihr Partner hatte sie bereits vor Stefans Geburt verlassen. Sie fühlte sich isoliert, allein gelassen. «Was tun, wenn das Kind krank ist? Einmal habe ich Stefan mit Windpocken ins Flugzeug gesetzt und zu den deutschen Grosseltern geschickt.» Annette Schneider wollte sich im Beruf verwirklichen, konzentriert und ausgeruht arbeiten. Sie sah keinen anderen Weg, als Stefan wegzugeben. Weil auch der Vater mit dem Sohn nicht klarkam, lebte Stefan fortan bei den Grosseltern und später im Internat. «Ich glaube nicht, dass er gelitten hat. Es kann schon sein, dass er mich vermisst hat, aber er bekam von den Grosseltern viel Anerkennung», sagt Annette Schneider. Sie sah ihren Sohn nur noch ein- bis zweimal im Jahr.

Rabenmutter nennt man Frauen wie Annette Schneider, die sich nicht um ihre Kinder kümmern. Im Grunde genommen ist das ein schiefes Bild, denn Raben werden zu Unrecht als schlechte Eltern verschrien. Weil die jungen Vögel ihr Nest verlassen, bevor sie fliegen können, und einige Tage hilfsbedürftig am Boden rumhopsen, entstand der Trugschluss, die Mutter werfe ihre Kinder aus dem Nest. Doch Vogelkundler wissen es besser: Die Jungen gehen von sich aus. Ihre Eltern lassen sie ziehen, beschützen sie aber weiterhin vor Feinden und bringen ihnen Futter – da könnte noch manche Glucke etwas lernen.

Die Rabenmutter ist nicht nur eine verkehrte Ansicht, sondern auch eine relativ neue. Das legt die Soziologin Elisabeth Badinter in ihrem Standardwerk «Die Mutterliebe» (1980) dar. Sie schreibt, dass im 18. Jahrhundert die Unterbringung von Kindern bei einer Amme oder Pflegefamilie in allen Schichten gang und gäbe war. Die Eltern aus der Unterschicht gaben die Säuglinge weg, damit sie arbeiten konnten. Die reichen Frauen wiederum wollten ihren Busen nicht strapazieren. Pariser Polizeiberichte aus dem Jahr 1780 belegen, dass von 21 000 Kindern nur gerade 2000 nach der Geburt bei den Eltern bleiben durften. Die anderen wurden zu Ammen verfrachtet, die so weit weg von Paris lebten, dass viele Babys bereits auf dem beschwerlichen Transport starben.

Entsprechend hoch war die Kindersterblichkeit im 18. Jahrhundert – was den Aufklärer Jean-Jacques Rousseau entsetzte. Er klagte: «Die Frauen haben aufgehört, Mütter zu sein.» Rousseau selbst entledigte sich seiner Kinder im Findelhaus, doch den Frauen verordnete er die Mutterliebe. Im Zuge der Industrialisierung entdeckte man allmählich auch den wirtschaftlichen Nutzen der Kinder, denn das Volk sollte arbeiten und sich vermehren. So galt das Muttersein bald nicht mehr als lästige Pflicht, sondern als die edelste Aufgabe des weiblichen Geschlechts.

Heute müssen Mütter ihre Kinder ohne Wenn und Aber lieben. Grenzenlos, auf immer und ewig. Die Liebe, so glaubt man gemeinhin, ist allen Müttern angeboren. Ein natürlicher Instinkt, der, kaum ist der Säugling auf der Welt, unmittelbar einsetzt. Und wenn nicht, dann spinnt sie, die Mutter.

Eine Bekannte erzählte unlängst, dass sie ihr Mädchen, als es noch blutverschmiert, schrumpelig und mit geschlossenen Augen auf ihrem Bauch lag, nicht lieben konnte. Das Kind war ihr fremd, und die Liebe zu ihm habe sich erst allmählich entwickelt, als sie es in den ersten Wochen seines Lebens immer besser kennen lernte. Wieso kann für die Mutterliebe nicht gelten, was wir bei Beziehungen zwischen Mann und Frau kennen und akzeptieren?

Auch die Gefühle von Annette Schneider haben sich verändert. Aber das hat Jahrzehnte gedauert. Heute hat sie ein engeres Verhältnis zu Stefan und sieht ihn mindestens einmal im Monat. Um ihm emotional näher zu kommen, musste sie hart an sich arbeiten. Sie habe eine Therapie gemacht und ihre eigene Kindheit aufgearbeitet. Auch Annette Schneider hat von ihrer Mutter nie Liebe gespürt, ebenso wenig von ihrem alkoholabhängigen und kriegstraumatisierten Vater. Nach aussen machte die Familie einen korrekten Eindruck, doch ihre Beziehungen waren kalt. «Das ist wohl einer der Gründe, weshalb ich gewisse Kompetenzen nicht entwickelt habe und mich nicht auf Stefan einlassen konnte.»

Mutter und Sohn hatten einiges nachzuholen: «Kurz nachdem Stefan die Matur gemacht hatte, sassen wir bei mir daheim auf dem Fussboden und spielten mit kleinen Autos. Ganz kindisch. Da dachte ich: Ach so geht das.» Die grosse Familienidylle ist daraus aber nicht gewachsen. Annette Schneider hat keine Schuldgefühle. Ein Zusammenleben wäre für beide nicht gut gewesen, ist sie überzeugt. «Aber mein Sohn tut mir Leid. Und meine Mutter. Und ich selber tu mir auch Leid.»

Freundinnen und Kollegen haben damals ihren Entscheid mitgetragen. In den Achtzigerjahren wurde rege über die Mutterrolle diskutiert. Man sprach öffentlich über das Recht auf Abtreibung, die Schattenseiten der Mutterschaft oder ein Leben ohne Kinder. Heute sei es für Frauen viel schwieriger, ambivalente Muttergefühle anzusprechen, ist Annette Schneider überzeugt. «Der gesellschaftliche Druck ist enorm hoch.»

Wie festgefahren die Vorstellungen von Mutterliebe zuweilen sind, musste etwa die Schauspielerin und ehemalige Miss Schweiz Melanie Winiger erfahren. Als sie vor einigen Jahren in der «Schweizer Illustrierten» bemerkte, manchmal habe sie von ihrem Sohn Noël «die Schnauze voll», bekam sie eine Menge entrüsteter Briefe und sogar Morddrohungen. Momentan ist die Promi-Rabenmutter Nummer eins das Supermodel Kate Moss. Es kursiert ein Foto, auf dem sie neben ihrer Tochter einen Joint raucht (vielleicht auch nur eine selbst gedrehte Zigarette). «Rabenmutter» titelte der Boulevard in grossen Lettern. Eine Mutter, die kifft, kann keine gute Mutter sein.

Annette Schneider ist keine Prominente, und dennoch stellt sich die Frage: Wie lebt ihr Sohn mit der Abweisung seiner Mutter? Sie erzählt, dass er einen Doktortitel hat, doch was heisst das schon? Stefan selbst möchte sich nicht äussern, aber dafür treffe ich Lukas Huber. Seine Geschichte gleicht derjenigen von Stefan. Der 42-Jährige weiss nicht, ob seine Mutter ihn je geliebt hat. Als er acht Jahre alt war, lag eines Abends ein Brief auf dem Küchentisch. Die Mutter war weg, hatte ihn und den Vater ohne Vorankündigung verlassen.

Obwohl er acht Jahre lang mit ihr zusammenlebte, hat Lukas Huber kaum Erinnerungen an diese Zeit. Nur so viel: «Sie hat mir zur Fasnacht ein schönes Clownkostüm genäht.» Und: «Sie war keine böse Frau.» Alles Übrige ist ausgelöscht. Nicht einmal Fotos besitzt er von seiner Mutter, von der es heisst, dass sie eine aussergewöhnlich attraktive Frau war. Hat er sie nach der Trennung vermisst? «Ich weiss es nicht.» Er habe einen leeren Blick gehabt, aber nie geweint, erzählte ihm unlängst seine Lieblingstante. Mit ihr und ihren Kindern hat er damals viel Zeit verbracht.

Melancholisch wirkt Lukas Huber heute nicht. Im Gegenteil, er macht einen munteren und spontanen Eindruck, sieht sportlich aus und hat eine interessante Stelle bei einem grossen Medienunternehmen. Obwohl der Inhalt unseres Gesprächs nicht eben lustig ist, amüsieren wir uns. Seine melodiöse Stimme klingt warm, wenn er Dinge sagt wie: «Meine sensible Seite habe ich von meinem Vater.»

Seine Mutter hingegen sei eher unterkühlt. Einige Jahre nach ihrem abrupten Verschwinden, er war schon ein Teenager, hat Lukas Huber sie wieder getroffen. Auch diese Erinnerungen sind blass: Nett sei sie gewesen, grosszügig, aber nicht herzlich. In der Folge besuchte er sie etwa zweimal im Jahr. Er sei nicht ungern zu ihr gefahren, aber besonders gefreut habe er sich auch nicht. Sie habe sich kaum für ihn interessiert: «Ihre erste Frage war nicht ‹Wie gehts dir?, sondern ‹Wie siehst denn du aus?›.»

Als Lukas Huber 22 Jahre alt war, kam es erneut zum Bruch. Er stellte der Mutter seine künftige Frau vor. Die Mutter gab sich derart herablassend, dass er sie daraufhin nicht zur Hochzeit einlud. Ihre Reaktion: «Beleidigte Leberwurst.» 18 Jahre lang hat sie sich danach nicht mehr gemeldet. Vor zwei Jahren rief sie unverhofft an. Wahrscheinlich weil sie einsam sei, glaubt Lukas Huber. Er sei zu ihr gefahren, aus Anstand, wie er betont: «Ich hege keinen Groll gegen sie, aber sie ist mir gleichgültig.» Die Mutter habe sich über den Besuch gefreut, sich bei ihm eingehängt, aber ihre Gespräche blieben oberflächlich. «Sie weicht aus, wenn ich sie frage, weshalb sie uns verlassen hat. Sie sagt, es habe sein müssen, es sei nicht anders gegangen.» Der Vater glaubt zu wissen, weshalb sie es bei ihrer Familie nicht mehr ausgehalten hat: Sie fühlte sich wie in einem goldenen Käfig. Die Tante meint: Es ging ihr zu gut. Nur Lukas Huber versteht noch immer nicht, warum seine Mutter von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war.

Wie fest hat die Abwesenheit der Mutter Lukas Huber geprägt? Er hält kurz inne und sagt, dass er keine eigenen Kinder möchte. «Das könnte mit meiner Biografie zu tun haben. Könnte, muss aber nicht.»

Liebe und Anerkennung hat Lukas Huber von der Mutter kaum bekommen, dafür von anderen Menschen: von seinem Vater, von seiner Lieblingstante – und vor allem von seiner Stiefmutter. Der Vater hat wieder geheiratet. «Mit meiner Stiefmutter habe ich mich vom ersten Augenblick an verstanden. Sie hat ein grosses Herz.» Lukas Huber ist überzeugt: Für eine innige Beziehung brauche es keine Blutsverwandtschaft.

Jede Mutter kann ersetzt werden. Das schreibt die feministische Schriftstellerin Barbara Sichtermann in ihrem Klassiker «Vorsicht Kind» (1982). Nimmt man den Fall von Lukas Huber zum Massstab, dann ist an dieser Sichtweise etwas dran. Doch Sichtermann geht noch weiter: Alles, was ein Kind brauche, sei jemand, der bei ihm bleibt und es ernst nimmt. Bloss, wo bleibt da die Liebe? Die drei Menschen, die sich hauptsächlich um Lukas Huber kümmerten, haben ihn nicht nur versorgt, sondern ihn in die Arme genommen. Zärtliche Zuneigung, auch das braucht ein Kind. Auf die Frage, ob sie je mit Stefan geschmust habe, antwortete Annette Schneider: «Na ja, er sass manchmal auf meinem Schoss.»

Ladina Matt ist eine feinfühlige Frau. Doch auch sie ist eine so genannte Rabenmutter. Sie sieht ihre drei Kinder nur noch jedes zweite Wochenende. Sie will sich auf den Beruf konzentrieren. Ich treffe die 37-jährige Frau in einem aufgelösten Zustand, den man ihr aber auf Anhieb nicht ansieht. Sie sitzt aufrecht, die zierlichen Gesichtszüge gesammelt, der weisse Hemdkragen gestärkt. Doch ihre Haut ist bleich und die Stimme dünn, wenn sie sagt: «Es zerreisst mich fast.»

Vor vier Monaten hat Ladina Matt ihre Koffer gepackt und ist ausgezogen. Sie wollte weg von ihrem Mann, den sie schon lange aufgehört hat zu lieben. Auch mit den Kindern hat sie es nicht mehr ausgehalten. «Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam und die Tür öffnete, blieb mir die Luft weg.»

Ladina Matt war in ihrer Familie stets die Ernährerin. Bereits nach der Geburt des ersten Kindes hatte sie ein höheres Pensum und einen höheren Lohn als ihr Mann. Das ging lange gut. Bis vor fünf Jahren, als sie die Chance bekam, sich beruflich weiterzuentwickeln. Da merkte sie, dass sie am liebsten viel mehr arbeiten würde. «Im Beruf war ich glücklicher als in meiner Rolle als Mutter», sagt sie und lächelt schüchtern. Also hat Ladina Matt im Job Vollgas gegeben. Aber die Rechnung ging längerfristig nicht auf. Ihr Mann half zu wenig im Haushalt, und obwohl er sich gut um die Kinder kümmerte, forderten diese auch von ihrer Mutter viel Aufmerksamkeit. «Ich fühlte mich wie in einem Hamsterrad. Immer am Strampeln, aber nie kommt etwas zurück.»

Ladina Matt und ihr Mann lebten sich auseinander und hatten sich bald nichts mehr zu sagen. Also begann sie abends länger zu arbeiten, oder sie verabredete sich noch mit Freunden. Mit den Kindern war sie häufig am Anschlag. «Ich war müde, zermürbt, aggressiv.» Sie habe sie angeschrien oder verbal verletzt. Zudem kapselte sich Ladina Matt immer mehr ab. Sie senkt den Kopf, blickt auf ihre hellen Hände und sagt: «Ich ging sogar räumlich auf Distanz. Und ich sprach nur noch wenig mit ihnen.» Als auch die Gefühle wegblieben, war ihr klar: Sie musste etwas ändern.

Ladina Matt verliess ihren Mann, ihre drei Kinder, die noch im Schulalter sind, ihr Einfamilienhaus, ihr Dorf. Sie suchte sich am Rand von Luzern eine Wohnung und einen Neuanfang. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen, doch besser wurde es auch nicht. Sie kann heute kaum arbeiten. Schuldgefühle lähmen die Mutter. Sie fürchtet, ihre Abwesenheit hinterlasse Narben. «Ich müsste doch, ich müsste doch, ich müsste doch», mahnt ihr Gewissen. «Ich müsste doch meine Kinder zudecken, wenn sie ins Bett gehen, ich müsste doch da sein, wenn sie morgens aufstehen, ich müsste doch hören, was sie beschäftigt.»

Ladina Matt freut sich, ihre Kinder nach der zweiwöchigen Trennung wieder in die Arme zu schliessen. Aber nach dem Wochenende ist sie auch gern wieder allein: «Sie zehren wahnsinnig an meinen Kräften.» Wenn sie die Kinder nicht sehe, vermisse sie sie ein wenig, aber nicht fest. Sie sagt: «Noch ist meine Mutterliebe schwächer, als sie sein sollte. Ich hoffe, sie wird wieder so stark, wie sie einst war.» Es ist scheinbar kein Verlass auf die Mutterliebe. Sie ist wie ein Pendel, das zwar fest verankert ist, aber nach allen Seiten ausschlägt.

Im Grunde genommen weiss Ladina Matt, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind. Da ist der Vater, da sind die Grosseltern, die beide im Dorf wohnen, die Nachbarn, die Bekannten, die Gspänli, die Lehrer. Trotzdem sorgt sie sich, dass ihre Kinder ohne sie nicht glücklich sind. «Schliesslich bin ich die Mutter.»

Die Rolle der Mutter sei vollkommen überbewertet, sagt Daniela Willi, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie: «Das Mutterbild wurde in den vergangenen zwanzig Jahren hochstilisiert, glorifiziert.» Deshalb seien die heutigen Erwartungen an die Mütter manchmal unrealistisch. Die Pflichten beginnen bereits während der Schwangerschaft. Die angehende Mutter sollte einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen, den Gebärsaal besichtigen und Sachbücher zum Thema lesen. Dabei sei das alles nicht zwingend nötig, sagt Daniela Willi, denn: «Eine Geburt ist kein Event, sondern ein natürlicher Vorgang.» Sobald das Kind auf der Welt ist, glaubt man zu wissen, dass seine ganze Entwicklung von der Mutter abhängt. Wird es dick, kann es nicht still sitzen, schreibt es schlechte Noten oder kommt es auf die schiefe Bahn, dann hat die Mutter versagt. Der Sündenbock ist gefunden, alle übrigen Faktoren werden ausgeblendet. Daniela Willi wünscht sich mehr Gelassenheit, weniger Druck. Sie sagt: «Eine Mutter ist eine Mutter. Basta.»

Buchtipp
Gaby Gschwend: Mütter ohne Liebe. Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus. Huber-Verlag, Bern 2009, 120 Seiten, ca. 26 Franken

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