Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, 16 000 km weit zur Arbeit zu fahren?

Aufgezeichnet von Sonja L. Bauer; Foto: SXC

Konstrukteur auf Bohrinseln oder Konstruktionsschiffen

Kevin Morriss* aus Langnau im Emmental erzählt, wie es ist, 16 000 km weit zur Arbeit zu fahren.

Ich fliege um den halben Globus zur Arbeit. Knapp 16 000 Kilometer weit. Dafür brauche ich gut zwei Tage. Wenn ich mich von meiner Frau Saskia und meinen kleinen Söhnen Timothey und Kenan zuhause in Langnau verabschiede und dort in den Zug steige, bin ich in fünf Stunden in Frankfurt. Nach elf Stunden Flug in Singapur, wo es nach drei Stunden Aufenthalt weitergeht nach Australien, nach Perth, in meine alte Heimat, wo auch meine Eltern und Geschwister leben. Dort übernachte ich, und wenn das Wetter gut ist, gehe ich noch kurz im Ozean surfen. Am nächsten Tag gehts weiter: zwei Stunden Flug bis Karratha im Norden Australiens, dann die letzten sechzig Minuten mit dem Helikopter auf das Konstruktionsschiff, auf dem ich arbeite; drei Wochen am Stück.

Danach fliege ich wieder für drei Wochen zurück in die Schweiz. So siehts aus. Ich kenne nichts anderes. Schon mein ganzes Berufsleben lang arbeite ich in diesem Job. Als Konstrukteur auf Bohrinseln oder Konstruktionsschiffen repariere oder verlege ich Pipelines. Lange wohnte ich in London und jettete von dort in den Norden Europas oder nach Übersee. Meine Frau lernte ich während meiner Ferien in der Schweiz kennen. Auch sie ist eine Kosmopolitin.

Die Weltkugel ist kleiner

Ihre Mutter ist Schweizerin, ihr Vater Deutscher, aufgewachsen ist sie in den USA. Für uns ist dieses Leben zwischen hier und dort ganz normal. Die Weltkugel empfinden wir wohl als etwas kleiner, als Sesshafte dies tun. Aber klar, anstrengend ist diese Reiserei schon. Unterwegs lese oder schlafe ich. Warte, bis die Zeit vergeht. Denke nach. An den Jetlag gewöhnt man sich. Überhaupt passen sich Körper und Seele sofort den Umständen an, sobald ich auf dem Schiff bin. Nur so ist das Ganze auszuhalten, die Arbeit ist ja nicht nur körperlich hart, sondern auch mental.

Ich arbeite drei Wochen durch, zwölf Stunden am Tag, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen. Entweder von mittags um zwölf bis Mitternacht oder von Mitternacht bis am Mittag. Auf dem Schiff teilen wir uns zu zweit einen Schlafraum. Arbeitet der eine, schläft der andere. So hat jeder etwas Ruhe. Ansonsten ist das Team auf dem Schiff immer zusammen: beim Essen, im Kinosaal, im Fitnessraum oder im Pool. Ins Meer springen darf niemand aus der Mannschaft, aus Sicherheitsgründen. Das ist hart. Schliesslich heizt sich die Metallkonstruktion, auf der wir arbeiten, unter Australiens Sonne auf bis zu sechzig Grad auf. Schon nach Minuten in Arbeitskleidung, mit Helm und Ausrüstung, bin ich bis auf die Unterhose nass geschwitzt.

Für den Körper ist diese Arbeit eine Herausforderung. Zumal, wenn in Australien Hochsommer ist, ist in der Schweiz tiefster Winter. Da kann es sein, dass ich von vierzig Grad Celsius in minus zehn Grad komme. Nach drei Wochen zusammen in der Schweiz fällt uns vieren, Saskia, Timothey, Kenan und mir, der Abschied schon sehr schwer. Meine Frau ist dann stets ein wenig niedergeschlagen, immerhin bin ich danach 16 000 Kilometer weit weg, am anderen Ende der Welt. Weiter weg geht nicht … Doch sie erholt sich jeweils schnell – Macht der Gewohnheit eben! Und dann geniesst sie ihre Freiheiten auch; die Alleinherrschaft über die Fernsehkanäle, über das Ein- und Ausschalten der Nachttischlampe. Ausserdem ist Saskia selten ganz allein, wenn ich weg bin.

Fast nonstop zusammen

Oft wohnen Freunde bei uns, oder einer meiner Brüder, der auch in diesem Job tätig ist, hält sich gerade im Emmental auf. Oder Saskias Eltern kommen aus den Staaten und besuchen für eine Zeit ihre alte Heimat. Warum ich mir das alles antue? Nun, der Schweiz gehört unser Herz. Hier wollen wir leben. Es gibt zwar kein Meer zum Surfen, dafür Berge zum Snowboarden gleich um die Ecke! Zum anderen bietet mein Job auch einen grossen Vorteil: Wenn ich zuhause bei meiner Familie bin, sind wir vier fast nonstop zusammen. Die Kinder haben ihren Daddy dann drei Wochen am Stück, ohne Unterbruch. Timothey lässt meine Hand dann drei Wochen nicht mehr los. Das ist herrlich und unbezahlbar!

Welcher Ehemann und Vater kann schon sagen, dass er sechs Monate im Jahr rund um die Uhr bei seiner Familie sein kann – und seine Eltern und Geschwister am anderen Ende der Welt dennoch alle drei Wochen sieht?

* Alle Namen geändert

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