Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, als Tetraplegikerin zu gebären?

Aufgezeichnet von Ariane Lorez; Foto: SXC

 

 

Wie ist es eigentlich, als Tetraplegikerin zu gebären?

Anita Wüst*, Kleinkindererzieherin aus Basel, erzählt, wie es ist als Tetraplegikerin zu gebären.

Um sieben Uhr abends ging plötzlich alles ganz schnell: Mein Gynäkologe hatte eben noch einen Kaiserschnitt in Erwägung gezogen, da fragte mich die Hebamme: «War das gerade eine Wehe?» Was hätte ich antworten sollen? Ich hatte ja keine Ahnung, wie sich Wehen anfühlen. Bis zum Schluss war nicht einmal klar gewesen, ob ich als Tetraplegikerin überhaupt etwas von der Geburt spüren würde. Ich sagte: «Ich weiss es nicht.» Da nahm die Hebamme meine Hand und legte sie auf meinen Bauch: «Fühlen Sie!» Ich spürte, wie sich der Bauch verhärtete. Was für eine Erleichterung! Nun wusste ich, wann ich würde pressen müssen und dass ich die Geburt selbst vorantreiben konnte. Zwanzig Minuten später war Tim da.

Es kommt äusserst selten vor, dass Frauen wie ich natürlich gebären. Und klar hatte ich Angst, dass ich nicht rechtzeitig merken würde, wann es losgeht. Da ich eine inkomplette Tetraplegie habe, ist mein Körper zwar nicht vollständig gelähmt, aber mein Gespür ist von der Brust abwärts gestört. Ich kann nicht gehen, und meine Hände fühlen sich an, als wären sie eingeschlafen – einfach ohne Kribbeln. An der rechten Hand kann ich nur den Daumen bewegen. Kneift mich jemand unterhalb der Brust, spüre ich das manchmal, aber ich kann den Schmerz nicht lokalisieren. Auch starke Schmerzen nehme ich nicht direkt wahr, sondern über Übelkeit und Kopfschmerzen.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Spontangeburt. Aber mir lag viel daran, Tim selbst wählen zu lassen, wann er herauskommen möchte. Selbstverständlich nicht um jeden Preis, aber versuchen wollte ich es auf jeden Fall. Ich war erstaunt, dass mein Gynäkologe sofort einverstanden war. Das motivierte mich.

Am Morgen vor der Geburt hatte ich leichte Krämpfe, etwa so, wie ich sie während der Menstruation spüre. Das hatte aber nicht zwingend etwas zu bedeuten, weil ich diese Krämpfe zuvor schon einige Male verspürt hatte. Als ich dann aber um vier Uhr morgens auf die Toilette ging, war der Urin milchig und etwas blutig. Wow, dachte ich, jetzt werden mein Mann und ich tatsächlich Eltern. Ich brachte die Wohnung in Ordnung, legte mich nochmals hin. Um sieben Uhr rief ich dann im Spital an. Man riet mir, noch gemütlich zu frühstücken und danach gestärkt in die Klinik zu kommen.

Richtig los ging es dann, wie gesagt, zwölf Stunden später. Im Gebärsaal wendeten mich die Hebammen von Zeit zu Zeit und trugen mich im Zimmer umher, um Druckstellen zu vermeiden. Eine Wassergeburt kam nicht infrage, weil es im Notfall zu lange gedauert hätte, mich wieder aus dem Becken zu hieven. Ich erhielt auch eine PDA.

Weil man bei Menschen ab einem bestimmten Lähmungsgrad nicht abschätzen kann, welche Schmerzen der Körper wirklich empfindet und an das Gehirn weiterleitet, hätte ohne diese Periduralanästhesie eine sogenannte autonome Hyperreflexie entstehen können. Das ist eine Überreaktion des Körpers auf einen Reiz, wie mir der Arzt erklärte. Der Körper spielt dann verrückt, was bis zum Herzstillstand führen oder Hirnblutungen verursachen könnte.

Während des eigentlichen Geburtsvorgangs stützten die Hebammen meine Beine, weil ich die ja nicht selbst in Position halten kann. Auch wenn ich nicht schreien und weinen musste, war die Geburt sehr anstrengend. Doch rückblickend war das Ganze so umwerfend für meinen Mann und mich, dass wir uns nichts Schöneres mehr vorstellen können als Tims Geburt. Ich mache mir deswegen auch nicht gross Gedanken darüber, ob es nicht vielleicht schön gewesen wäre, die Schmerzen so intensiv zu spüren, wie sie gesunde Frauen bei einer Geburt spüren.

Ausserdem heisst es ja immer, Frauen würden die Geburtsschmerzen ohnehin sofort wieder vergessen. So gesehen, habe ich nichts verpasst – und gepresst habe ich schliesslich auch.

*Name geändert

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