Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, Vierlinge zu bekommen?

Brigitte Wicki (46), Dinhard ZH

Ich wollte unbedingt nochmals schwanger werden. Ein drittes Kind, dachte ich, und mein Familienglück ist perfekt. Da ich schon 32 Jahre alt war, entschied ich mich für eine Hormontherapie. Anfangs blieb sie ohne Erfolg. Doch dann, bei einem Kontrolltermin beim Frauenarzt, die Überraschung: «Sie bekommen Zwillinge.» Ich freute mich riesig, als Mädchen hatte ich mir eine Familie mit vier Kindern erträumt. Dann sagte der Frauenarzt, er sehe noch einen Embryo auf dem Ultraschall. Drillinge! Ich war überrascht, keineswegs aber schockiert. Der Arzt: «Ich stelle die Maschine lieber ab, sonst finde ich noch mehr.» Für weitere Abklärungen überwies er mich ans Kantonsspital.

Kaum war ich aus der Praxis draussen, rief ich meinen Mann an. «Wir bekommen Drillinge!», schrie ich. Er lachte nur, wahrscheinlich war er überfordert.

Im Kantonsspital fand der Arzt dann noch ein viertes Kind. Mein Mann und ich hatten inzwischen so viel darüber geredet, wie es ist, Drillinge zu bekommen - auf ein Kind mehr kam es auch nicht mehr an. Ich hatte keine Angst. Ich war schon immer der Ansicht gewesen, dass alles im Leben nur eine Frage der Organisation ist. Zum Glück ging während der Schwangerschaft alles gut. Die letzten sechs Wochen vor der Geburt verbrachte ich auf Anraten der Ärzte im Spital. Sie fürchteten, ich könnte mich zu Hause mit den zwei kleinen Kindern überfordern. Auf der Bettenstation wurde ich wie eine Königin behandelt.

Bevor die Vierlinge auf die Welt kamen, hatten wir bereits für jedes einen Götti und eine Gotte gefunden. Ich hätte nie gedacht, dass mir so viele Bekannte einfallen würden, die dafür in Frage kämen. Da wir für unsere noch nicht geborenen Kinder noch keine Namen hatten, nannten wir sie A, B, C und D und verteilten die Buchstaben an die Bekannten.

Wer mit Mehrlingen schwanger ist, muss sich meistens auf eine Frühgeburt einstellen. Meine Vierlinge hielten es bis zur 34. Woche in meinem Bauch aus. Dann wurden sie per Kaiserschnitt herausgeholt. Im Operationssaal befanden sich mindestens zwanzig Leute. Ich glaube, die Ärzte waren so aufgeregt wie ich. Von der Geburt bekam ich nichts mit, leider, ich stand unter Vollnarkose. Mein Mann sagt immer, er sei gar nicht nachgekommen mit Zählen. Innert dreier Minuten waren alle vier auf der Welt. Sie waren alle gesund und konnten selbstständig atmen, was bei Frühgeburten nicht selbstverständlich ist. Bis ich meine Vierlinge, drei Mädchen und einen Buben, in den Arm nehmen konnte, musste ich zwei lange Tage warten. Die Kleinen lagen im Brutkasten, ich durfte nicht zu ihnen. Ich war geschwächt und hing noch an mehreren Schläuchen.

Anfangs hatte ich Mühe, die Vierlinge auseinander zu halten. Doch nach wenigen Tagen stellte ich Unterschiede fest. Corina hatte Pausbacken, Marcel eine hohe Stirn, Bettina hübsche Augen, und Chantal, das Nesthäkchen, war die kleinste. Auch im Wesen bemerkte ich schnell Unterschiede. Marcel hat viel geweint, er ist auch heute noch sensibler als die anderen. Ich hatte die naive Vorstellung, meine Kinder stillen zu können. Nach einem halben Tag gab ich auf, ich wäre nur noch am Stillen gewesen. Jeden Tag musste ich 32 Mal Windeln wechseln, 32 Mal den Schoppen geben. Zwischendurch kümmerte ich mich um den Haushalt und die anderen zwei Kinder. Ich habe einfach nur funktioniert.

Ich hätte gern jeden der Vierlinge beim Fläschchengeben auf den Arm genommen. Unmöglich! Ich musste immer ein Baby auf einem Kissen lagern und den Schoppen so installieren, dass es trinken konnte. Nur so gelang es mir, zwei Babys gleichzeitig zu füttern. Nachts schliefen die Vierlinge zum Glück schnell durch. Wenn einer schrie, dann habe ich meist alle geweckt und sie gefüttert. So musste ich nur zweimal in der Nacht aufstehen. Mit weniger Schlaf hätte ich tagsüber wohl kaum durchgehalten. Mein Mann war am Arbeiten und konnte mich nur abends unterstützen. Zum Glück bekam ich in den ersten zwei Jahren Unterstützung von einer Hauspflegerin, die von der Gemeinde bezahlt wurde.

Meine Kinder mussten früh lernen zu warten. Eifersüchteleien untereinander waren nie ein grosses Thema. Aber alle vier wollten ihre eigene Geburtstagsparty. Meistens haben wir das so gelöst, dass jedes Kind an einem anderen Tag im November mit seinen Freunden feiern durfte.

Heute sind die Vierlinge 14 Jahre alt. Wenn ich alte Babyfotos anschaue, denke ich, dass ich damals vor lauter Funktionieren gar nicht bemerkt habe, wie süss sie aussahen.

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