Wie ist es eigentlich

Wie ist es eigentlich, zehn Kinder zu haben?

Aufgezeichnet von Yvonne Eisenring; Foto: SXC

Wie ist es eigentlich, zehn Kinder zu haben?

Gaby Wenger (41), Hausfrau aus Waldenburg BL, erzählt, wie es ist, zehn Kinder zu haben.

Natürlich gibt es Leute, die Sprüche reissen. Die fragen, ob wir denn keinen Fernseher zuhause haben. Ob es nicht langsam reiche. Aber ich habe einfach gern Kinder.

Früher war das anders. Als Teenager gehörte ich nicht zu den Mädchen, die bei Babys einen Begeisterungsanfall bekamen. Nur Tiere, vor allem Pferde, interessierten mich. Mit 16 habe ich meinen Mann kennen gelernt, Peter. Als ich 20 war, haben wir geheiratet. Es hat einfach gepasst. Meinen Job fand ich damals extrem langweilig. Ich hatte die Handelsmittelschule gemacht und dann im Büro gearbeitet. Ich dachte, entweder bekomme ich Kinder, oder ich suche mir eine neue Stelle. Ich wurde schwanger. Nach dem Mutterschaftsurlaub arbeitete ich morgens weiter in einem Büro – das Baby konnte ich mitnehmen –, am Nachmittag erledigte ich den Haushalt. Für mich war der Tag damit aber noch nicht ausgefüllt. Ich war zu wenig gefordert und wollte so schnell wie möglich ein zweites Kind.

Nach vier Jahren hatte ich drei Mädchen. Drei ist eine blöde Zahl. Da ist immer eins zu wenig oder eins zu viel. Ich wollte ein viertes. Dann ein fünftes. Und so folgten auf vier Mädchen drei Buben, dann wieder zwei Mädchen und noch ein Bub – jedes zweite Jahr ein Baby. Ich konnte nie sagen, ich will keins mehr. Ich war nie am Anschlag. Nie ausgelastet. Ich hatte immer noch Energiereserven. Und natürlich, ich hatte Glück. Alle meine Kinder schliefen sofort durch und waren praktisch nie krank. Schwanger sein finde ich grossartig. Neun Monate lang kann ich Bäume ausreissen. Auch die Geburten gingen problemlos. Ich brauchte nie länger als eine Stunde.

Einige Leute glauben, unsere Kinder kämen zu kurz. Und es stimmt schon, dass ich nicht mit jedem Kind stundenlang allein spielen kann. Aber sie haben ja ihre Brüder und Schwestern dafür. Und ich bin da, wenn sie mich brauchen. Immer. Ihnen fehlt nichts. Wir leben zwar bescheiden, kaufen keine Luxusgüter, gehen nicht in die Ferien, aber wir haben alles, was wir brauchen. Ich finde, solange wir keine fremde Hilfe benötigen, ist es unsere Entscheidung, wie viele Kinder wir haben. Bei uns herrscht kein Chaos. Alles hat seinen Platz. Jedes Kind hat seinen Kleiderhaken und seine Ablage für die Schuhe. Die Kleinen im unteren Regal, die Grossen im oberen. Auch die Zahnbürsten hängen geordnet nebeneinander über dem Lavabo. Jeder muss sich anpassen. Es liegt nicht drin, dass einer zu lange duscht. Dann gibt es Stau. Wir haben ja nur ein Bad.

Wochentags stelle ich mir den Wecker, damit ich reagieren könnte, wenn ich nichts höre, also wenn die Ältesten verschlafen haben. Aber im Normalfall verlassen sie das Haus, bevor ich aufstehe. Um sieben wecke ich die Mittleren, und wenn sie in der Schule oder im Kindergarten sind, kümmere ich mich um die Kleinen und den Haushalt. Ich gehe einkaufen – wir brauchen pro Woche 25 Liter Milch! –, wasche – mindestens eine Maschine pro Tag! – und putze – eigentlich ununterbrochen.

Natürlich kann ich kaum mit Freundinnen abmachen oder Hobbys pflegen. Früher ging ich zweimal pro Woche reiten. Aber das wurde organisatorisch zum Problem. Die Grosseltern wohnen nicht in der Nähe. Mein Mann arbeitet Vollzeit als Maler. Auch ausgehen liegt darum kaum drin. Peter und ich gingen letztes Jahr ins Theater. Das erste Mal seit sehr langer Zeit. Natürlich muss ich auf vieles verzichten, aber mich stört das nicht. Mutter sein ist mein Job. Und es stimmt doch nicht, dass man nichts erreicht hat, wenn man Hausfrau ist. Das Schönste ist doch das Lachen eines Kindes; und wenn es ein guter und anständiger Mensch wird – dann hat man doch alles erreicht.

Im Sommer kommt mein elftes Kind zur Welt. Ich hoffe, es wird ein Bub.

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