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Hochzeiten - Ja, ich will hin!

Text: Theresa Selig; Illustration: Lisa Hartung
 

Hochzeiten - Ja, ich will hin!

Wenn mal wieder eine Hochzeitseinladung ins Haus flattert, haben Sie die Wahl: Sie könnten sich vor der lästigen Verpflichtung drücken. Oder Sie machen es wie annabelle-Autorin Theresa Selig, gehen hin und haben Spass. Viel Spass!

Wenn mal wieder eine Hochzeitseinladung ins Haus flattert, haben Sie die Wahl: Sie könnten sich vor der lästigen Verpflichtung drücken. Oder Sie machen es wie annabelle-Autorin Theresa Selig, gehen hin und haben Spass. Viel Spass!

Der Abend hatte prächtig begonnen, mit Champagner, Rehrücken in Marzipankruste und nicht wenigen Gläsern eines wirklich vorzüglichen Rotweins. Und es sollte noch besser kommen. Die Mutter des Bräutigams, bereits leicht angesäuselt, klopfte gegen ihr Glas und leitete ihre Rede mit einem fulminanten Satz ein: «Ich habe Martin vier Jahre lang gestillt.» Grossartig. Ich nahm noch einen grossen Schluck Wein und lehnte mich zurück. Die Show konnte beginnen.

In diesem Satz steckte so viel: unverhohlener Mutterstolz, Wehmut, dieser frivole Übermut, der uns zu viel Intimes preisgeben lässt; und ganz subtil auch ein Seitenhieb an die Braut, die eine derart enge körperliche Bindung an Martin natürlich nie erreichen würde. Martin vergrub sein Gesicht in den Händen. Einige Hochzeitsgäste grölten vor Freude, andere lächelten, ein bisschen peinlich berührt und befremdet.

Höhepunkte auf einer Hochzeit

Jede Hochzeit hat solche kleinen Höhepunkte. Man muss nur bereit sein, sich auf sie einzulassen. Schon als ich die Mutter des Bräutigams, einen Klon von Goldie Hawn, vor der Kirche gesehen hatte, eingehüllt in einen schneeweissen (!) Traum aus Wildseide, war ich mir sicher, dass es mit ihr nicht langweilig werden würde. Und ich sollte Recht behalten. Nach dem Stillbekenntnis schilderte sie, wie Martin als beinahe schulpflichtiges Kleinkind die mütterliche Brust mit dem zornigen Schrei «Titti, Titti!» eingefordert hatte. Toll. Martin rutschte noch ein bisschen tiefer in seinen Stuhl. Die Bräutigammutter schloss ihren Vortrag, indem sie ein kleines Kästchen zückte. Darin, erzählte sie stolz, befinde sich der abgefallene Bauchnabelstumpf ihres Sohns, den sie nun ihrer Schwiegertochter überreichen wolle, quasi als Symbol der Abnabelung, der Übergabe des Sohns an seine Braut. Sie hatte allen Ernstes den Bauchnabel ihres Sohns 34 Jahre lang verfaulen lassen, weil sie wusste, dass er eines Tages seinen grossen Moment haben würde. Die Braut wirkte geschockt.

Es sind jene bizarren, rührenden und peinlichen Momente, die im Klima einer Hochzeitsfeier besonders prächtig gedeihen und jedes solche Fest für mich zu einem kleinen Spektakel machen. Und das soll überhaupt nicht schadenfroh klingen. Ich weiss, wovon ich spreche. Auf meiner eigenen Hochzeit brachte es mein Pate fertig, in seiner Rede über einige verquere Umwege bei seiner eigenen Hochzeitsnacht zu landen, die er mit blumigen Worten schilderte und in der eine muschelförmige Badewanne eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hatte. Die Gäste fanden das lustiger als ich.

Warum Genörgel?

Ich verstehe also nicht, warum in meinem Bekanntenkreis jedes Jahr im Frühjahr, wenn die ersten Hochzeitseinladungen eintrudeln, das Genörgel losgeht. Viele tun so, als seien solche Einladungen eine Zumutung. Ich kann verstehen, dass man es anstrengend findet, dem Brautpaar ins kanarische Hochland oder an die portugiesische Westküste hinterherzureisen. Ebenfalls verstehen kann ich jene, die es vorziehen, der Unterwasserhochzeit auf den Malediven nicht beizuwohnen. (Schuld an der Unsitte, Tausende Kilometer vom Wohnort entfernt zu heiraten, ist übrigens ein Trend namens Destination Weddings, den laut einer Studie in den USA bereits zehn Prozent aller Brautpaare mitmachen.) Und ja, den Dresscode Mittelalter finde ich zumindest unglücklich. Aber niemand sollte vergessen: Die Mühen werden meist belohnt.

Es gibt keinen anderen Tag, an den so hohe Ansprüche gestellt werden wie an die eigene Hochzeit. Ich begann ein Jahr vorher, meine Berufstätigkeit als lästiges Anhängsel zu betrachten und jede freie Minute in Druckereien, Brautbedarfsläden, Papeterien und Konditoreien zu verbringen. Brautpaare prüfen und entscheiden generalstabsmässig: die Einladungskarten aus Büttenpapier, das Menü achtgängig, die Servietten aus Damast. Auf einiges kann das Brautpaar zwar Einfluss nehmen, aber nicht auf den Verlauf des Fests. Und hier wird es interessant. Eine Hochzeit ist eine soziale Spielwiese, ein Biotop, in dem alle, die gern die Irrungen und Wirrungen menschlichen Zusammenlebens beobachten, voll auf ihre Kosten kommen. Es handelt sich um eine emotionale Ausnahmesituation – für das Brautpaar, die Eltern, die Freunde, die monatelang an ihren Reden, Sketches und Powerpoint-Präsentationen gebastelt haben. Zu kaum einem anderen Anlass treffen Menschen mit einem derart grossen Sozial- und Bildungsgefälle aufeinander. Jede Gruppe hat ihre eigenen sprachlichen Codes, ihre Humor-Ebene, ihre Schamgrenzen. Und die werden auf einer Hochzeit systematisch gesprengt.

Sollte man also weder zum Trauzeugen ernannt worden sein noch die blöde Idee gehabt haben, das Brautpaar mit einem Gedichtvortrag oder, noch schlimmer, einem Ratespiel zu beglücken, man also frei ist von jeglichen Verpflichtungen und sich nicht mit dem Gedanken quälen muss, ob abends das Mikrofon, der Beamer, die Konfettianlage oder die Gags funktionieren werden, dann wird es ein grossartiger Tag in der Rolle des Beobachters werden.

Ein guter Hochzeitsgast

Dann besteht die einzige Aufgabe darin, ein guter Gast zu sein. Diese Aufgabe sollte man ernst nehmen. Also mittags anfangen, sich gepflegt (und meist mit alkoholischen Getränken von vorzüglicher Qualität!) einen kleinen, unterhaltsamen Schwips anzutrinken. Ein guter Gast ist kein Stinkstiefel. Ein guter Gast weiss sich zu amüsieren. Natürlich ist man der Willkür der Sitzordnung ausgesetzt. Wenn Ihr Tischherr ein Cousin zweiten Grades ist, der Sie über Stunden mit Geschichten aus seinem Düngemittelversand einschläfert, haben Sie einfach Pech gehabt.

Der beste Tisch ist übrigens, achten Sie bei der nächsten Hochzeit mal darauf, der so genannte Restetisch. An diesem Tisch landen jene Gäste, bei denen das Brautpaar nicht so richtig weiss, warum sie überhaupt eingeladen wurden. Die dunklen Flecken in der Vergangenheit des Brautpaars, die schwarzen Schafe der Familie, sie versammeln sich am Tisch der Outlaws. Ex-Freunde und Jugendlieben werden hier gern platziert. Oder der Onkel, der nach einer beachtlichen Kleingaunerkarriere einige Jahre eingesessen hat. Oder der Kumpel, der drei Jahre zugedröhnt auf Jamaica verbracht hat und just zum Hochzeitstermin wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist, weil er in der Heimat einen Bongoshop eröffnen will. Als Single haben Sie übrigens eine Restetischgarantie.

Am Restetisch sitzen die, die nichts zu verlieren haben, deren Anwesenheit an diesem Fest irgendwie tragikomisch ist. Falls Sie sich also mal langweilen sollten, lernen Sie diese Schicksalsgemeinschaft kennen. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie schon nach dem ersten Gang Schnäpse bestellt und während der Rede des Brautvaters am lautesten über halbseidene Witze und schlüpfrige Plattitüden lacht.

Kleine Anekdötchen, liebevolle Neckereien

Sich amüsieren heisst also nicht, Reden als unwillkommene Verzögerung des nächsten Gangs zu betrachten. Sondern mit sozialpsychologischem Interesse zu verfolgen, wie sich beste Absichten, kleine Anekdötchen, liebevolle Neckereien und charmant gemeinte Witze in kleine Boshaftigkeiten, brüskierende Sticheleien oder Entblössungen verwandeln (fragen Sie Martin, den Mann mit dem Bauchnabelstumpf).Nehmen Sie es also mit Humor, wenn demnächst wieder täglich E-Mails Ihr Postfach verstopfen, die den Betreff «Die Hochzeit von Iris und Marc» tragen und von überambitionierten Trauzeugen verfasst wurden, die zielsicher die Grenze zwischen Eifer und Belästigung überschreiten. Solche Mails enthalten in der Regel eine Liste mit Projekten, die der Trauzeuge bis zur Hochzeit stemmen möchte: einen Hochzeitssong, ein von den Gästen gemaltes Bild, ein Ratespiel, ein individuell gestaltetes Kochbuch mit den Lieblingsrezepten der Gäste und ein Musikquiz auf der Oboe.

Seien Sie trotzdem ein guter Gast. Drucken Sie sich den Text für den Hochzeitssong aus, und lernen Sie ihn auswendig, auch wenn er auf die Melodie von «Marmor, Stein und Eisen bricht» gedichtet wurde und die Zeilenenden vergewaltigt wurden, damit sie sich reimen. Seien Sie die Person, die am lautesten mitgrölt und die zum Schluss alle Sänger mit High Five abklatscht. Und jetzt buchen Sie den Billigflieger auf die Kanaren und sehen sich nach einem Kostümfundus in Ihrer Nähe um. Es wird sich lohnen. Garantiert.

Theresa Selig (30), ist Journalistin und Autorin und lebt mit ihrem Mann in Berlin. Im März erscheint ihr Buch «Wer Ja sagt, muss auch Onkel Horst einladen» im Deutschen Taschenbuch-Verlag, 128 Seiten, ca. 15 Franken

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