Netflix-Serie «Liebe im Spektrum»

Ist es okay, Menschen mit Autismus beim Daten zuzuschauen?

Text: Marie Hettich; Bilder: Netflix

Die australische Netflix-Serie «Liebe im Spektrum» begleitet Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung beim Dating. Wir haben eine Autismus-Fachfrau gefragt, was sie von der Show hält – und ob es auch hierzulande Dating-Angebote für Betroffene gibt.

Wer beim Netflixen mitfiebern, lachen und weinen will, wird «Liebe im Spektrum» lieben – eine neue, sehr bezaubernde Reality-Serie aus Australien, die junge Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung bei der PartnerInnen-Suche zeigt.

Trotz aller Begeisterung poppt beim Zuschauen ab und zu der Gedanke auf: Ist es eigentlich in Ordnung, zur abendlichen Unterhaltung Menschen mit Autismus in awkward Date-Situationen zuzugucken? Das haben wir Barbara Wegrampf-Schütz gefragt, die als Autismus-Fachperson bei der Beratungsstelle Autismus Deutsche Schweiz (ads) arbeitet.

Vorab noch ein paar Fakten zum Thema Autismus:

  • Der Begriff «Autismus» kommt aus dem Griechischen und bedeutet «sehr auf sich bezogen sein».
  • Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung verarbeiten Sinneseindrücke anders als sogenannte neurotypische Personen. Zu viele Reize können zu einer starken Stress-/Angstreaktion, beispielsweise in Form eines Shutdowns, führen. Routinen helfen häufig dabei, sich im Alltag besser zurecht zu finden.
  • Autistische Menschen unterscheiden sich sehr voneinander. Deshalb wird auch der Fachbegriff Autismus-Spektrum-Störung verwendet (ASS). Es gibt Betroffene, die beispielsweise gar nicht sprechen und andere, die über sehr gute Sprachfähigkeiten verfügen, diese jedoch im Alltag nur schwer einsetzen können.
  • Etwa ein Prozent der Schweizer Bevölkerung lebt mit einer Autismus-Spektrum-Diagnose.
  • Bei Kindern mit frühkindlichem Autismus kann die Diagnose in der Regel im Alter zwischen zwei und zweieinhalb Jahren gestellt werden. Bei Kindern mit Asperger-Syndrom werden die Probleme meist erst im Kindergarten- oder Schulalter deutlich. Im Erwachsenenalter werden die autistischen Symptome manchmal durch Depressionen, Ängste oder Zwänge überlagert, was die Diagnose erschwert.
  • Jungs respektive Männer werden häufiger diagnostiziert als Mädchen respektive Frauen. Bei Mädchen kann eine autistische Symptomatik schnell übersehen werden, da sie häufig stärker darum bemüht sind, nicht aufzufallen und Schwierigkeiten im sozialen Bereich auf den ersten Blick besser kompensieren. Sie ziehen sich zudem vermehrt in die Einsamkeit zurück.

 

annabelle: Frau Wegrampf-Schütz, wieso ist die PartnerInnen-Suche für Menschen mit Autismus so schwierig? 
Barbara Wegrampf-Schütz: Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Menschen aus dem Autismus-Spektrum nicht sozial seien, keine Empathie hätten oder per se keine neuen Leute kennenlernen wollen. Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung fällt es meist schwer, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen – ein Aspekt, der beim Dating und dann auch später in einer Beziehung sehr wichtig ist. Sie wissen oft nicht, wie sie sich verhalten sollen und müssen soziale Interaktion lernen – wie eine Fremdsprache. 

In der Serie «Liebe im Spektrum» hilft ihnen dabei eine auf Autismus spezialisierte Fachfrau. 
Die Serie zeigt sehr gut auf, dass es beispielsweise nicht ausreichen würde, einfach eine Dating-Plattform für Menschen mit Autismus bereitzustellen. Es braucht zusätzlich Personen mit gutem Autismus-Fachwissen, welche die Betroffenen vorbereiten und auch auffangen können, wenn etwas nicht klappt. Abgewiesen zu werden ist für alle Personen unangenehm, aber Menschen mit Autismus brauchen zusätzlich Unterstützung, um so eine Erfahrung einzuordnen.  

Wie gut werden hierzulande Menschen mit Autismus unterstützt? 
Leider noch nicht ausreichend. Es braucht deutlich mehr Unterstützung – in allen Lebensbereichen. Es fängt bei der Frühförderung an und hört bei der Unterstützung im Alter auf. Viele Betroffene und Angehörige sind auf sich allein gestellt. Dies hat negative Auswirkungen auf ihre Lebensqualität – und zwar überall, zum Beispiel im Bereich ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Freizeit oder in der Schule respektive im Beruf. 

Das heisst, es gibt in der Schweiz auch keine organisierten Dating-Abende, an denen sich Menschen mit Autismus kennenlernen können? 
Nein. Es fehlen die Ressourcen, um solche Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, obwohl sie ein sehr grosses Bedürfnis sind. Auch daran sieht man, wie weit die Schweiz hinter Ländern wie Australien, den USA oder Grossbritannien her ist.

In «Liebe im Spektrum» daten sich ausschliesslich Menschen mit Autismus. Wäre eine Beziehung zwischen einer betroffenen und einer nicht-betroffenen Person undenkbar? 
Undenkbar nicht. Aus Sicht einer nicht-betroffenen Person braucht es aber viel Verständnis, Liebe, Rücksicht und Energie. Man muss mit dem Anderssein leben und umgehen können – auch im Freundes- und Familienkreis sowie in der Öffentlichkeit.

Wird die Serie den betroffenen Personen gerecht? In solchen Shows schwingt ja stets die Gefahr mit, dass Menschen vorgeführt werden. 
In «Liebe mit Spektrum» werden die Betroffenen sensibel befragt und porträtiert. Ihre Wünsche und auch Herausforderungen werden mit Würde und Ernsthaftigkeit behandelt. Auch ist schön zu sehen, wie ihre Eltern sie auf bewundernswerte Weise unterstützen – dementsprechend zeigt die Serie längst nicht nur die Suche nach der Liebe in der Partnerschaft, sondern auch viel Liebe von Seiten der Familie. 

Was erhoffen Sie sich von der Serie? 
Sie zeigt auf, dass auch Personen aus dem Autismus-Spektrum eine Beziehung führen und neue Freunde finden können. Wir erhoffen uns, dass solche vielseitigen Angebote geschaffen werden und die benötigte Unterstützung gegeben wird. Ausserdem veranschaulicht «Liebe im Spektrum», dass es die Person mit Autismus nicht gibt – deshalb ist auch der Zusatzbegriff «Spektrum» so wichtig. Nicht umsonst heisst es: Wer eine Person mit Autismus kennt, kennt genau eine – und nicht alle. Sie sind genauso individuell wie alle anderen Menschen auch. 

Autismus Deutsche Schweiz (ads) ist die grösste Non-Profit-Organisation zum Thema Autismus in der Schweiz und finanziert sich durch Mitgliederbeiträge, Spenden sowie kostenpflichtige Angebote. ads vertritt die Interessen von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS), deren Eltern, Angehörigen sowie Fachpersonen in der deutschsprachigen Schweiz. Hauptziel des Vereins ist es, die Lebenssituation von Menschen mit Autismus, deren Eltern und Angehörigen zu verbessern. Des Weiteren vermittelt ads Wissen durch Veranstaltungen, Social Media und Informationsmaterialien, um die Öffentlichkeit über das Thema Autismus zu informieren und zu sensibilisieren.

Marie Hettich ,
Redaktorin
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