Aufklärung

Jetzt gibts eine Schweizer Sexualkunde-App für Menschen mit Behinderung

Text: Flurina Dünki; Bild: ZVG

Die App «Klar und einfach» soll Menschen mit Beeinträchtigung helfen, sich eigenständig über Sexualität, Gefühle und Freundschaft zu informieren. Wir haben mit zwei der Entwicklerinnen gesprochen.

 

Seit Oktober ist die App «Klar und Einfach» erhältlich. Sie dient als Nachschlagewerk zur sexuellen Aufklärung von Menschen mit Beeinträchtigung und ist die erste ihrer Art in der deutschsprachigen Schweiz. Entwickelt wurde sie von Gisela Roth und Anja Schenk von der Stiftung Schürmatt in Zetzwil AG, Sibylle Ming von der Fachstelle für sexuelle Gesundheit des Kantons Aargau, App-/Web-Designerin Sabine Schwyter sowie App-Entwickler Florian Gyger. Wir haben mit Gisela Roth und Sibylle Ming über die Entstehung der App gesprochen.

annabelle: Lieben Menschen mit Beeinträchtigung anders?
Sibylle Ming: Nein, ihre Empfindungen und Bedürfnisse sind genau gleich. Auch ihre Fragen zur Sexualität sind dieselben wie die anderer, normal bildungsfähiger Menschen. Kognitive Beeinträchtigungen beeinflussen allerdings die Wahrnehmung, was sich erschwerend auf das Ausgestalten einer Beziehung auswirken kann. Nicht alle können das, was mit ihnen durch die Verliebtheitshormone geschieht, kognitiv gleich gut verarbeiten.

Die Idee zur App entstand im Kolleginnenkreis in der Stiftung. Wie kam es dazu?
Gisela Roth: Wir beobachten bei den jungen Erwachsenen in der Stiftung ein starkes Bedürfnis, mehr über Sexualität zu wissen. Bei Gesprächen unter uns Kolleginnen fanden wir alle, es wäre doch gut, den Klientinnen und Klienten die Möglichkeit zu bieten, sich selbstständig sexuell aufzuklären. Im Rahmen einer App oder Website sind eine leicht verständliche Sprache, die Vorlesefunktion und einfache Bilder möglich. Werner Sprenger, der Direktor der Stiftung Schürmatt, unterstützte die Idee von Anfang an und stellte die notwendigen Gelder und Personalressourcen bereit.
Sibylle Ming: Unsere Zielgruppe kommt mit den Smartphones sehr gut zurecht, auch jene Personen, die nicht lesen können. Die heutigen Anwendungen sind rein intuitiv zu bedienen.

Wie haben sich Menschen mit Behinderung bisher über Sexualität informiert?
Sibylle Ming: Sie werden in der Schule nach einer für sie entwickelten Sexualpädagogik aufgeklärt. Zusätzlich können die Schulen bei der Fachstelle für sexuelle Gesundheit Kurse buchen. Auch die Eltern spielen eine wichtige Rolle. Viele denken heute fortschrittlicher und sprechen mit ihren Kindern über Sexualität.

Und wenn sie sich ohne die Hilfe einer anderen Person informieren wollen?
Sibylle Ming: Es gibt natürlich Nachschlagewerke in Buch- oder Heftform, die aber oft längere Texte und wenige Bilder haben. Ab der Pubertät ist auch die Peer-Gruppe aus Gleichaltrigen wichtig für den Austausch von Informationen zur Sexualität.
Gisela Roth: Viele informieren sich im Internet, doch wie jeder von uns erhalten sie dort die Informationen ungefiltert. Und man gerät bei diesem Thema schnell auf verbotene Internetseiten. Darum war es uns wichtig, dass wir in der App und auf der Website darauf hinweisen, was strafrechtlich erlaubt ist und was nicht.

Weshalb wurde es bisher vernachlässigt, ein verständliches und digitales Nachschlagewerk zu schaffen?
Sibylle Ming: Noch vor zehn Jahren wurde allgemein sehr wenig zur Aufklärung von Menschen mit Beeinträchtigung gemacht. Durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention und weil Missbrauchsfälle durch Sozialtherapeuten publik wurden, kam Bewegung in die Thematik. Weiter müssen die Gelder für solche Präventionsprojekte gesprochen werden. Themen zur Sexualität haben es da immer schwer, vor allem, wenn es sich um öffentliche Gelder handelt.
Gisela Roth: Die Smartphones mussten auch erst einmal ein Massenprodukt werden. Wegen der anfänglich hohen Kosten konnten sich Menschen mit Beeinträchtigung kein Smartphone leisten.

Die App gibt nicht nur Auskunft zur körperlichen Liebe, sondern auch zu Gefühlen oder Freundschaft. Weshalb war Ihnen das wichtig?
Gisela Roth: Um Grenzen ziehen zu können, muss man sich erst über die eigenen Gefühle im Klaren sein. Was gefällt mir an Berührungen, was nicht? Wie finde ich mich oder andere schön? Wir möchten die Menschen dazu animieren, auf sich selbst zu hören und sich zu fragen: Was empfinde ich bei dieser Handlung? So können sie auch besser Nein sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt.
Sibylle Ming: Und Sexualität ist nicht gleich Geschlechtsverkehr. Es gibt auch andere bevorzugte Formen. Gefühle von Erotik und Zärtlichkeit können auch als befriedigend erlebt werden.

Sind Menschen mit Beeinträchtigung stärker gefährdet hinsichtlich einer missbräuchlichen Beziehung?
Gisela Roth: Ich denke, wir müssen sie stärker vor einem Missbrauch schützen, sei er nun psychisch oder körperlich. Sie können teilweise weniger gut abwägen, ob sie zu etwas Ja sagen sollen oder nicht. Das betrifft Frauen wie Männer.
Sibylle Ming: Grosse Unterschiede bezüglich kognitiver Entwicklungsniveaus von zwei Partnern können dazu führen, dass Grenzen weniger gut wahrgenommen und eingefordert werden. Ganz eindeutig lässt sich das aber nicht beantworten. Auch Menschen ohne Beeinträchtigung haben diese Mechanismen, Grenzen schlecht markieren zu können oder umgekehrt Schwächen des Partners auszunutzen.

Auch das Thema Schwangerschaft wird in der App angeschnitten.
Gisela Roth: Auch Menschen mit Beeinträchtigung sehnen sich nach Familienglück und haben das Bedürfnis, für jemanden Verantwortung zu tragen. Im Gegensatz zu Ländern wie Holland fehlen in der Schweiz zurzeit Strukturen, die ihnen eine Elternschaft ermöglichen würden. In der App wird das Thema Schwangerschaft nur marginal angesprochen. Ins Detail zu gehen, würde die Grenzen von App und Website sprengen. Wir empfehlen in der App, das Gespräch mit ihrer Beraterin zu suchen, denn zum Thema Schwangerschaft braucht es unbedingt individuelle Beratungsgespräche bei einer spezialisierten Stelle.

Kurz nach der Lancierung der App erfuhren Sie, dass Google sie nicht im Play Store der Android-Smartphones zur Verfügung stellen wird. «Klar und Einfach» ist also nur via iPhone oder Internetseite zugänglich.
Gisela Roth: Unser App-Entwickler Florian Gyger ist in Verhandlung mit Google. Er hat während der Erarbeitung immer wieder den neusten Status geschickt und der wurde immer abgesegnet. Die fertige App war gerade einmal vier Stunden aufgeschaltet, als wir erfuhren, dass Google seit fünf Monaten keine Apps mit sexuellem Inhalt mehr akzeptiert – auch solche mit Lernzweck nicht. Wir geben noch nicht auf, müssen uns aber eventuell eine andere Lösung überlegen. Eine Möglichkeit könnte eine APK-Datei zur Installation der App auf Android-Smartphones sein.

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