Heft 14/14

Coming-out im Ehebett: Wenn der Mann auf Männer steht

Aufgezeichnet von Justine Calbery; Illustration: Giordano Poloni

Coming-Out im Ehebett: Wenn der Mann auf Männer steht

Wie eine Frau das späte Coming-out ihres Ehemannes erlebt hat. Der Bericht einer Ehefrau.

Schon seltsam. Während er sich von seinem Geheimnis befreite, hatte ich das Gefühl, dass mir eines aufgeladen wurde. Für ihn war sein spätes Coming-out ein Befreiungsschlag. Er fand Ermutigung und Anteilnahme in Selbsthilfegruppen. Und als er endlich er selbst war, stand ich allein vor dem Scherbenhaufen – ohne Beistand, ohne Zuspruch.

Wir lernten uns als Teenager kennen. Er war furchtbar nett und wurde von den Mädchen umschwärmt. Trotzdem hatte er nur Augen für mich. Sechs Wochen später hatten wir als eines der ersten Paare in unserem Freundeskreis geheiratet. Es schien so selbstverständlich: Wir liebten uns, hatten den gleichen Humor, mochten die gleichen Dinge. Es hatte sofort gefunkt. Ich werde oft gefragt, ob es damals keine Hinweise gab, wie es um seine Sexualität stand. Die Antwort lautet: Nein. Wir sprachen oft davon, einmal als uraltes Ehepaar zu enden – wie Philemon und Baucis. Mir gefiel die Vorstellung, und ich denke, ihm auch.

Eine ganz normale Ehe

An unserem ersten Hochzeitstag war ich im siebten Monat schwanger. Zwei Jahre später erwartete ich unser zweites Kind. Wir zogen aus unserem kleinen Häuschen in ein grösseres Haus, das Leben drehte sich um die üblichen Dinge – die Kinder zur Schule bringen, den Alltag organisieren, Dinnerpartys mit anderen glücklich verheirateten Paaren. Die Jahre vergingen ereignislos, unser Sexleben war normal, auch wenn es meist nach seinen Vorstellungen lief. Möglich, dass da etwas gefehlt hatte; eine bestimmte Intimität, die Leidenschaft, aber ich hinterfragte das nicht, vielleicht lag es ja auch an mir.

Als wir sieben Jahre verheiratet waren, begann ich mir Sorgen um meinen Mann zu machen. Er verhielt sich nervös, war oft wütend und distanziert. Wenn ich mit ihm reden wollte, blockte er ab. Eines Abends, wir hatten ein bisschen zu viel getrunken, gestand er mir seine Männerfantasien. Es sollte harmlos klingen, doch ich war fassungslos. Was wollte er mir damit sagen? War er schwul? Er reagierte entrüstet und beendete das Gespräch. Am nächsten Morgen war alles unter den Teppich gekehrt. Ich liebte ihn so sehr, dass ich mir einredete, sein Geständnis vom Vorabend hätte nur in meinem Kopf stattgefunden.

Die Jahre vergingen, mein Mann war seit dem Vorfall merklich entspannter, die Kinder entwickelten sich prächtig, und wir zogen in ein neues Haus. Einige unserer Freunde hatten Eheprobleme, und ich war glücklich, dass wir unsere Krise überwunden hatten. Dann begann er sich erneut von mir abzukapseln. Er blieb bis spätabends im Büro, und morgens surfte er stundenlang im Internet. Es gab längere Phasen, in denen wir nicht miteinander schliefen, er war unzugänglich und aggressiv.

Trotzdem hatte ich Vertrauen in unsere Beziehung, er war ein guter Vater und mein bester Freund. Wir konsultierten einen Eheberater, aber die Spannungen blieben. Eines Morgens entdeckte ich eine Dating-Site für Schwule in unserem Computer, die er zu löschen vergessen hatte. Als ich ihn damit konfrontierte, sagte er, dass er möglicherweise bisexuell sei. Er gestand, sich mit Männern getroffen zu haben, versprach aber, es nicht wieder zu tun. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Wir umarmten uns, und es flossen viele Tränen, bei ihm und bei mir. Er flehte mich an, ihn nicht zu verlassen, und versicherte mir, dass er mich liebe.

Ich glaube, er wollte wirklich mit mir zusammenbleiben. Er hatte «diese Gefühle», wie er sich ausdrückte, wollte ihnen aber keinen Raum geben. Ich überwand meinen Stolz, steckte meine Verzweiflung weg und versuchte, ein normales Leben zu führen. Doch die Geschichte nagte in mir weiter. Als er von einer Auslandreise zurückkehrte, fiel mir auf, dass seine Berichte widersprüchlich waren. Dabei konnte er mir nicht in die Augen sehen. Später schickte er mir aus Versehen eine eindeutige Textnachricht, die an einen Mann gerichtet war. Ich weiss noch, wie ich ihn anbrüllte: «Warum kannst du mir nicht einfach die Wahrheit sagen? Sag mir endlich die Wahrheit!»

Rücksicht auf die Familie

Wir vereinbarten, uns vorübergehend zu trennen. Nach ein paar Wochen ging es ihm so schlecht, dass er mich anflehte, ihn wieder aufzunehmen. Ich willigte ein, mit Rücksicht auf die Familie und das, was uns verband. Ich sah, dass er um mich kämpfte, und als er mich bat, die Krise mit ihm zu überwinden, versuchten wir es erneut. Doch es war eine Verschwörung des Schweigens. Als ob ein dunkler Geist unser Leben zerstörte. Immer wieder stiess ich auf Spuren im Computer, die von Liebschaften mit Männern zeugten. Zwei Jahre lang ignorierte ich die Warnsignale. Wohl um ihn zu schützen – und weil ich ihn noch immer liebte.

Die wenigen Freunde, die davon wussten, waren hilfsbereit, aber auch verständnislos und überfordert. Sie sahen die Dinge schwarz-weiss. Ich müsse mich von ihm trennen, das sei doch sonnenklar. Sie konnten nicht verstehen, dass uns noch immer vieles verband. Dass wir uns verzweifelt ans Philemon-und-Baucis-Märchen klammerten und uns nichts mehr wünschten, als zusammen alt zu werden. Wenigstens waren unsere Kinder bereits über zwanzig, als wir uns endgültig trennten. Wir verkauften unser Haus, und bis heute macht es mich furchtbar traurig, wenn ich daran vorbeifahre.

Mein Mann bekennt sich nun offen zu seiner Homosexualität, während es mir noch immer schwerfällt, nicht wütend darüber zu sein. Eine gute Freundin hat kürzlich erfahren, dass ihr Freund eine Affäre mit einer jüngeren Frau hatte. Die Leute in ihrem Bekanntenkreis fühlen mit ihr, trösten sie, können nachvollziehen, was sie durchmacht. Aber heterosexuelle Frauen, die mit einem homosexuellen Partner verheiratet sind, stossen im Freundeskreis schnell auf Ratlosigkeit. Selbsthilfegruppen für Betroffene sind selten.

Ich bin nicht gestärkt aus der Krise hervorgegangen und habe kein neues Leben gewonnen. Ich trauere um den Mann, den ich liebte, um die Ehe, in die ich zwanzig Jahre investierte, und um die Zukunft, um die ich mich betrogen fühle. Vor einiger Zeit habe ich eine Therapie begonnen. Seither habe ich das Gefühl, dass es wieder aufwärts geht. Ich lerne, mich auf die Gegenwart zu konzentrieren, Schritt für Schritt mein Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Ich singe oft, mache lange Spaziergänge. Und ich spreche offen darüber, was mir passiert ist. Keine Geheimnisse mehr!

Hilfe zur Selbsthilfe

Seit 2001 gibt es in der Schweiz die Selbsthilfegruppe Hetera, eine Beratungsstelle für Frauen homosexueller Männer (aber auch für Männer lesbischer Frauen). Der Service ist unentgeltlich und professionell. In Hetera-Foren können sich Betroffene zudem mit anderen Betroffenen austauschen.
www.hetera.ch

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