Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt: Mein Mann, der Schläger

Text: Anna Maria Meierhofer, Fotos: SXC

Häusliche Gewalt: Mein Mann, der Schläger:
Häusliche Gewalt: Mein Mann, der Schläger:
Häusliche Gewalt: Mein Mann, der Schläger:
e
f

«Die Erinnerung macht mich zornig. Wenn ich nicht aufpasse, macht sie mich weniger zornig auf den Mann, der mich schlug. Dann macht sie mich zornig auf mich.» (Symbolbild)

«Die Schläge waren nicht härter, sie waren normal.» (Symbolbild)

«Statt ihn zu verlassen, bekam ich von ihm zwei Kinder.» (Symbolbild)

Er verprügelte sie, wieder und wieder. Trotzdem blieb unsere Autorin vier Jahre lang bei ihrem Mann. Warum, warum, warum?

Es sah aus, als liebte Rihanna wieder Chris Brown. Den Mann, der ihr vor vier Jahren in Los Angeles auf offener Strasse das Gesicht zerschlug. Auf den Polizeifotos sieht es aus wie nach einem schweren Autounfall. Auf den im Frühling erschienenen Fotos lehnt sie es, längst glücklich verheilt, an die Schulter des Mannes, der es ihr zerschlug. In Interviews hat sie einer teils fassungslosen, teils feixenden Öffentlichkeit diktiert: «Diesmal ist alles anders.»

Und ich denke: Du dummes Huhn! Und gleich darauf: Ich habs nötig. Ich, die sich vier Jahre von einem Mann ins Spital hat prügeln lassen. Die mit blau geschlagenen Augen und geplatzten Lippen wieder und wieder zu ihm zurückgekrochen kam. Aus dem Spital, aus dem Frauenhaus, von meinen Eltern. Von überall, wo ich für ein paar Stunden oder Tage Zuflucht gesucht hatte oder was auch immer. «Diesmal ist alles anders!» Ich habe den Satz heruntergebetet. Für mich, für andere. Habe ich ihn geglaubt? Nach der ersten Prügelattacke? Auch noch nach der zweiten? Damals hätte ich ohne Zögern gesagt: «Ja!» Auch nach dem zehnten Mal noch. Heute bin ich mir nicht sicher. Es ist schwer zu verstehen, geschweige denn zu erklären, wer ich damals war. Mittlerweile auch für mich.

«Es war Wut auf mich selbst, die den prügelnden Mann möglich machte»

Die Erinnerung macht mich zornig. Wenn ich nicht aufpasse, macht sie mich weniger zornig auf den Mann, der mich schlug. Dann macht sie mich zornig auf mich. Auf die Frau, die sich grün und blau prügeln liess. Die über Jahre bei ihrem Peiniger blieb. Und nach jedem Verlassensversuch wieder zu ihm zurückkroch. Diese Frau, lächerlich, machtlos, erbärmlich, beschämt mich. Am liebsten wäre mir, ich würde nicht mehr mit ihr in Zusammenhang gebracht werden. Mich nicht mehr mit ihr in Zusammenhang bringen müssen. Am leichtesten wäre, ich könnte wütend sein auf eine andere, irgendeine Frau, die jetzt Platzhalterin dieser Erbärmlichkeit ist. Auf Rihanna, das dumme Huhn. Sie ist ein Star. Weltweites Vorbild für eine Generation von Teenagern und jungen Frauen. Ist das nicht Grund genug, auf sie wütend zu sein? Anderseits: Ich bin Mutter. Vorbild für meine Töchter. Habe ich nicht mehr als genug Grund, auf mich wütend zu sein? Wenn ich nicht aufpasse, bin ich so wütend, dass ich in Gefahr bin zu übersehen: Es war diese Wut auf mich selbst, die den prügelnden Mann überhaupt erst möglich machte.

Ich lernte den Mann kennen, da war ich 16. Er war 26. Mir erschien das nicht fragwürdig. Nicht unpassend. Im Gegenteil. Ich beharrte darauf zu glauben: Er ist der Richtige. Er war nicht mein erster Freund. Den ersten, gleichaltrig, sanft, zuvorkommend, hatte ich seinetwegen verlassen. Ich suchte nach etwas. Ich hätte nicht sagen können, wonach. Nur, dass ich spürte: Dieser wollte es bieten. Er war der Richtige. Ich war richtig für ihn. Beides auf schrecklich falsche Weise. Er war schön, dunkel, gut angezogen. Ich war ein Punk. Er erschien mir gebildet, belesen. Ich war ein Schulmädchen. Er kam aus London. Ich aus einem deutschen Kaff. Damals muss ich mich in seiner Gesellschaft aufgewertet gefühlt haben. Heute sehe ich, dass auch er das brauchte.

«Ich war frei zu gehen. Stattdessen ging er»

Als er mich das erste Mal schlug, nach einer Party, nachts, auf offener Strasse, waren wir drei Monate zusammen. Vielleicht auch nur zwei. Kurz genug, um einfach zu gehen. Ich kann mein Bleiben keiner Erinnerung an «so viele gute Jahre», keiner geldbedingten Abhängigkeit, noch keinen gemeinsamen Kindern anlasten. Ich war frei zu gehen. Stattdessen ging er. Drehte sich um und liess mich stehen. Und das war es, was mich dort auf der Strasse zerriss. Meine plötzliche Einsamkeit. Die mich umfangende Leere. Da war niemand mehr. Nichts mehr. Nicht einmal Schläge. Ich rannte ihm nach. Ich schrie. Ich stellte mich ihm in den Weg. Griff seinen Arm. Er stiess mich fort, blicklos, wortlos, und ging weiter. Ich stolperte hinterher, um seine Zuwendung bettelnd wie ein getretener Hund. Wie kann ich meine Erleichterung, als er mich mit in seine Wohnung liess, auch nur annähernd beschreiben?

Meine Mutter war zornig. Auf mich. Meine Mutter sagte, sie schäme sich. Für mich. Sie klagte: «Von mir hast du das nicht gelernt!» Wahr ist: Mein Vater hat meine Mutter nach meinem Wissen niemals geschlagen. Ich hielt die Ehe meiner Eltern für vorbildlich, über Jahre. Ich beneidete sie um ihre Auf-die-Sekunde!-Pünktlichkeit. Um ihr Durchorganisiertsein. Um ihre zu jeder Stunde makellos reine Eigentumswohnung. Der einzige Unordnungsherd in dieser Wohnung, in ihrem Leben war ich. Sie haben es mir oft genug gesagt. «Wenn wir uns eines Tages scheiden lassen sollten, dann wegen dir. Du bist das Einzige, was uns auseinanderbringt.» So gut ist ihre Ehe.

«Morgens schmierte ich jetzt einem Mann die Sandwichs»

Im folgenden Monat nahm ich mir mit ihm eine Wohnung. Zwei Zimmer in einem Hinterhofhaus. Meine Eltern, die bislang darauf gepocht hatten, dass ich an Wochentagen um sechs Uhr abends zuhause sei, liessen mich ohne Gegenwehr ziehen. Morgens, vor der Schule, schmierte ich jetzt einem Mann die Sandwichs für seine Mittagspause. Ich nahm das als meinen ersten Schritt zu einer vorbildlichen Ehe. Er schlug immer wieder mal dagegen an. Einmal bettelte ich am Telefon bei meinem Vater um Hilfe. Er stieg unwillig in sein Auto und die Treppen zu unseren nicht makellosen Zimmern hinauf. Der andere bot ihm einen Platz im Wohnzimmer und etwas zu trinken an. «Junge», sagte mein Vater. «Was machst du. Ich habe meine Frau nie geschlagen.» Aber, sagte er auch, «ich weiss natürlich, dass einen das Mädchen zur Weissglut bringen kann». Ich würde gern sagen können: Ich rief ihn nie wieder um Hilfe. Natürlich ist das nicht wahr. Ich lief nicht nur dem einen Mann hinterher.

Chris Brown, so liest man in Interviews, ist der Sohn eines gewalttätigen Vaters. Er wurde als Kind wiederholt Zeuge, wie der Vater die Mutter schlug. «Ich weinte oft und dachte: Eines Tages flippe ich aus und wehre mich für sie.» Das tun diese Jungs so gut wie nie. Ersatzweise misshandeln auch sie ihre Frauen. Man muss sie dafür nicht bemitleiden. Man muss sie nicht einmal verstehen. Das besorgen schon ihre Opfer. Auch mein Ex-Mann kam aus einem entsprechenden Elternhaus. Seine Mutter hatte ihren Mann und die Kinder mehrfach verlassen. Ging «kurz Zigaretten holen» und kam über Monate nicht nachhause. Alle paar Jahre wieder. Das war es, worauf ich mich zeit unseres Zusammenseins konzentrierte. Darauf, wie und warum er so hatte werden können – ich dachte: so hatte werden müssen! Darauf, wie ich sein Unglück lindern könnte. Damit er so werden könnte, wie ich ihn mir erträumte. Als läge das in meiner Hand. Ich konzentrierte mich so auf sein Unglück, dass ich meines kaum mehr zur Kenntnis nahm. Ich dachte: aus Liebe. Tatsächlich diente mir mein verirrtes Verständnis nur dazu, auszuhalten, was nicht auszuhalten war. Er schlug immer öfter zu. Immer härter.

Als gäbe es einen Grund

«Aber warum hat dein Mann dich geschlagen?» Bekannte, Freunde, Familie attackierten mich mit der Frage, als gäbe es das: einen guten Grund. Als rechtfertige irgendeine Aktion oder ein Satz der Frau, dass der Mann sie zur Antwort blau und blutig schlägt. Mein Mann schlug mich, wenn er betrunken war. Nach dieser ersten und nach späteren Partys. Weil ich einen anderen Mann zu sehr angelächelt oder mich zu lange mit ihm unterhalten hatte. Ist das ein Grund? Er schlug mich, wenn er von der Arbeit kam und das Haus nicht sauber genug fand. Ist das ein Grund? Rihanna, nach der Verleihung der Grammy Awards mit Chris Brown in L. A. unterwegs, fand auf seinem Handy ein SMS von einer anderen Frau. Im Polizeibericht steht: «Es entwickelte sich ein Wortgefecht.» Man braucht keine Vorstellungskraft, um zu wissen, in welches Gekreisch und Gebrüll sich dieser Satz übersetzt. Ich habe auch solche Szenen erlebt. Mein Mann sagte: «Du holst das Schlechteste aus mir heraus!» Ich fürchtete, das sei wahr. Als läge die Verantwortung, ob er zuschlug oder nicht, tatsächlich bei mir. Noch heute, wenn ich davon erzähle, wenn ich darüber schreibe, kann es passieren, dass ich zögere, die «Gründe» für seine Schläge zu nennen. Hatte ich sie nicht doch verdient?

Schuld. Die Frage nach ihr kommt in Variationen. Verschulden wir Frauen die jeweils nachfolgenden Prügel, indem wir bleiben? Indem wir unseren Schlägern hinterherlaufen? Habe ich, wie meine Eltern es nannten, um Schläge gebettelt? Ich bettelte um etwas. Das ist gewiss. Ich blieb, weil ich keine Vorstellung davon hatte, was dieses Etwas war, das mir fehlte.

«Statt ihn zu verlassen, bekam ich von ihm zwei Kinder»

Statt ihn zu verlassen, nahm ich ihn auch auf dem Papier zum Mann. Bekam von ihm zwei Kinder. Meine Mutter feixte: «Und ich dachte, du bist so schlau!» Als sei Intelligenz ein ausreichender Schutz vor Gefühlen. Den falschen. Ich würde ihr gern glauben, dass sie mich mit ihren Sprüchen antreiben wollte zu gehen. Sie bewirkten das Gegenteil. Man hebt das Selbstwertgefühl eines Menschen nicht, indem man ihn für blöd erklärt. Ich kann nicht glauben, dass sie das nicht weiss. «Wir haben dir jede denkbare Unterstützung geboten, um dir da rauszuhelfen.» «Wir», damit meint meine Mutter meinen Vater und sich. «Wir lieben dich!» Ich habe ihr beides geglaubt. Rihanna fluchte kürzlich von ihrer Konzertbühne herab: «Wer von euch hasst die Liebe? Wer von euch versteht Liebe nicht? Zu denen gehöre ich!» Und ich denke: Ist es ein Wunder?

Ich brauchte vier Jahre, um mich zu lösen. Zwei Fluchten ins Frauenhaus und ungezählte zu Eltern und Freunden. Der Abend, an dem ich endgültig floh, unterschied sich in nichts von vorangegangenen Abenden seiner Art. Die Schläge waren nicht härter. Sie waren normal. Ich fuhr mit dem Zug zu einer Freundin, 200 Kilometer weit. Er suchte uns einmal auf, dann ein zweites Mal. Er schlug nicht. Er sagte: «Ich brauche dich.» Das war sicher wahr. Nur eben auf die falsche Weise. Er weinte. Er gab sich so schwach und hilflos, wie er in dem Augenblick war.

«Ich fühlte Genugtuung. Leere. Sehnsucht»

Warum ich es dieses eine Mal schaffte, dem zu widerstehen, wage ich nicht zu deuten. War es Willenskraft? Oder nur die Gunst der Stunde? Wahr ist, ich hatte mir in den vorangegangenen Jahren gesagt: Spätestens wenn die Kinder alt genug sind für den Kindergarten, musst du ihn verlassen. Das kannst du ihnen nicht antun, sie dort mit blau geschlagenen Augen abzuholen. Möglich, dass diese Sorge meine Flucht begünstigte. Dass es die Sorge um mich selbst war, kann ich ausschliessen. Oder? Wahr ist, dass ich diese Anflüge von Einsicht, ihn verlassen zu müssen, irgendwann bedrohlicher fand als seine Schläge.

Ich schloss die Tür, und er ging. Zurück nach London oder sonst wohin. Ich wollte es nicht wissen. Wenn er mich nachts anrief, erst alle paar Monate, dann alle paar Jahre, fühlte ich Genugtuung. Leere. Und jene unbestimmte Sehnsucht. Ich wusste, liesse ich ihn das spüren, brächte ich mich in Gefahr. Ich konnte keinem von uns beiden trauen. Dann, nach langer Pause, schrieb er mir, und ich fühlte nichts. Antwortete nicht. Lauerte nicht, dass er mir meinem Schweigen zum Trotz noch einmal schriebe. Nach zwanzig Jahren war er mir endlich egal.

Es gibt keinen Grund, auf Rihanna wütend zu sein. Oder auf eine andere Frau an Rihannas Stelle. Mich eingeschlossen. Keiner weiss das besser als ich. Keinem fällt es schwerer, mit diesem Wissen zu leben.

Empfehlungen der Redaktion

Wie ist es eigentlich, im eigenen Bett vergewaltigt zu werden?

Mehr aus der Rubrik

Netflix-Serie «Liebe im Spektrum»

Ist es okay, Menschen mit Autismus beim Daten zuzuschauen?

Von Marie Hettich