Eva Illouz

Herzschmerz und Verstand: Knüllerthema Liebeskummer

Text: Katrin Kruse
Fotos: Bernhard Stoller/Rocket Design

Herzschmerz und Verstand: Knüllerthema Liebeskummer

Sie schafft das fast Unmögliche: Als Soziologieprofessorin Bestseller zu schreiben. Auch ihr neustes Werk dreht sich um ein Thema mit Knüllerpotenzial: Liebeskummer. Wir trafen Eva Illouz in Jerusalem.

Eva Illouz ist die Spezialistin für Romantik, und es ist der Tag, an dem sich Israel auf sie besinnt. Eine nahezu boshafte Hitze liegt über Jerusalem an diesem Spätsommernachmittag, vor allem aber ist laut hebräischem Kalender Valentinstag. Wie steht es um die Liebe?, das wollen heute viele von Eva Illouz wissen. Und so hat sie in ihrem kleinen Arbeitszimmer im «Zentrum zur Erforschung der Rationalität» an der Hebräischen Universität noch rasch damit zu tun, all die immer gleichen Anfragen abzuwehren.

Es geschieht einer Soziologin nicht oft, dass ihre Bücher Bestseller werden. Im Fall von Eva Illouz liegt es daran, dass ihr Thema geradewegs ins Zentrum der modernen Existenz führt. Illouz (50) forscht über Gefühle, genauer: Was mit den Gefühlen geschieht, wenn sie auf die moderne Welt treffen. In «Der Konsum der Romantik», dem Buch, das sie vor knapp acht Jahren ausserhalb der Fachkreise bekannt machte, hat sie die Mechanik untersucht, mit der sich die zeitgenössische Zweisamkeit unverzüglich in Kerzenlichtdinnern, Romantikhotelweekends und, eben, Valentinstagsrosen ausdrückt. In «Die Liebe in Zeiten des Kapitalismus» beschrieb sie, wie sich Männer und Frauen auf den Liebesmärkten im Internet wie Waren anpreisen, und in «Die Errettung der modernen Seele», wie die Sprache der Psychologie unser Selbstgefühl durchdringt. Im Grunde interessiert Illouz in all ihren Büchern eines: Wie das, was wir für unser Intimstes halten, unsere Gefühle, durch Geschichte und Gesellschaft geprägt wird. Um diese Prägung zu verstehen, befragt sie die Menschen. Das ist ihr Material – so auch in ihrem neuen Buch «Warum Liebe weh tut.»

Wie steht es also um die Liebe?

Nicht so gut. «Könnte die Soziologin die Stimmen der Menschen hören, die nach Liebe suchen, dann vernähme sie eine lange und laute Litanei des Jammerns und Stöhnens», so heisst es bereits im Vorwort. Illouz sucht die gemeinsamen Muster des modernen Liebeskummers, und sie findet: sich ungeliebt fühlen, sich verlassen fühlen, sich «mit der Distanziertheit anderer ab(zu)quälen». Wenn sich heute zwei lieben, dann stehen ihnen weder Stand noch Klasse noch ein familiär motivierter Heiratspragmatismus im Weg. Wir seien in der Liebe nichts anderem verpflichtet als unserem Herzen, meint die Soziologin. Das sei ein Problem. Zudem würden die modernen Liebenden mit Rezepten für ein schmerzfreies und gesundes Liebesleben traktiert. Deutlich wird: Hier schreibt eine, der die durchpsychologisierte Arbeite-an-dir-Propaganda gehörig auf den Geist geht. Sprechen hingegen tut Eva Illouz leicht und heiter. Nur zwischendurch hört man ihr an: Es ist ihr doch verdammt ernst.

ANNABELLE: Eva Illouz, Ihr neues Buch liest sich wie eine kleine Attacke gegen die Selbsthilfeliteratur.
EVA ILLOUZ: Es ging mir tatsächlich um eine Alternative zur psychologischen Sprache der Selbstbezichtigung. Die Psychologie nimmt an, dass wir als Individuen verantwortlich für unser Schicksal sind – dass Leiden vermeidbar ist, wenn wir genug an uns arbeiten, die Ursachen des eigenen Schmerzes aufspüren und den richtigen Mann wählen. Das glaube ich nicht.
Wenn Liebe heute wehtut, vermutet man nach der Lektüre Ihres Buchs, dann deswegen, weil nur noch schwer an sie heranzukommen ist.
Wir haben die Fähigkeit verloren, uns leidenschaftlich zu verlieben, ja. Leidenschaft scheint uns suspekt, uncool, ein bisschen hysterisch. Dennoch tut die Liebe heute weh, und sie tut weh, weil sich die gesellschaftlichen Bedingungen der Partnerwahl verändert haben. Wir sind mit einer ungeheuren Auswahl konfrontiert, und wir versuchen, möglichst viel sexuelle und  emotionale Erfahrung zu sammeln. Bei den meisten triumphiert das Ideal der Autonomie über Ideale wie Fürsorge oder Achtsamkeit. Der Raum der Liebe ist heute völlig frei von Normen: Es geht wirklich alles. Das macht die Liebe kompliziert.
Erklären Sie.
Bindung wird problematisch. Ein Versprechen ist ein Glaubensakt. Man weiss nicht, ob es funktioniert – man glaubt es nur oder hofft es. Und man geht das Risiko ein, etwas Besseres zu verpassen. Wer sich auf eine Beziehung einlässt, akzeptiert die Möglichkeit, sich nicht an die bestmögliche Person zu binden. Die Existenzialisten hatten recht: Man definiert sich durch die Entscheidungen. Wer nicht wählt, definiert sich nicht. In unserer Welt der unzähligen Wahlmöglichkeiten geschieht paradoxerweise genau das: Man wird ambivalent, der Wille kommt einem abhanden, sogar das Begehren. Die Idee einer objektiv maximalen Liebe macht das romantische Leben sehr viel zögerlicher. Ambivalenz verhindert grosse Gefühle.
Wenn das Buch einen nicht-wissenschaftlichen Zweck habe, schreiben Sie, dann sei es der, das Leiden an der Liebe zu lindern. Wie?
Auf einer rein emotionalen Ebene ging es mir tatsächlich darum, dass Frauen aufhören, sich verantwortlich zu fühlen, wenn eine Beziehung scheitert. Ich argumentiere so: In der Moderne erlangen wir Anerkennung durch die Liebesbeziehung – das gilt für Männer ebenso wie für Frauen. Beide brauchen Anerkennung im Privatleben. Nur sind die meisten Frauen stärker auf diese Anerkennung angewiesen, weil sie weniger im öffentlichen Leben verankert sind und sie ihr Selbstwertgefühl grösstenteils aus dem privaten Bereich beziehen. Das Scheitern einer Beziehung fühlt sich für Frauen oft so an, als werde ihr Selbstwert untergraben. Es gibt eine Asymmetrie.
Das gilt vor allem für Frauen, die Kinder wollen?
Ich würde sagen, die Liebe ist am kompliziertesten für Frauen, die ein Familienleben mit Romantik, also ihrer eigenen Freiheit und Autonomie kombinieren wollen. Entscheidet sich eine Frau für das Familienleben, wird sie abhängiger vom Wohlwollen eines Mannes. In der Zeit vor der Moderne war es selbstverständlich, dass Männer einen Haushalt gründen wollten, das Patriarchat definierte sich ja über die Kontrolle über Frauen und Kinder. Im Kapitalismus ist die selbstverständliche Verbindung von Männlichkeit und Häuslichkeit gekappt. Macht ist für Männer auf andere Weise zu erlangen, ausserhalb der Familie.
Was bedeutet das?
Dass heute viele Frauen mit einem Mann zusammen sind, für den es weniger dringlich ist, Kinder zu haben – erstens, weil er in der Kinderfrage mehr Zeit hat, und  zweitens, weil er zur Erlangung von Status weniger als sie auf Heirat und Familie angewiesen ist. Für Frauen, die heute eine konventionelle Familie wollen, ist es jedoch schwierig, ein anderes Arrangement der Geschlechter zu fordern: Denn alles, was diese Asymmetrie infrage stellt, würde ihre eigene Freiheit und Autonomie infrage stellen.

Dafür hat die Soziologie vierzig Jahre nach der sexuellen Befreiung neue Lieblingsbegriffe: «erotisches Kapital» etwa.
Wir binden den Selbstwert an die sexuelle Performance – davon müssen wir wegkommen. Nicht, dass Sex nicht grossartig wäre. Ich habe auch nichts gegen sexuelle Vielfalt, Freiheit oder Abenteuer. Die Leute sollen Orgien haben, meinetwegen. Nur: Den Selbstwert an sexuelle Attraktivität oder sexuelle Leistung zu binden, damit sollten wir unbedingt aufhören.
Funktioniert die Sexualität von Männern und Frauen Ihrer Meinung nach verschieden? Sie schreiben über distanzierte, «bindungsunwillige» Männer.
Ich glaube, die Moderne hat bestimmte Männer hervorgebracht – und wir ziehen Erklärungsmuster der Biologie heran, um das zu rechtfertigen. Wir haben genug historische Beispiele für andere Formen von Männlichkeit. Im 19. Jahrhundert etwa war sie wesentlich durch Leidenschaft und den Willen zur Bindung definiert. Sagen wir so: Selbst wenn es eine Biologie der Geschlechter gäbe, könnte sie durch soziale Normen verändert werden. Wir sollten diese Normen diskutieren und nicht eine hypothetische «biologische Natur».

Eva Illouz interessiert sich für Menschen, weit über ihr Forschungsgebiet hinaus. Sie will wissen, warum der freundliche Barmann hinter der Theke der Cafeteria des Museum Israel den unausgewogenen Cabernet lieber trinkt als den balancierteren Merlot. Und sie ist neugierig, wie man selbst als Leserin auf das Buch reagiert. Ernüchtert? Desillusioniert? Oder ermächtigt? Das Gespräch übrigens wird von Klassikern des israelischen Liebespop untermalt, die Illouz en passant erklärt.

Für «Warum Liebe weh tut» hat Illouz Jane Austen herangezogen. Die Viktorianer dienen ihr als Folie für andere Ideen der Liebe, des Selbst. Eva sagt den Leuten nicht, was ihr Glück wäre. Sie fragt sie, was sie für ihr Glück halten. Dann fragt sie sich: Was hätte so früher nicht gesagt werden können? So kommt sie zu soziologischen Mustern. Wie es kommt, dass manche der modernen Liebenden ihre Romanzen lieber in der Schwebe halten und über Jahre in jemanden verliebt sind, den sie nur per E-Mail kennen. Warum sie dieses «fiktionale Gefühl», wie Illouz es nennt, einer realen Begegnung oder Beziehung vorziehen. Weshalb so viele Gespräche unter Frauen in den Satz münden: «Was ist bloss mit diesem Typen los?» Oder warum der Ratgeber «The Rules» einen derartigen Erfolg hat mit Ratschlägen wie: «Ruf ihn nicht an & ruf ihn nur selten zurück».

Der Erfolg von «The Rules», schreibt Eva Illouz, «lässt sich damit erklären, dass diese Regeln kulturelle Strategien darstellen, um Knappheit zu erzeugen.» Das vielzitierte Phänomen der männlichen Bindungsangst, argumentiert sie, sei schlicht eine Strategie. Das romantische Begehren nämlich sei in der Moderne in ein ökonomisches Verständnis von Gefühlen eingebettet. Betrachtet man das Begehren unter einem ökonomischen Gesichtspunkt, dann erzeugt Knappheit Wert, Überfluss hingegen lässt den Wert sinken. Gibt es mehr bindungswillige Frauen als Männer in einem Heiratsmarkt, sinkt für den Mann der Wert einer Bindung – das Begehren nach der bindungswilligen Frau nimmt ab. Distanzierte Männer agieren schlicht als emotionale Kapitalisten: Sie halten das ohnehin schon knappe Gut, die männliche Bindungsbereitschaft, einfach noch stärker unter Verschluss. «The Rules» leitet die Frauen schlicht an, die Strategie der Männer zu imitieren: gewissermassen Expertinnen im Abstandhalten zu werden, um Verfügbarkeit zu begrenzen und damit Wert zu erzeugen. Einer, den Illouz im Buch interviewt, formuliert dieses emotionale Armdrücken so: «Derjenige, der mehr begehrt wird, hat mehr Macht.»

Am Schluss Ihres Buchs klingen Sie, als bräuchten wir für die leidenschaftliche Liebe eine Art Manifest. Was stünde darin? Das erste Gebot dieses Manifests wäre: Es ist nicht uncool, Werte und Grundsätze auch auf die Liebe anzuwenden. Im Gegenteil: Es ist ungeheuer cool. Wir sollten in der Liebe nicht bloss danach streben, Beziehungen und Erfahrungen anzuhäufen. Sondern es eher so verstehen: Wie jemand liebt, ist ein Ausdruck seines Charakters. Mein zweites Gebot wäre, dass Leidenschaft cool ist. Wir halten Distanziertheit für cool, die abgekühlten Gefühle. Ich hingegen würde zeigen wollen, dass Leidenschaft und Hitze cool sind. Drittens ginge es darum, ein anderes Modell von Männlichkeit in den Vordergrund zu schieben.
Welches?
Eines, das Abhängigkeit, Versehrbarkeit und Leidenschaft als Teil dessen einschliesst, was es heisst, ein «echter» Mann zu sein. Das vierte Gebot wäre Transparenz: Dem anderen zu sagen, wie in einem Vertrag, was man von der Beziehung will. Und dann würde ich den Frauen sagen: Trennt den Kinderwunsch vom Wunsch nach Liebe. Macht nicht eines abhängig vom anderen. Wenn ihr Kinder wollt, bekommt sie allein – oder in einer Gemeinschaft mit anderen Frauen, die auch Kinder wollen. Ich glaube wirklich, dass Homosexuelle in vielem die Avantgarde der Gesellschaftsentwicklung sind, so etwa bei der Frage von Elternschaft und dem Lebenspartner: Manchmal korrespondieren sie. Manchmal nicht. Ich glaube, wir sollten in diese Richtung gehen.
Das ist ziemlich radikal.
Es ist eine Mischung. Im Grunde plädiere ich dafür, hypermodern zu sein und gleichzeitig viktorianisch. Hypermodern, weil ich die Familie nicht als unveränderliche Struktur sehe. Und vor-
modern in dem Sinne, dass man einen starken Charakter hat. Sich auf Grundsätze zu verpflichten, das ist vormodern. Das moderne Selbst ist flexibel.
Sie scheinen der dauernden Befragung des eigenen Inneren nicht sehr viel zuzutrauen.
Seinen Gefühlen folgen zu wollen, ist nicht immer eine gute Idee. Gefühle sind sehr schwankend. Wenn wir nach innen schauen, sehen wir eine ungeheure Unordnung. Authentizität ist eine terroristische kulturelle Idee.
Und warum hängen wir so an der Liebe?
Es gibt diese tiefe Sehnsucht in der romantischen Liebe, dass jemand die Einzigartigkeit unserer Existenz anerkennt. Deswegen ist die Idee der Liebe so kostbar für uns: Weil sie eben nicht eigennützig ist. Sie ist hoffnungslos, absichtslos – und genau diese Absichtslosigkeit macht die Schönheit der Liebe aus.
Sie sind gegen jede Berechnung.
Ja. Ich bin ganz für Vernunft, aber ganz gegen Berechnung. Ich glaube absolut an die Leidenschaft – aber diese Leidenschaft darf nicht von der Vernunft getrennt sein. Es ist grundfalsch, jemanden zu lieben, der einen nicht zurückliebt. Das Herz sollte keine Fehler machen.


 

Kosmopolitin

Eva Illouz wurde 1961 in Marokko geboren. Sie wuchs dort in der jüdischen Gemeinschaft auf, später zog die Familie nach Frankreich. Illouz studierte in Paris, promovierte in den USA und ist heute Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Söhnen in Jerusalem. Bekannt wurde Illouz 2003 mit dem Buch «Der Konsum der Romantik». Ihr neues Buch «Warum Liebe weh tut» erscheint Anfang Oktober bei Suhrkamp.

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