Heft 14/13

Partnersuche in Paris: Date-à-Date in der Stadt der Liebe

Text: Ariane Gross; Illustration: Clotka

Partnersuche in Paris: Date-à-Date in der Stadt der Liebe

Sind die Franzosen tatsächlich die wahren Connaisseurs in Sachen Amour? Unsere Autorin wollte es wissen und meldete sich in Paris auf einer Dating-Plattform an.

Das habe ich nun davon, so viel Französischgrammatik gebüffelt zu haben. Kleinlich und spitzfindig, mit dem pedantischen Blick einer Deutschschweizer Lehrerin stürze ich mich auf die Kontaktanfragen: Auf wie viel Bildung kann geschlossen werden, wenn einer in zwei Sätzen acht Fehler versenkt? Dann ärgere ich mich wiederum über mein elitäres Getue, korrekt Geschriebenes zu verlangen, dem Makel keine Chance zu geben.

Die Männer würden wohl den Kopf schütteln über so viel Kopflastigkeit, sie würden sich ein Bier aus dem Kühlschrank holen. Prost. Die Nächste bitte! Aber zum Glück weiss keiner etwas davon. Auf der Dating-Plattform kennen sie mich nur nett lächelnd in einem Streifen-T-Shirt, die Haare leicht vom Winde verweht, das Gesicht dezent geschminkt – die Typen glauben sich in angenehm normaler Gesellschaft.

Fauxpas: Touri-Bild

Für mein Profil hatte ich ein etwas älteres Foto hochgeladen. Peinlich ist mir beim späteren Profil-Check aber nicht das Fotoschummeln, sondern die Kulisse. Ich stehe auf dem Bild doch ausgerechnet neben dem Eiffelturm. Ein Touri-Bild auf einer Pariser Flirtseite, was für ein Fauxpas. An dieser Stelle schliesst sich die berechtigte Frage an, warum jemand überhaupt auf die Idee kommt, während einer temporären Auszeit im Ausland auf eine Dating-Seite zu gehen? Erstens habe ich hier in Paris viel mehr Zeit als in meiner Schweizer Heimat. Zweitens bin ich Single, und drittens finde ich es absolut logisch, in der Stadt der Liebe nach Liebe zu suchen.

In einem ersten Durchlauf gilt es, die besten Kandidaten für ein Treffen in der Realität auszusortieren. Ich bekomme einige Anfragen von verheirateten Männern, denen man aber immerhin zugutehalten muss, dass sie transparent sind. «Je suis marié. J’aimerais que nos désirs se libèrent.» – Ich bin verheiratet. Es wäre schön, unseren Leidenschaften freien Lauf zu lassen. Ich habe auch schon munkeln hören, dass es die Franzosen weniger genau mit der Treue nehmen als andere Völker.

Bonne soirée, Miss

In der Anrede- und Abschiedsformulierung kristallisiert sich eine Vorliebe für das Wort Miss heraus. «Bonne soirée, Miss», «amuse-toi bien, Miss», «à bientôt, Miss»! Ob es daher kommt, dass im Französischen die Bezeichnung Mademoiselle genauso veraltet ist wie im Deutschen das Fräulein? Zum Glück gibt es noch Englisch. Da klingt ja irgendwie alles modern, selbst wenn es sich um die Übersetzung von Fräulein handelt.

Ali ahnt nichts davon, dass wir uns hauptsächlich deshalb treffen, weil er korrekte, stilsichere und orthografisch einwandfreie Sätze produziert. Wir sitzen in einer gemütlichen Brasserie im 19. Arrondissement und trinken Kaffee. Ich hätte wahnsinnig Lust auf Wein, halte mich aber zurück. Es ist schliesslich erst früher Nachmittag, zudem brauche ich zum Wein irgendwann fast immer eine Zigarette. Damit kommt man bei modernen Männern ja zunehmend schlechter an. Ali ist gewitzt, gut gekleidet (französischer Stil: karierte Jacke, klassische Jeans, Lederschuhe) und ein unterhaltsamer Redner. Mit ihm, dem weit herumgekommenen Physiker, teile ich den fremden Blick auf Frankreich.

Klischees verbinden

Was sind typische französische Eigenheiten? Wo trifft das Klischee zu? Eine Frau in gestreiftem T-Shirt und einer Baguette unter dem Arm stöckelt an uns vorbei, wir nicken beide; ein schönes Stereotyp. Hundescheisse auf dem Teer. Das passt auch. Genervte Autofahrer, die ihren Kopf aus dem Fenster strecken und einander anschreien. Très français. Mit seiner dunklen Hautfarbe, den kantigen Gesichtszügen, seiner gross gewachsenen Gestalt und den feingliedrigen Händen erinnert Ali an einen Massai, je mehr er aber von sich erzählt, desto mehr splittert dieses Bild auf.

Meinem Bild eines Afrikaners bleibt er nur im ersten Satz treu; Ali wurde als Siebter von zehn Geschwistern im Tschad geboren, siedelte dann nach Frankreich über, wo er zwischen zwei Kulturen aufwuchs. Während seine Eltern und Geschwister später nach Afrika zurückkehrten, blieb er in Frankreich, zog in Paris in eine 1-Zimmer-Wohnung. Er mag das Alleinsein, Wein, Bier und die Kälte, geht oft ins Kino und fährt gern Ski. Wir bestellen nach dem Kaffee eine Karaffe Wein, er bietet mir eine Zigarette an. Trotz Alis offensichtlichem Hang zur Gemütlichkeit – dieser Mann ist in seinem Alltag dermassen ausgebucht, dass wir unseren Mail- und SMS-Kontakt nach einigen Wochen des Hin und Her wieder einstellen. Er schickt aus London, Berlin und Madrid Grüsse auf «à bientôt», ich ziehe es schliesslich vor, weiter im Inventar zu wühlen.

Paris lebt man einfach

Vor unserem Treffen schrieb Ali per Mail: «Je vis Paris 5.» Alex sandte per SMS: «Je vis Paris 15. Et toi?» Ich wohne Paris 19. Seit fünf Monaten. Die geschluckte Präposition macht deutlich: Man lebt nicht «in, an, bei, auf» Paris, man lebt einfach Paris! Alex, der in Paris 15 lebt, wartet an einer Metrostation des 19ten auf mich, ich komme gerade dann anspaziert, als ein feiner Nieselregen einsetzt. Das hat den Vorteil, dass die schönste Parkbank mit Blick auf die Stadt frei ist und wir die Leute beobachten können, die eilends Unterschlupf suchen.

Diese Angst vor Regentropfen ist angesichts der Häufigkeit von Regen in Paris wirklich erstaunlich. Regnet es, leert sich die Stadt blitzschnell. Damen packen ihre kleinen Hündchen unter den Arm, säuseln ihnen liebevolle Worte ins Mini-Öhrchen. Alex deutet auf einen chic aufgemachten Vierbeiner in Pelerine, strahlt mich an und meint «mignon» – süss; ich suche in seinem Kommentar vergebens nach Ironie. Er schaut bereits dem nächsten hinterher. Vielleicht liegt es an der Unvereinbarkeit unserer Einstellung zu kleinen Hunden, aber das Gespräch will einfach nicht recht in Fahrt kommen, obwohl es Themen gäbe. Ich hätte zum Beispiel gern mit ihm über Vietnam gesprochen, aber ich erfahre einzig, dass er Vietnamesisch mit französischem Akzent spricht, was seine Eltern traurig stimmt. Ob der französische Akzent im Vietnamesischen ebenso durchdringend ist wie im Englischen? Ich werde es nicht erfahren, denn unsere Parkbank soll unsere erste und letzte Station bleiben. Wir verabschieden uns und suchen in zwei verschiedene Richtungen Unterschlupf vor dem Regen.

Auf dem virtuellen Friedhof

Der SMS-Austausch mit Vincent, dem ersten französischen Namen, funktioniert dagegen reibungslos: Vincent: Tu v’ boire un coup? T où? Ich: Ok, j’habite Paris 19. Vincent: Moi Paris 15. U R welcome. Ich: Rendez-vous au milieu? Vincent: Non, chez moi! Reibungslos, aber doch auch nicht ganz nach meinen Wünschen. Ich bin mir bewusst, dass Frauen mehr Freude am SMS-Schreiben haben als Männer. Sogar auf stark begrenztem Terrain machen Frauen ganze Sätze, schreiben eine Anrede und eine Verabschiedung. Was mich an Vincent aber stört: Er mag es ja nicht nur kryptisch (würde ich noch durchgehen lassen), nein, er erwartet auch noch von mir, dass ich allein den Weg auf mich nehme, um einen Mann zu treffen, der sich nicht mal die Mühe gibt, zusammenhängende Sätze zu schreiben. Da katapultiere ich ihn mit einem Klick auf «Löschen» doch lieber gleich auf den virtuellen Friedhof.

Die Verhaltensweise «Mach dich rar, lass nichts von dir hören» wirkt anscheinend auch bei Männern, die man noch gar nicht kennt. Zwei Tage nach dem Begräbnis werde ich von Vincent mit SMS bombardiert, die mit jedem Mal länger werden. Endlich ein paar Meldungen mit wahrem Blues: Vincent hat die Achillessehnen innerhalb von fünf Monaten zweimal gerissen, sodass er nur noch im Netz auf Reisen gehen kann. Was den Rest der Zeit angeht, ist er ans Sofa oder Bett gebunden. Zu einem Treffen kommt es trotz dieser Mini-Tragödie nicht, der Weg zu einem unbekannten Verletzten ist mir dann doch nicht der Mühe wert.

Gute Bildung

Wie gesagt, mir sind eine korrekte Sprache und gute Umgangsformen wichtig, dennoch bin ich leicht irritiert, von einigen Herren mit «Vous» angeschrieben zu werden. Sie kombinieren die Höflichkeitsform «Sie» mit meinem Vornamen, ein Mischmasch, den ich nur von der Schule her kenne. Aber auf einer Dating-Plattform? Es sind lustigerweise namhaft ein Emanuel, ein François-Xavier und ein Jean-Marc, die zu dieser gestelzten Form greifen. Jean-Marc treffe ich auf ein Glas Wein in einer gediegenen Bar. Er spricht die Sätze langsam und deutlich aus, und ich weiss nicht, ob er das mir als Fremdsprachlerin zuliebe macht oder ob es Zeugnis seiner guten Bildung ist.

In meinem Phonetikkurs wurden wir von der Lehrerin in den verschiedenen Stilen zur korrekten Aussprache unterwiesen: Es gibt nicht nur ein Sie und Du, um Nähe oder Distanz zu schaffen, nein, man passt sich mit der Aussprache auch den Gegebenheiten an. Wer die Wörter in den einzelnen Situationen richtig verwenden will, muss genau wissen, wo und vor allem wann wie betont wird und welche Wörter miteinander verbunden werden, auf Französisch nennt sich so etwas Liaison. Als Schlussexamen mussten wir ein und denselben Text einmal in gehobenem, dann in alltäglichem Stil vorlesen, Abzüge gab es, wenn am falschen Ort zu deutlich betont wurde oder falsche Verbindungen gemacht wurden. Fraglich ist, ob es am Alter meiner Lehrerin lag (64), dass sie so viel Wert darauf legte, oder ob diese Nuancierung in der heutigen Zeit noch immer aktuell ist.

Die Funken springen nicht

So oder so, zwischen mir und Jean-Marc springt kein Funken – weder eine gedehnte noch eine gekürzte Liasion. Was sonst noch so an Kontaktanfragen reinflattert? «Heil belle inconnue» lösche ich, Fortsetzung inklusive, sofort aus meiner Mailbox, auch die Frage, ob ich Uniformen möge, landet im Papierkorb. Wer schöne Texte schreibt, hat bei mir bereits halb gewonnen, dann gebe ich immer Antwort. Und lachen muss ich jedes Mal ab dieser Anrede: «Je suis ravi de faire ta connaissance.» Je suis ravi; erinnert mich eher an alte Damen, die ein Rahmtörtchen essen und ihren Kaffee aus Jugendstiltassen trinken, als an potenzielle Liebeskandidaten.

Der französische Chauvinismus schlägt sich dafür besonders schön in der Sprache nieder. Einer schreibt in Bezug auf sein Hobby: «J’adore le VTT.» Ich google: VTT = vélo tout terrain = so etwas wie geländegängig. Herzig finde ich auch die Eigenbezeichnung «Jeune homme», unter dessen Profilfoto «44» steht. Weniger attraktiv finde ich Männer, die ihren nackten Oberkörper ablichten lassen oder die Lippen zu einer Schnute zusammenziehen.

Can I stay at your place?

Ob es in der Schweiz nebst dem Englischen noch weitere offizielle Sprachen gebe, fragt Xavier. Kandidat löschen. Die Schweizer seien sehr offene Menschen, meint ein Algerier. Ironisch oder ernst gemeint? «Sono un italiano in Francia.» Ich zücke mein Italienisch-Wörterbuch. «Can I stay at your place?», fragt ein reisender Schwede. Ich verweise auf eine billige Herberge. Ob ich eher der verträumte oder der realistische Typ sei? Ich antworte auf typisch schweizerische Art «beides». «Tu es encore à Paris?» Ich verneine.

Virtuell und gedanklich noch in Paris, real aber bereits zurück in meiner Heimatstadt Bern. Ja, Paris! Mein Französisch ist nuancierter, slangiger, schneller, witziger und frecher geworden. Mission erfüllt. Und die Männer? Nun, die Kulisse mag ja stimmen, die Liebe habe ich dort trotzdem nicht gefunden. Macht nichts: Paris ist wunderschön. Und daten tue ich nun einen Deutschen. C’est la vie.

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