Plädoyer für die Liebe

Unser 10-Punkte-Plan

Text: Claudia Senn; Foto: GettyImages / Symbolbild 

Claudia Senn Plädoyer für die Liebe
  • Claudia Senn über ihre Beziehung:

    «Wir lassen uns ausgiebig wissen, wieviel wir einander bedeuten, auch unter Zuhilfenahme peinlicher Kosenamen aus der Mausi-/Hasi-/Zuckerschnäuzli-Schublade.»

Wie hält man eine Beziehung über Jahrzehnte lebendig? Das wollen wir von unseren annabelle-Redaktorinnen und -Redaktoren in der Serie «Ein Plädoyer für die Liebe» erfahren. Im ersten Teil verrät Claudia Senn ein paar unorthodoxe Anregungen. 

Mein Liebster und ich sind nun seit bald 24 Jahren zusammen. Es gab in dieser Zeit keine ernsthafte Beziehungskrise, keine Trennungsgelüste, keinen Seitensprung. Während links und rechts von uns eine Liebe nach der anderen von der gnadenlosen Abrissbirne des Lebens zermalmt wurde, blieb unsere heil. Ich glaube nicht, dass mich das zu einer Beziehungsexpertin macht. Wer weiss schon, ob mir mit einem anderen Mann eine ebenso langjährige Liebe gelungen wäre? Trotzdem gibt es ein paar gute Gründe, warum wir nach all den Jahren noch immer so glücklich miteinander sind:

1. Elaborierte Paarferien mit 5-Sterne-Wellness auf den Malediven – kann man machen, nützt aber nichts für die Beziehung. Was zählt, ist der Alltag, die Zeit miteinander, die einfachen Freuden. Unser tägliches Highlight ist das gemeinsame Abendessen. Kein Tag kann so schrecklich sein, dass man ihm mit einer guten Mahlzeit nicht doch noch ein bisschen Glück abtrotzen könnte.

2. Andere haben glamourösere Wohnungen, schickere Klamotten, wahrscheinlich auch das aufregendere Sexleben. Trotzdem sind wir mit dem, was wir haben, meistens zufrieden. Hat man den Zwang zur Selbstoptimierung erst einmal abgelegt, kann das Leben wirklich grossartig sein.

3. Jeder von uns hat eigene Freunde, ein eigenes Bankkonto, ja sogar ein eigenes Schlafzimmer. Für die Sauna (hasst er!) oder das Orgelkonzert (hasse ich!) lassen sich auch andere Begleiter finden. Keiner ist dazu verpflichtet, die Bedürfnisse des anderen zu erfüllen. Das gilt auch und insbesondere beim Sex. Wenn einer grad keine Lust hat, wird das vom anderen ohne grosses Murren akzeptiert, denn er weiss: Die Flaute wird vorübergehen. Hat bisher noch immer geklappt.

4. Rituale: Der gemeinsame Einkauf auf dem Markt. Das Frischbackgipfeli, das er mir am Sonntagmorgen bäckt, damit ich nicht hungrig ins Yoga muss. Das Kopfhautkraulen beim Netflix-Gucken, das ihn schnurren lässt wie eine glückliche Katze. Ist einfach schön. Jedes Mal von Neuem.

5. Natürlich gehen auch wir uns auf die Nerven wie jedes andere Paar, lassen dies jedoch niemals zur Grundstimmung werden. Jeder Ärger, der über banale Gereiztheit/Unterzuckerung/prämenstruelles Syndrom hinausgeht, muss auf den Tisch, und zwar sofort. Es gibt kein Grundrecht darauf, die eigene schlechte Laune am Partner auszulassen.

6. Flirten (mit anderen) ist erlaubt, erquickt den Flirtenden und somit auch unsere Beziehung. Die rote Linie liegt beim Knutschen. Selbstverständlich gab es in all den Jahren Versuchungen. Doch denen haben wir niemals nachgegeben, weil wir wissen, was wir damit aufs Spiel setzen würden. Menschen sind keine Tiere, die ihren Trieben hilflos ausgeliefert sind. Jede unserer Handlungen beruht auf einer Entscheidung.

7. Wir haben eine Putzfrau, genauer gesagt sogar mehrere, die wir liebevoll «die Putzis» nennen und fürstlich bezahlen. Putzfrauen sollten Orden kriegen. Putzfrauen haben hierzulande wahrscheinlich mehr Ehen gerettet als Paartherapeuten. Denn sobald man nicht mehr selbst den Dreck des Liebsten wegmachen muss, kriegt man gleich ein viel entspannteres Verhältnis dazu.

8. Wir lassen uns ausgiebig wissen, wie viel wir einander bedeuten, auch unter Zuhilfenahme peinlicher Kosenamen aus der Mausi-/Hasi-/Zuckerschnäuzli-Schublade. Am Telefon gurren wir wie frisch verliebte Täubchen, was die Kollegen im Grossraumbüro mit einer Mischung aus Faszination und Irritation zur Kenntnis nehmen. Das ist natürlich extrem uncool und schlecht für die Street-Credibility. Macht nichts, ich bin ja schon 52. Da darf man so uncool sein, wie man will.

9. Intimität speist sich nicht daraus, dass man dem anderen stets eine möglichst ideale Version seiner selbst präsentiert. Man muss auch mal schwach, bedürftig und peinlich sein dürfen, ohne dafür verurteilt zu werden. Allein das unterirdische Niveau unserer Witze! Gott sei Dank weiss niemand, wie doof wir sind. Dies und vieles anderes bleibt im nur für uns beide zugänglichen Schutzraum unserer Beziehung.

10. Schön, wenn man auch noch im Job reüssiert, doch am Ende zählt nur die Liebe. Wir brauchen nicht erst auf dem Sterbebett zu liegen, um diese simple Wahrheit zu erkennen. Ist so. War schon immer so. Wird auch immer so bleiben. Wer eine grosse Liebe leben und sie über die Jahre lebendig erhalten möchte, muss ihr deshalb die erste Priorität in seinem Leben einräumen. So einfach ist das. Und gleichzeitig so kompliziert.

 

Themenmonat

Bei uns steht der Februar im Zeichen der Liebe – vier Wochen lang geht es bei uns um Beziehungen und ihre Schwierigkeiten, um Leidenschaft, Fantasie und um das grosse private Glück. 

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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