Wie ist es eigentlich

Wenn man seinen Ehemann per Autostopp findet

Aufgezeichnet von Sharon Teitler; Foto: Getty Images

In meinem Heimatland Israel ist praktisch das ganze Jahr über Sommer, daher kann ich nicht mal sagen, in welcher Jahreszeit sich diese schicksalhafte Begegnung zugetragen hat. Ich war damals in einem Internat, und fürs Wochenende waren meine Freundin und ich auf dem Weg nachhause zu unseren Eltern. Die Bushaltestelle war zu Fuss in rund zwanzig Minuten zu erreichen. Weil die Schule recht abgelegen lag und wir danach keine Verbindung mehr in die Stadt hatten, waren wir auf diesen einen letzten Bus angewiesen. Unser Schreck war entsprechend gross, als dieser uns vor der Nase abfuhr.

Wir hatten nun zwei Möglichkeiten; entweder den ganzen Weg zurück zum Internat, bergauf und in glühender Hitze, oder aber wir probierten es mit Autostopp. Wer von uns beiden letztlich den Daumen rausgehalten hat, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls kam irgendwann ein oranger Jeep ohne Verdeck angefahren und hielt an.
Es waren die 1970er-Jahre. Im Auto sassen zwei junge Männer. Wie sich später herausstellte, waren sie Touristen aus der Schweiz. Der eine davon gefiel mir gut, er war braungebrannt, blauäugig und trug eine goldene Kette mit einem Anhänger um den Hals. Wir erklärten ihnen, wir müssten in die Stadt, dort könnten sie uns dann irgendwo rauslassen. Während der Fahrt unterhielten wir uns super, und meine Freundin und ich waren ein wenig enttäuscht, als die beiden uns am Ziel aussteigen liessen, ohne uns anzubieten, noch etwas Zeit zusammen zu verbringen. Wir wären gern noch mit ihnen auf ein Glacé gegangen oder so. Zwei Wochen später kam eine Mitschülerin auf mich zu, die denselben Vornamen wie ich trug. Sie sagte, dass sie einen Brief bekommen habe, der offenbar für mich bestimmt sei. Als ich ihn in meinem Zimmer öffnete, fielen mir Fotos dieses hübschen, blauäugigen Schweizers in die Hände. Ich zeigte den Brief und die Fotos meiner Freundin, und wir jauchzten vor Vergnügen!

So begann eine monatelange Korrespondenz zwischen ihm und mir. Später – ich lebte unterdessen wieder zuhause bei meinen Eltern – kam er mich auch mehrmals in Israel besuchen. Meine Mutter, die damals als Krankenschwester arbeitete und zufällig auch eine Patientin aus Zürich betreute, beauftragte diese, den Leumund ihres potenziellen Schwiegersohnes zu prüfen. Sie war sehr erleichtert, als dieser Test überdurchschnittlich positiv ausfiel.

Eines Tages, mein Freund war wieder zu Besuch und sass bei uns zuhause im Garten, hielt er bei meinem Vater um meine Hand an. Dieser willigte ein, und so fingen mein künftiger Ehemann und ich an, unsere gemeinsame Hochzeit zu planen. Stattfinden sollte diese im Garten meines ehemaligen Kindergartens. Zur Hochzeit reisten meine Schwiegermutter und andere Familienmitglieder meines Mannes sowie einige seiner Freunde an. Nach der Trauung flogen wir in die Schweiz, wo für mich ein völlig neues Leben begann. Um das Land und seine Menschen näher kennenzulernen, bestand unser Honeymoon aus einer langen Reise. Wir besuchten unter anderem Bern und Interlaken – unterwegs waren wir in einem sportlichen roten Fiat. Unsere Ehe hielt zehn Jahre und wir bekamen eine gemeinsame Tochter. Leider starb mein Mann bereits in seinen Vierzigern an Krebs. Es war Schicksal, dass meine damalige Freundin und ich an jenem besonderen Tag den Bus nachhause verpassten. Und hätten wir nicht Autostopp gemacht, wäre mein Leben komplett anders verlaufen. Rückblickend bin ich sehr dankbar, dass wir damals den Bus nicht erwischten. Trotzdem würde ich nie wieder Autostopp machen. Das finde ich viel zu gefährlich.

RAHEL M. (60)Rentnerin, Zürich
 

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