Wie ist es eigentlich, als Paartherapeutin die eigene Ehe nicht retten zu können?

Julia Frohner*, Paartherapeutin, Zürich

Als Paartherapeutin bin ich überzeugt, dass Probleme in einer Beziehung angegangen und gelöst werden können. Was leider nicht heisst, dass sich jede Beziehung retten lässt. Ich musste das selbst erfahren, als meine Ehe vor zwanzig Jahren trotz meines Fachwissens in die Brüche ging.

Als ich mit 19 Jahren von Mexiko in die Schweiz kam, war dies für mich wie eine Landung auf dem Mond. Ich verstand kein Schweizerdeutsch, sprach nur Spanisch und fühlte mich entwurzelt. Bis ich Reto* kennen lernte. Er hat sich um mich gesorgt, viel mit mir gemacht, mich ins Leben in der Schweiz eingeführt, das war so unser Anfang. Wir haben uns verliebt, ich wurde schwanger, und dann haben wir geheiratet. Ich war 21 Jahre alt und ging noch an die Uni, wo ich Psychologie studierte.

Nach der Geburt unseres ersten Kindes zog sich Reto mehr und mehr von mir zurück. Heute denke ich, dass dies erste Anzeichen seiner Überforderung waren: Reto hat sich in seiner neuen Rolle als mein Mann und als Vater unseres Kindes nicht zurechtgefunden. Kam er nach Hause, las er Zeitung. Er versteckte sich geradezu hinter ihr. So sehr, dass unser Sohn während langer Zeit glaubte, die Zeitung nenne man Papa.

Reto und ich bekamen in vier Jahren drei Kinder. Was unsere Beziehung nicht eben vereinfacht hat: Das alte Problem des Rückzugs blieb. Zudem hatte Reto Mühe, sich um mehr als eine Person aufs Mal zu kümmern. Das machte unseren Alltag schwierig. Sprach ich unsere Schwierigkeiten an, fühlte sich mein Mann bedrängt und machte noch mehr zu. Ich sass in der Falle: Wenn ich mit ihm über unsere Schwierigkeiten sprechen wollte, machte dies unsere Sache noch schlimmer. Aber nicht darüber zu reden, war auch nicht besser. Ich schwieg. Zu oft.

Mit der Zeit sah ich meinen Mann nur noch als Versorger, nicht mehr als Partner. Das kam nicht plötzlich. Das Gefühl stellte sich nach und nach ein, wir entfremdeten uns schleichend, bereits nach der Geburt des ersten Kindes. Auch ich selbst fühlte mich zunehmend nur noch als Mutter und Hausfrau gewürdigt. Als Frau geriet ich in Vergessenheit. Und das mit Mitte zwanzig! Das verletzte mich.

Ohne dass etwas Dramatisches passiert wäre, lebten wir uns also auseinander. Meiner Ansicht nach zerrieben wir uns in unserer Funktion als junge Eltern. Und entwickelten uns in entgegengesetzte Richtungen. Ich wurde unabhängiger. Harrte aber in der Ehe aus.

Als inzwischen ausgebildete Therapeutin konnte ich zwar einordnen, was zwischen meinem Ehepartner und mir vor sich ging. Aber es änderte nichts an meiner Gefühlslage. Psychologische Kenntnisse sind keine Versicherung gegen das Scheitern. Am Ende bin ich trotz meines theoretischen Wissens einfach nur ein Mensch. Und meine Emotionen stellten sich mir in den Weg. Was heisst: Ich
hoffte wider besseres Wissen auf eine Veränderung zum Guten. Zu lange.

Nach zwanzig Jahren Ehe gingen wir zusammen in eine Therapie. Vergeblich. Wir hätten uns viel früher Hilfe holen sollen. Fünf oder zehn Jahre früher. Doch Reto wollte das nicht. Erst als ich ihm mit der Trennung drohte, lenkte er ein. Doch da war es zu spät. Dreier im Sex Lexikon. Ich hatte mich innerlich schon gegen die Partnerschaft mit ihm entschieden. Es gibt in jeder Liebesbeziehung einen Point of no Return. Wir waren schon darüber hinaus. Also liessen wir uns nach zwanzig Jahren Ehe scheiden.

Meine Trennung war in meinem beruflichen Umfeld kein Thema. Auch bei Paartherapeutinnen und -therapeuten gibt es Scheidungen. Ich habe in keiner meiner Ausbildungen so viel gelernt wie in dieser schwierigen Ehe. Sie hat mir ein grosses Verständnis für die Probleme und Nöte anderer Paare ermöglicht. Heute kommt mir das in meiner Arbeit zugute.

* Namen von der Redaktion geändert

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