Co-Leiterin der Porny Days

Wir haben mit Talaya Schmid über sexuelle Selbstbestimmung gesprochen

Text: Marie Hettich; Bild: Instagram talaya_schmid

Talaya Schmid ist Künstlerin und Co-Leiterin der Porny Days – dem Zürcher Film- und Kunst-Festival zum Thema Sexualität. Ein Gespräch über den Male Gaze, BDSM, Instagram – und den Weg zur selbstbestimmten Lust.

annabelle: Talaya Schmid, was bedeutet es für Sie, sexuell selbstbestimmt zu sein?
Talaya Schmidt: Sexuelle Selbstbestimmung heisst für mich, zu wissen, was man will, zu wissen, was man nicht will – und beides formulieren zu können.

Eigentlich ja kein Hexenwerk, könnte man meinen.
Das könnte man meinen, ja. Allerdings wird in unserer Gesellschaft von Frauen* erwartet, dass sie die Bedürfnisse der anderen vor ihre eigenen stellen – in allen Lebensbereichen, auch in der Sexualität. Man muss da nur an manche Frauen*magazine denken, die auf dem Cover Tipps für ein besseres Sexleben versprechen und im Heft dann erklären, wie ein perfekter Blowjob funktioniert. Ich selbst musste mich vom «Male Gaze», vom männlichen Blick, ganz bewusst emanzipieren.

Was meinen Sie damit?
Wir sehen ständig und überall die männliche Perspektive auf den weiblichen Körper – ein grosser Teil der Bevölkerung wird einfach ausgeschlossen. Weil in unserem patriarchalen System der männliche Blick so omnipräsent ist, kann man kaum anders, als ihn zu übernehmen. Als Teenager habe ich mich deshalb gar nicht wirklich damit beschäftigt, was mir beim Sex eigentlich gefallen würde. Viel wichtiger war mir, wie mich mein Gegenüber wahrnimmt.

Wie haben Sie es geschafft, einen eigenen Blick zu entwickeln?
Erstmal, indem ich mir theoretisches Wissen angeeignet habe. Es halten sich immer noch so viele Mythen zum Thema weibliche Sexualität – beispielsweise die Schmerzen beim ersten Mal oder die Existenz des Jungfernhäutchens. Später habe ich in Chicago im Rahmen meiner Kunstausbildung dann an einem Seminar teilgenommen, in dem wir gemeinsam Pornofilme analysiert haben – ganz seriös, so wie man alle anderen Filmgenres auch analysiert. Dieses Seminar hat mir enorm dabei geholfen, sexuell selbstbestimmter zu werden.

Wie das?
Ich habe dort so richtig begriffen, wie einseitig Pornografie ist – und damit auch unsere Vorstellung von Lust. Für mich war es so befreiend zu merken: Hey, da muss es so viel mehr geben, was mir viel mehr entspricht – ich muss mich einfach auf die Suche danach machen. Ich kenne übrigens auch ganz viele Männer*, die Alternativen suchen, weil sie von den Stereotypen abgeturnt sind.

Und – was haben Sie gefunden?
Es gibt so schräge, witzige, kunstvolle oder auch politische Pornos, die alle Vorstellungen von Lust über den Haufen werfen und dann wieder neu zusammensetzen. Gerade queere Filmproduktionen haben oftmals eine Verspieltheit, die den meisten Mainstream-Heterofilmen komplett fehlt. Ich finde es schlimm, wie Sexualität im Mainstream dargestellt wird.

Nämlich?
Ultra hetero-normativ und unconsensual, also ohne gegenseitige Einwilligung. Es gilt offenbar immer noch als entmystifizierend, beim Sex miteinander zu sprechen. Ich habe aber die Hoffnung, dass sich das langsam ändert – zumindest in meiner Bubble. In letzter Zeit wurde ich zum Beispiel ein paar Mal gefragt: «Darf ich dich küssen?» Das ist nicht nur wichtig – sondern auch richtig hot (lacht).

Wenn man sich vornimmt, sexuell selbstbestimmter zu werden – wie geht man da vor?
Zuerst könnte man sich mal in Ruhe Gedanken darüber machen, welche sexuellen Fantasien man alles schon hatte und vielleicht als peinlich oder völlig unrealistisch abgetan hat. Ausserdem würde ich raten, sich weiterzubilden – etwa mit Büchern, Workshops oder Festivals – und mit anderen den Austausch zu suchen. Wenn es zum Beispiel ums Kochen oder um Restis geht, fragt man im Freund*innenkreis ja auch nach Tipps und Erfahrungen. Warum sich nicht mal vorsichtig ans Thema Lust heranwagen und schauen, wer darauf anspringt? Ich empfehle kleine Schritte mit kleinen Grenzüberschreitungen.

Grenzüberschreitungen?
Für mich ist Neugierde essentiell – und die Bereitschaft, in einem vertrauten Rahmen ab und zu die Komfortzone zu verlassen. Sonst kommt man der eigenen Lust nur schwer auf die Schliche. Eine Hemmschwelle kann ja zum Beispiel schon sein, in einen Sexshop zu gehen und sich beraten zu lassen. Oder mal mit Essen zu spielen. Oder BDSM auszuprobieren. Wichtig ist natürlich, Grenzüberschreitungen immer nur in einem sicheren Umfeld einzugehen, wo man sich jederzeit wieder rausnehmen kann.

BDSM wirkt auf viele sicher eher abschreckend.
BDSM – kurz für Bondage, Discipline, Dominance and Submission, Sadism and Masochism – wird leider extrem stigmatisiert. Dabei geht es einfach um Spielarten, die den Fokus weg von den Genitalien und der Penetration lenken. Der ganze Körper wird als erogene Zone wahrgenommen. Wenn man sich fesselt, wird die Haut zwischen den Seilen sehr empfindlich – damit kann man spielen und Sexualität körperlich als auch zeitlich wunderbar ausdehnen. Aber das ist natürlich Geschmacksache. Man kann auch sexuell selbstbestimmt sein, wenn man alle zwei Wochen mit seiner*m Partner*in Blüemli-Sex hat.

Woher wissen Sie, wo Ihre Grenzen liegen?
Grenzen sind ja nicht in Stein gemeisselt. Ich habe definitiv schon Situationen erlebt, in denen ich im Nachhinein gemerkt habe, dass das jetzt nah an meiner Grenze oder vielleicht sogar ein bisschen darüber war. Aber das ist per se ja auch nichts Schlechtes – so lernt man sich besser kennen und kann beim nächsten Mal gegebenenfalls direkt Stop sagen.

Was, wenn einem das Stop- oder Neinsagen schwerfällt?
Je häufiger man in seinem Alltag für sich einsteht und Grenzen setzt, desto leichter gelingt es – so war es bei mir jedenfalls. Ich würde versuchen, immer aus der Ich-Perspektive zu sprechen, also zum Beispiel zu sagen: «Stop, hierbei fühle ich mich unwohl. Das ist meine Grenze.»

So ein Satz kommt nicht jeder Person easy über die Lippen.
Wenn einem das zu direkt ist, kann man auch sagen: «Moment, ich brauche ein Glas Wasser.» Dann steht man auf, wechselt vielleicht sogar den Raum, und gibt sich und der Situation ein bisschen Luft. So kann man die eigenen Gefühle sortieren und entscheiden, ob man zurückgeht – oder vielleicht vorschlägt, lieber gemeinsam zu chillen oder etwas zu kochen. Und natürlich gibt es auch Verhaltensweisen, die gehen einfach nicht, Punkt. Da muss man dann auch nicht höflich bleiben.

Auf Instagram gehen Sie sehr offen mit Ihrer Sexualität um. Woher nehmen Sie den Mut?
Mein Hintergrund ist Kunst – dieser Kontext schützt mich bis zu einem gewissen Grad und gibt mir viele Freiheiten, für die ich extrem dankbar bin. Aber auch unabhängig davon hat sexuelle Selbstbestimmung für mich viel mit meiner politischen, feministischen Haltung zu tun.

Heisst?
Unsere Gesellschaft ist in den letzten Jahren zwar offener geworden, aber zufrieden bin ich mit dem Status Quo noch nicht. Manchmal denke ich, wir müssen die Freiheit, die wir haben, zelebrieren, um sie zu erhalten. Mir geht es auch darum, sich bestimmte Begriffe wieder anzueignen. «Schlampe» zum Beispiel. Es macht mich wütend, wenn Frauen* geslutshamed werden – ich möchte mir diesen Begriff aneignen und positiv besetzen, damit er nicht gegen mich und andere Frauen* verwendet werden kann. Deshalb gebe ich manchmal umso mehr Gas.

 

Filmtipps von Talaya:

  • «Devourable» (Ms Naughty, Australien 2017): «Eine erotische Dokumentation über ein queeres, lesbisches Paar und ihre wahnsinnig zärtliche und verspielte Liebes- und Sexbeziehung.»
  • «Dancers» (Antonio Da Silva, Portugal 2014): «Hier gefällt mir neben der Ästhetik, dem Sound und der Komposition auch, dass Männer*körper im Vordergrund stehen und dass der Film auch ein politisches Statement gegen die finanzielle Situation in Portugal und die fehlende Unterstützung für künstlerische Initiativen ist.»
  • «Soft Cock Manifesto» (Annie Sprinkle, 2010): «Annie preist die Tugenden und Freuden des weichen Penis und rettet den weichen Schwanz vor Jahrhunderten an schlechter Publicity. Annie Sprinkle ist eine meiner Ikonen. Ihr vielfältiges Leben und Schaffen finde ich wahnsinnig inspirierend.»
  • «Le Clitoris» (Lori Malépart-Traversy, Canada 2016): «Die Klitoris ist das einzige Organ im menschlichen Körper, das ausschliesslich dem Vergnügen gewidmet ist! In diesem humorvollen und lehrreichen Zeichentrick-Dokumentarfilm erfährt man mehr über ihre unerkannte Anatomie und ihre unbekannte Entstehungsgeschichte.»
  • «Ivans Need» (Veronica L. Montaño, Manuela Leuenberger and Lukas Suter, Luzern 2015): «Der Abschlussfilm von Absolvent*innen der Illustrations-Klasse der HSLU. Ich liebe an dieser Animation, wie verspielt sie Anziehung und gleichzeitige Überforderung des kleinen Mannes* gegenüber der überwältigenden Frau* im Fenster darstellt. Und ich mag, wie offen und bestimmt die Frau* ihre Lust bekundet.»

 

Buchtipps von Talaya:

  • Laurie Penny: «Unspeakable Things» (2014)
  • Nina Power: «Die Eindimensionale Frau» (2011)
  • Liv Strömqvist: «Der Ursprung der Welt» (2017)
  • Mithu M. Sanyal: Vulva Das unsichtbare Geschlecht» (2. Auflage 2009)
  • Sandra Konrad: «Das Beherrschte Geschlecht: Warum sie will was er will» (2018)
  • Stephanie Haerdle: «Spritzen: Geschichte der Weiblichen Ejakulation» (2020)
  • Oliwia Hälterlein: «Das Jungfernhäutchen gibt es nicht» (2020)
  • Virginie Despentes: «King Kong Theorie» (2006)
  • Bell Hooks: «The will to change» (2004)

 

Sonstige Tipps:

 

Die Porny Days finden dieses Jahr am 27. und 28. November statt. Hier gibt es mehr Infos.

Marie Hettich ,
Redaktorin
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