Menswear: Deshalb ist Haut-Zeigen im Trend

«Männer werden wieder zu sexuellen Objekten»

Text: Marie Hettich; Bilder: Imaxtree

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Jacquemus

Balmain

Ann Demeulemeester

Dior

Gmbh

Heron Preston

JW Anderson

Lazoschmidl

Ludovic de Saint Sernin

Mattiussi

Christian Dada

In Sachen Menswear tut sich was: Auf den Runways, aber auch auf der Strasse ist immer mehr vom Männerkörper zu sehen. Woran das liegen könnte? Wir haben nachgefragt.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass diesen Sommer manche Männer ziemlich viel Haut zeigen? Oder genauer: vor allem Männer unter, sagen wir, 35? Während noch vor ein paar Jahren alles Knappe und Figurbetonte als zu weiblich oder «gay» gefürchtet war, scheinen sich junge Männer immer unbedarfter an kurze Shorts, weit aufgeknöpfte Hemden oder gar an knappe Speedos heranzutrauen. Was ist da passiert?

Schon vergangenes Jahr, als die Männerkollektionen für den Sommer 2020 gezeigt wurden, war auf den Runways viel vom Männerkörper zu sehen: Bei Dior gabs Hosen, die kaum über den Schritt reichen, bei Prada weit ausgeschnittene Tanktops – und bei Jaquemus wurde das Shirt gleich ganz weggelassen. Auch Teile der neusten Männerkollektionen für den Sommer 2021 zeichnen ein ähnliches Bild.

 Courtesy of Prada

Man könnte also sagen: Die Modewelt hat sich eine neue männliche Sexyness gewünscht – und sie bekommen. Und das wohlgemerkt sogar in der Schweiz, wo der Drang, sich modisch auszutoben, bekanntlich nicht besonders stark ausgeprägt ist.

Dr. Ulrike Langbein, die den von ihr entwickelten Studienschwerpunkt «Kulturanthropologie der Mode» am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Universität Basel leitet, bestätigt: «Der Mann, der seinen Körper zur Schau stellt, ist wieder gesellschaftsfähig geworden». Mit «wieder» meint sie: Er war es mal – und dann sehr lange nicht mehr. Wer beispielsweise an die spanische Hofmode denkt, weiss vermutlich, dass Männer mit knallengen, teils kunterbunten Leggings ihre Beine in Szene setzten und mit Schamkapseln oder sonstigen Auspolsterungen ihr Genital betonten. 

«Modisch beschnitten»

Doch dann kam Mitte des 16. Jahrhunderts die Reformation, welche die Opulenz und Mode, so Ulrike Langbein, «unter Generalverdacht» stellte – später gefolgt vom bürgerlichen Zeitalter, das die sogenannte «Verschwärzlichung der Männermode» einleitete.

Heisst: Nicht mehr der herausgeputzte, reich erbende Adlige galt als das Nonplus-Ultra, sondern der fleissig arbeitende Bürger – und schwarze Kleidung sollte dieses Abwenden vom Oberflächlichen zum Ausdruck bringen. Farbe war ab sofort den Frauen vorbehalten. Mehr noch: «Frauen wurden erotisiert, Männer entsexualisiert. Der Mann wurde modisch sozusagen beschnitten.»

Die nächste Zäsur: Aids

Mit der sexuellen Revolution und Provokateuren wie Elvis Presley, Mick Jagger oder Freddie Mercury waren dann in den 60ern bis Mitte der 80er-Jahre die engen Höschen und kleinen T-Shirts wieder da. Bis zur nächsten Zäsur: Aids. «Durch das Aids-Virus wurde die Sexualität des Mannes auf einen Schlag problematisiert – mit unübersehbaren Folgen», erklärt Ulrike Langbein. «Vor Aids gab es zum Beispiel die wildeste Unterwäsche – für schwule als auch für hetero Männer. Nach Aids waren dann plötzlich diese riesigen Boxershorts und Baggyhosen da, die das männliche Genital unsichtbar machen.» 

Dass wir aktuell wieder mehr vom Männerkörper zu sehen bekommen, hat laut Ulrike Langbein vor allem drei Gründe: Einerseits feiern zurzeit die 90ies in der Mode ein Revival – also die Zeit der extrem athletischen Männermodels in den Wäschekampagnen von Calvin Klein oder Armani. «Sport und Sex vermischen sich gerade: Der Männerkörper tritt als sehr sportlicher, trainierter Körper in Erscheinung. Die Muskeln suggerieren: Ich war fleissig, ich habe etwas geleistet.»

«Auch Frauen dürfen Männern heute hinterhergucken»

Zweitens: die Globalisierung. «In einer globalisierten Welt spüren wir zunehmend die Einflüsse von alternativen Männlichkeitskonzepten», sagt Ulrike Langbein. Allein durch das Reisen kämen viele Menschen zum Beispiel mit der italienischen Männermode in Berührung, die seit jeher der Frauenmode in nichts nachsteht. «Oder man denke an den Trend der Barbershops aus den arabischen Ländern, wo Männerbärte perfekt getrimmt und Brauen gezupft werden.» Die Globalisierung tue puritanisch geprägten Ländern wie der Schweiz oder Deutschland optisch sehr gut, fasst Langbein zusammen.

Und der dritte Grund: die Emanzipation der Frau. «Männer werden allmählich wieder zu sexuellen Wesen, zu sexuellen Objekten. Das hat viel mit dem aufbrechenden Rollenverständnis von Mann und Frau zu tun: Auch Frauen dürfen heute Männer anschauen, ihnen hinterhergucken, die Rolle der Eroberin einnehmen», sagt Ulrike Langbein. Schwule Männer wiederum seien stets in beiden Rollen – in der des Eroberers und der des Verführers – gewesen. «Deshalb war figurbetonte Kleidung oder gewagte Wäsche bei den homosexuellen Männern auch nie wirklich weg.»

«Eine ziemliche Herausforderung»

Der österreichische Soziologe Otto Penz, der zum Thema Schönheit und Körper forscht, drückt das so aus: «Frauen haben im Bildungsprozess stark aufgeholt. Weil sie heute also immer öfter das zu bieten haben, was früher fast ausschliesslich Männer zu bieten hatten, wird deren physisches Kapital immer wichtiger.» Laut Penz bedeutet das: Die Partnerwahl ist komplexer geworden – für beide Geschlechter. «Das ist eine ziemliche Herausforderung.»

Seit den 90ern sei eine Zunahme des – so drückt der Soziologe es aus – «männlichen Schönheitshandelns» zu beobachten: Mit David Beckham und dem Begriff Metrosexualität ging es los, dass ausgiebige Körperpflege mit der heterosexuellen Männlichkeit allmählich zu vereinbaren war. Trotzdem: Dass die Gleichstellung zwischen Mann und Frau längst noch nicht erreicht ist, sehe man eben genau daran, dass Frauen immer noch sehr viel mehr Zeit und Geld in ihr Aussehen stecken. Und: Obwohl Männer ihren Körper zwar immer mehr zur Schau stellen, seien es nach wie vor vor allem Frauen, die enganliegende Kleidung tragen und viel Haut zeigen, so Penz.

Welchen Einfluss hat Covid-19?

Zu einer Prognose, wie es mit der Männermode weitergehen wird, lässt sich Otto Penz nicht hinreissen. Ulrike Langbein wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft – und kommt auf die Corona-Pandemie zu sprechen. «Mode ist immer Ausdruck ihrer Zeit. Dementsprechend würde es mich doch sehr wundern, wenn Covid-19 keinen Einfluss auf die Mode haben wird. Vielleicht werden wir also bald Kleidungsstücke sehen, die wieder deutlich mehr Distanz signalisieren.»

Marie Hettich ,
Redaktorin
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