Heft 03/14

Diesels Motor: Designer Nicola Formichetti

Interview: Silvia Binggeli

Diesels Motor: Designer Nicola Formichetti
Diesels Motor: Designer Nicola Formichetti
Diesels Motor: Designer Nicola Formichetti
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«Nur wenn die Chemie stimmt, kann ich kreieren»: Nicola Formichetti

Rockig: Nicola Formichettis Hommage an Diesel, die Tribute Denim Collection

Sommerfrisch: Diesels Frühling/Sommer-Kollektion, bei der Neuzugang Formichetti noch nicht designte, aber die Auswahl traf

Nicola Formichetti (36) stylte Lady Gaga und entwarf für Mugler – nun berät er Diesel als Creative Director. Er freut sich, dass sein Chef Renzo Rosso genauso verrückt ist wie er.

Nicola Formichetti, Sie sind eben aus Montauk nach New York zurückgekehrt. Warum suchten Sie an der Küste nach Ideen?
Ich fahre oft mit meinen Hunden dorthin. Also schlug ich dem Diesel-Team vor, am Strand zu spazieren, Hummer zu essen und entspannt über die Zukunft nachzudenken. Wissen Sie, mich einem einzigen Projekt ganz und gar zu widmen, ist neu für mich. Ich bin sonst hektisch, immer auf Achse.

Na ja, Sie arbeiten auch mit der japanischen Modekette Uniqlo, entwerfen eine eigene Linie, eröffnen Stores in Asien …
(Er lacht). Ja, aber ich bin trotzdem fokussierter. Früher designte ich auch noch Magazine und kleidete Lady Gaga ein – beides sehr anspruchsvoll.

Wie wählen Sie Aufträge aus?
Immer aufgrund von Menschen. Nur wenn die Chemie stimmt, kann ich kreieren. Renzo Rosso kenne ich seit Jahren. Er ist ebenso verrückt wie ich.

Inwiefern?
Er ist mit über fünfzig leidenschaftlich wie ein Kind.

Ist er eine Vaterfigur?
Jedenfalls respektiere ich ihn sehr. Er hat den richtigen Riecher, weiss, wie man eine Marke aufbaut und weiterentwickelt. Er ist ein grossartiger Lehrer.

Wie unterrichtet er Sie?
Wir spazieren durchs Diesel-Museum im italienischen Breganze, dem Hauptsitz der Firma. Renzo kennt jedes Paar Jeans, jedes Kleidungsstück. Er erzählt die Story dazu, warum welcher Stoff entworfen und wie verarbeitet wurde.

Sie gelten als einer der kreativsten Menschen der Branche. Keine Angst, Ihre Ideen in einer globalen Firma mit Gewinnanspruch zu ersticken?
Nein. Ich muss nie vor einem steifen Ausschuss Ideen präsentieren. Diesel war nie eine klassische Firma. Die Leute dort lieben Musik, feiern Partys. Gleichzeitig wollen und müssen sie natürlich Erfolg haben. Ich möchte künftig sehr viel über Business lernen. Da kommt wohl meine japanische Seite zum Vorschein.

Sie wuchsen als Sohn eines italienischen Piloten und einer japanischen Stewardess in Rom, London und Tokio auf. Wie viele Sprachen sprechen Sie?
Ich beherrsche vor allem die Sprache der Visualität und der Liebe (Er lacht). Aber ich spreche neben Englisch und Italienisch auch Japanisch. Meine Eltern und meine Grossmutter leben bei Tokio.

Was ist an Ihnen sonst noch japanisch?
Ich bin pünktlich und präzis. Ich liebe Spielzeuge, wie man meiner Wohnung hier ansieht. Und ich glaube, dass Gott in der Natur lebt.

Wie zeigt sich die italienische Seite?
Ich bin natürlich ein grossartiger Liebhaber! Im Ernst: Ich bin ein Kind der ganzen Welt.

Trotzdem: Wie war es, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen?
Als Kind schwierig. Man will sein wie alle anderen, gewöhnt sich Akzente ab, passt sich an – will vermutlich sogar besser sein als alle anderen.

Wie denken Sie heute über Kulturenvielfalt?
Ich könnte von überall sein, aus Brasilien, der Türkei oder Amerika. Das entspricht meiner Generation. Wir sind überall, kommen von überall her. Die digitalen Medien begünstigen diese Entwicklung.

Die omnipräsenten digitalen Möglichkeiten können Weltbürger aber auch in den Wahnsinn treiben.
Das stimmt. Deshalb habe ich kürzlich auf Hawaii einen digitalen Detox gemacht: Zwei Wochen lang war ich nicht online.

Und – Fluch oder Segen?
Es war grossartig zu sehen, dass die Welt sich weiterdreht, mit mir oder ohne mich. Ich muss nicht überall dabei sein. Ich kann in Ruhe mein Ding machen.

Warum haben Sie sich danach wieder ins digitale Getümmel gestürzt?
Ich nutze die Social Media als Kommunikation und als Inspiration. Ich recherchiere etwa auf Tumblr, stelle Moodboards zusammen. Social Media sind für mich Arbeit und Vergnügen zugleich.

Sie haben Diesel mit dem Projekt «#DieselReboot» eine Art Frischekur verpasst.
Ich sagte mir: Warum 35 Jahre spannende Firmengeschichte vergessen? Man muss nur neu aufstarten, also rebooten, wie beim Computer. Ist er eingefroren, schaltet man ihn aus und dann wieder ein. So einfach.

Was bedeutet das konkret?
Über eine Website sprechen wir Leute an und schaffen eine Community, die beim Aufbau mithelfen soll. Wir finden Models, Fotografen, Print Artists, die bei der Inszenierung von Kollektionen und Ideen mitwirken.

Was ist Ihr Trick?
Ich denke nicht zu lange über Dinge nach. Denkt man zu lange nach, kommt die Angst. 

Als Creative Director berät Nicola Formichetti die Diesel-Gruppe in Marketing- und Imagefragen. Im März präsentiert er ausserdem seine erste eigene Kollektion für das Haus.

www.diesel.com/reboot

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