Heft 18/14

Der Mustermann: Textildesigner Christoph Hefti

Interview: Barbara Loop; Fotos: Imaxtree.com (6)

Der Mustermann: Textildesigner Christoph Hefti
Der Mustermann: Textildesigner Christoph Hefti
Der Mustermann: Textildesigner Christoph Hefti
Der Mustermann: Textildesigner Christoph Hefti
Der Mustermann: Textildesigner Christoph Hefti
Der Mustermann: Textildesigner Christoph Hefti
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«Der Print zeigt, was der Kern der Kollektion ist»: Christoph Hefti

Lanvin, Sommerkollektion 2013: Hier wurde Christoph Hefti von antiken Statuen inspiriert

Bei Dries van Noten, aus der Herbstkollektion 2008

Opulent floral: Mustermix bei Dries van Noten, Sommer 2008

Bei Dries van Noten, aus der Herbstkollektion 2008

Hyperreal: Schlangen- print bei Lanvin, Sommer 2012

Textildesigner Christoph Hefti über ausgefallene Prints, mutige Frauen und den (ökonomischen) Druck im Modebusiness.

Keine Farben, keine Muster: Christoph Hefti (47) erscheint im Kapuzenpulli, uni schwarz, in weissen Jeans und Turnschuhen. Dabei sind Prints seine Leidenschaft. Der Schweizer hat Stoffe für Jean Paul Gaultier und Lanvin entworfen, war 13 Jahre Creative Assistant bei Dries van Noten und dort für die Drucke verantwortlich. Derzeit kreiert er Prints beim angesagten Label Balenciaga.

ANNABELLE: Christoph Hefti, welche Prints waren die mutigsten, die Sie je für eine Kollektion entworfen haben?
CHRISTOPH HEFTI: Der Lanvin-Schlangenprint von 2012 und ein Print für Gaultier, der ganz klein und dekorativ die Szenen einer Orgie zeigt. Das hat für einen kleinen Aufstand gesorgt.

Bei den Modekritikern?
Nein, bei den Druckern in Italien. Sie hatten schon mit der Arbeit begonnen, als sie erkannten, was sie da druckten. Sie waren so schockiert, dass sie die Arbeit verweigerten. Wir mussten eine neue Fabrik suchen.

Sie arbeiten gern provokativ?
Ja, es macht Spass, an den Grenzen dessen zu arbeiten, was möglich ist. Entwerfen ist das eine, aber es braucht Mut, diese Prints zu tragen. Frauen sind ja auch sehr mutig. Frauen können auch mal etwas vertreten, das nicht alle gut finden. Männer hingegen sind wie Patienten. Sie brauchen zur Mode ein Rezept mitgeliefert.

Denken Sie beim Entwerfen der Prints an die Tragbarkeit?
Es kommt auf das Haus an, für das man arbeitet. Bei Lanvin dachten wir zuerst an ein Thema und erst dann an die Frau, die das Kleid tragen wird. Die Schlangen mussten extrem lebendig wirken. Wir waren bis zum Schluss unsicher, ob das überhaupt jemand tragen will.

Und bei Dries van Noten?
Genau umgekehrt. Für Dries van Noten sind Prints und Farben extrem wichtig. Da war jeder Schritt auf Ästhetik bedacht und darauf, etwas Attraktives für die Frau zu schaffen.

Bei Balenciaga, wo Sie jetzt arbeiten, spielen Prints in dieser Saison kaum eine Rolle.
Die Prints flossen auch in die aktuelle Kollektion ein, sie sind nur weniger auffällig. Prints kommen ja nicht immer als Motive daher. Für Balenciaga-Chefdesigner Alexander Wang sind sie ein Mittel, um eigenwillige Strukturen und Texturen zu kreieren.

Print ist in dieser Saison einer der Trends. Trotzdem, unifarbene Kleidung beherrscht die Mode. Machen Prints kommerziell gesehen überhaupt Sinn?
Die Kollektionen gleichen sich immer mehr an – in den Schnitten wie in den Farben. Bei den kommerziellen Kollektionen sind achtzig Prozent aller Kleidungsstücke schwarz. Das verkauft sich. Und doch wollen die Läden auch Abwechslung, etwa durch Prints. Neben sehr wilden Prints entwirft man deshalb oft noch eine tragbare Version für die Geschäfte.

Was macht für Sie den Reiz von Stoffdrucken aus?
Die Direktheit. Der Print zeigt am deutlichsten, was ein Modehaus sagen will, was der Kern der Kollektion ist.

Kommt im Designprozess der Print oder der Schnitt zuerst?
Das läuft ohne Regeln ab, ganz Cowboystyle. Ich mache die Print-Recherche, parallel dazu recherchieren die Designer. Wir tragen die Ideen immer wieder zusammen.

Wo holen Sie sich Ihre Inspirationen?
Aus der Kunst zum Beispiel. Die Art, wie ein Künstler die Dinge betrachtet, oder die Farben, die er verwendet. Und ich suche in den Stoffarchiven der Firmen, mit denen ich arbeite, nach alten Drucktechniken und Stoffen. Für mich sind Ethnic-Themen sehr wichtig, wie die Usbekistan-Ikats. Dann gibt es auch einen sehr persönlichen Teil, ein Gefühl, von dem ich nicht genau weiss, woher es kommt.

Aber die Frage ist doch immer, was im Moment ankommt, was Trend sein wird.
Ich überlege mir nicht, was die Frau jetzt haben will, sondern gehe von mir und dem Haus aus. Wenn ich drei Kollektionen sehr farbig gearbeitet habe, interessiere ich mich für matte Farben oder für japanische Stoffe, die grafisch spannend sind, aber nur einen Rotton enthalten.

Trendforschung ist also für Sie kein Thema?
Nein, überhaupt nicht. Trendbüros sind für Häuser wichtig, die keine eigenen Stoffe entwerfen. Die Labels, für die ich bisher gearbeitet habe, setzen die Trends selber.

Welche Designer sind für Sie derzeit tonangebend?
Von Comme des Garçons kann man jede vierte Saison etwas erwarten, das man so nie gesehen hat. Dort wird die Hierarchie von Prints, Stickerei oder Applikationen vollkommen aufgehoben. Das ist interessant. Dior muss man beobachten. Raf Simons arbeitet mit einer beeindruckenden Präzision.

Und in der aktuellen Saison?
Die Haute-Couture-Kollektion von Maison Martin Margiela hat mir sehr gut gefallen. Aber die Prêt-à-porter-Kollektionen für diesen Herbst finde ich sehr schwach und undefiniert. Da ist eine grosse Unsicherheit spürbar.

Was glauben Sie, woher rührt diese Unsicherheit?
Die Modehäuser stehen unter einem wahnsinnigen Verkaufsdruck. Die Maschine läuft immer schneller, jeder Entwurf kurbelt den Kaufrausch weiter an. Gleichzeitig steckt in jedem Designer auch ein Künstler – die einen schaffen den Spagat zum Business besser, die anderen schlechter. Es gibt in Paris viele unglückliche Designer.

Sie zeichnen ein düsteres Bild.
Ja, die Textilindustrie in Europa serbelt, die Models stehen immer auf der Kippe zwischen Glamour und Tragödie, und die Frauen sind beherrscht von der Idee, dass sie jede Saison ein neues Kleid kaufen müssen. Aber trotzdem: Mode ist grossartig! Nirgendwo widerspiegelt sich die Gesellschaft direkter als in der Mode.

Welches ist Ihr Platz im Spannungsfeld von Kunst und Business?
Ich bin eher zufällig zur Mode gekommen. Zu meiner Zeit konnte man an der Zürcher Schule für Gestaltung noch nicht bildende Kunst studieren. Also habe ich Textildesign studiert und Stoffe entworfen, die auf Malerei basieren. Meine Auftraggeber schätzen es, dass ich einen anderen, künstlerischen Zugang zur Mode habe.

Was fasziniert Sie ganz konkret an Ihrer Arbeit?
Es ist ganz einfach: Wir Menschen werden angezogen vom Leuchten der Farben, von einem satten Schwarz oder einer schönen Form. Auch ich liebe Farben, Formen und Qualität – es geht mir um Schönheit. Ich entwerfe gern, und ich mag die Zusammenarbeit mit den Technikern in den Druckereien.

Gibt es ein ikonisches Muster, von dem Sie wünschten, Sie hätten es entworfen?
Der Print aus Vivienne Westwoods Piraten-Kollektion von 1981. Der ist frisch und charismatisch, aber auch sehr einfach.

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