Roberto Cavalli

Roberto Cavalli - Der Italiener

Text: Silvia Binggeli; Fotos: Tommaso Mei, Imaxtree

Roberto Cavalli mit seiner Frau Eva
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Roberto Cavalli mit seiner Frau Eva

Kurze Jupes, tiefe Décolletés und Animalprints: Roberto Cavallis Mode steht für Sexiness – seit 40 Jahren. Wer ist der Mann, der als der grösste Entertainer unter den Designern gilt und unsere Reporterin ungeniert Amore nennt? Ein Besuch in Florenz.

Roberto Cavalli fürchtet, dass seine Frau Eva ihn nicht mehr liebt. Seit dreissig Jahren sind die einstige Schönheitskönigin aus Österreich und der italienische Modedesigner verheiratet. Sie haben drei Kinder und entwerfen gemeinsam Mode für Frauen, die gern ihre Reize zeigen. Für ihre legendären Animalprints und die Kunst, aus einem Hauch Stoff ein Kleid zu machen, beklatscht die Fachwelt die beiden, wenn sie nach der Präsentation über den Laufsteg schreiten, Hand in Hand, sie einen Kopf grösser als er. Doch kürzlich, da hat Roberto zu seiner Eva gesagt: «Ich glaube, du liebst mich nicht mehr.» «Wie kommst du darauf?», hat sie ihn erstaunt gefragt. Und Roberto hat geantwortet: «Du sagst nicht mehr so oft bravo. Früher hast du viel öfter bravo gesagt.»

Roberto Cavalli steht wie kaum ein anderer in der Branche für sexy Mode: Seine Kleider sind hoch geschlitzt, seine Décolletés tief, seine Jupes kurz. Er entwirft für Frauen, die den roten Teppich dem Stubenteppich vorziehen. Der Designer feiert auf einer selbst inszenierten Bühne kräftig mit. Die Partys mit prominenter Besetzung auf seiner vierzig Meter langen Jacht «Freedom» sind ebenso legendär wie sein dauergebräuntes Gesicht, das er Fotografen gern strahlend entgegenstreckt, meist hält er dabei ein Glas Champagner in der einen und eine Zigarre in der anderen Hand. Seine Jetset-Auftritte führen dazu, dass Glamourhungrige auf der ganzen Welt etwas von seinem Glanz haben wollen: Sein Name wird in fetten Lettern auf Kopien von seinen Designertaschen und auf billigen Glitzer-Shirts zur Schau getragen. So kommt jeder zu seinem Auftritt.

Der grösste Entertainer unter den Modedesignern lebt standesgemäss: auf einem Hügel ausserhalb von Florenz liegt ihm die Welt zu Füssen. Auf der Veranda seines Palazzo wachsen meterhoch Palmen. Im Salon liegen Zebrafelle auf dem Boden, im Esszimmer steht die Skulptur eines Einhorns, ein Papagei krächzt durch die Räume. Doch das aussergewöhnliche Sammelsurium ist so gekonnt kombiniert, dass sein Heim trotz Extravaganz stilvoll und warm wirkt. Dieses Jahr feiert Roberto Cavalli das vierzigjährige Bestehen seiner Marke. Grund genug, um zurückzublicken.

Der Designer möchte das Interview in seinem Büro führen, das zweihundert Meter von der Villa entfernt liegt. Zypressen säumen den Weg zu seiner Wirkungsstätte, die Skulptur eines Pferdes, das sich in den Schweif beisst, steht auf einem perfekt gestutzten Rasen. Links liegt der private Landeplatz. Roberto Cavalli fliegt gern im Helikopter zu seinen Terminen. Er arbeitet in einem modernen kubischen Bau mit Fensterfronten. Auf Regalen liegen Fotobände über Mode und Kunst, die er über die Jahre gesammelt hat. Sein Grossvater war der berühmte Porträtmaler Giuseppe Rossi, dessen Werke in den Uffizien hängen. Der Enkel hat von ihm früh die Kunst des genauen Beobachtens und Nachahmens gelernt. In einem privaten Fotostudio warten Scheinwerfer darauf, angeknipst zu werden. Draussen springen zwei Affen in einem Käfig auf und ab.
Roberto Cavalli liebt exotische Tiere. Zebras, Papageien, Schlangen, Leoparden, Tiger sind ihm Inspiration für die farbenfrohen Muster seiner Kleider. Er macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Seinen Blick auf die Frauen könnte man allerdings auch als eindimensional umschreiben: «Frauen wollen nicht in einem langweiligen Kleid in der Ecke stehen. Sie wollen sexy sein.» Der Kreis seiner prominenten Kundinnen ist über die vier Jahrzehnte seines Schaffens stetig gewachsen. Yasmin Le Bon, Liz Hurley, Leona Lewis, Shakira: Kaum eine berühmte Schauspielerin oder Sängerin zwischen 18 und 50, die nicht schon in einem Kleid von ihm durch ein Blitzlichtgewitter geschritten ist. Ein paar seiner bekanntesten Fans haben unlängst für ihn vor der Kamera des französischen Fotografenduos Mert und Marcus posiert. Zum Jubiläum präsentieren etwa Jennifer Lopez, Gisele Bündchen und Lara Stone seine wichtigsten Kreationen. In seinem Büroatelier zeichnet Roberto Cavalli letzte Korrekturen für den Fotoband ab, der daraus entsteht. Er rollt auf einem Stuhl an einem langen Arbeitstisch hin und her und will sich offenbar das Rauchen abgewöhnen. Jedenfalls hält er eine Zigarette in der Hand, an deren Ende zwar eine Glut leuchtet und die Rauchzeichen abgibt. Doch sooft er auch daran zieht, der falsche Glimmstängel wird nicht kürzer. Er sagt: «Ich freue mich über mein Jubiläum. Ich bin stolz darauf, weil die Leute mir Komplimente machen, mir sagen, dass ihnen meine Arbeit gefällt. Das Wort bravo bringt mein Adrenalin zum Kochen.»

Eigentlich hätte Roberto Cavalli einen anständigen Beruf erlernen sollen. Seine Mutter, eine Schneiderin, wünschte sich das so. Sie zog ihn allein gross, nachdem der Vater gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von Soldaten der Wehrmacht in einem Racheakt erschossen worden war. Sie schickte ihn auf die besten Schulen. Doch Roberto Cavalli wollte lieber arbeiten und dabei Spass haben. «Ich wollte mein Leben immer geniessen», erklärt er seinen Hang, mit der grossen Kelle anzurichten. Er trägt eine Sonnenbrille mit dunklen Gläsern und rollt das R im Englischen mit charmant italienischem Akzent. Die Begeisterung, mit der er erzählt, hat etwas Gewinnendes. «Ich liebe es, Dinge zu tun, die mir ein verrücktes und spezielles Gefühl geben.»

Angefangen hat seine Karriere allerdings sehr nüchtern: Von einem US-Gefängnis kaufte Roberto Cavalli Anfang der Siebzigerjahre einen Container voll gebrauchter Jeans. Es war die Zeit der weiten Hippiekleider und der flachen Jesussandalen. Er hatte eine glamourösere Vision von der gesellschaftlichen Revolution: Er verpasste den Jeans eine neue Waschung und nähte als Blickfang Wildlederfetzen auf den Po. Die Kollektion mit den Patchworkelementen kam bei der Präsentation in Florenz an. Wenig später eröffnete der Designer in Saint-Tropez die Boutique Limbo. Und dort spazierte schon bald die erste berühmte Kundin herein: Brigitte Bardot. Roberto Cavalli erinnert sich gern an jene Zeit, in der er sein Image schuf. «Ich war ein klassischer italienischer Playboy, trug die Haare lang und das Hemd off en. Ich schlief in meinem kleinen Motorboot, das direkt an der Promenade lag, und arbeitete tagsüber in der Boutique.» Das Hemd trägt er heute noch off en. Es ist schwarz. Roberto Cavalli trägt meistens Schwarz. Er erklärt seine Vorliebe erst einmal so: «Ich liebe Farben. Schauen Sie nur nach draussen. Die Natur schafft die schönsten Farben. Aber um sie noch besser zur Geltung zu bringen, muss man sie mit Schwarz oder Weiss kombinieren.» Er hält einen Moment inne. «Aber ganz ehrlich, es gibt auch noch einen anderen Grund: Ich war als junger Mann ziemlich fett. Und habe schnell bemerkt, dass Schwarz optisch schlank macht.» Er bricht in schallendes Gelächter aus, klatscht in die Hände.

Nötig hätte er das schwarze Hemd nicht mehr. Seine Beine stecken in knallengen Jeans und enden in einem Po, der nicht breiter ist als der eines Topmodels. Roberto Cavalli feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Doch seine Brust, das verrät das off ene Hemd, ist durchtrainiert. «Ich mache mir keine Gedanken über mein Äusseres», kokettiert er zwar. Aber auch die sorgfältig zurückgekämmten Haare und die perfekt frisierten Augenbrauen zeugen vom Gegenteil. Wie ein Siebzigjähriger scheint er sich nicht zu fühlen. Seine um die Hälfte jüngere Gesprächspartnerin nennt er ungeniert Amore.
Roberto Cavalli gehört zu den wenigen Designern, die sich auch privat für Frauen interessieren. «Ich will nicht über andere urteilen», sagt er. «Aber für die meisten meiner Kollegen sind Frauen nicht mehr als beste Freunde.» Er hingegen habe sie ein Leben lang studiert, bewundert und geliebt. «Ich weiss, wie sie morgens nach dem Aufstehen aussehen, wie abends, wenn sie schlafen gehen. Wie, wenn sie wütend sind.» Nur: Im ganz gewöhnlichen Alltag können sie die glamourösen Kreationen, die er für sie entwirft, nur schwer tragen. Spätestens auf dem Spielplatz würden sie darin gelinde gesagt mehr als unpassend wirken. An der Präsentation seiner neuen Frühlingskollektion schickte Roberto Cavalli im September Models über den Laufsteg, deren enge Hosen aus ebenso vielen Freiräumen wie Stoff bestanden, die Models trugen kurze Tops, die den Bauch nur mit Fransen bedeckten. Ein Kritiker schrieb: «Nie hatte man das Gefühl, so viele Topmodels nackt zu sehen, obwohl sie in Wahrheit Kleider trugen.» Es blieb unklar, ob der Kritiker das nun gut oder schlecht fand. Klar ist, dass Roberto Cavalli mit diesem Effekt spielt. «Frauen, die zu viel zeigen, machen alles kaputt», sagt er. «Als Mann will man sich doch Sachen vorstellen können.»

Er liebe die Erotik, sagt Roberto Cavalli. «Aber ich hasse die Vulgarität.» Manchmal, wenn er auf der Strasse eine Frau sehe, die seine Sachen auf eine billige Art kombiniere, möchte er ihr die Kleider am liebsten vom Leib reissen und sagen: «Du hast nichts verstanden.» Nicht verstanden, dass das Leben keine Dauerparty ist, an der man immer sexy aussehen muss, ein Image, das er selbst geschaffen hat? Nein, entgegnet er, die Trägerin müsse die schmale Gratwanderung zwischen sexy und vulgär beherrschen, um seinen Kreationen gerecht zu werden: «Zu einem kurzen Kleid darf man keine kniehohen Stiefel mit Wahnsinnsabsatz tragen. Zu einem gemusterten Kleid keinen üppigen Goldschmuck.»

Und dann gibt sich der einstige Playboy aus Saint-Tropez plötzlich sogar romantisch. «Ein Kleid kann dein Leben verändern», sagt Roberto Cavalli. «Wir sind doch alle halbe Äpfel, auf der Suche nach der zweiten Hälfte, die uns vollkommen macht. Trägst du das richtige Kleid im richtigen Moment, kann dir das helfen, diese zweite Hälfte zu finden.» Er würde gern für viele unterschiedliche Frauen ein perfektes Kleid auswählen. Zu einer Frau mit einer starken Persönlichkeit würde er sagen: «Du bist stark genug, du machst mir Angst.» Und sie in ein liebliches Kleid stecken. Eine schüchterne Frau bekäme ein Kleid, «in dem sie strahlt und endlich auffällt».

Seine Kritiker mögen ihm seine extrovertierten Auftritte als unpassend oder schlimmstenfalls peinlich vorwerfen. Die Fachwelt jedoch schätzt ihn für seine Echtheit. Den ständig wechselnden Trends zum Trotz: Roberto Cavalli ist sich und seinem Stil seit vierzig Jahren treu geblieben. Seine Präsentationen gehören zu den festen Terminen im Kalender von Modegrössen wie Anna Wintour, Grace Coddington oder Suzy Menkes. Seine um einiges jüngeren Kollegen Domenico Dolce und Stefano Gabbana sollen eine der grössten Vintage-Sammlungen von ihm besitzen. Geschätzt wird Cavalli ausserdem für seine Liebe zu solidem Handwerk, die er als Florentiner von klein auf mitbekommen hat. Noch bevor er seine Karriere als Modedesigner startete, entwickelte er eine revolutionäre Technik, mit der man feines Leder bedrucken kann. Er liess die Technik patentieren. In seiner Druckerei, die er in den Sechzigern führte, gaben grosse Häuser wie Hermès Bestellungen auf. Anfang der Neunziger jedoch begann sein Stern als Designer vorübergehend zu sinken. Jil Sander, Yohji Yamamoto und Giorgio Armani riefen den Minimalismus aus und kreierten puristische Kleider ohne Firlefanz. Cavallis Kreationen wanderten in die Mottenkiste. «Aber», sagt er und hebt den Zeigfinger. Genau diese Designer hätten ihm letztlich zu einem Comeback verholfen. «Grazie», sagt Roberto Cavalli in Richtung der Minimalisten. «Sie haben dafür gesorgt, dass Frauen, die noch nie von mir gehört hatten, mich plötzlich entdeckten. Einfach weil sie keine Lust mehr hatten, diese schlichten, furchtbaren Kleider zu tragen.» Immerhin: Auch Roberto Cavalli ist ruhiger geworden. Er entwirft nicht mehr nur Kreationen, die nach einem Waffenschein verlangen, sondern auch simplere, lange, geblümte Kleider, die man am ganz normalen Sommerfest tragen kann.

Plötzlich erfüllt Vogelgeschrei das Büroatelier. Roberto Cavalli ist auf seinem Stuhl vor den grossen Flachbildschirm seines Computers gerollt und lässt per Mausklick einen Film ablaufen. Er zeigt ihn statt auf der Luxusjacht neben Menschen, die als Bekleidung nur einen Lendenschurz tragen. Er reise regelmässig zu Naturvölkern nach Papua-Neuguinea oder ins Amazonas- Gebiet, erzählt er in einem Nebensatz. «Ich bleibe ein paar Wochen und geniesse es, in der freien Natur zu schlafen.» Er sagt den Menschen dort nicht, wer er ist. «Mode bedeutet ihnen nichts. Und das ist gut so.»

Zu lange könne er jeweils nicht bleiben. «Meine Frau und die Kinder warten auf mich.» Und der ausschweifende Lebensstil? «In Wahrheit ist mein Leben gar nicht so glamourös.» Wie bitte, was ist mit der Jacht, den Partys, den Auftritten auf dem roten Teppich? «Das gehört zu meinem Job», sagt Roberto Cavalli, ohne mit der Wimper zu zucken. «Schreiben Sie ja nicht, dass ich abends um neun ins Bett gehe oder dass ich wenig esse, um nicht zuzunehmen. Schreiben Sie, dass ich Champagner aus einem Kristallglas getrunken habe. Die Leute wollen doch nicht hören, dass ich bin wie sie.» Denn: Wer würde ihm dann noch bravo zurufen?

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