Das Kompliment

Liebe Kaia Gerber

Text: Leandra Nef; Foto: Getty Images

Kaia Gerber

Am 30. September, dem vorletzten Tag der Paris Fashion Week, sind wir uns zuerst in echt und anschliessend auf Instagram begegnet. Dort, auf Instagram, hatte ich dich in meiner Story markiert. In einem Video meiner Kollegin Nathalie De Geyter, das zeigt, wie du mit einem dieser unsäglichen Lime Scooter durch die Strassen von Paris an uns annabelle-Redaktorinnen vorbei flitzt, von der Chanel-Boutique zum nächsten Termin. Deine Entourage auf eigenen Scootern hinterher, ebenso die Paparazzi – die allerdings rennend und um deine Aufmerksamkeit schreiend.

Du hast meine Instagram-Story später in deiner und so mit fünf Millionen Followern geteilt.

Booom.

So also fühlen sich 15 Minuten Ruhm an. Wobei Ruhm das falsche Wort ist; Aufmerksamkeit trifft es eher. Und es waren auch nicht 15 Minuten, sondern 24 Instagram-Story-Stunden. Mein Profil verzeichnete mal eben 40 000 Impressionen, ich habe selten so viele ungläubige Nachrichten erhalten. Und auch wenn ich mir bis heute nicht sicher bin, ob ich diese berühmten 15 Minuten Ruhm so hatte vergeuden wollen, so hatte ich wenigstens einen Grund, mich mal ausgiebig mit dir zu beschäftigen. Mit dem Phänomen Kaia. Einem jener Models also, das die Branche sec beim Vornamen nennt, weil eh jeder weiss, wer Kaia ist. Wie Gigi, Kendall, Adwoa. Der Beweis, dass du es geschafft hast.

Du, Kaia Jordan Gerber, geboren 2001. Mittlerweile volljährig – obwohl Menschen, die nach 1999 zur Welt kamen, in meinem Gefühl wohl für immer im Kleinkindalter feststecken werden. Als Tochter von Cindy Crawford, einem der gefragtesten Topmodels der 1990er-Jahre, und Rande Gerber, ebenfalls ehemaliges Model, wundert es niemanden, dass du bereits als Zehnjährige für Versace vor der Kamera standest und mit 13 bei IMG Models unterschrieben hast.

Aber auch wenn ein Gen-Cocktail wie deiner schon fast unverschämt anmutet: Hart arbeiten muss frau ja immer noch selbst. Und das machst du, daran besteht kein Zweifel. Kompliment zu einer Karriere, bei deren Betrachtung man nur anerkennend die Lippen spitzen und nicken kann: Zwei Jahre nach Vertragsunterzeichnung bei IMG warst du ‹Breakthrough Model of the Year›. Bist, seit du mit 16 an der Spring Summer Show von Calvin Klein debütiert hast, von den wichtigsten Laufstegen und Plakatwänden dieser Welt nicht mehr wegzudenken. Verbuchst die Eröffnung der Chanel-Show und mehrere «Vogue»-Cover auf deinem Konto. Die Auszeichnung zum ‹Model of the Year 2018›. Warst und bist das Mädchen der Stunde. Mit 15, 16, 17, 18. Deine ganze Jugend, deine ganze Karriere lang.

Muss sich verrückt anfühlen, all die Aufmerksamkeit, die du bekommst. Ich fand ja schon 40 000 Impressionen verrückt. In 24 Stunden. Du hast jeden Tag Millionen. Ausserdem Paparazzi, die deinen Namen brüllen, Fans, die Selfies knipsen, Menschen, die dich auf der Strasse ansprechen. 24/7. Obwohl, ich muss gestehen: Wäre nicht Fashion Week gewesen und hätten nicht Paparazzi auf dich gewartet vor dieser Chanel-Boutique an diesem 30. September, wäre ich also einfach nur gedankenverloren durch die Strassen geschlendert und mir nicht der Stardichte in Paris zu jener Zeit des Jahres bewusst gewesen (und hätten wir nicht entsprechend nach Celebrities Ausschau gehalten), ich bin nicht sicher, ob du mir aufgefallen wärst. Ich fand dich erfrischend unscheinbar. Klar, du hattest diese schicke Sonnenbrille auf. Den neuen hippen Pagenschnitt, den deinetwegen jetzt alle haben wollen. Trotzdem: very «Girl Next Door».

Bald werden wir dich wohl noch häufiger sehen, in Magazin-Editorials nämlich. Dort konnte man dich bis anhin nur selten entdecken: Renommierte Modezeitschriften wie «Vogue» haben kurz nach deinem Laufstegdebüt 2017 beschlossen, das Mindestalter für Models in Editorials im Zuge der #MeToo- und Time’s-Up-Debatte auf 18 anzuheben – die du damals noch nicht warst. (Was du, obwohl es deine Arbeit eingeschränkt hat, selbstverständlich begrüssenswert fandest.)

Jetzt, da du 18 bist, wünsche ich dir viele tolle Editorials, liebe Kaia. Auf dass deine Karriere weiterhin so steil bergauf geht und mindestens so lang dauert wie die deiner Mama.

Von Zeit zu Zeit wünsche ich dir aber auch den nötigen Abstand zum ganzen Kaia-Trubel. Zeit zum Erwachsenwerden. Zeit für dich, zum Reflektieren, ohne Paparazzi, Fans und Fremde, die dich ununterbrochen belagern. Normalität in homöopathischen Dosen. Irgendwann in deinem Leben die Antithese – 15 Minuten Ruhe.

See you at Fashion Week!
Leandra

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