London Fashion Week

Sind digitale Modewochen die Zukunft?

Text: Leandra Nef; Foto: Getty Images

Fashion Week Front Row

Fashion Talks statt realen Modeschauen, Bildschirmromantik statt Front Rows. Lifestyle-Redaktorin Leandra Nef blickt zurück auf Londons erste digitale Fashion Week.

Für einmal gab es keine Front Row. Für einmal war die erste Reihe der London Fashion Week nicht einem auserwählten Kreis an Einkäuferinnen, Moderedaktorinnen, Streetstyle-Stars und Celebs vorbehalten. Niemand versuchte, sich mit abenteuerlichen Geschichten an der Security vorbei in eine Show zu sneaken. Es gab kein Schaulaufen für die Streetstyle-Fotografen nach den Defilees, keine Re-sees, keine Aftershow-Parties. Und leider auch ziemlich wenig Fashion Week Gossip. Dafür Videogespräche zwischen Branchengrössen, Mode-Podcasts und virtuelle Ausstellungen für alle. Trendforscherin Lidewij Edelkoort hatte zu Beginn des Corona-Lockdown ja schon Ähnliches prophezeit: Sie ging davon aus, dass Fashion Weeks wieder intimer, gleichzeitig aber online einem breiten Publikum zugänglich gemacht würden, und sinnierte, wie sich Fashion-Aficionadas die Runway Shows in Zukunft gemeinsam und apérölend im Kino ansehen werden. Da die grossen Kinoketten im Vereinigten Königreich erst im Juli wieder öffnen, kam dieses Szenario nicht infrage. Stattdessen genügte ein Mobile Device samt Internetzugang, um dabei zu sein bei Londons erster digitaler Modewoche, die genau genommen nur drei Tage dauerte, vom 12. bis 14. Juni. Schon die Shanghai Fashion Week im März fand digital statt, elf Millionen Zuschauer soll sie verzeichnet haben und Designs im Wert von rund 2.6 Millionen Franken via Livestream direkt an die Konsumenten verkauft haben.

Aber schafft es eine Website, an ihr reales Pendant heranzukommen? Natürlich nicht. Das war aber auch nicht der Anspruch des British Fashion Council, das die Modewochen in der britischen Metropole organisiert. Vielmehr sollte die digitale und genderneutrale Fashion Week, die ursprünglich für die Frühjahr/Sommer-Kollektionen 2021 der Männer reserviert war, ein Experiment sein. Eines, das auf neue Formate setzt, auf Gespräche, Performances und Kurzfilme anstatt auf herkömmliche Runway Shows.

Die jungen Kreativen

Klar fehlte es, das gespannte Knistern in der Luft vor einer Show, wenn die Gäste um einen herum endlich sitzen, das Licht ausgeht und die Musik erklingt. Es fehlte das Who is who der Industrie, das Sehen und Gesehen-Werden. Das reale Erleben der Kleider und Accessoires, in denen die Models über den Laufsteg defilieren. Vermutlich wird keine Form der digitalen Präsentation je gegen dieses Gesamtpaket an Atmosphäre und Eindrücken ankommen. Was ebenfalls fehlte: grosse Namen wie Burberry und Victoria Beckham. Dafür dominierten junge Kreative die Agenda. Etwa Daniel W. Fletcher, der per Videonachricht durch sein Londoner Atelier führte und eine Kollektion zeigte, die coronabedingt aus Materialien bestand, die er bereits vor dem Lockdown bei sich lagerte. Tatsächlich kämpften viele in der Industrie mit Produktionsverzögerungen, zeigten zum Teil keine neuen, sondern bereits präsentierte Kollektionen. Besonders bewegt hat der Kurzfilm «Her Dreams Are Bigger» von Osman Yousefzada. Yousefzada hat Näherinnen in Bangladesh gefragt, wie sie sich die Frauen vorstellen, die die von ihnen genähte Kleidung tragen.

Die nächste digitale Fashionweek ist bereits in Planung

Wer auf eine «richtige» Fashion Week gehofft hatte, wurde also enttäuscht. Viele Beiträge, die stattdessen entstanden sind, sind aber definitiv sehenswert – und zum Glück noch lang abrufbar. Und da schon das Format der Präsentationen anders war als sonst, scheute sich auch niemand, Pläne aufgrund aktueller Ereignisse kurzfristig zu ändern. So diskutierten Londons Bürgermeister Sadiq Khan und der Chefredaktor der britischen «Vogue», Edward Enninful, nicht nur über Corona und die Zukunft der Branche, sondern auch über George Floyd und systematischen Rassismus. Designer Charles Jeffrey cancelte seine virtuelle Party und überliess seinen Slot People of Color, die mit ihren Performances Geld für die UK Black Pride sammelten.

An Shanghais Erfolg kann London übrigens nicht anknüpfen. Das Video von Enninful und Khan verzeichnete rund 270 Views auf Youtube. Andere einige tausend. Besonders viel ist das nicht. Ob und welche Entscheidungsträger zugeschaut haben – wer weiss das schon. Nichtsdestotrotz ist die nächste digitale Fashion Week schon in Planung: Die Fédération de la Haute Couture et de la Mode in Paris arbeitet an einer Plattform für die Haute-Couture-Woche im Juli. Die darf dank der teilnehmenden Luxushäuser mit deutlich mehr Aufmerksamkeit rechnen, auch wenn Labels wie Armani Privé und Jean Paul Gaultier abgesagt haben und wohl auch Givenchy und Balenciaga nichts zeigen werden. Der Weisheit letzter Schluss sind die digitalen Fashion Weeks aber nicht. Genau so wenig, wie zum Courant normal zurückzukehren. Zu einer Zeit vor Corona, in der sich zu viele Kollektionen zu schnell ablösten, in der die Fashion Crowd für Shows und Events pausenlos um die halbe Welt flog. Das scheint Gucci erkannt zu haben. Das Modehaus hat entschieden, sich nicht länger nach dem Saison-Kalender zu richten. Auch der belgische Designer Dries Van Noten trommelte CEOs, Einkäuferinnen und Kreativdirektoren zusammen, um einen offenen Brief an die Mode-Industrie zu verfassen. Darin fordert er, den traditionellen Kalender schon ab diesem Herbst zu überdenken und ausserdem auf die Sales am Ende der Saisons zu verzichten. Der Wille zur Veränderung ist da. Wie nachhaltig er ist, wird sich zeigen.

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