Editorial von Silvia Binggeli

Wie Erdbeeren im Winter

Text: Silvia Binggeli

Wie Erdbeeren im Winter
  • Neue Saison, neue Frisur: Silvia Binggeli an der New York Fashion Week Mitte Februar, wo bereits die Herbst/Winter-Kollektionen 16/17 gezeigt wurden

Chefredaktorin Silvia Binggeli über die Veränderungen in der Modewelt und darüber, was diese für die Kreativität bedeuten.

Mode, quo vadis? Fragen wir uns jeweils, wenn wir von den internationalen Modewochen zurückkehren. Wir studieren in der Redaktion Längen, Farben, Schnitte und Materialien, analysieren Inspirationen von Designern, Frisuren und Make-up der neuen Saison, um sie Ihnen im Trendheft zu präsentieren. Mode ist Zeitgeist.

Diesmal war das Herausfiltern von Trends kompliziert: Die Mode überdreht. Die Digitalisierung mischt auch in dieser Branche grad alles auf: Heute werden Kollektionen ein halbes Jahr vor Saisonbeginn gezeigt, damit Experten, Einkäufer und Modehäuser genug Zeit zum Bewerten, Aussuchen und Produzieren haben. Doch nun schicken Blogger Trends vom Laufsteg innert Sekunden in die Welt hinaus und wecken Begehrlichkeiten. Günstigketten greifen die Trends auf und bringen sie in Lichtgeschwindigkeit in die Läden. Onlineshopping boomt, der Pöstler liefert heute, was wir gestern Abend bestellt haben – gratis Zurückschicken inklusive. Die fachkundige Beratung in den Geschäften bleibt leider oft auf der Strecke. Dafür tragen wir Sachen von überall auf der Welt. Es ist wie Erdbeeren essen im Winter.

Die Mode ist demokratisch geworden. Das ist toll. Doch Designer brennen aus wie Spitzenmanager, weil sie uns alle paar Monate neue Vorschläge liefern sollen. Kreativität kommt nicht auf Knopfdruck. Unlängst gab der gefeierte Chefdesigner von Dior, Raf Simons, seinen Prestigejob freiwillig ab und erklärte: «Wir haben keine Zeit mehr, Entwürfe zu überdenken.» Grosse Modehäuser haben angekündigt, künftig Laufstegtrends auch sofort zum Kauf anzubieten, um mit den Günstigketten mitzuhalten. Es kann einem schwindlig werden.

In den aktuellen Kollektionen ist vor allem ein gesellschaftliches Dilemma auszumachen: Nun, da wir mit einem Klick Zugang zu allem haben und Google ein toller Begleiter ist, der ständig Gedächtnislücken füllt, müssen wir aus all den Möglichkeiten mehr denn je sorgfältig das Passende für uns aussuchen. Auf zu eigener Kreativität! Mit dem Mut eines Raf Simons: sich dafür alle Zeit der Welt zu nehmen.

Empfehlungen der Redaktion

Fashion Week 2016

London Street Styles mit Kätzchen und Melonen

Von Miriam Suter

Mehr aus der Rubrik

London Fashion Week

Sind digitale Modewochen die Zukunft?

Von Leandra Nef