Apropos Mode

Der Abschied vom String-Bikini

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Foto: Foto: Acey Harper / The LIFE Images Collection / Getty Images

Poethik

Weniger ist weniger – meint Autorin Jacqueline Krause-Blouin und fragt sich, ob der String-Bikini nicht endlich aus den Kleiderschränken verschwinden könnte.

Der Sommer ist vorbei, also kann ich es ja jetzt sagen: Das String-Bikini sieht nicht gut aus. Jetzt ist es raus. Wir scheinen den Übertrend der Badesaison trotzdem nicht mehr loszuwerden. Ich war naiv, zu denken, das String-Bikini (im Englischen auch liebevoll «butt floss» genannt – Zahnseide für den Po) würde höchstens am Muscle Beach in Venice oder am Strand von Ipanema für eine Weile sein Unwesen treiben und dann wieder in den Wäscheschubladen zeigefreudiger Trägerinnen verschwinden. Weit gefehlt: Selbst Schweizer Badis wurden nun Opfer der Misere aus Lycra.

Es musste ja so kommen: Die Sport-, Wellbeing- und Selbstoptimierungswelle ist weit davon entfernt abzuflachen, ausserdem leben wir im Jahrzehnt der dicken Hintern. Wenn dann also alle einen perfekten Körper haben oder ihren zumindest so zelebrieren, wie er ist (#selflove!), folgt die einzig konsequente Frage auf diese neugewonnene Körperlichkeit: Wie präsentiere ich ihn denn nun am besten? Was an Bella auf einer Jacht in Bella Italia beneidenswert fit aussieht, eignet sich im Freizeitbad Iseltwald nicht ganz so gut. Model Emily Ratajkowski hat gleich eine ganze Kollektion von String-Swimwear herausgebracht. Doch das String-Bikini funktioniert höchstens im Internet, an It-Girls wie Ratajkowski und Kendall Jenner, die ihn hochgezogen bis über die Hüftknochen (hallo, Achtziger!) und mit ausgestreckten «Barbie Feet» präsentieren (aber das ist ein anderes Thema).

Ach ja, das Internet – voll von Motivationssprüchen wie: «Solange Sie sich wohlfühlen, ziehen Sie ruhig Ihren String in der Öffentlichkeit an!» Und warum fragt mich keiner, ob ich mich dabei wohlfühle, mir das anzusehen? Muss denn beim Anblick von String-Bikinis sonst niemand an Bodybuilderinnen mit Brathähnchen-Teint denken, die eine Arschbacke unabhängig von der anderen flexen können? Ja, Schönheit ist vielfältig. Ja, es ist toll, wenn sich maximal viele Frauen gut in ihrem Körper fühlen. Das heisst aber nicht, dass jedes Kleidungsstück an jedem Körper gut aussieht. Und manche Kleidungsstücke sehen eben an keinem Körper gut aus. Man muss schliesslich nicht immer zeigen, «was man hat» – selbst wenn man es hat.

Jacqueline Krause-Blouin

Die stellvertretende Chefredaktorin interessiert sich für Mode, Musik, Theater und alle Facetten der Popkultur. Und für aussergewöhnliche Frauen: berühmt oder berüchtigt, tot oder lebendig.

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