Kleider mit Geschichte

Stoff für Stories

Redaktion: Barbara Loop, Jacqueline Krause-Blouin, Leandra Nef, Annik Hosmann; Produktion: Martin Berz; Fotos: Digital Buggu, Christopher Kuhn, Daniel Valance

Diese Kleider haben Geschichte geschrieben
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Der Party-Einteiler

von Susi Wyss (81), ehemaliges Party- und Callgirl

 

«Es gab mehrere Wendepunkte in meinem Leben. Einer der wichtigsten war, als Gunter Sachs eine Aktzeichnung von Brigitte Bardot über deren Bett entdeckte: nackt und umgeben von Tieren – so hatte ich Bardot in den frühen Sechzigerjahren gezeichnet und ihr das Bild geschickt, obwohl wir uns nicht kannten. Ich zeichnete damals oft und gern. Gunter Sachs erkannte meine Unterschrift auf dem Bild, wir hatten zusammen studiert. Er kontaktierte mich. Von da an feierte ich regelmässig mit dem Paar, aber auch mit Salvador Dalí, Paul Getty, Iggy Pop und David Bowie. Ich war ein Festtubeli damals. 1965 war ich eingeladen an eine Party von Roman Polanski. Ich trug diesen sehr kurzen, schwarzen Satineinteiler, den ich selbst entworfen und genäht hatte. Ich hatte in Zürich mit einer Schneiderinnen-Ausbildung begonnen, diese aber nie abgeschlossen. Aber mein Wissen reichte, um mir meine eigenen Kleider zu nähen. Geld, um mir teure Klamotten zu kaufen, hatte ich nicht. Meine selbstgemachten Kleidungsstücke haben mir immer Glück gebracht, mir Türen zu Parties geöffnet und mich neue Leute kennenlernen lassen. Wenn ich einen meiner Entwürfe trug, fragten mich viele Leute nach meiner Telefonnummer. Nur für wenige schneiderte ich auch, etwa eine violette Hose für Dalí. Das war immer mein Traum – für berühmte Menschen nähen. Was ich dagegen nie wollte: in Zürich Bünzli- Kleidung für Bünzli-Leute designen. Die meisten meiner Entwürfe waren sehr sexy, ich hatte nie Angst vor nackter Haut oder davor, alles zu zeigen. Meinem Mann war ich aber immer treu. Erst später, als ich aus Zürich und aus meiner Ehe ausbrach, lebte ich ein wildes Sexleben. Alle, die ich haben wollte, Männer wie Frauen, bekam ich auch. Ich arbeitete als Callgirl, bis mich das irgendwann langweilte. Heute feiere und nähe ich nicht mehr. Auch Sex habe ich keinen mehr. Ich häkle nur noch, das ist mein Valium.»

Die goldenen Sneakers

von Nora Zukker (33), Autorin

 

«Meine Füsse waren einfach immer da, Gedanken hatte ich mir nie über sie gemacht – bis zum 17. Juni 2018. Ich ging quer über die Strasse, war im toten Winkel des Fahrers – es war nicht seine Schuld –, lag Sekunden später auf dem Boden, meine Beine unter dem tonnenschweren Bus. Der rechte grosse Zeh wurde amputiert und mein gesamter rechter Fussrücken, die Ferse sowie ein Teil des linken Fusses mit Transplantaten aus meinen Rückenmuskeln und Haut meiner Oberschenkel rekonstruiert. Dass ich heute noch beide Beine habe und wieder laufen kann, ist ein grosses Glück. Dass ich sechs Monate nach dem Unfall in einem Schuhladen stand und mir neue Sneakers aussuchte, grenzt für mich an ein Wunder.

 

Bei der Auswahl der Schuhe musste ich darauf achten, dass sie robust und bequem sind. Leichte Stoffturnschuhe gingen nicht mehr, Flipflops oder Absatzschuhe werde ich vermutlich nie mehr tragen können. Mein Bruder, der mich in den Laden begleitete und der mir die goldenen Sneakers schlussendlich schenkte, meinte, dass eigentlich nur diese Schuhe für meine vergoldeten Füsse in Frage kämen – sie sind nach 14 Operationen ziemlich wertvoll.

 

Nachdem ich die Sneakers einen Monat getragen hatte, bekam ich eine Blase auf dem fragilen Transplantat der rechten Ferse. Also musste ich wieder meine orthopädischen Massschuhe anziehen. Das war deshalb bitter, weil ich mir mit dem Tragen normaler Turnschuhe ein Stück Selbstständigkeit zurückerobert hatte. Zwei Monate dauerte es, bis die Blase verheilt war. Mit Einlegesohlen und einem mit weichem Schaumstoff gestopften Loch hinten im Schuh durfte ich die goldenen Sneakers wieder anziehen.

 

Mein körperlicher Verlust ist für mich ständig präsent, da ich meine nackten Füsse täglich sehe. Trotzdem habe ich heute das Gefühl, alles schaffen zu können: Zwar bin ich eingeschränkter als vor dem Unfall, doch meine goldenen Turnschuhe sind ein Symbol dafür, dass ich noch einmal ganz neu laufen lernte – und dafür, dass ich überlebt habe.»

Das Fifties-Cocktailkleid

der Frauenrechtlerin, Juristin und Journalistin Iris von Roten (1917–1990)

Erzählt von ihrer Tochter Hortensia von Roten:

 

«Als Frauenrechtlerin vertrat meine Mutter ihre Überzeugungen kompromisslos und vehement. Sie war auch radikale Ästhetin, den schönen Dingen des Lebens zugetan. Kleider waren ihr wichtig. Dabei ging es weniger darum, sich Modediktaten zu beugen oder Trends nachzuleben. Allein ihr ästhetisches Empfinden entschied, was sie anzog. ‹Ein gutes Fest beginnt mit der Planung des Kleides›, sagte sie. Das ist mir bis heute geblieben.

 

Für die Generation meiner Eltern gab es kaum Elegantes ab der Stange. Alle Kleidungsstücke – vom Unterhemd bis zum Abendkleid – wurden meiner Mutter ein Leben lang auf Mass gefertigt. Als ich klein war, pilgerten wir fast jeden Monat von Basel nach Zürich zu ‹Grieder›. Damals wurden dort auf mehreren Etagen Stoffe verkauft: Flanell, Tweed, Seide, Crêpe, Chiffon, Leinen – man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Nach dem Stoffkauf folgte der beinahe rituelle Gang zu ‹Sprüngli›, wo wir eine heisse Schoggi tranken und Schwarzwäldertorte assen.

 

Daheim machte sich meine Mutter dann an das Design der Kleidungsstücke, die anschliessend von Schneiderinnen gefertigt wurden. Sie liess sich dabei von der französischen ‹Vogue› inspirieren, die sie ab und zu nach dem Abendessen in der Bibliothek studierte. An ihrem Cocktailkleid aus den späten 1950er-Jahren sieht man, wie sehr sie Farben mochte. Schwarz war für sie ein absolutes No-Go. Nur einmal alle fünf Jahre liess sie ein graues Deuxpièces schwarz färben. Das diente dann als Costume für Beerdigungen.

 

Meine Mutter trug gern Hosen, Shorts, Minijupes – unerhört für ihre Zeit. Im Wallis rannte ihr einmal ein Bauer mit der Heugabel hinterher, weil sie Shorts trug. Büstenhalter hingegen trug sie nie, dafür seidene Unterhemden, die sie zu Dutzenden schneidern liess. Auch wenn man es meinen könnte: Nichts davon war als feministisches Statement zu verstehen. Shorts und Hosen fand sie schlicht bequem, Minijupes modisch. Der Genuss meiner Mutter an Mode blieb ihr bis an ihr Lebensende erhalten. Nur die Stoffabteilung bei ‹Grieder›, die wurde von Besuch zu Besuch kleiner und verschwand irgendwann.»

Der Loch-Mantel

von Doris Leuthard (56), ehemalige Bundesrätin

 

«Du, die diskutieren im Internet über deinen Mantel, sagte meine Pressechefin. Und ich dachte im ersten Moment: Was soll das denn jetzt? Als Bundesrätin war ich es gewohnt, dass viel über mein Outfit geredet wurde. Aber an diesem historischen Tag im Juni 2016 sollten die Leute doch über den Tunnel sprechen! Während meiner Amtszeit arbeitete ich für öffentliche Auftritte immer bewusst mit Schweizer Labels wie Akris, Fabric Frontline oder Jakob Schlaepfer zusammen. Ich wollte diese unterstützen und ihre Mode als Botschafterin in die Welt tragen. Als ich Akris-Designer Albert Kriemler um ein passendes Kleidungsstück für die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels bat, zeigte er mir den Mantel aus seiner Frühling/Sommerkollektion 2016. Ich dachte sofort: Moll, der passt zum Tunnel. Ich eröffne ein Loch, also trage ich Löcher.

 

In Kombination mit der Hose und dem Oberteil war der Mantel die perfekte Wahl: Warm genug für den aussergewöhnlich kalten Junitag und genau richtig, um damit alle Tribünen hoch- und runterzusteigen. Natürlich war mir klar, dass manche den Mantel für zu auffällig oder deplatziert halten würden. Meine Mutter fand ihn zum Beispiel furchtbar, viel zu weit, zu gross. Ich aber empfand es immer als Privileg, als Frau in der schwarz-grau-dunkelblauen Anzugswelt etwas wagen zu dürfen. Zumindest in der Schweiz haben wir da ja alle Freiheiten.

 

Ich finde, dass auch meine männlichen Kollegen mit ihrer Kleidung etwas mehr Modernität symbolisieren dürften, anstatt immer so klassisch-langweilig aufzutreten. Als Regierung stellt man schliesslich etwas dar. Alain Berset etwa kommt ja immer modisch daher, trägt aber trotzdem meist Schwarz. Meinen Akris-Mantel hätte ich gern mal wieder angezogen. Gerade jetzt, da ich weniger im Rampenlicht stehe. Aber er wurde zu berühmt. Ich wollte mich nicht mehr damit exponieren.»

Das Kür-Kostüm

von Denise Biellmann (56), zwölffache Weltmeisterin im Eiskunstlaufen und Coach für Spitzensportler

 

«Ich hatte jahrelang darauf hingearbeitet. Trainierte ab dem siebten Lebensjahr vier bis fünf Stunden pro Tag. 1981 war es dann so weit: Ich hatte alle internationalen Wettkämpfe der Saison gewonnen, die Schweizer Meisterschaft sowie die Europameisterschaft. Die Chancen auf den Weltmeistertitel standen gut. Das wussten auch die Verantwortlichen des Schweizer Eislauf-Verbands. Deswegen mochten sie das dunkle Kostüm nicht, das ich im Kurzprogramm der Weltmeisterschaft trug – es machte sich nicht gut auf Siegerfotos.

 

Bei meinem hellblauen Lieblingskostüm war das anders. Ich trug es zur Kür, meiner Paradedisziplin. Den Body hatte ich gemeinsam mit meiner Mutter, die auch meine Trainerin war, im Ballettshop gekauft. Sie nähte anschliessend Steinchen und Volants an. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie es, die alle meine Kostüme genäht hatte. Die waren hauteng, dehnbar und leicht – optimal für Sprünge. Ausserdem waren sie sehr schlicht, ich wünschte mir das so. Kitschige, mit Pailletten überladene Kleider mochte ich nicht.

 

Im Vorfeld der Weltmeisterschaft waren die Erwartungen und der Druck hoch. Als ich auf dem Eis stand, war aber alle Nervosität vergessen. Ich fühlte mich stark, fuhr zu Santana und Lucifer, zeigte die nach mir benannte Biellmann-Pirouette und als erste Frau an einer Weltmeisterschaft einen dreifachen Lutz. Den hatte ich schon fünf Jahre früher, mit 13, als erste Frau überhaupt gestanden. Ich lief eine fehlerfreie Kür und wurde von 18 000 Zuschauern mit Standing Ovations belohnt – ein magischer, glücklicher Moment für mich. Ich wurde Weltmeisterin. Mein Kostüm habe ich nie wieder angezogen. Es wird mich immer an meinen Sieg erinnern. Dank ihm startete ich eine erfolgreiche Profikarriere. Für die Show-Auftritte mussten meine Kostüme fortan pompöser sein als die schlichten Kreationen, die ich so mochte – eine Schneiderin nähte sie für mich.»

Der Pussyhat

von Drehbuchautorin und Regisseurin Petra Volpe (48)

 

«Vor zwei Jahren habe ich auf Facebook den Wunsch geäussert, dass ich gern einen Pussyhat besitzen würde. Ich selbst hätte mir nie einen stricken können – ich und lisme, das ist verlorene Liebesmüh. Nur einen Tag später, am 8. März 2017, Tag der Frau und Tag der Vorpremiere meines Films ‹Die göttliche Ordnung›, wurde ich tatsächlich mit einem Pussyhat überrascht: Eine Facebook-Bekanntschaft hatte über Nacht extra einen für mich gestrickt! Ich habe ihn sofort aufgesetzt.

 

Auch später habe ich den Pussyhat oft in Zusammenhang mit dem Film getragen, ich verbinde eine intensive Zeit mit ihm. Natürlich hatten wir gehofft, dass unser Film die Leute bewegen würde. Er zeigt ein gschämiges Kapitel der Schweizer Geschichte. Aber dass der Filmstart so perfekt mit dem Aufkommen einer internationalen Frauenbewegung – Pussyhat Project, Women’s March, später #MeToo – zusammenfiel, war Zufall. Sowohl Film als auch Bewegung wehren sich gegen die ‹ göttliche Ordnung› einer patriarchalen Gesellschaft. Sicher mit ein Grund, warum der Film international so erfolgreich ist. Egal wo er gezeigt wird, ob in Russland oder Jordanien, die Frauen können sich über Grenzen, Kulturen und Religionen hinweg mit unserer Schweizer Hausfrau Nora identifizieren. Solche Momente der Verbundenheit habe auch ich öfter erlebt, wenn ich mit dem Pussyhat auf dem Kopf unterwegs war und einer anderen Frau mit derselben Mütze begegnet bin. Zu einem Women’s March, seinem Ursprung sozusagen, hat es mein Hut aber nie geschafft. Ich lief zwar bei einer Demonstration in New York mit, aber da war es Sommer und zu heiss für eine Kopfbedeckung.

 

Heute gehört mein Pussyhat dem Landesmuseum. Auch wenn es schmerzlich war, ihn abzugeben: Dort gehört er hin. Er ist ein globales Symbol für den Umbruch. Und ein Reminder, dass auch in der Schweiz noch viel zu tun ist: Wir wollen Lohngleichheit, mehr Frauen im Parlament, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dafür zu marschieren ist gut – dafür zu streiken noch besser. Am 14. Juni haben wir die Chance dazu.»

Der Frack

von Dagobert (37), Schweizer Musiker, Berlin

 

«Als ich zur Schule ging, war alles irgendwie schrecklich, ich habe furchtbar ausgesehen, weil ich arm war und mir keine schönen Kleider leisten konnte. Nach der Matura habe ich erst einmal zwei Jahre lang gar nichts gemacht. Dann gewann ich mit meinen Liedern einen Kulturförderpreis und hatte zum ersten Mal Geld: 18 000 Franken. Die Hälfte davon investierte ich in diesen Frack, ein paar Hosen und Hemden. Ich hatte ‹Der Graf von Monte Christo› von 1975 gesehen. Der Film ist nicht sehr sehenswert, aber den Anzug des Grafen fand ich richtig gut. Der Luzerner Schneider Werner Duss hat sich meinem Problem angenommen. Von da an trug ich eigentlich nur noch diesen Frack. Ich hatte allerdings nicht mehr mit sehr vielen Leuten zu tun, da ich aus Berlin ins Bündner Bergdorf Pigniu gezogen bin. Die Reaktion der knapp dreissig Einwohner? Im ersten Jahr gab es misstrauische Blicke, im zweiten hat man sich aus der Ferne zugenickt, im dritten gegrüsst, im vierten sprach man übers Wetter und im fünften Jahr begannen richtige Gespräche. Da musste ich weg. Zurück in Berlin, wo ich meinen ersten Plattendeal hatte, trug ich den Frack ständig, auch bei Videodrehs und Auftritten. Er wurde zu meinem Markenzeichen. Wie ein Kostüm hat er sich aber nie angefühlt. Ich fand es immer merkwürdig, dass sich die Menschen einfach das anziehen, was ihnen in den Geschäften angeboten wird. Mich hätte das niemals befriedigt. Ich hatte eine Idee davon, wie ich aussehen will. Es gibt nur einen Frack, ich hätte mir nie wieder einen zweiten leisten können, so reich war ich nur einmal für eine ganz kurze Zeit. Wenn der Frack eines Tages zu kaputt sein sollte, dann schmeisse ich ihn weg. Ich hänge an gar nichts.»

 

Dagobert ist zurzeit mit seinem aktuellen Album «Welt ohne Zeit» auf Tournee: dagobert-musik.de

Der Krawall-Helm

vom ehemaligen Polizisten Erwin Zürcher (75). Seit der Pensionierung ist er stv. Kurator im Museum der Stadtpolizei Zürich.

 

«Es hagelte Flaschen und Pflastersteine und allerlei andere harte Gegenstände. Und alles, was meine Kollegen schützte, waren Hose, Hemd und Hut. Kein Helm, keine Schutzkleidung – das kannte die Zürcher Stadtpolizei damals noch nicht. Sie hatte schlicht nicht mit solchen Ausschreitungen gerechnet.

 

Ich selbst war in der Nacht des Globus-Krawalls vom 29. auf den 30. Juni 1968 nicht im Dienst. Es war mein Geburtstag, zudem hatte ich mir bei einem Einsatz die Hand verletzt und war arbeitsunfähig. Als ich für die Folgekrawalle aufgeboten wurde, war ich als Mitglied der Seepolizei bereits ausgerüstet, trug einen Overall, darunter Schulter-, Knie- und Brustschutz ähnlich dem eines Eishockeyspielers, ein Schutzschild aus geflochtener Weide, einen Gummiknüppel und den Helm mit Plexiglasvisier.

 

Ich war Mitte zwanzig. Für mich war es happig, Gleichaltrige zum Feind zu haben. Zumal ich am Anfang noch ein gewisses Verständnis für die Demonstranten aufbringen konnte: Ich fand ihre Forderung nach einem autonomen Jugendtreff berechtigt. Dafür wollten sie das Globus-Provisorium nutzen, die Stadt war dagegen. Dann aber wurden mehr und mehr Junge mobilisiert, viele wussten bald nicht mehr, wofür sie eigentlich demonstrierten. Ihnen ging es nur darum, Radau gegen die Polizei zu machen. Das wiederum hat einige meiner Berufskollegen so wütend gemacht, dass sie einigen Stein- und Flaschenwerfern im Keller des Globus-Provisoriums die damals so modischen langen Haare etwas kürzer geschnitten haben. Das war natürlich falsch, aber unter den gegebenen Umständen nachvollziehbar. Solche Fälle haben wir später aufgearbeitet und daraus gelernt.

 

Obwohl viel Blut floss und Kollegen verletzt wurden, hatte ich nie Angst. Meine Schutzkleidung gab mir Sicherheit, ausserdem trieb ich viel Sport und war darum kräftig und topfit. Das kam mir bei den Zweikämpfen zugute, die manchmal die ganze Nacht dauerten – ich war meinen Gegnern stets überlegen. Dennoch war ich froh, als ich später als Detektiv zur Kriminalpolizei wechseln konnte und mich nicht mehr mit Steinen und anderen Gegenständen bewerfen lassen musste.»

Die Grenz-Schuhe

von Micheline Calmy-Rey (73), ehemalige Aussenministerin der Schweiz

 

«Am Tag vor der Reise nach China und Nordkorea habe ich mir das Knie gebrochen. Der Arzt wollte mich operieren, ich solle meine Reise verschieben. Aber das kam nicht infrage. Also wurde das Bein geschient, so konnte ich gehen. Da ich ausschliesslich Schuhe mit Absätzen besass, ging ich am Vorabend der Reise zusammen mit der Vizekanzlerin neue Schuhe kaufen. Das einzige Geschäft, das wir zur späten Stunde noch offen fanden, war Bally. Und der einzige vorrätige Schuh in Grösse 38 war dieser rote Turnschuh mit dem Schweizerkreuz an der Ferse.

 

Erst in Nordkorea wurde mir klar, dass diese Schuhe perfekt zu unserem Vorhaben passten. Die Nordkoreaner wollten eine Nachricht nach Südkorea senden und den verfeindeten Nachbarn zu Gesprächen einladen. Als offizielle Vertreterin der Schweiz kam mir die Rolle der Vermittlerin zu: Im Mai 2003 überschritt ich als erstes amtierendes Mitglied einer ausländischen Regierung die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea.

 

Mir war klar, dass dies ein historisches Ereignis war und die mediale Aufmerksamkeit gross sein würde. Ich wollte, dass alle sehen, dass die Schweiz diese Friedensnachricht überbringt. Auch meine Kleidung sollte darauf aufmerksam machen, ich wollte die Farben hochhalten! Die roten Bally-Schuhe und der weisse Anzug sollten unterstreichen, dass die Schweiz in friedlicher Mission unterwegs war. Ich wollte die Schweiz als ein modernes Land zeigen, das als neutrale Vermittlerin aktiv ist, um etwas zu bewegen in der Welt.

Nach meiner Rückkehr gingen die Schuhe ihren eigenen Weg. Eines Tages hat mich Frank-Walter Steinmeier angerufen und gesagt: ‹Wir sehen uns an einem Anlass in Zürich und ich bringe dir deine Schuhe zurück.› Offenbar waren die Schuhe von einer NGO versteigert worden und gelangten auf Umwegen zum heutigen deutschen Bundespräsidenten. Spätestens da wurde mir klar, dass diese roten Schuhe ein kleines Stück Schweizer Geschichte symbolisieren.»

Die Grounding-Uniform

von Markus A. Jegerlehner (54), Maître de cabine und Fotograf

 

«Es war der 2. Oktober 2001, Swissair-Flug SR142 von Rio de Janeiro nach Buenos Aires. Ich wurde ins Cockpit gerufen, nicht ungewöhnlich für einen Maître de cabine: Mal informieren die Piloten über die Wetterlage, mal zeigen sie eine beeindruckende Aussicht. Diesmal aber war der Grund ein nie dagewesener. Wir erfuhren, dass die Swissair den Flugbetrieb eingestellt hatte.

 

Verliere ich meinen Job? Wir erwarteten doch unser zweites Kind! Es blieb keine Zeit, darüber nachzudenken, wir mussten uns auf die Landung vorbereiten. Entgegen dem Befehl aus der Schweiz blieben wir in Buenos Aires aber nicht auf dem Boden, sondern liessen uns für einen Rückflug nach Brasilien betanken – Shell hatte noch nicht mitbekommen, dass der Swissair das Geld ausgegangen war.

 

Zurück in Rio trafen wir uns täglich zur Lagebesprechung in der Lobby des Hotels. Für die Übernachtungskosten der Crew bürgte unser Pilot mit seinem Privatvermögen, die Swissair-Kreditkarten waren gesperrt. Es waren schwierige Tage mit wenig Schlaf. Trotzdem versuchten wir, sie so angenehm wie möglich zu gestalten, gingen mal auf eine Stadtbesichtigung, mal an den Strand. Ich arbeitete damals bereits als Freelance-Fotograf für Keystone. Für die Bildagentur war unsere Situation natürlich interessant: eine Swissair-Besatzung, die gestrandet war. Also schoss ich mit der Crew Fotos an der Copa- cabana. Eines fing unsere Stimmung besonders gut ein: Co-Pilot Daniel Riediker sitzt halb uniformiert, mit Hemd und Pilotenmütze, am schönsten Strand der Welt und blickt in die Ferne.

 

Einige Tage später wurde der Flugbetrieb dank der finanziellen Hilfe des Bundes vorüber- gehend wieder aufgenommen, wir traten den allerletzten Swissair-Direktflug von Rio nach Zürich an. Ich wurde danach von der Swiss übernommen, wo ich heute noch als Maître de cabine arbeite. Allerdings nur Teilzeit. Das Foto, das ich vom Co-Piloten geschossen hatte, ging um die Welt und wurde zum Schweizer Pressefoto des Jahres in der Kategorie Aktualität gekürt. Der Tiefpunkt meiner Karriere als Maître de cabine war gleichzeitig der Startpunkt meiner Karriere als Fotograf.»

Der Korea-Anzug

von Designerin Stephanie Nina Yoon (30), Label Nina Yuun

 

«Der Zufall wollte es, dass das Taxi, das mich zum Flughafen fuhr, mit Glöckchen und blinkenden Lichtern dekoriert war. Eine unvergessene, surreale Fahrt, die so gar nicht zu meinem Gemütszustand passte. Denn eigentlich war der Tag, an dem ich meine Heimat Südkorea verliess, ein trauriger. Ich hatte mich nur von der Familie meines Vaters verabschiedet, nicht aber von meiner Mutter und meiner Grossmutter. Die beiden können bis heute nicht verstehen, warum ich zu meinem Partner in die Schweiz zog, um mein Label Nina Yuun zu gründen. Sie sind ebenfalls Modedesignerinnen und hatten erwartet, dass ich mich in Korea zu ihrer ‹dritten Generation› mausere. Aber ich wollte ins Ausland, um als eigenständige Person wahrgenommen zu werden.

 

Für meine erste Kollektion habe ich mich bewusst mit meiner Herkunft auseinandergesetzt. Da ich in Südkorea aufgewachsen bin, war der Konflikt mit Nordkorea als latente Bedrohung allgegenwärtig in meinem Leben, die Vorurteile gegenüber dieser fremden Gesellschaft immerzu spürbar. Ich wollte die gängigen Bilder, die aus dem abgeschotteten Staat in die Welt dringen, modisch neu interpretieren und so zum Nachdenken anregen. Der weisse Leinenanzug etwa, mein wichtigstes Design, sitzt locker – genau wie die Uniformen der nordkoreanischen Armee, die viel zu gross sind für die unterernährten Körper der Soldatinnen.

 

Ich habe mir nie gross Gedanken darüber gemacht, ob Menschen auch in anderen Teilen der Welt Angst vor dem Unbekannten haben. Das wurde mir in den letzten Jahren nach und nach bewusst – viele Schweizer fürchten sich etwa vor Flüchtlingen. Das Hinterfragen von Stereotypen wird meine Designs darum wohl langfristig beeinflussen. Und obwohl ich heute kaum mehr Kontakt zu Mutter und Grossmutter habe, bereue ich nicht, ausgewandert zu sein.»

Das Silvesterkleid

von Christa Rigozzi (35), Tessiner Moderatorin

 

«Am 22. Dezember 2016 habe ich meinen letzten Job gemacht. Bis zum errechneten Geburtstermin am 26. Januar 2017 hatte ich mir frei genommen: Kinderzimmer herrichten, Koffer packen, ich wollte mir Zeit nehmen, um mich auf die Zwillinge vorzubereiten. Die erste Woche ging schnell vorbei, dann war auch schon Weihnachten und Silvester stand vor der Tür.

Den letzten Abend des Jahres wollten wir mit Freunden feiern und wir hatten einen Tisch in einem Tessiner Restaurant reserviert. Bis anhin war meine Schwangerschaft gut verlaufen, ich hatte mich wohl gefühlt und fit. An diesem Abend war ich zwar etwas müde, aber nachdem ich mich ausgeruht hatte, machte ich mich bereit, frisierte und schminkte mich. Ich hatte mir für diesen Abend ein Kleid von John Galliano ausgewählt, ein schönes kleines Schwarzes, elastisch genug für meinen Babybauch. Weil ich nicht mehr ganz so beweglich war, half mir mein Mann beim Anziehen. In dem Moment, in dem ich das Kleid anhatte, platzte meine Fruchtblase.

 

Das Kleid konnte ich gleich wieder ausziehen. Ich packte ein paar Sachen in eine Tasche, und mein Mann fuhr mich – in Trainerhosen aber mit perfektem Make-up – nach Locarno in die Klinik. Um 21 Uhr, als alle Ärzte da waren, wurde alles für einen Notfallkaiserschnitt vorbereitet. Eine Stunde später war ich bereits zweifache Mutter. Das Selfie, das im Operationssaal kurz nach der Geburt entstand, sorgte für Aufregung, weil die Leute glaubten, ich hätte mich extra für die Geburt geschminkt. Aber es war doch Silvester! Von meinem Spitalbett aus konnte ich um Mitternacht das Feuerwerk über dem See in Locarno sehen.

 

Das Kleid werde ich nie weggeben. Getragen habe ich es seither aber auch nicht, es gehört einfach zu diesem Abend. Vielleicht werde ich es aber eines Tages wieder tragen und beim Gedanken an diese Nacht, in der mir das Beste in meinem Leben passiert ist, die eine oder andere Träne weinen.»

Das Businessjackett

von N. R. (54), der als Manager in einer Branche arbeitet, die für viele tabu ist: Die Tabakindustrie.

 

«Als ich meine Stelle antrat, habe ich mich schon gefragt, ob ich diesen Job mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Ich selbst rauche heute nur noch gelegentlich. Und ich hoffe, dass meine Kinder nie regelmässig rauchen werden. Für mich ist es wichtig, dass mein Unternehmen keine Werbung macht, die sich an Jugendliche richtet. Erwachsene hingegen kennen die Risiken und sind für ihren Konsum selber verantwortlich.

 

Bis in die 1980er-Jahre hat die Tabakindustrie über die Nebenwirkungen des Rauchens gelogen. In den Neunzigern wurden in den USA Prozesse gegen die Tabakmultis geführt. Spätestens seit diesen Urteilen ist klar, dass der Tabakkonsum gesundheitsschädigend ist.

 

Weder meine Familie noch Freunde oder Bekannte haben meine Jobwahl in Frage gestellt. Es ist auch nicht so, dass ich meinen Beruf gegenüber Fremden lieber verschweige oder das Gefühl hätte, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Das hat mich wirklich überrascht. Vielleicht hängt die breite Akzeptanz damit zusammen, dass die Tabakindustrie ein grosser Arbeitgeber ist. Vielleicht fühlen sich wegen des Rauchverbots in öffentlichen Räumen heute weniger Menschen von Rauchern belästigt. Womöglich liegt es aber auch daran, dass die Gefahren des Rauchens nicht mehr versteckt werden.

 

Als ich noch in der Lebensmittelindustrie gearbeitet habe, wurde ich ständig kritisiert. Auch ich hatte Gewissensbisse, wenn wir einen Zuckerriegel als Fruchtriegel für Kinder anpriesen. Anders als bei den Zigaretten wurden da die Gefahren nicht transparent gemacht – und es ging um Kinder.

 

Ob ich mir manchmal wünsche, ich würde in einer ehrenvollen Branche arbeiten? Nein, denn welche soll das schon sein? Alle internationalen Geschäfte haben ihre Schattenseite. Wirklich tabu hingegen wäre für mich, wenn ich morgens mein Jackett anziehen würde, um in der Waffenindustrie mein Geld zu verdienen.»

Der Showtime-Jumpsuit

von Jennifer Bosshard (25), Moderatorin und Redaktorin von «Glanz & Gloria»

 

«Als der Sendetermin für meinen ersten Auftritt als ‹Glanz & Gloria›-Moderatorin näher rückte, stellte sich auch die Frage: Was zieht man an, wenn man sich zum ersten Mal dem Schweizer Publikum präsentiert? Für eine Millisekunde habe ich mir überlegt, ob man mir aufgrund eines zu glamourösen Outfits journalistische Qualität oder Können absprechen könnte, aber wer heute noch so denkt, der kann mich eigentlich mal recht herzlich.

 

Ich hatte einen Termin mit dem SRF-Stylingteam, es wurden sehr viele Bilder von mir in vielen Outfits gemacht, aber für mich war klar: Es soll der rote Jumpsuit sein und kein kurzes Kleidchen. Wenn es nach mir ginge, würde ich vermutlich auch vor der Kamera nur Hosen tragen. Ausserdem ist Rot meine Lieblingsfarbe – eine Powerfarbe.

 

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die Vorabberichte über mich nicht gelesen hätte. Da hiess es ständig: ‹Sie ist das Küken, stand noch nie vor einer Kamera, ob sie das wohl kann?› Ich wusste, ich muss liefern. Also stand ich am Tag der ersten Sendung in meinem roten Jumpsuit in unserem lilafarbenen Studio und lächelte in die Kamera. Vor diesem Tag hatte ich nicht gewusst, dass es möglich ist, derart nervös zu sein. Ich hatte meinen Knopf im Ohr, mit dem man die Produzenten, die Toningenieure und den Regisseur hört. Der Regisseur zählt jeweils die letzte Minute wie einen Countdown herunter. Für mich die längste Minute der Welt. Dann war ich plötzlich live auf Sendung vor 300 000 Zuschauern.

 

Die Kritiken waren zwar gut, aber ich finde, dass es nicht die glorioseste Sendung war, ich habe mich ab und zu verhaspelt. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich das Outfit auch gewählt habe, um meine Gefühlslage ein wenig zu kaschieren. Ich wollte selbstbewusst wirken und es sollte nicht gleich jeder merken, dass ich unsicher war. In der Hinsicht kann so ein rotes Textil Wunder wirken.»

Das Showbrautkleid

von Dianne Brill, US-It-Girl der ersten Stunde

 

«Als ich Thierry Mugler zum ersten Mal traf, war ich schon eine Berühmtheit. Ich war die New Yorker Königin der Nacht – und ich nahm diesen Job sehr ernst.

 

Ich tanzte also in einem Nachtclub. Und ich tanzte richtig gut, denn ich hatte bemerkt, dass Thierry Mugler, der auch an dieser Party war, mich beobachtete. Er bat mich an seinen Tisch und fragte mich, ob ich in seiner nächsten Show auftreten wolle. Was für eine Frage! Modenschauen waren damals ein Theaterstück, in dem wir Models eine Rolle spielten.

 

So trug ich dieses Brautkleid im Finale der Show von Thierry Muglers Sommerkollektion 1988. Ich durfte kein Gramm zulegen oder verlieren, denn er hatte das Kleid genau auf meine Kurven zugeschnitten. Ein 100 000-Dollar-Kleid, ein Meisterwerk! Während neun Jahren war ich fortan die Muse des Hauses. Und wurde dadurch zu Thierrys inoffizieller Freundin. Das Kleid hat er mir geschenkt, schliesslich war es für meinen Körper gemacht. Ich trug es nach der Show erneut auf einem roten Teppich. Auch wenn ich ein Höschen anhatte, schien es auf den Pressebildern so, als sei mein nackter Hintern zu sehen. Ein Skandal.

 

Bei meiner eigenen Hochzeit trug ich dann allerdings kein Brautkleid. Mein Mann hatte mich schon so oft in weissen Brautkleidern auf dem Laufsteg gesehen – und ausserdem war ich mit unserem zweiten Kind schwanger. Das Kind, das damals in meinem Bauch war, ist heute erwachsen. Als ich sah, dass meiner Tochter das Kleid wie angegossen passt, hätte ich vor Glück heulen können.»

Der Trennungspullover

von Meral Kureyshi, Schriftstellerin

 

«Ich schnappte mir diesen Pullover, weil ich etwas mitnehmen wollte aus seinem Zimmer, etwas von ihm. Ich ging, nicht ohne die Tür zuzuschlagen, nicht ohne ihm zu sagen, dass ich ihn nie wiedersehen wolle. Obwohl die Nacht viel zu warm war, zog ich mir den Pullover über, atmete durch ihn durch, ihn ein in meinen Bauch. Er roch süss. Ich ging über die Brücke, unter mir die Autobahn schrie – und ich. An der Tramhaltestelle Saali setzte ich mich auf die Bank und weinte in den Ärmel. Natürlich habe ich auf ihn gewartet, die Trams fuhren ohne mich los, eines nach dem anderen. Und ich schaute ihnen hinterher, zur Brücke und zurück. Ich wollte ihn nicht zurück, doch wollte ich, dass er mich zurückhielt, er sollte mich nicht gehen lassen, mich bitten, zurückzukommen. Ich wartete. Und schliesslich kam er doch und setzte sich neben mich. Wir redeten nicht, wir weinten und wussten, dass es vorbei war.

 

Nach zwanzig Jahren denke ich an diese Sommernacht zurück, wenn ich den Pullover anziehe. Ich lache darüber, dass ich noch immer dieselbe bin wie mit 15, ich laufe weg und will, dass man mich zurückhält.»

Die Bärenjacke

Von Evelyne Binsack (51), Bergführerin und Abenteuerin

 

«Am 12. April 2017 um 18.45 Uhr stand ich am Nordpol. Meine Vorbereitungen dafür hatten länger gedauert als die elf Monate, in denen ich die Expedition plante: Ich bezwang auf meinem Lebensweg die schwierigsten Alpenwände, stand auf dem Mount Everest und bin aus eigener Muskelkraft von meinem Zuhause im Berner Oberland bis zum Südpol gereist.

 

Die Jacke trug ich schon bei der Durchquerung von Spitzbergen. In Stürmen bei minus 35 Grad merkt man, wie verletzlich der Körper und die Psyche sind. Auf der letzten Etappe zum Nordpol schloss ich mich dann einer Gruppe an. Unterwegs kam es zu einem Vorfall, der mich bis heute betroffen macht. Eine unerfahrene Expeditionsteilnehmerin hatte mit ihrem Salami einen Eisbären angelockt. Ein Schreckensmoment. Das Tier verhielt sich nicht aggressiv, doch der Guide hat nach nur einem Warnschuss auf den Bären geschossen. Vollkommen unnötig!

 

Zurück in der Schweiz wurde mir klar, dass es selbst in diesem lebensfeindlichen Gebiet zu viel Tourismus gibt. Die Bilder auf Social Media lassen Reisen in die Arktis als ein Leichtes erscheinen. Immer mehr Menschen wollen das ewige Eis sehen – ohne Rücksicht auf die Natur. Jüngst wurde ein Eisbär auf Spitzbergen erschossen, weil er Landgänger einer Kreuzfahrt angegriffen hatte, die mit Touren wirbt, auf denen man den Bären so nah wie möglich kommen soll.

 

Ich bin kein materialistischer Mensch, aber diese Jacke werde ich nie weggeben. Sie erinnert mich an die Erfüllung eines Lebenstraums. Und sie mahnt mich, dass es nicht nur darum geht, dass man ein Ziel erreicht, sondern auch, wie man es tut.»

Der Botschaftshut

von Shawne Fielding (49), Model und ehemalige Botschaftergattin

 

«Ich habe diesen Hut von Fiona Bennett 1999 an der Eröffnung der Schweizer Botschaft in Berlin getragen. Der Sitz wurde damals von Bonn nach Berlin verlegt, somit zogen mein Ex-Mann und ich mit um. Es war eine grosse Sache, plötzlich neben Gerhard Schröder zu wohnen.

 

Meine Grosseltern waren Deutsche und dieser Hut, den ich zu einem orangen Prada-Dress kombiniert habe, sollte eine Hommage an das glamouröse Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg sein. Der Berliner Stil ist ja eher leger, aber ich finde, es ist eine Sache des Anstands, sich für einen Anlass wie diesen entsprechend zu kleiden. Wenn man sich bei seinem Look Mühe gibt, ist das ein Zeichen von Respekt und der Beweis dafür, dass man seine Rolle ernst nimmt. Schlecht gekleidete Menschen interessieren sich nicht für ihre Umwelt und denken nur an sich selbst. Es ist sehr einfach, den ganzen Tag in Jogginghosen rumzulaufen – ein wenig Anstrengung beim Look wird aber niemanden umbringen.

 

Die Botschaftseröffnung war ein Spektakel und ich war erst 29 Jahre alt. Aber als Ex-Miss-Texas war ich schon an Fotografen gewöhnt. Ich konnte mich mit der Rolle der glamourösen, leicht skandalösen Beautyqueen identifizieren, die Medien haben das geliebt. Ich war schon in Texas in der Rolle bekannt gewesen, weil ich damals mit einem Milliardär verheiratet war. Ich sah das Ganze aber auch mit Humor. Beim Styling halte ich es mit Dolly Parton: ‹Wo ich herkomme, ist mehr mehr!›

 

Die Zeit in Berlin war für mich gleichzeitig die schönste und die schlimmste Zeit meines Lebens. Rückblickend kann ich sagen, dass ich nichts anders machen würde. Ausser vielleicht noch mehr Hüte zu tragen.»

Das Mädchenkleid

von Yadin Bernauer (20), angehender Kunststudent

 

«Meine Mutter hatte das Kleid für eine Freundin von mir gekauft, es in meinen Kleiderschrank gehängt und dort vergessen. Es hing dort bestimmt ein Jahr, bis ich es anzog und mich für die Schule bereit machte. Ein 7-jähriger Bub in einem Mädchenkleid. Die anderen Kinder werden das merkwürdig finden, sagte meine Mutter und liess mich ziehen. Schon damals wurde ich oft für ein Mädchen gehalten. Zwar trug ich die Haare noch kurz, aber ich spielte nicht gern Fussball, hatte filigrane Gesichtszüge, und meine Gestik war feminin. Auch heute werde ich oft gefragt, wie ich mein Geschlecht definiere. Mein Körper ist männlich, und ich mag ihn so, wie er ist. Und trotzdem könnte ich genauso gut ein Mädchen sein. Also antworte ich so wie schon als Kind: Ich bin ein Junge mit dem Herzen eines Mädchens. Ich weiss nicht mehr, wie meine Mitschüler an jenem Tag auf mein Mädchenkleid reagiert haben. Eine Schulfreundin von damals hat mir kürzlich erzählt, dass ihr weniger das Kleid in Erinnerung geblieben sei als die pinke Spange in meinem Haar. Ich wurde in meinem Leben oft ausgelacht und angestarrt. Trotzdem trug ich das Mädchenkleid, trotzdem liess ich mir die Haare wachsen, outete mich im Gymnasium als homosexuell, schlüpfte so selbstverständlich in Highheels wie in Männerhemden. Das rote Kleidchen steht für meinen ersten Schritt aus der Komfortzone, dafür, dass ich schon als Kind intuitiv wusste, wer ich bin und dass ich so richtig bin, wie ich eben bin. Heute hängt es an der Wand meines Zimmers, darüber steht «Moi» geschrieben.»

Das Tuch zum Mauerfall

von Brigitte Zaugg,annabelle-Produzentin

 

«Die Erinnerungen sind bruchstückhaft. Etwa so bruchstückhaft wie der bunte Betonschutt, den wir in jenen bitterkalten Tagen Anfang November 1989 am Fuss der Berliner Mauer aufsammelten.

 

Erinnerung eins: ein Gefühl. Dieses bis heute einmalige Gefühl, bei einem wahrhaft historischen Ereignis hautnah dabei gewesen zu sein. Es packte uns eines Abends am Küchentisch in unserer WG in Basel, als wir am Radio die Nachrichten von einer Grosskundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz hörten. Schon am nächsten Tag sassen wir im Zug – unterwegs in die Weltstadt, in der gerade Weltgeschichte geschah.

 

Erinnerung zwei: ein Geräusch. Das nächtelange Hämmern und Meisseln der Mauerspechte aus aller Welt, die sich aus der über und über versprayten Westseite der Mauer ein Stück vom bröckelnden Übersymbol des Kalten Krieges sichern wollten. Wir sicherten uns zwar bloss die Abfälle, doch die waren – mit ihren Spuren von den Graffitis – die coolsten Mitbringsel, mit denen man seine Freunde zuhause überraschen konnte.

 

Erinnerung drei: ein Geruch. Der Berliner Smog jener Tage, ein uferloser Kaltluftsee von Verkehrsabgasen (West) und Feinstaub aus Braunkohleheizungen (Ost). Ich glaube, er hängt noch heute in meinem Arafat-Tuch aus einem Beduinencamp in der Negev-Wüste, das ich damals kurzerhand zur Atemschutzmaske umfunktionierte. Ich habe es nämlich seither nie gewaschen – höchstens mal an die frische Schweizer Stadtluft gehängt. Weil: siehe Erinnerung eins.»

Das Missenkleid

von Stéphanie Berger, Comedian, Moderatorin, Musikerin und Miss Schweiz 1995

 

«Mir gefiel der Glitzer, die dramatische Schleppe, der Touch Hollywood. Andere wählten Gold, ich fand Schwarz eleganter. Ich trug das Kleid, entworfen von Lisbeth Egli, in jener Septembernacht 1995, in der ich zur schönsten Frau der Schweiz gekürt wurde. Einen nationalen Schönheitstitel zu gewinnen ist etwas Wuchtiges. Ich wurde über Nacht zum Star.

 

Das Kleid symbolisiert für mich viel Freude, aber auch grosses Leid. Ich war gerade mal 17 Jahre alt, liebte die Bühne, sang und spielte Sketches. Aber ich hätte besser eine Musicalschule besucht, als an der Misswahl teilzunehmen. Die Aufmerksamkeit war damals besonders gross, weil die Show zum ersten Mal im Fernsehen übertragen wurde. Nach dem Sieg spielte sich mein Leben plötzlich in der Öffentlichkeit ab. Jeder wollte sich mit mir verwirklichen und an mir verdienen, ich wurde herumgereicht wie ein Produkt.

 

Wenn ich heute als vierzigjährige Frau und Mutter die Bilder von damals betrachte, sehe ich ein junges Mädchen, das man einfach ein bisschen häufiger in den Arm hätte nehmen sollen. Die Wahl hat mich meiner Familie entrissen, aber ich bin mir auch selbst abhandengekommen. Mit dem Kleid verbinde ich ein Gefühl der Entfremdung von mir selbst. Für ‹MissErfolg›, meine erste Soloshow als Comedian, habe ich das Kleid noch einmal angezogen. Im Gegensatz zu meinem Hochzeitskleid habe ich es nie weggegeben.»

Die Modeljeans

von Nadine Strittmatter, Schweizer Topmodel

 

«Meine Lieblingsjeans gehörten meiner besten Freundin. Sie gefallen mir, weil sie so normal sind. Wenn es, wie in meinem Job, den ganzen Tag immer um schöne Kleider geht, fühlt es sich gut an, in der Freizeit etwas eher Unscheinbares anzuziehen.

 

Am besten gefällt mir an dieser Levi’s-Jeans, dass Farbresten an ihr kleben, die nicht mehr rausgehen. Meine Freundin trug sie, als sie ihre Wohnung gestrichen hatte. Deswegen steckt in diesem Stoff für mich auch ein bisschen Heimat. Im Gegenzug habe ich ihr Chanel-Jeans von mir gegeben. Ich habe damals als Fittingmodel von Karl Lagerfeld in Paris gearbeitet und sie geschenkt bekommen.

 

Immer wenn ich im Chanel-Atelier ein Oberteil anprobieren musste, habe ich meine Levi’s-Jeans angelassen. Auch als ich 2016 mit Chanel für die grosse Modeschau zur Cruise Collection in Havanna war, trug ich die Jeans beim Proben. Chanel hatte damals einen Teil der Altstadt restaurieren lassen und im Gegenzug die Show dort präsentieren dürfen. Es war der Tag, als das erste US-Kreuzfahrtschiff seit 1978 in Kuba ankam. Ein magischer Moment, wie wir im Paseo del Prado bei lauter Musik probten und dann die Aufregung um das Ankommen der westlichen Touristen spürten. Wir wussten in dem Moment: Dieses Land ändert sich nun für immer.»

Die textile Discokugel

von Susanne Bartsch, Modeikone und New Yorker Socialite mit Berner Wurzeln

 

«Ich habe diesen Bodysuit von Mathu & Zaldy zu einer privaten Party von Giorgio Armani getragen. Das war 1993, und er passt immer noch! Es war eine sehr glamouröse Party. Ich wusste, dass alle in ihren Abendkleidern auftauchen würden. Aber die Spiegelsteine auf meinem Outfit haben alles überstrahlt. Mein Freund Calvin Klein sass mir gegenüber und wurde ständig von meinen Glitzersteinen geblendet.

 

Wie bei jeder guten New Yorker Party damals kam Bill Cunningham, um zu fotografieren. Wir haben uns alle immer nur für Bill chic gemacht. Ich hätte nie ein Outfit, das Bill schon mal gesehen hat, ein zweites Mal angezogen. Er mochte mich, seine Swiss Miss, weil ich kein Mainstream- Mädchen war. Ich machte für ihn immer meine Markenzeichen- Pose: das Bein hinter den Kopf biegen. Wer ist schon so gelenkig? Meine Pose und ich wurden so bekannt, dass daraus sogar ein Cartoon im ‹New Yorker› wurde (siehe Seite 8). Der Dresscode an jener Armani- Party war übrigens Marokko, aber ich finde, eine Diskokugel passt überall hin!»

Der Freiheitsmantel

von Flavia Kleiner, Co-Präsidentin Operation Libero

 

«Ich erinnere mich, dass ich den SRF-Journalisten nach der Abstimmung fragte, ob ich mit Mantel oder ohne für das Interview vor die Kamera treten soll. ‹Selbstverständlich mit!›, antwortete er. Für den Mantel, den ich mir in London gekauft hatte, entschied ich mich spontan am Morgen der Abstimmung. Dass das Pink ja auch im Logo der Operation Libero vorkommt, war mir gar nicht aufgefallen.

 

Der Kampf gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP war für mich ein existenzieller. Ich will nicht in einem Land leben, in dem eine solche Initiative angenommen wird. Drei Monate lang habe ich wie eine Verrückte darauf hingearbeitet. Kurz vor der Abstimmung erschien ein Porträt von mir im ‹Tages-Anzeiger›, aber ansonsten wurden mein Team und ich kaum wahrgenommen. Ich war richtig fertig und froh, als am Abend vor der Abstimmung diese Ruhe aufkam, die sich einstellt, wenn man weiss, dass man sein Möglichstes getan hat. Mit unserem Sieg und der Ablehnung der Durchsetzungsinitiative ging der Rummel aber erst richtig los. An jenem Sonntag wurde ich von einer privaten zu einer öffentlichen Person und der Mantel zu einem öffentlichen Stück. Wahrscheinlich trage ich ihn darum heute kaum mehr.»

Das rettende Kleid

von Elena Appelt, PR-Fachfrau, Überlebende des Tsunami 2004 in Thailand

 

«Mein damaliger Partner und ich wollten zum Bootsverleih schwimmen, wo wir für diesen Morgen, es war der Stephanstag 2004, einen kleinen Katamaran gebucht hatten. Wir waren schon auf dem Weg zum Wasser, da traf ich auf meine Freundin, die uns vorschlug, doch später gemeinsam zu Mittag zu essen. Ich brauchte etwas zum Anziehen, also gingen wir nochmals zurück in unseren Bungalow, um mein Kleid zu holen, das ich am Tag zuvor in Phuket gekauft hatte. So konnten wir nicht schwimmen, sondern gingen zu Fuss zum Bootsverleih.

 

Unser Hotel war relativ hoch gelegen. Als wir aus dem Bungalow kamen, sahen wir unter uns Stühle und Liegen ineinander verkeilt herumliegen. Ich dachte zuerst an Vandalen, dann wunderte ich mich über die Gezeiten in Thailand. So schnell diese erste, kleine Welle da war, so schnell war sie wieder weg. Und so schnell kam das Wasser wieder zurück. Es stieg und stieg, brodelnd wie ein Vulkan, die Hotelangestellten rannten uns entgegen, sie schrien, einige kletterten auf Bäume, unter uns explodierte die Bar, alles ging in die Luft. Ein paar Zentimeter unterhalb meiner Zehen blieb das Wasser stehen.

 

Nach dem Tsunami mussten wir noch tagelang in Thailand ausharren. Nachts hörten wir die Helikopter kreisen, die die Toten aus dem Wasser zogen. Eigentlich hätten wir im Wasser sein sollen, eigentlich hätten wir tot sein sollen. Das Kleid hat uns das Leben gerettet.»

Das Grand-Prix-Kleid

von Paola Felix-Del Medico, Sängerin und Moderatorin

 

«‹Bonjour, Bonjour, es ist schön, dich mal wiederzusehn …› Fast fünfzig Jahre ist es her, dass ich mit diesem Lied 1969 in Madrid für die Schweiz am Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie der Wettbewerb damals hiess, auftrat. Man denkt ja immer, heute sei die Show viel wichtiger geworden, fast wichtiger als die Musik. Aber schon damals drehte sich vieles um die Optik. Das Outfit, das man trug, wurde mit genauso grosser Neugierde erwartet wie das Lied, das man sang.

 

Bereits bei den Anproben war die Presse dabei, im ‹Blick› erschien eine Reportage über die Entstehung des Kleids, auch die spanischen Medien interessierten sich für mein Kostüm. Entworfen wurde es von Akris, die Stickerei stammt vom St. Galler Unternehmen Forster Willi, das heute Forster Rohner heisst. Ich habe also die Schweiz nicht nur musikalisch vertreten, sondern war auch Botschafterin für meine Heimatstadt, die Textilstadt St. Gallen. Das Farbfernsehen war damals neu. Die Spanier waren technisch aber noch nicht so weit, nur dank der deutschen Übertragungswagen konnte man den Auftritt zuhause in Farbe sehen. Ich erinnere mich noch, wie überzeugt ich von meinem Lied und von meinem Kleid war. Das Outfit, die Musik und ich mit jungen 18 Jahren – es war die perfekte Symbiose. Gleich vier Sängerinnen teilten sich in jenem Jahr den Sieg. Ich war mit dem zweiten Platz sehr glücklich, dieser Erfolg war für mich der Einstieg in meinen Beruf als Sängerin. Darum bedeutet mir das Kleid auch so viel. Während meiner Karriere trug ich noch viele tolle Kleider. Das passt, denn mein Vater, ein italienischer Einwanderer, war Massschneider.»

Die Gewinnershorts

von Stan Wawrinka, Tennisprofi

 

«Die Shorts wurden mir von meinem japanischen Ausrüster Yonex für die Sandplatzsaison 2015 zur Verfügung gestellt. Ich fand sie von Anfang an cool, auch dann noch, als sich die Medien über sie lustig machten. Einige Journalisten bezeichneten sie sogar als Pyjamahose, und es erschienen zahlreiche Karikaturen. Man wollte mir schon die Fashionpolizei vorbeischicken und zweifelte an meinem Sinn für Mode. Aber dann kam Roland Garros.

 

Ich schlug Roger Federer und gewann das Final gegen Novak Djokovic. Mein zweiter Grand-Slam-Sieg! Es war einer meiner grössten Erfolge, ein sehr emotionaler Moment. Plötzlich entstand ein riesiger Hype um die Shorts. Sie waren sofort ausverkauft, Yonex liess sogar Schlüsselanhänger davon produzieren, die sich toll verkauften. Selbst Novak Djokovic wollte einen haben. Als ich nach dem Final in Roland Garros zur Pressekonferenz ging, habe ich die Shorts mitgebracht und übers Pult gehängt. Die Journalisten sind in lautes Gelächter ausgebrochen. Ich würde die Shorts definitiv wieder tragen, vielleicht bringen sie ja Glück! Auf jeden Fall bleiben sie in Erinnerung. Oder wissen Sie etwa noch, was ich getragen habe, als ich die Australian Open gewann?»

Der Kultkittel

von Ernst Fischer, Inhaber Fischer-Bettwaren-Fabrik

 

«Ich trage so einen weissen Kittel, seit ich das Geschäft gegründet habe, seit fünfzig Jahren also. Einen emotionalen Wert hat er für mich nicht, er ist ein Arbeitsinstrument. Ein weisser Mantel, weisses Hemd und blaue Krawatte, das müssen bei uns alle Angestellten tragen. So lang ich lebe, wird es keinen anderen Mantel geben. Auch mein Nachfolger darf daran nichts ändern, das ist Bedingung. Der Mantel ist hygienisch, da lege ich Wert drauf, denn wir machen saubere Sachen. In einem Betrieb, der sauber ist, wird auch sauber gearbeitet. Unser erster Werbefilm wurde vor 15 Jahren auf Tele Züri ausgestrahlt. Es war schon immer mein Wunsch, unser Geschäft eines Tages ins Fernsehen zu bringen. Es kamen dann ein paar Leute vorbei, die das produzieren wollten. Zwei sagten: ‹Das geht nicht mit Ihnen.› Der dritte war auch dagegen, drehte den Spot dann aber doch. Ich überlegte kurz, ob ich vor der Kamera etwas anderes tragen soll. Aber so ein weisser Schurz passt zum Produkt.

 

Ich war nicht sicher, ob das mit der Werbung, auf Deutsch gesagt, in die Hosen geht. Ich schlief ein paar Nächte lang schlecht, und dann ging es Gott sei Dank doch noch gut aus. Die Medien schrieben darüber. Die einen fanden es gut, die anderen nicht, sie machten sich auch lustig über mich, aber das ist nicht wichtig, schliesslich haben wir seither mehr Kunden, pro Tag vierzig bis fünfzig. Vor dem Spot waren es vier bis fünf Kunden pro Woche. Ich werde auf der Strasse oft erkannt. Nicht am Kittel, denn der bleibt immer im Geschäft, aber an der Stimme. Berühmt zu sein, bedeutet mir nichts. Ich bin ein normaler Arbeitsmensch.»

Das Vereidigungskleid

von Elisabeth Kopp, Alt-Bundesrätin und 1984 die erste Frau in der Landesregierung

 

«Vor meiner Zeit als Bundesrätin war ich bereits Gemeindepräsidentin von Zumikon und Nationalrätin und hatte folglich wenig Zeit zum Kleiderkaufen. Also kam viermal im Jahr jemand vom Geschäft Oscar Rom mit einer Auswahl an Kleidern zu mir nachhause. Es hatte an dem Tag, an dem ich das Kleid gekauft hatte, niemand auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass der Herr Bundesrat Friedrich zurücktreten und sich die Frage einer Ersatzwahl stellen würde. Dieses Kleid hatte ich also nicht extra für die Vereidigung gekauft. Das Oberteil ist in einem sehr schönen Blau gehalten und der Jupe, in grossem Karo, nimmt das Blau wieder auf. Ich habe nicht bewusst auf eine Schweizer Marke gesetzt, wusste auch nicht, dass es von Akris war. Es hat mir halt gefallen, und es hatte einen weiten Jupe, mit dem man bequem sitzen konnte. Als Politikerin sitzt man ja viel. Ausserdem sieht man allfällige Flecken bei der Farbe nicht so gut.

 

Am 2. Oktober 1984, dem Tag der Ersatzwahl im Bundesrat, stand ich dann einigermassen ratlos vor meinem Kleiderschrank. Eigentlich wäre ja ein Deuxpièces angebracht gewesen, aber ich entschied mich für das Kleid, in dem ich mich am wohlsten fühlte. Meine Wahl stand nicht von Anfang an fest, meine Partei hatte eine Zweierkandidatur aufgestellt, den Nationalrat Bruno Hunziker und mich. Als das Resultat verkündet wurde, habe ich mich erschrocken. Ich spürte die Erleichterung über den Fortschritt, aber auch die zentnerschwere Verantwortung, die mit dieser Wahl plötzlich auf meinen Schultern lastete.

 

Mit mir wurde das erste Mal eine Frau in den Bundesrat gewählt – das war das Entscheidende, nicht, dass ich es war. Ich hätte mich genauso gefreut, wenn es eine andere gewesen wäre. Ich wusste, wie wichtig es ist, dass Frauen mitreden. Nicht weil sie alles besser können, aber weil sie andere Prioritäten setzen als Männer und diese Mischung wesentlich für unsere Politik ist. Meine Garderobe wurde immer ganz besonders beäugt. Natürlich musste ich dossierfest sein, aber ebenso selbstverständlich war für mich, dass ich die Frauen auch optisch repräsentierte. Sie mussten sich doch mit mir identifizieren können. Eine Journalistin hat mir einmal vorgeworfen, dass ich immer die gleiche Lippenstiftfarbe trage. Ich sagte ihr, dass ich Bundesrätin sei und nicht das Mannequin der Nation. Eine Verkäuferin sagte mir, dass nach meiner Vereidigung viele Frauen etwas im sogenannten Kopp- Blau suchten. Das hat mich amüsiert. Ich hatte ja anderes zu tun, als Trends zu setzen, aber offenbar ist es mir da einmal passiert.»

In der Serie «Stoff für Stories» zeigen wir pro Heftausgabe ein Kleidungsstück, das an ein spezielles Ereignis erinnert oder das einen grossen öffentlichen Auftritt hatte. Alle bisherigen Kleider und die dazugehörigen Geschichten finden Sie in der Bildstrecke.

Kleider machen Leute, Kleider erzählen Geschichten. Diese Geschichten sammeln wir. Zum Beispiel die des pinken Mantels der Co-Präsidentin von Operation Libero Flavia Kleiner oder der Arbeitsuniform des Fischer-Bettwaren-Fabrik Inhabers Ernst Fischer – der berühmte weisse Kultkittel.

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