Kleider mit Geschichte

Stoff für Stories

Redaktion: Barbara Loop, Jacqueline Krause-Blouin; Produktion: Martin Berz; Fotos: Pexels, Digital Buggu, Christopher Kuhn, Daniel Valance

Diese Kleider haben Geschichte geschrieben
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Diese Kleider haben Geschichte geschrieben
Diese Kleider haben Geschichte geschrieben
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Der Showtime-Jumpsuit

von Jennifer Bosshard (25), Moderatorin und Redaktorin von «Glanz & Gloria»

Das Showbrautkleid

von Dianne Brill, US-It-Girl der ersten Stunde

Der Trennungspullover

von Meral Kureyshi, Schriftstellerin

Die Bärenjacke

Von Evelyne Binsack (51), Bergführerin und Abenteuerin

Der Botschaftshut

von Shawne Fielding (49), Model und ehemalige Botschaftergattin

Das Mädchenkleid

von Yadin Bernauer (20), angehender Kunststudent

Das Tuch zum Mauerfall

von Brigitte Zaugg,annabelle-Produzentin

Das Missenkleid

von Stéphanie Berger, Comedian, Moderatorin, Musikerin und Miss Schweiz 1995

Die Modeljeans

von Nadine Strittmatter, Schweizer Topmodel

Die textile Discokugel

von Susanne Bartsch, Modeikone und New Yorker Socialite mit Berner Wurzeln

Der Freiheitsmantel

von Flavia Kleiner, Co-Präsidentin Operation Libero

Das rettende Kleid

von Elena Appelt, PR-Fachfrau, Überlebende des Tsunami 2004 in Thailand

Das Grand-Prix-Kleid

von Paola Felix-Del Medico, Sängerin und Moderatorin

Die Gewinnershorts

von Stan Wawrinka, Tennisprofi

Der Kultkittel

von Ernst Fischer, Inhaber Fischer-Bettwaren-Fabrik

Das Vereidigungskleid

von Elisabeth Kopp, Alt-Bundesrätin und 1984 die erste Frau in der Landesregierung

In der Serie «Stoff für Stories» zeigen wir pro Heftausgabe ein Kleidungsstück, das an ein spezielles Ereignis erinnert oder das einen grossen öffentlichen Auftritt hatte. Alle bisherigen Kleider finden Sie in der Bildstrecke, die Geschichten dazu unten. 

Der Showtime-Jumpsuit

Von Jennifer Bosshard (25), Moderatorin und Redaktorin von «Glanz & Gloria»

«Als der Sendetermin für meinen ersten Auftritt als ‹Glanz & Gloria›-Moderatorin näher rückte, stellte sich auch die Frage: Was zieht man an, wenn man sich zum ersten Mal dem Schweizer Publikum präsentiert? Für eine Millisekunde habe ich mir überlegt, ob man mir aufgrund eines zu glamourösen Outfits journalistische Qualität oder Können absprechen könnte, aber wer heute noch so denkt, der kann mich eigentlich mal recht herzlich.

Ich hatte einen Termin mit dem SRF-Stylingteam, es wurden sehr viele Bilder von mir in vielen Outfits gemacht, aber für mich war klar: Es soll der rote Jumpsuit sein und kein kurzes Kleidchen. Wenn es nach mir ginge, würde ich vermutlich auch vor der Kamera nur Hosen tragen. Ausserdem ist Rot meine Lieblingsfarbe – eine Powerfarbe.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die Vorabberichte über mich nicht gelesen hätte. Da hiess es ständig: ‹Sie ist das Küken, stand noch nie vor einer Kamera, ob sie das wohl kann?› Ich wusste, ich muss liefern. Also stand ich am Tag der ersten Sendung in meinem roten Jumpsuit in unserem lilafarbenen Studio und lächelte in die Kamera. Vor diesem Tag hatte ich nicht gewusst, dass es möglich ist, derart nervös zu sein. Ich hatte meinen Knopf im Ohr, mit dem man die Produzenten, die Toningenieure und den Regisseur hört. Der Regisseur zählt jeweils die letzte Minute wie einen Countdown herunter. Für mich die längste Minute der Welt. Dann war ich plötzlich live auf Sendung vor 300 000 Zuschauern.

Die Kritiken waren zwar gut, aber ich finde, dass es nicht die glorioseste Sendung war, ich habe mich ab und zu verhaspelt. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich das Outfit auch gewählt habe, um meine Gefühlslage ein wenig zu kaschieren. Ich wollte selbstbewusst wirken und es sollte nicht gleich jeder merken, dass ich unsicher war. In der Hinsicht kann so ein rotes Textil Wunder wirken.»

Das Showbrautkleid

Von Dianne Brill (60), US-It-Girl der ersten Stunde

«Als ich Thierry Mugler zum ersten Mal traf, war ich schon eine Berühmtheit. Ich war die New Yorker Königin der Nacht – und ich nahm diesen Job sehr ernst.

Ich tanzte also in einem Nachtclub. Und ich tanzte richtig gut, denn ich hatte bemerkt, dass Thierry Mugler, der auch an dieser Party war, mich beobachtete. Er bat mich an seinen Tisch und fragte mich, ob ich in seiner nächsten Show auftreten wolle. Was für eine Frage! Modenschauen waren damals ein Theaterstück, in dem wir Models eine Rolle spielten.

So trug ich dieses Brautkleid im Finale der Show von Thierry Muglers Sommerkollektion 1988. Ich durfte kein Gramm zulegen oder verlieren, denn er hatte das Kleid genau auf meine Kurven zugeschnitten. Ein 100 000-Dollar-Kleid, ein Meisterwerk! Während neun Jahren war ich fortan die Muse des Hauses. Und wurde dadurch zu Thierrys inoffizieller Freundin. Das Kleid hat er mir geschenkt, schliesslich war es für meinen Körper gemacht. Ich trug es nach der Show erneut auf einem roten Teppich. Auch wenn ich ein Höschen anhatte, schien es auf den Pressebildern so, als sei mein nackter Hintern zu sehen. Ein Skandal.

Bei meiner eigenen Hochzeit trug ich dann allerdings kein Brautkleid. Mein Mann hatte mich schon so oft in weissen Brautkleidern auf dem Laufsteg gesehen – und ausserdem war ich mit unserem zweiten Kind schwanger. Das Kind, das damals in meinem Bauch war, ist heute erwachsen. Als ich sah, dass meiner Tochter das Kleid wie angegossen passt, hätte ich vor Glück heulen können.»

Der Trennungspullover

Von Meral Kureyshi (35), Schriftstellerin

«Ich schnappte mir diesen Pullover, weil ich etwas mitnehmen wollte aus seinem Zimmer, etwas von ihm. Ich ging, nicht ohne die Tür zuzuschlagen, nicht ohne ihm zu sagen, dass ich ihn nie wiedersehen wolle. Obwohl die Nacht viel zu warm war, zog ich mir den Pullover über, atmete durch ihn durch, ihn ein in meinen Bauch. Er roch süss. Ich ging über die Brücke, unter mir die Autobahn schrie – und ich. An der Tramhaltestelle Saali setzte ich mich auf die Bank und weinte in den Ärmel. Natürlich habe ich auf ihn gewartet, die Trams fuhren ohne mich los, eines nach dem anderen. Und ich schaute ihnen hinterher, zur Brücke und zurück. Ich wollte ihn nicht zurück, doch wollte ich, dass er mich zurückhielt, er sollte mich nicht gehen lassen, mich bitten, zurückzukommen. Ich wartete. Und schliesslich kam er doch und setzte sich neben mich. Wir redeten nicht, wir weinten und wussten, dass es vorbei war.

Nach zwanzig Jahren denke ich an diese Sommernacht zurück, wenn ich den Pullover anziehe. Ich lache darüber, dass ich noch immer dieselbe bin wie mit 15, ich laufe weg und will, dass man mich zurückhält.»

Die Bärenjacke

Von Evelyne Binsack (51), Bergführerin und Abenteuerin

«Am 12. April 2017 um 18.45 Uhr stand ich am Nordpol. Meine Vorbereitungen dafür hatten länger gedauert als die elf Monate, in denen ich die Expedition plante: Ich bezwang auf meinem Lebensweg die schwierigsten Alpenwände, stand auf dem Mount Everest und bin aus eigener Muskelkraft von meinem Zuhause im Berner Oberland bis zum Südpol gereist.

Die Jacke trug ich schon bei der Durchquerung von Spitzbergen. In Stürmen bei minus 35 Grad merkt man, wie verletzlich der Körper und die Psyche sind. Auf der letzten Etappe zum Nordpol schloss ich mich dann einer Gruppe an. Unterwegs kam es zu einem Vorfall, der mich bis heute betroffen macht. Eine unerfahrene Expeditionsteilnehmerin hatte mit ihrem Salami einen Eisbären angelockt. Ein Schreckensmoment. Das Tier verhielt sich nicht aggressiv, doch der Guide hat nach nur einem Warnschuss auf den Bären geschossen. Vollkommen unnötig!

Zurück in der Schweiz wurde mir klar, dass es selbst in diesem lebensfeindlichen Gebiet zu viel Tourismus gibt. Die Bilder auf Social Media lassen Reisen in die Arktis als ein Leichtes erscheinen. Immer mehr Menschen wollen das ewige Eis sehen – ohne Rücksicht auf die Natur. Jüngst wurde ein Eisbär auf Spitzbergen erschossen, weil er Landgänger einer Kreuzfahrt angegriffen hatte, die mit Touren wirbt, auf denen man den Bären so nah wie möglich kommen soll.

Ich bin kein materialistischer Mensch, aber diese Jacke werde ich nie weggeben. Sie erinnert mich an die Erfüllung eines Lebenstraums. Und sie mahnt mich, dass es nicht nur darum geht, dass man ein Ziel erreicht, sondern auch, wie man es tut.»

Der Botschaftshut

Von Shawne Fielding (49), Model und ehemalige Botschaftergattin

«Ich habe diesen Hut von Fiona Bennett 1999 an der Eröffnung der Schweizer Botschaft in Berlin getragen. Der Sitz wurde damals von Bonn nach Berlin verlegt, somit zogen mein Ex-Mann und ich mit um. Es war eine grosse Sache, plötzlich neben Gerhard Schröder zu wohnen.

Meine Grosseltern waren Deutsche und dieser Hut, den ich zu einem orangen Prada-Dress kombiniert habe, sollte eine Hommage an das glamouröse Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg sein. Der Berliner Stil ist ja eher leger, aber ich finde, es ist eine Sache des Anstands, sich für einen Anlass wie diesen entsprechend zu kleiden. Wenn man sich bei seinem Look Mühe gibt, ist das ein Zeichen von Respekt und der Beweis dafür, dass man seine Rolle ernst nimmt. Schlecht gekleidete Menschen interessieren sich nicht für ihre Umwelt und denken nur an sich selbst. Es ist sehr einfach, den ganzen Tag in Jogginghosen rumzulaufen – ein wenig Anstrengung beim Look wird aber niemanden umbringen.

Die Botschaftseröffnung war ein Spektakel und ich war erst 29 Jahre alt. Aber als Ex-Miss-Texas war ich schon an Fotografen gewöhnt. Ich konnte mich mit der Rolle der glamourösen, leicht skandalösen Beautyqueen identifizieren, die Medien haben das geliebt. Ich war schon in Texas in der Rolle bekannt gewesen, weil ich damals mit einem Milliardär verheiratet war. Ich sah das Ganze aber auch mit Humor. Beim Styling halte ich es mit Dolly Parton: ‹Wo ich herkomme, ist mehr mehr!›

Die Zeit in Berlin war für mich gleichzeitig die schönste und die schlimmste Zeit meines Lebens. Rückblickend kann ich sagen, dass ich nichts anders machen würde. Ausser vielleicht noch mehr Hüte zu tragen.»

Das Mädchenkleid

Von Yadin Bernauer (20), angehender Kunststudent

«Meine Mutter hatte das Kleid für eine Freundin von mir gekauft, es in meinen Kleiderschrank gehängt und dort vergessen. Es hing dort bestimmt ein Jahr, bis ich es anzog und mich für die Schule bereit machte. Ein 7-jähriger Bub in einem Mädchenkleid. Die anderen Kinder werden das merkwürdig finden, sagte meine Mutter und liess mich ziehen. Schon damals wurde ich oft für ein Mädchen gehalten. Zwar trug ich die Haare noch kurz, aber ich spielte nicht gern Fussball, hatte filigrane Gesichtszüge, und meine Gestik war feminin. Auch heute werde ich oft gefragt, wie ich mein Geschlecht definiere. Mein Körper ist männlich, und ich mag ihn so, wie er ist. Und trotzdem könnte ich genauso gut ein Mädchen sein. Also antworte ich so wie schon als Kind: Ich bin ein Junge mit dem Herzen eines Mädchens. Ich weiss nicht mehr, wie meine Mitschüler an jenem Tag auf mein Mädchenkleid reagiert haben. Eine Schulfreundin von damals hat mir kürzlich erzählt, dass ihr weniger das Kleid in Erinnerung geblieben sei als die pinke Spange in meinem Haar. Ich wurde in meinem Leben oft ausgelacht und angestarrt. Trotzdem trug ich das Mädchenkleid, trotzdem liess ich mir die Haare wachsen, outete mich im Gymnasium als homosexuell, schlüpfte so selbstverständlich in Highheels wie in Männerhemden. Das rote Kleidchen steht für meinen ersten Schritt aus der Komfortzone, dafür, dass ich schon als Kind intuitiv wusste, wer ich bin und dass ich so richtig bin, wie ich eben bin. Heute hängt es an der Wand meines Zimmers, darüber steht «Moi» geschrieben.»

Das Tuch zum Mauerfall

Von Brigitte Zaugg, annabelle-Produzentin

«Die Erinnerungen sind bruchstückhaft. Etwa so bruchstückhaft wie der bunte Betonschutt, den wir in jenen bitterkalten Tagen Anfang November 1989 am Fuss der Berliner Mauer aufsammelten.

Erinnerung eins: ein Gefühl. Dieses bis heute einmalige Gefühl, bei einem wahrhaft historischen Ereignis hautnah dabei gewesen zu sein. Es packte uns eines Abends am Küchentisch in unserer WG in Basel, als wir am Radio die Nachrichten von einer Grosskundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz hörten. Schon am nächsten Tag sassen wir im Zug – unterwegs in die Weltstadt, in der gerade Weltgeschichte geschah.

Erinnerung zwei: ein Geräusch. Das nächtelange Hämmern und Meisseln der Mauerspechte aus aller Welt, die sich aus der über und über versprayten Westseite der Mauer ein Stück vom bröckelnden Übersymbol des Kalten Krieges sichern wollten. Wir sicherten uns zwar bloss die Abfälle, doch die waren – mit ihren Spuren von den Graffitis – die coolsten Mitbringsel, mit denen man seine Freunde zuhause überraschen konnte.

Erinnerung drei: ein Geruch. Der Berliner Smog jener Tage, ein uferloser Kaltluftsee von Verkehrsabgasen (West) und Feinstaub aus Braunkohleheizungen (Ost). Ich glaube, er hängt noch heute in meinem Arafat-Tuch aus einem Beduinencamp in der Negev-Wüste, das ich damals kurzerhand zur Atemschutzmaske umfunktionierte. Ich habe es nämlich seither nie gewaschen – höchstens mal an die frische Schweizer Stadtluft gehängt. Weil: siehe Erinnerung eins.»

Das Missenkleid

Von Stéphanie Berger, Comedian, Moderatorin, Musikerin und Miss Schweiz 1995

«Mir gefiel der Glitzer, die dramatische Schleppe, der Touch Hollywood. Andere wählten Gold, ich fand Schwarz eleganter. Ich trug das Kleid, entworfen von Lisbeth Egli, in jener Septembernacht 1995, in der ich zur schönsten Frau der Schweiz gekürt wurde. Einen nationalen Schönheitstitel zu gewinnen ist etwas Wuchtiges. Ich wurde über Nacht zum Star.

Das Kleid symbolisiert für mich viel Freude, aber auch grosses Leid. Ich war gerade mal 17 Jahre alt, liebte die Bühne, sang und spielte Sketches. Aber ich hätte besser eine Musicalschule besucht, als an der Misswahl teilzunehmen. Die Aufmerksamkeit war damals besonders gross, weil die Show zum ersten Mal im Fernsehen übertragen wurde. Nach dem Sieg spielte sich mein Leben plötzlich in der Öffentlichkeit ab. Jeder wollte sich mit mir verwirklichen und an mir verdienen, ich wurde herumgereicht wie ein Produkt.

Wenn ich heute als vierzigjährige Frau und Mutter die Bilder von damals betrachte, sehe ich ein junges Mädchen, das man einfach ein bisschen häufiger in den Arm hätte nehmen sollen. Die Wahl hat mich meiner Familie entrissen, aber ich bin mir auch selbst abhandengekommen. Mit dem Kleid verbinde ich ein Gefühl der Entfremdung von mir selbst. Für ‹MissErfolg›, meine erste Solo-- show als Comedian, habe ich das Kleid noch einmal angezogen. Im Gegensatz zu meinem Hochzeitskleid habe ich es nie weggegeben.»

Die Modeljeans

Von Nadine Strittmatter, Schweizer Topmodel

«Meine Lieblingsjeans gehörten meiner besten Freundin. Sie gefallen mir, weil sie so normal sind. Wenn es, wie in meinem Job, den ganzen Tag immer um schöne Kleider geht, fühlt es sich gut an, in der Freizeit etwas eher Unscheinbares anzuziehen.

Am besten gefällt mir an dieser Levi’s-Jeans, dass Farbresten an ihr kleben, die nicht mehr rausgehen. Meine Freundin trug sie, als sie ihre Wohnung gestrichen hatte. Deswegen steckt in diesem Stoff für mich auch ein bisschen Heimat. Im Gegenzug habe ich ihr Chanel-Jeans von mir gegeben. Ich habe damals als Fittingmodel von Karl Lagerfeld in Paris gearbeitet und sie geschenkt bekommen.

Immer wenn ich im Chanel-Atelier ein Oberteil anprobieren musste, habe ich meine Levi’s-Jeans angelassen. Auch als ich 2016 mit Chanel für die grosse Modeschau zur Cruise Collection in Havanna war, trug ich die Jeans beim Proben. Chanel hatte damals einen Teil der Altstadt restaurieren lassen und im Gegenzug die Show dort präsentieren dürfen. Es war der Tag, als das erste US-Kreuzfahrtschiff seit 1978 in Kuba ankam. Ein magischer Moment, wie wir im Paseo del Prado bei lauter Musik probten und dann die Aufregung um das Ankommen der westlichen Touristen spürten. Wir wussten in dem Moment: Dieses Land ändert sich nun für immer.»

Die textile Discokugel

Von Susanne Bartsch, Modeikone und New Yorker Socialite mit Berner Wurzeln

«Ich habe diesen Bodysuit von Mathu & Zaldy zu einer privaten Party von Giorgio Armani getragen. Das war 1993, und er passt immer noch! Es war eine sehr glamouröse Party. Ich wusste, dass alle in ihren Abendkleidern auftauchen würden. Aber die Spiegelsteine auf meinem Outfit haben alles überstrahlt. Mein Freund Calvin Klein sass mir gegenüber und wurde ständig von meinen Glitzersteinen geblendet.

Wie bei jeder guten New Yorker Party damals kam Bill Cunningham, um zu fotografieren. Wir haben uns alle immer nur für Bill chic gemacht. Ich hätte nie ein Outfit, das Bill schon mal gesehen hat, ein zweites Mal angezogen. Er mochte mich, seine Swiss Miss, weil ich kein Mainstream- Mädchen war. Ich machte für ihn immer meine Markenzeichen- Pose: das Bein hinter den Kopf biegen. Wer ist schon so gelenkig? Meine Pose und ich wurden so bekannt, dass daraus sogar ein Cartoon im ‹New Yorker› wurde (siehe Seite 8). Der Dresscode an jener Armani- Party war übrigens Marokko, aber ich finde, eine Diskokugel passt überall hin!»

Der Freiheitsmantel

Von Flavia Kleiner, Co-Präsidentin Operation Libero

«Ich erinnere mich, dass ich den SRF-Journalisten nach der Abstimmung fragte, ob ich mit Mantel oder ohne für das Interview vor die Kamera treten soll. ‹Selbstverständlich mit!›, antwortete er. Für den Mantel, den ich mir in London gekauft hatte, entschied ich mich spontan am Morgen der Abstimmung. Dass das Pink ja auch im Logo der Operation Libero vorkommt, war mir gar nicht aufgefallen.

Der Kampf gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP war für mich ein existenzieller. Ich will nicht in einem Land leben, in dem eine solche Initiative angenommen wird. Drei Monate lang habe ich wie eine Verrückte darauf hingearbeitet. Kurz vor der Abstimmung erschien ein Porträt von mir im ‹Tages-Anzeiger›, aber ansonsten wurden mein Team und ich kaum wahrgenommen. Ich war richtig fertig und froh, als am Abend vor der Abstimmung diese Ruhe aufkam, die sich einstellt, wenn man weiss, dass man sein Möglichstes getan hat. Mit unserem Sieg und der Ablehnung der Durchsetzungsinitiative ging der Rummel aber erst richtig los. An jenem Sonntag wurde ich von einer privaten zu einer öffentlichen Person und der Mantel zu einem öffentlichen Stück. Wahrscheinlich trage ich ihn darum heute kaum mehr.»

Das rettende Kleid

Von Elena Appelt, PR-Fachfrau, Überlebende des Tsunami 2004 in Thailand

«Mein damaliger Partner und ich wollten zum Bootsverleih schwimmen, wo wir für diesen Morgen, es war der Stephanstag 2004, einen kleinen Katamaran gebucht hatten. Wir waren schon auf dem Weg zum Wasser, da traf ich auf meine Freundin, die uns vorschlug, doch später gemeinsam zu Mittag zu essen. Ich brauchte etwas zum Anziehen, also gingen wir nochmals zurück in unseren Bungalow, um mein Kleid zu holen, das ich am Tag zuvor in Phuket gekauft hatte. So konnten wir nicht schwimmen, sondern gingen zu Fuss zum Bootsverleih.

Unser Hotel war relativ hoch gelegen. Als wir aus dem Bungalow kamen, sahen wir unter uns Stühle und Liegen ineinander verkeilt herumliegen. Ich dachte zuerst an Vandalen, dann wunderte ich mich über die Gezeiten in Thailand. So schnell diese erste, kleine Welle da war, so schnell war sie wieder weg. Und so schnell kam das Wasser wieder zurück. Es stieg und stieg, brodelnd wie ein Vulkan, die Hotelangestellten rannten uns entgegen, sie schrien, einige kletterten auf Bäume, unter uns explodierte die Bar, alles ging in die Luft. Ein paar Zentimeter unterhalb meiner Zehen blieb das Wasser stehen.

Nach dem Tsunami mussten wir noch tagelang in Thailand ausharren. Nachts hörten wir die Helikopter kreisen, die die Toten aus dem Wasser zogen. Eigentlich hätten wir im Wasser sein sollen, eigentlich hätten wir tot sein sollen. Das Kleid hat uns das Leben gerettet.»

Das Grand-Prix-Kleid

Von Paola Felix-Del Medico, Sängerin und Moderatorin

«‹Bonjour, Bonjour, es ist schön, dich mal wiederzusehn …› Fast fünfzig Jahre ist es her, dass ich mit diesem Lied 1969 in Madrid für die Schweiz am Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie der Wettbewerb damals hiess, auftrat. Man denkt ja immer, heute sei die Show viel wichtiger geworden, fast wichtiger als die Musik. Aber schon damals drehte sich vieles um die Optik. Das Outfit, das man trug, wurde mit genauso grosser Neugierde erwartet wie das Lied, das man sang.

Bereits bei den Anproben war die Presse dabei, im ‹Blick› erschien eine Reportage über die Entstehung des Kleids, auch die spanischen Medien interessierten sich für mein Kostüm. Entworfen wurde es von Akris, die Stickerei stammt vom St. Galler Unternehmen Forster Willi, das heute Forster Rohner heisst. Ich habe also die Schweiz nicht nur musikalisch vertreten, sondern war auch Botschafterin für meine Heimatstadt, die Textilstadt St. Gallen. Das Farbfernsehen war damals neu. Die Spanier waren technisch aber noch nicht so weit, nur dank der deutschen Übertragungswagen konnte man den Auftritt zuhause in Farbe sehen. Ich erinnere mich noch, wie überzeugt ich von meinem Lied und von meinem Kleid war. Das Outfit, die Musik und ich mit jungen 18 Jahren – es war die perfekte Symbiose. Gleich vier Sängerinnen teilten sich in jenem Jahr den Sieg. Ich war mit dem zweiten Platz sehr glücklich, dieser Erfolg war für mich der Einstieg in meinen Beruf als Sängerin. Darum bedeutet mir das Kleid auch so viel. Während meiner Karriere trug ich noch viele tolle Kleider. Das passt, denn mein Vater, ein italienischer Einwanderer, war Massschneider.»

Paola Felix-Del Medico steht auch heute noch vor der Kamera, für eine Modelinie, die ihren Namen trägt

Die Gewinnershorts

Von Stan Wawrinka, Tennisprofi

«Die Shorts wurden mir von meinem japanischen Ausrüster Yonex für die Sandplatzsaison 2015 zur Verfügung gestellt. Ich fand sie von Anfang an cool, auch dann noch, als sich die Medien über sie lustig machten. Einige Journalisten bezeichneten sie sogar als Pyjamahose, und es erschienen zahlreiche Karikaturen. Man wollte mir schon die Fashionpolizei vorbeischicken und zweifelte an meinem Sinn für Mode. Aber dann kam Roland Garros.

Ich schlug Roger Federer und gewann das Final gegen Novak Djokovic. Mein zweiter Grand-Slam-Sieg! Es war einer meiner grössten Erfolge, ein sehr emotionaler Moment. Plötzlich entstand ein riesiger Hype um die Shorts. Sie waren sofort ausverkauft, Yonex liess sogar Schlüsselanhänger davon produzieren, die sich toll verkauften. Selbst Novak Djokovic wollte einen haben. Als ich nach dem Final in Roland Garros zur Pressekonferenz ging, habe ich die Shorts mitgebracht und übers Pult gehängt. Die Journalisten sind in lautes Gelächter ausgebrochen. Ich würde die Shorts definitiv wieder tragen, vielleicht bringen sie ja Glück! Auf jeden Fall bleiben sie in Erinnerung. Oder wissen Sie etwa noch, was ich getragen habe, als ich die Australian Open gewann?»

Der Kultkittel

Von Ernst Fischer, Inhaber Fischer-Bettwaren-Fabrik

«Ich trage so einen weissen Kittel, seit ich das Geschäft gegründet habe, seit fünfzig Jahren also. Einen emotionalen Wert hat er für mich nicht, er ist ein Arbeitsinstrument. Ein weisser Mantel, weisses Hemd und blaue Krawatte, das müssen bei uns alle Angestellten tragen. So lang ich lebe, wird es keinen anderen Mantel geben. Auch mein Nachfolger darf daran nichts ändern, das ist Bedingung. Der Mantel ist hygienisch, da lege ich Wert drauf, denn wir machen saubere Sachen. In einem Betrieb, der sauber ist, wird auch sauber gearbeitet. Unser erster Werbefilm wurde vor 15 Jahren auf Tele Züri ausgestrahlt. Es war schon immer mein Wunsch, unser Geschäft eines Tages ins Fernsehen zu bringen. Es kamen dann ein paar Leute vorbei, die das produzieren wollten. Zwei sagten: ‹Das geht nicht mit Ihnen.› Der dritte war auch dagegen, drehte den Spot dann aber doch. Ich überlegte kurz, ob ich vor der Kamera etwas anderes tragen soll. Aber so ein weisser Schurz passt zum Produkt.

Ich war nicht sicher, ob das mit der Werbung, auf Deutsch gesagt, in die Hosen geht. Ich schlief ein paar Nächte lang schlecht, und dann ging es Gott sei Dank doch noch gut aus. Die Medien schrieben darüber. Die einen fanden es gut, die anderen nicht, sie machten sich auch lustig über mich, aber das ist nicht wichtig, schliesslich haben wir seither mehr Kunden, pro Tag vierzig bis fünfzig. Vor dem Spot waren es vier bis fünf Kunden pro Woche. Ich werde auf der Strasse oft erkannt. Nicht am Kittel, denn der bleibt immer im Geschäft, aber an der Stimme. Berühmt zu sein, bedeutet mir nichts. Ich bin ein normaler Arbeitsmensch.»

Das Vereidigungskleid

Von Elisabeth Kopp, Alt-Bundesrätin und 1984 die erste Frau in der Landesregierung

«Vor meiner Zeit als Bundesrätin war ich bereits Gemeindepräsidentin von Zumikon und Nationalrätin und hatte folglich wenig Zeit zum Kleiderkaufen. Also kam viermal im Jahr jemand vom Geschäft Oscar Rom mit einer Auswahl an Kleidern zu mir nachhause. Es hatte an dem Tag, an dem ich das Kleid gekauft hatte, niemand auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass der Herr Bundesrat Friedrich zurücktreten und sich die Frage einer Ersatzwahl stellen würde. Dieses Kleid hatte ich also nicht extra für die Vereidigung gekauft. Das Oberteil ist in einem sehr schönen Blau gehalten und der Jupe, in grossem Karo, nimmt das Blau wieder auf. Ich habe nicht bewusst auf eine Schweizer Marke gesetzt, wusste auch nicht, dass es von Akris war. Es hat mir halt gefallen, und es hatte einen weiten Jupe, mit dem man bequem sitzen konnte. Als Politikerin sitzt man ja viel. Ausserdem sieht man allfällige Flecken bei der Farbe nicht so gut.

Am 2. Oktober 1984, dem Tag der Ersatzwahl im Bundesrat, stand ich dann einigermassen ratlos vor meinem Kleiderschrank. Eigentlich wäre ja ein Deuxpièces angebracht gewesen, aber ich entschied mich für das Kleid, in dem ich mich am wohlsten fühlte. Meine Wahl stand nicht von Anfang an fest, meine Partei hatte eine Zweierkandidatur aufgestellt, den Nationalrat Bruno Hunziker und mich. Als das Resultat verkündet wurde, habe ich mich erschrocken. Ich spürte die Erleichterung über den Fortschritt, aber auch die zentnerschwere Verantwortung, die mit dieser Wahl plötzlich auf meinen Schultern lastete.

Mit mir wurde das erste Mal eine Frau in den Bundesrat gewählt – das war das Entscheidende, nicht, dass ich es war. Ich hätte mich genauso gefreut, wenn es eine andere gewesen wäre. Ich wusste, wie wichtig es ist, dass Frauen mitreden. Nicht weil sie alles besser können, aber weil sie andere Prioritäten setzen als Männer und diese Mischung wesentlich für unsere Politik ist. Meine Garderobe wurde immer ganz besonders beäugt. Natürlich musste ich dossierfest sein, aber ebenso selbstverständlich war für mich, dass ich die Frauen auch optisch repräsentierte. Sie mussten sich doch mit mir identifizieren können. Eine Journalistin hat mir einmal vorgeworfen, dass ich immer die gleiche Lippenstiftfarbe trage. Ich sagte ihr, dass ich Bundesrätin sei und nicht das Mannequin der Nation. Eine Verkäuferin sagte mir, dass nach meiner Vereidigung viele Frauen etwas im sogenannten Kopp- Blau suchten. Das hat mich amüsiert. Ich hatte ja anderes zu tun, als Trends zu setzen, aber offenbar ist es mir da einmal passiert.»

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