Heft 19/15

Hip Teens: Interview mit Clueless-Kostümbildnerin Mona May

Interview: Andrea Bornhauser; Foto: Getty Images (1)

Zwanzig Jahre Chickflick: Interview mit Clueless-Kostümbildnerin Mona May
Zwanzig Jahre Chickflick: Interview mit Clueless-Kostümbildnerin Mona May
Zwanzig Jahre Chickflick: Interview mit Clueless-Kostümbildnerin Mona May
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«Clueless»: Stacey Dash (l.) und Alicia Silverstone

Mona Mays Entwurf 

Die Frau hinter den Looks: Kostümbildnerin Mona May

Der Film «Clueless» wird 20, prägte den Stil vieler Mädchen – und inspiriert Modedesigner bis heute. Verantwortlich für diesen Fashion-Coup: Kostümbildnerin Mona May.

annabelle: Mona May, in «Clueless» spielt die Mode eine Hauptrolle. War diese Besetzung von Anfang an geplant?
MONA MAY: Das war sie. Die Regisseurin Amy Heckerling wollte einen Fashion-Forward-Film machen, der einen ganz neuartigen Look inszeniert. Als sie am Drehbuch zu «Clueless» schrieb, rief sich mich an: «Mach die Kostüme, du hast den visionären Blick dafür!»

Was war denn Ihre Vision?
Ein Film über Highschool-Mädchen aus Beverly Hills. Mit derart wohlhabenden Eltern, dass sie es sich leisten können, an die Fashion Weeks in Europa zu fliegen, um sich Input für ihre Garderobe zu holen. Wir wollten die Mädchen aber nicht einfach wie Models in Designerklamotten stecken, sie sollten eigenständige Persönlichkeiten sein. Sogar die selbstbezogene Figur Cher hat ja etwas sehr Liebenswertes und ist in ihrem Innern eigentlich ein Gutmensch. Und meine Aufgabe war es, diese Mädchen authentisch wirken zu lassen.

So gestylte Rich Kids wie Cher und ihre Freundin Dionne sieht man in Realität aber eher selten.
Das war auch in den Neunzigern nicht anders. Als wir uns bei unseren Recherchen in den Highschools von Beverly Hills Mädchen anschauten, trugen alle zu grosse Karohemden, Baggyjeans und Mützen. Es war die Zeit des Grunge, als sich Mädchen wie Jungs kleideten. Die Mode war unisex, alle hörten Nirvana oder Pearl Jam und schauten melancholisch aus der Wäsche. Amy und ich wollten stylemässig aber etwas komplett Neues kreieren, süsse, feminine Looks, umgesetzt mit einem Augenzwinkern. Diese modische Vision war auch der Schlüssel zum Erfolg des Films. Die jungen Frauen waren so was von bereit für eine weiblichere, lebensfrohere Art von Mode. Durch «Clueless» ist ihnen wohl bewusst geworden, dass sie auf Grunge so gar keine Lust mehr hatten.

Wie viel Mona May steckt in den «Clueless»-Looks?
Ich bin in Indien geboren, in Polen und Deutschland aufgewachsen und habe in verschiedenen Grossstädten gelebt. Und es hat bei diesem Film sicher geholfen, dass ich neben Kostümdesign auch Modedesign studiert habe. Die Sechziger haben mich dabei genauso inspiriert wie die überzeichneten Schuluniformen der japanischen Harajuku-Girls. Aber die DNA der Looks hat ganz klar das Drehbuch vorgegeben.

Man sieht eine Menge Faltenjupes, Blusen und Karomuster.
Der «Clueless»-Highschool-Look sollte altersgerecht sein, weder zu bieder noch zu sexy. So haben wir beispielsweise ganz auf Highheels verzichtet und nur flache Mary-Jane-Sandalen verwendet. Und anstatt in Kniesocken steckten wir – inspiriert von den Flappergirls aus den Zwanzigern – die Mädchen in Overkneestrümpfe. Übrigens nur einer der Modetrends, die der Film lancierte.

Andere Beispiele?
Karl Lagerfeld etwa hat unsere selbst kreierten Wasserflaschenhalter just in seiner nächsten Kollektion für Chanel aufgenommen. Im Film haben Labels wie Calvin Klein, Alaïa und Christian Dior prominente Auftritte.

Bekamen Sie die Kleider geschenkt?
Schön wärs! Damals hiess es, entweder kaufen oder ausleihen. Product Placement war noch ein Fremdwort.

Sie haben Designerklamotten mit Secondhand- und Kleidern aus dem Supermarkt gemischt. Ein Phänomen, das sich in der Modewelt erst später durchsetzte.
Ein Akt der Notwendigkeit: «Clueless» war eine Low-Budget-Produktion. Wir mussten für eine Riesengarderobe – allein Alicia Silverstone trägt sechzig verschiedene Outfits – mit sehr wenig Geld auskommen. Im Nachhinein ein Glücksfall, weil die Looks genau durch den High-Low-Mix so frisch und neu wirkten.

Es gibt einen weiteren Film, der im selben Jahr wie «Clueless» rauskam und einen ähnlichen Hype auslöste: «Kids» von Harmony Korine und Larry Clark. In welchem Verhältnis stehen diese gegensätzlichen Filme zueinander?
«Kids» ist ein grossartiger Film, der die Jugendlichen genau so zeigte, wie sie damals wirklich waren. In einer fast schmerzhaft realistischen Art. Korine und Clark wollten mit ihrem Film aber eine total andere Seite der Jugend zeigen. Wir hingegen haben mit «Clueless» eher eine neue Realität kreiert, eine Hyper-Realität sozusagen.

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?
Dass ich mit meinen Kostümen eine Geschichte miterzählen kann. Es ist mein Job, durch Kleider Informationen zu einer Rolle zu liefern, die aus einer Drehbuchfigur einen Menschen machen. Dabei liebe ich es, wie eine Detektivin den Style eines Charakters aufzuspüren. Bei «Clueless» war das sehr intensiv: Wer sind die Mädchen? Wie kann ich ihre Persönlichkeit in den Kostümen widerspiegeln? Was sind die Stärken, was die Schwächen der Person?

Haben Sie sich auch mal getäuscht?
Ja, klar. Bei Chers gelbem Anzug, der immer wieder zitiert wird. Wir wollten etwas Knalliges für ihren ersten Tag in der Highschool. Lange dachten wir, dass Rot zu ihren blonden Haaren perfekt sei. Und probierten zig rote Kleider an ihr aus. Doch dann stiess ich auf diesen karierten kanarienvogelgelben Jupe-Anzug von Dolce & Gabbana. Und wir wussten, der ist es!

Scannen Sie die aktuellen Kollektionen der Designer noch nach Anlehnungen an den «Clueless»-Stil?
Das nicht gerade. Aber ich freue mich immer, wenn ich auf dem Laufsteg einen Look entdecke, der von «Clueless» inspiriert zu sein scheint – auch diese Saison wieder. Ich sah kürzlich exakt die Kombi von weisser Bluse und schwarzem Ledermini, die Cher im Film auch trägt. Und zwar in der Kollektion von Designer Alexander Wang, einem bekennenden «Clueless»-Fan.

Zwanzig Jahre Chickflick
«Clueless» mit Alicia Silverstone in der Hauptrolle landete 1995 einen Überraschungserfolg. Allein in den USA und Kanada spielte die 13-Millionen-Low-Budget-Produktion rund 57 Millionen Dollar ein. Die US-Teenie-Komödie, die auf dem Roman «Emma» von Jane Austen basiert, gilt als Mutter aller Chickflicks und hat TV-Serien wie «Gossip Girl» oder «Sex and the City» inspiriert. Derzeit wird der Film für ein Broadwaymusical adaptiert.

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