Beziehung

Trauma Untreue

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Trauma Untreue

annabelle: Christoph Kröger, warum wird ein Seitensprung von vielen Menschen als eine solche Katastrophe erlebt?
Christoph Kröger: Weil in Sekunden eine Welt zusammenbricht. Sie sind 25 Jahre mit jemandem zusammen, da haben Sie ein Bild von dem anderen, sind vielleicht überzeugt: Der wird mich nie betrügen, der steht total zu mir, der ist absolut ehrlich. Und dann erfahren Sie, dass dieser Mensch Sie eben doch belogen und betrogen hat. Und zwar bewusst! Es geht ja nicht nur um die sexuelle Intimität. Auch und vor allem die emotionale Exklusivität wird in Frage gestellt.

Spielt es eine Rolle, wie der Partner vom Seitensprung erfährt?
Natürlich. Es ist leider gar nicht so selten, dass der betrogene Partner plötzlich angesprochen wird: «Sagen Sie mal, pflegen Sie eigentlich eine offene Beziehung?» oder «Wie finden Sie das denn, dass Ihr Mann jetzt noch mal Vater wird?» Ist doch klar, dass das dann erst recht als Trauma erlebt wird. Hinzu kommen noch besonders verletzende Umstände des Treuebruchs, etwa, wenn er im Ehebett stattgefunden hat.

Wo setzt Ihre Therapie an?
Wir sagen: Ein Treuebruch kann wie ein Trauma wirken. Streng genommen spricht man in der Diagnostik psychischer Störungen nur dann von einem Trauma,wenn die betroffene Person subjektiv oder objektiv mit dem Tod bedroht wurde. Typischer Fall: Geiselnahme oder schwerer Verkehrsunfall. Eine Person, die durch eine Affäre oder einen Seitensprung ihre Beziehung und damit ihr bisheriges Leben gefährdet sieht, erlebt unserer Ansicht nach ebenfalls ein Trauma. Sie zeigt die typischen Symptome, die wir bei Patienten mit einem klassischen Trauma erleben:Angstzustände, Schlaflosigkeit, Einschränkung der Konzentration- und Gedächtnisleistung. Die hirnphysiologische Verarbeitung des Erlebten ist nicht abgeschlossen.

Was genau heisst das?
Menschen, die etwas Schreckliches erleben, können sich hinterher nicht mehr an alles erinnern. Das liegt daran, dass das Gehirn im Moment des Schreckens von einer Flut von Informationen überrollt wird, die es nicht alle verarbeiten kann, und deshalb nur einen Ausschnitt im Gedächtnis speichert.Wenn die traumatisierten Menschen durch etwas an ihr Erlebnis erinnert werden, haben sie nur und immer wieder diese wenigen Bilder vor Augen, in der Regel die Schlimmsten. Und alle Gefühle wie Angst, Schrecken und Wut kommen wieder hoch.

Wie funktioniert das beim Seitensprung?
Der Partner speichert in seinem Gedächtnis den Moment ab, in dem er davon erfahren hat, nicht aber die Entschuldigung oder sogar den Liebesbeweis, der unmittelbar folgte.Wird das Gedächtnis aktiviert, reagiert er panisch, aggressiv, wütend, verletzt, genau wie damals.

Obwohl es zwischendurch schon viele gute Tage oder vielleicht sogar Jahre gegeben hat?
Absolut. Es ist wichtig, dass der Seitenspringer das weiss. Der betrogene Partner ist seinem Gedächtnis in solchen Momenten ausgeliefert.

Was können Sie in Ihrer Therapie tun, damit sich das Gedächtnis wieder erholt und der Betrogene von diesen Attacken befreit wird?
Der betrogene Partner soll alles aufschreiben, was ihm zum Treuebruch, dem Moment der Enthüllung, zu seiner Verletzung in den Sinn kommt. In Gegenwart des Therapeuten wird dieser Text vorgelesen, mit Details ergänzt und korrigiert. Später läuft das Ganze umgekehrt.

Kann man sagen: Die Geschichte wird dem Gehirn jetzt so wohl dosiert verabreicht, dass es alle Facetten speichern kann?
Man kann es so ausdrücken. Ja.

Ständiges Kontrollieren auf der einen und Schuldgefühle auf der anderen Seite belasten die Beziehung zusätzlich – was tun Sie da?
In der ersten Phase der Therapie versuchen wir, diesen Schaden mit Hilfe bestimmter Verhaltensregeln zu begrenzen. Der aktive Partner, wie wir den Seitenspringer nennen, muss zum Beispiel klar das Ende seiner Aussenbeziehung erklären.

Und wenn er das nicht will?
Dann kann eine Behandlung nicht durchgeführt werden.Abgesehen davon, dass das für den betrogenen Partner eine unhaltbare Situation ist, auch der aktive Partner wird nicht die nötige Ruhe finden, um seine Beziehung anzuschauen. In den nächsten zwei Phasen geht es darum zu klären,warum es zum Treuebruch gekommen ist, und das Paar anschliessend bei der Frage zu begleiten, ob es zusammenbleiben will. Und wie das aussehen könnte.

Beim Treuebruch beziehungsweise beim Geständnis ist selten ein Therapeut dabei.Was sollten Paare tun – oder besser unterlassen?
Der Partner sollte es dem anderen sagen, bevor der es von anderer Seite erfährt. So können ein paar Dinge kontrollierter laufen. Zum Beispiel kann er dafür sorgen, dass es den anderen nicht in einer ohnehin schon miesen Verfassung trifft. Und er kann es so einrichten, dass anschliessend genügend Zeit für Gespräche bleibt,wozu ich dringend rate. Denn der betrogene Partner wird vor allem eins wollen: reden, reden, reden. Genauso wichtig ist es aber auch, Zeiten festzulegen, in denen nicht
gesprochen wird. Sonst ist das Paar nach ein paar Tagen vollkommen erschöpft.

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