Wenn sie mehr verdient

Eigentlich müssten goldene Zeiten anbrechen. Die Frauen sind immer besser ausgebildet, die Zahl berufstätiger Akademikerinnen steigt, das schwache Geschlecht spielt auf dem Arbeitsmarkt eine zunehmend starke Rolle. Frauen dringen in männliche Berufsdomänen vor, und endlich wachsen ihre Löhne prozentual schneller als die der Männer. Somit müssen sie nicht mehr nach dicken Portemonnaies Ausschau halten, denn mit dem Geld wächst auch ihre Unabhängigkeit. Bei der Partnerwahl, so scheint es, können Frau und Mann heute alles der Liebe überlassen.

Es hat eine Weile gedauert, aber inzwischen finden Männer der oberen Gehaltsklasse eine beruflich erfolgreiche und gut verdienende Frau sogar attraktiv. Daraus resultieren dann die Powercouples. Die Geschäftsführerin und der Politiker. Die Ärztin und der Forscher. Die Werberin und der Verleger.

Aussergewöhnlich, aber nicht mehr so selten ist die besser verdienende Frau: Gemäss Studien bringt ein Viertel der Frauen in den USA inzwischen mehr Geld nach Hause als ihr Partner. Genaue Zahlen für die Schweiz fehlen zwar noch. Aber auch hier trifft man vermehrt auf Paare, bei denen das klassische Einkommensverhältnis umgekehrt ist.

Das hat Konsequenzen für die Beziehung. Denn mit der Umkehr des Gehaltsgefälles wird auch das traditionelle Rollenmodell auf den Kopf gestellt. Geld hat ausser der praktischen immer auch eine symbolische Bedeutung im Paarleben. Wer für den Lebensunterhalt aufkommt, übernimmt die beschützende und ernährende Funktion. Wer mehr verdient, hat in der Beziehung den dominanten Part inne. Und das war lange der Mann.

Rollenklischees, könnte man einwenden, das haben wir doch längst überwunden. Ist es für eine Frau nicht genauso wichtig, dass ein Mann seine Gefühle ausdrückt und Zeit mit der Familie verbringt? Frauen, die mehr als ihre Männer verdienen, gehen sogar noch weiter: Egal, wenn er weniger oder nichts nach Hause bringt, egal, wenn er nicht der Ernährer ist – lieber ein vielseitig interessierter und begabter Partner, als dass sich seine Aufmerksamkeit auf das monatliche Abliefern der Kohle beschränkt. Und auch die Männer sagen, wie froh sie sind, dass sie diese Aufgabe delegieren dürfen.

Eine grosse Mehrheit von Frauen und Männern aber hat Probleme damit, wie Befragungen zeigen.

Den Ökonomen Bruno S. Frey von der Universität Zürich, der die Auswirkungen von Geld auf das alltägliche Leben erforscht, wundert das nicht: «Wenn die Frau mehr verdient, birgt das für die Beziehung viel Konfliktpotenzial.» Es sei weniger problematisch, wenn die Frau von Anfang an mehr verdiene, die Verhältnisse geregelt seien. Dann könnten sich beide darauf einstellen. «Wenn die Frau aber während der Ehe ihre Tüchtigkeit auf dem Markt beweist und den Mann überholt, stiftet das meist Unfrieden, weil er eifersüchtig wird.»

Widmet sich der Mann dem Haushalt und den Kindern, könnte er sich irgendwann herabgewürdigt und entmännlicht fühlen. Vor allem, wenn er patriarchalische Muster verinnerlicht hat. Die Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin, die berufsbedingt fast ausschliesslich Paare sieht, die an der Konstellation «Sie verdient mehr» scheitern, sagt, dass romantische Vorstellungen am Anfang oft blind machen und Schwierigkeiten sich erst später zeigen würden. Es sei einfach so: «Wer mehr verdient, hat mehr zu sagen.» Dabei muss die Frau ihn noch nicht einmal herumdirigieren: Für einen Mann bedeute ihr Mehrverdienst immer einen Prestigeverlust. Meist braucht es nur noch eine abschätzige Bemerkung des Umfelds, im Sinne von: Der ist nicht mal fähig, seine Familie zu ernähren. Da nützt es dann auch nichts, wenn die Frau betont, wie sehr sie seine Arbeit schätzt.

Eine Aussage, die ausserdem mit Vorsicht zu geniessen ist. Denn auch Frauen ist die Umkehr der Rollen nicht geheuer. Man kann sich unter Freundinnen umhören: Viele möchten nicht finanziell verantwortlich sein. Eine im wissenschaftlichen Journal «Social Forces» veröffentlichte Studie bestätigt, dass Frauen – auch solche mit feministischer Gesinnung – glücklicher sind, wenn der Mann der Hauptverdiener ist. Sogar von gut ausgebildeten Frauen favorisiert ein Drittel das Modell Haupternährer plus Zuverdienerin. Junge Frauen, und seien es angehende Juristinnen, gehen bevorzugt mit Söhnen reicher Eltern und Männern aus, die vergleichbare oder bessere Einkommenschancen haben. Man sieht es in Kontaktinseraten: Die gut situierte Sie, obwohl sie es nicht «nötig» hätte, sucht ausschliesslich den vermögenden Er.

Für Evolutionsbiologen die Wiederholung der uralten Geschichte: Die Frau will den Versorger und Beschützer, egal, ob sie sich ihr Essen inzwischen selber kaufen oder täglich im Gourmetrestaurant essen kann und er gleich mit. Das sei weniger reizvoll, sagen die Verhaltensforscher, weil der Frau schon in der Steinzeit implantiert wurde: Es hat Vorteile, die Beute eines starken, gross gewachsenen
Mannes mit hohem Status zu sein. Dass Geld und Macht erotisch auf die Frau wirken, läge demnach in der weiblichen Natur. Und konsequenterweise wären umgekehrt Männer für diese Reize nicht empfänglich.

Verschärft wird die Problematik durch das Prestige-Gefälle zwischen den Berufen. Es braucht viel Selbstbewusstsein, damit der Landschaftsgärtner sich neben der Hotelmanagerin nicht minderwertig fühlt. Man spricht auch vom Miranda-Komplex: Als die Anwältin Miranda in der TV-Serie «Sex and the City» ihrem Lover, dem Barkeeper Steve, einen teuren Anzug schenken will, verweigert er die Annahme des Geschenks, durch das er sich entmannt und gedemütigt fühlt.

Der Ökonom Bruno S. Frey beobachtet, dass umso stärker rivalisiert wird, wenn beide im gleichen Beruf arbeiten, etwa bei einer Bank, und sie mehr verdient. Anders, wenn sie als Bankerin einen höheren Lohn bezieht als er für seine Arbeit als Universitätsdozent. «Dank seiner wissenschaftlichen Karriere erhält er Anerkennung, die den tieferen Lohn aufwertet.» Auch eine kleine Gehaltsdiskrepanz sei unproblematisch. Am heikelsten: wenn der Mann arbeitslos ist und sowieso mit seinem Selbstwert zu kämpfen hat. Ebenso schwierig ist es für ihn, wenn er als Topverdiener von der Frau abgelöst wird.

Kann der Mann seine finanzielle Impotenz auf sexueller Ebene etwas kompensieren? Offenbar ein Klischee. «Das wertet es nicht auf», sagt Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin. «Selbst wenn der Mann jünger ist oder exotisch aussieht, wird damit der Prestigeverlust nicht wettgemacht.» Kommt hinzu, dass sich eine finanziell überlegene, unabhängige Frau eher mal das Recht nimmt, sich sexuell zu entziehen. Kriselt es und fühlt sich der Mann herabgesetzt durch fehlenden Respekt, ist kein Feuer zu entfachen.

Wie wirkt es sich auf die Arbeit im Haushalt aus, wenn die Frau mehr verdient? Wie eingeschliffen Rollenmuster sind, zeigt sich bei der entsprechend irrationalen Aufgabenteilung. Berufstätige Männer mit berufstätigen Frauen packen zwar im Haushalt mehr zu, liegen aber nach wie vor weit hinter den Frauen. Die Kluft wird noch grösser, wenn Kinder da sind. Erst wenn sich das Gehalt aber durchaus nachvollziehbar eine andere Untersuchung, wonach manche Männer genau das gegenteilige Verhalten zeigen. Sie bringen sich weniger ein, je mehr die Frau verdient – als ob sich Paare der traditionellen Rollenverteilung versichern müssten, wenn die Balance beim Geldverdienen zu stark in Richtung Frau kippt. Und die Alphafrau lässt ihn gewähren, engagiert im Zweifelsfall eine Putzfrau – und schützt so die Selbstachtung ihres Gatten. Die Soziologin Christine Wimbauer schreibt in ihrem Buch «Geld und Liebe», dass in dieser Konstellation die Arbeit des Partners gerne überhöht wird, etwa wenn er Künstler ist: Das Geld, das er kreativ heranschafft, erscheint mehr wert als das viele gewöhnliche Geld, das sie verdient. So werde das Gefälle zwischen Frau und Mann wegrationalisiert.

Schon in Beziehungen, in denen er für den Broterwerb zuständig ist, liefert Geld Sprengstoff für die Liebe: Unabhängig vom Einkommen streitet sich jedes dritte Paar über die Finanzen. Die Erwerbstätigkeit der Frau hat die Beziehungen noch brüchiger gemacht. Verdient sie gar mehr als er, dann können Selbstverständlichkeiten wie das gemeinsame Konto in einer instabilen Beziehung leicht zum Konfliktherd werden. Nämlich dann, wenn die Frau, die jahrelang den grösseren Teil zum gemeinsamen Topf beigesteuert hat, beruflich wieder einen Schritt zurücktritt, meistens mit der Geburt eines Kindes. Psychotherapeutin Rosemarie Welter-Enderlin hat ein solches Paar, das sich trennen will, in Behandlung. Die Frau, die ein eigenes Unternehmen aufgebaut hat, war lange die Hauptverdienerin. Als sie schwanger wurde, gab sie die Firma auf, um sich dem Heim zu widmen. Jetzt, da es in der Ehe kriselt, fühlt sie sich «auf der ganzen Linie beschissen» vom Mann, der auf ihre Kosten gelebt und keine Ahnung habe, was sie als Ernährerin alles auf sich genommen und geopfert hat. Sie fordert, dass er ihr das Geld, das sie in  den gemeinsamen Lebensunterhalt investiert hat, zurückzahlt.

Rosmarie Welter-Enderlin kennt im persönlichen Umfeld durchaus Paare, bei denen es klappt, «was mich immer wieder begeistert». Wichtig sei, dass die Situation von Anfang an gut ausgehandelt wird, es klar ist, wer was beisteuert, und man auch überlegt, was Veränderungen wie eine Familiengründung bedeuten könnten.

Beziehungsprobleme scheinen programmiert, wenn die Zukunft tatsächlich weiblich ist. Vor allem: wenn Frauen finanziell erstarken. Die neuen Werte kollidieren mit der Tradition, von der wir uns noch nicht emanzipiert haben. Backlash? Wohl eher: Trotz der Aufholjagd der Frauen in den letzten vierzig Jahren bleibt das umgekehrte Gehaltsgefälle ein Tabu. Beim Geld, das Paare nach Hause bringen,
herrscht noch keine gleiche Wertigkeit. Es wird dauern, bis sich ein höheres Einkommen der Frau und Liebe selbstverständlich vereinbaren lassen.

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