Die Sprache des Fussballs

Die Sprache des Fussballs

Bild: SXC

Die Sprache des Fussballs

Ein Interview mit Fussballexperte Andrei S. Markovits.

Andrei Markovits, der europäische Clubfussball wird internationaler. Bei Arsenal London zum Beispiel spielt bereits kein Engländer mehr, geschweige denn ein Londoner in der Startformation. Verlieren die Clubs ihre lokale Identität?
Ja, wobei ich darin nichts Negatives sehe. Die Fans profitieren dank der Globalisierung von besseren Clubs und besseren Spielen.

International zusammengekaufte Teams sind aber austauschbar.
Die Besten gehen heute halt zu den Besten. Und somit zu Arsenal, Chelsea, Manchester United, AC Milan, Real Madrid oder Barça. Im Fussball wird wie bei grossen Opernproduktionen für viel Geld ein hochkarätiges Ensemble zusammengestellt. Keinem Schweizer würde es einfallen, das Zürcher Opernhaus zu meiden, nur weil dort kein Schweizer Solist singt. Er geht hin, weil er in einem der fünf weltbesten Opernhäuser der Welt die besten Sänger hört.

Weshalb aber bleiben Derbys für die Fans brisant, obwohl kaum mehr lokal verankerte Spieler gegeneinander antreten?
Die Feindschaft zum direkten Nachbarn bleibt vorhanden, weil die Fans mit ihrem Club eine lokale Idee verbinden, die oft nichts mit Fussball zu tun hat, die sie aber von anderen Vereinen abgrenzt. So bleibt Celtic in Glasgow der Club der Katholiken, während die Protestanten für die Rangers sind. Real Madrid vertritt in den Augen seiner Anhänger nach wie vor den spanischen Zentralstaat, während der FC Barcelona für die katalanische Unabhängigkeit steht.

Ein Kameruner wie Eto’o hat doch nichts mit katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen zu tun.
Entscheidend für die Fans ist nicht die Herkunft, sondern, ob sich der Fremde für die kollektive Idee einsetzt. Er wird als Teil der eigenen Gang angesehen, so lange er zum Erfolg beiträgt. Die Fans sagen sich: He is a Son of a Bitch – but he is our Son of a Bitch.

Warum reagieren die Fans dann aber hasserfüllt, wenn ausländische Investoren Clubs kaufen?
Das ist tatsächlich bemerkenswert, weil sich in der offenkundigen Abneigung eine tief liegende Angst vor der Globalisierung zeigt. Die Fans wehren sich gegen die Modernisierung und Multikulturalisierung ihrer vertrauten wirtschaftlichen Lebensbedingungen. Als der mehrfache Milliardär Malcolm Glazer sich bei Manchester United einkaufte, hielten die Fans dem Amerikaner vor, er habe keine Ahnung vom Fussball und von den Engländern. Der Kauf kam der Besudelung einer sakralen britischen Institution gleich. Ein in der Sache sprachunkundiger Leader gehört eben nicht zur Gang.

Und weshalb wurde Roman Abramowitsch als Leader von Chelsea eher akzeptiert?
Der Russe Abramowitsch wurde nur deshalb nicht von den Fans abgelehnt, weil man ihm als Europäer zutraute, sich im Fussball auszukennen und ihm seine Liebe zum Sport abnahm. Im Gegensatz zu Glazer war Abramowitsch der Sprache «Fussball » kundig und daher für alle Insider – mehr oder weniger – akzeptabel.

Funktioniert dieses Prinzip auch in der Weltwirtschaft?
Ja. Derselbe Wunsch nach Bewahrung des Bekannten, also Lokalen, findet sich auch in der Wirtschaft – trotz globalem Handel. Aus diesem Grund wurde der Schweizer Josef Ackermann 1992 nach seiner
Wahl zum Vorstandschef der Deutschen Bank in Deutschland als kleiner Schweizer verhöhnt: Der «kleine Schweizer» machte den Deutschen Angst.

Die westeuropäischen Nationalmannschaften wären nichts ohne die mitspielenden Secondos. Macht das die Euro als Wettkampf zwischen den Nationen zur Farce?
Überhaupt nicht, denn die meisten Secondos mussten sich ja entscheiden, ob sie für das Land ihrer Eltern oder für ihre neue Heimat spielen möchten. So gesehen, spielen noch immer Nationen gegeneinander. Ich freue mich jedenfalls über jeden eingebürgerten Türken im Dress der Schweizer oder über Brasilianer im Nationalteam Kroatiens. Von den dunkelhäutigen Spielern im französischen, niederländischen oder englischen Nationalteam ganz zu schweigen: Oft sind die Spieler von Geburt an Bürger dieser Länder, konnten aber wegen rassistischer Vorurteile gesellschaftlich nicht reüssieren. Wenn Zinédine Zidane grossartig spielte, empfanden ihn die Fans als Vollblutfranzosen. Spielte er schlecht, war er «nur» ein Algerier.

Sehen Sie die Euro als völkerverbindenden Anlass?
Bestimmt. Womit ich aber Mühe habe, ist der zunehmende, hässliche Nationalismus in den Stadien. Angebliche Fans, die Hymnen grölen. So genannte Fans, die dunkelhäutige Spieler im Team des Gegners verhöhnen. Seit den Achtzigern haben rechtsextreme Gewaltkulturen in Europas Fussballstadien Auftrieb.

Warum ist der Fussball ein Sammelbecken für Rechtsradikale?
In Europa gibt es immer noch diese unauflösbare Verbindung zwischen Fussball und Männlichkeit: Man will siegen, man will den Gegner demütigen, man will ihn schlagen. Das nehmen die Hooligans wörtlich. In der Anonymität der Stadien können sie dann in einer grösseren Gruppe untertauchen. Und sich so schlecht benehmen, wie sie es beispielsweise an ihrem Arbeitsplatz nicht dürften.

Warum gibt es in den USA keinen Hooliganismus?
Punkt eins: Die Verflechtung von Politik und Club ist in den USA viel geringer. Es gibt keinen Silvio Berlusconi, der einen Club für seine politische Karriere instrumentalisiert. Punkt zwei: Sie finden in den USA relativ wenige Teams auf engem Raum. Es ist nicht so wie in Zürich oder Mailand oder London, wo mehrere Proficlubs um die lokale Vorherrschaft kämpfen. Als es früher in New York im Baseball noch die Dodgers, die Giants und die Yankees gab, gerieten die Fans auch extremer aneinander. Abgesehen von New York, Los Angeles und Chicago gibt es heute pro Stadt in jedem Sport nur eine Mannschaft. Die Distanzen zwischen den Städten sind riesig, und es fliegen pro Tag nicht zwanzig Charter von Los Angeles nach Chicago. Punkt drei: Der Frauenanteil an Sportanlässen ist in den USA höher. Ein Mann kann zwischen zwei Frauen einfach nicht so saufen und grölen und rassistisch sein, wie wenn er sich nur unter Männern befindet.

Kann David Beckham dem Fussball in den USA zum Durchbruch verhelfen?
Mit Beckham ist es wie einst mit Pelé und New York Cosmos. Pelé war der Grund dafür, das Soccer ein amerikanischer Begriff geworden ist. Und Beckhams Wechsel nach Los Angeles hat zusammen mit dem Rummel um Victoria viel dazu beigetragen, dass Soccer in den Massenmedien ein Thema wurde. Wenn sich jetzt dank Beckham fünfzig talentierte Teenager für Soccer interessieren und sieben davon an der WM 2014 gut rauskommen und die Nationalmannschaft Erfolg hat, dann hat sich der Transfer von Beckham für den amerikanischen Fussball total gelohnt.

Warum wurde Beckhams Wechsel in Europa spöttisch kommentiert?
Da zeigt sich der alte europäische Antiamerikanismus: Beckham ist als Frührentner Müll. Was aus den USA kommt, ist für die Europäer meist Müll. Also gehört Beckham auf die Müllhalde.

Der Fussball- und USA-Experte: Andrei S. Markovits (59) ist Professor für Politikwissenschaft und Soziologie an der University of Michigan. Er hat seit 1966 alle Fussball Weltmeisterschaften und mehrere Europameisterschaften in den Stadien besucht sowie mehrere Bücher über Antiamerikanismus und über Fussball veröffentlicht. Zuletzt erschien Ende 2007 «Querpass. Sport und Politik in Europa und den USA» im Verlag Die Werkstatt.

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