Diese Frau will unser Geld

annabelle: Sonja Dinner, was würden Sie alles unternehmen, um an möglichst viel Geld für Ihre Stiftung Kindernothilfe zu kommen?
Sonja Dinner: Sehr viel. Um mit einem russischen Oligarchen zu sprechen, bin ich um die halbe Welt geflogen. Ohne Erfolg. Erst im zweiten Anlauf habe ich es geschafft, ihn zu einer Spende zu bewegen. Für seine Verhältnisse war sie zwar klein. Aber immerhin. Es gibt in Russland einfach noch keine Charity-Tradition.

Wie haben Sie es hingekriegt, dass er wenigstens einen kleinen Beitrag geleistet hat?
Zum einen habe ich ihn, wie ich das bei allen anderen potenziellen Spendern mache, sachlich darüber informiert, wozu ich sein Geld verwenden werde. Und zwar ganz konkret: Ich habe ihm erzählt, dass wir in einem Heim für schwerbehinderte Kinder in St. Petersburg neue Fenster brauchen und unbedingt eine Blindenpädagogin anstellen müssen. Die Leute sind dann oft erstaunt, wie viel man
mit ? in ihren Augen ? wenig Geld bewegen kann. Das überzeugt viele. Darüber hinaus ist entscheidend, dass ich sehr glaubwürdig wirke.

Was macht Sie besonders glaubwürdig?
Ich denke, das hat viel mit meinem beruflichen Werdegang zu tun. Ich war viele Jahre selbst erfolgreich Unternehmerin und habe mich 2002 nach dem Verkauf meiner Firma bewusst für eine Tätigkeit im humanitären Bereich entschlossen. Auch oder besonders in der Entwicklungshilfe ist es wichtig, die Dinge betriebswirtschaftlich anzugehen. Meine Ansprechpartner wissen, dass ich mit Geld umgehen kann und ihre Spende so nutzbringend wie möglich einsetzen werde. Ausserdem lebe ich selber mit diversen ehrenamtlichen Engagements jene Solidarität, die ich bei den Leuten wecken will, egal ob Milliardär oder kleiner Mann von nebenan. Ich halte es für eine moralische Pflicht von uns allen, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten einen Solidaritätsbeitrag zu leisten.

Wirkt der Appell an Moral und Gewissen nicht eher kontraproduktiv?
Ich schwinge nicht die grosse Moralkeule. Aber ich erlaube mir schon, den Leuten klar zu machen, dass es uns allen im Vergleich zu den wirklich Ärmsten fantastisch geht und dass sich daraus die Verpflichtung zum Teilen und Spenden ergibt. Das allein reicht aber nicht. Ich muss mein Gegenüber dort abholen, wo eine Spende in seinen Augen am meisten Sinn stiftet. Menschen helfen dort am liebsten, wo sie einen persönlichen Bezug haben.

Konkret?
Der eine hat zum Beispiel Familienangehörige in Südamerika und ist daher besonders offen für unser Brasilienprojekt. Die Industriellengattin hingegen hat einen Draht zu Afrika und möchte etwas gegen die Beschneidung von Mädchen tun. Solche Informationen muss ich im Vorfeld der ersten Kontakte zusammentragen. Mit der Zeit kenne ich dann die Interessen meine Gesprächspartner.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu Russland, dass Sie dort verschiedene Hilfsprojekte mit besonderer Anteilnahme begleiten?
Die Kindernothilfe, für die ich mich unter anderem engagiere, ist in 28 Ländern tätig. Da habe ich mir die Weltkarte angeschaut und mich gefragt, wo es besonders bedürftige Kinder gibt, die unsere Hilfe benötigen, und welche Projekte am meisten mit Vorurteilen zu kämpfen haben. So bin ich auf Russland gestossen.

Was macht es so schwierig, Geld für bedürftige russische Kinder zu sammeln?
Russland gehört heute gleichermassen zur Ersten und zur Dritten Welt. In der Schweiz, aber auch in Deutschland haben wir teils zu Recht, teils zu Unrecht, eine kritische Haltung gegenüber superreichen Russen, die hier zu Lande Ferien oder Geschäfte machen. Da sagen mir viele Leute natürlich schnell einmal: Warum soll ich für russische Kinder spenden? Die haben doch genug reiche Landsleute. Das stimmt zwar, aber solange die nicht spenden, ist keinem einzigen russischen Mädchen oder Knaben geholfen. Momentan ist es immer noch so, dass solide und kontinuierliche Hilfe für unsere Hilfsprojekte aus dem Westen kommt.

Wenn Kinder Not leiden, öffnen sich ja die Herzen und Geldbörsen der Menschen in der Regel schnell.
Das stimmt, vorausgesetzt, es handelt sich um die herzigen afrikanischen Kinder, die mit ihren grossen Augen in die Kamera schauen. Für die treibt man leichter Geld auf. Aber die schwerst- und mehrfachbehinderten Kinder in den von uns unterstützten Heimen in St. Petersburg bieten oft keinen schönen Anblick. Trotzdem brauchen sie unsere Hilfe - diese Kinder erst recht.

Laden Sie Ihre Spender auch einmal zu einem Ortstermin ein und zeigen ihnen, was dank ihrer Hilfe entstanden ist?
Ich mache das zwar immer wieder, bin mir aber bewusst, dass es Mut braucht, sich diesen Bildern auszusetzen. Es gibt Leute, die ganz offen sagen, dass sie eine solche Reise nicht ertragen würden. Die spenden zwar nach wie vor gern, auch grosszügig, aber aus sicherer Distanz. Das kann ich sehr gut akzeptieren. Wer dann allerdings einmal vor Ort reist, ist beeindruckt, wenn er die von uns unterstützten Projekte sieht, die Kinder kennen lernt.

Hat es schon Situationen gegeben, in denen Sie eine Spende zurückgewiesen haben?
Das ist schon vorgekommen, und zwar immer dann, wenn ich einen riesigen Verhältnisblödsinn vor mir hatte. Ein Beispiel: Ein potenzieller Spender lädt mich zum Essen ein. Wenn der Lunch dann 200 Franken kostet und die Spende auch 200 Franken beträgt, erlaube ich mir in der Regel, auf dieses Missverhältnis aufmerksam zu machen. Da stimmen die Relationen nicht. Etwas anderes ist es, wenn mir mein Gegenüber dann erklärt, er spende noch regelmässig namhafte Beträge für Médecins Sans Frontières, für Beatocello, das Heks und andere Organisationen. Für mich spielt es keine Rolle, welche Organisation die Leute unterstützen. Hauptsache, sie helfen und haben sich im Vorfeld schlau gemacht, welche Organisation gut arbeitet und sorgfältig mit den ihr anvertrauten Spendengeldern umgeht. Dank dem Internet ist eine solche Abklärung heutzutage viel einfacher.

Wie stehen Sie zu den grossen glamourösen Bene?zgalas, die an einem einzigen Abend rund eine Million Franken an Spenden einbringen, etwa das Zürcher Zoofest?
Der Zweck heiligt, mindestens ein Stück weit, die Mittel. Wahrscheinlich würden all die wohlhabenden Zürcher ohne dieses Fest keinen so grossen Betrag für den Zoo spenden. Da sage ich mir: Wenn es ein Fest braucht, um so viel Geld zu sammeln - okay.

Ihre Skepsis ist nicht zu überhören.
Ja, klar habe ich meine Bedenken. Was man unbedingt im Auge behalten muss, ist der Nettoertrag. Wenn eine Gala mehr einspielt, als sie kostet ? bon, dann mag das der richtige Weg sein. Womit ich hingegen wirklich Mühe habe, ist der immer aufwändigere Wettbewerb zwischen den Hilfsorganisationen. Der Spendenmarkt wächst nicht mehr, aber die Vereinigungen verwenden Jahr für Jahr mehr Geld, um einander die Spender mit Bettelbriefen oder TV-Spots abzuwerben. Das ist ganz sicher nicht im Interesse der Bedürftigen. Die Spender sollten sich dieser Mechanik bewusst werden. Sie sollten wissen, dass jeder Bettelbrief über die Hälfte einer 20-Franken-Spende wegfrisst, dass TV-Spots enorm viel Geld verschlingen. Geld, das dann an der Front fehlt.

Wie sieht Ihre ideale Spenderin aus?
In meiner Idealvorstellung handelt sie proaktiv, solidarisch und spendet grosszügig, ohne vorher an einer Benefizgala weich geklopft worden zu sein. Solidarität sollte nicht von übermässigen Verkaufsbemühungen der Hilfsorganisationen abhängen, sondern von Herzen kommen und auf sachlichen Informationen fussen.

Sind Sie der Bettelei auch manchmal überdrüssig?
Und wie. Manchmal bin ich total frustriert, wenn ich schwerreiche Leute vor mir habe, die sich nicht vom eigenen Geld trennen können und an jedem einzelnen Nötli kleben. Dabei weiss ich doch von jenen, die grosszügig spenden, wie viel Glück und Zufriedenheit entsteht, wenn man teilen, geben und damit auch etwas bewirken kann.

Was ist Ihre persönliche Motivation, diese Arbeit zu leisten?
Es macht mich sehr glücklich, wenn möglichst viele Kinder dank unserer Unterstützung in einer menschenwürdigen Umgebung aufwachsen können, sodass aus ihnen eines Tages brauchbare Erwachsene werden. In Russland darf ich jetzt erleben, wie ehemalige Strassenkinder, die wir in unseren Heimen aufgenommen und durch die Schule gepaukt haben, heute als Sozialarbeiter einer sehr wertvollen Tätigkeit nachgehen.

Wie viel sind Sie für die verschiedenen Hilfswerke unterwegs?
In Russland bin ich mindestens zweimal im Jahr. Da ist der Bezug zu den Kindern besonders eng, und ich bin regelmässig am Heulen, wenn ich wieder gehen muss. Im November war ich in Kambodscha, wo wir junge Minenopfer betreuen und deren Prothesen mitfinanzieren. Diesen Monat reise ich nach Israel, wo wir benachteiligte arabische Kinder fördern. Anfang 2009 geht es nach Brasilien. Das sind oft belastende Reisen, von denen ich sehr bedrückt nach Hause zurückkomme, aber sie sind gleichzeitig der Motor, der mich am Laufen hält.

Wie spendabel sind die Schweizer?
Sie sind sehr spendabel. Das ist etwas Schönes. Ich glaube, es gibt hier eine gewisse Tradition, dass man Leuten, die Not leiden, hilft. Dieses Gedankengut ist in der Schweiz fest verankert.

Genauso verankert ist auch die hiesige Diskretion. Man spendet zwar grosszügig, redet aber nicht darüber. Von den meisten Firmenchefs und Unternehmern weiss man nicht, ob und wie viel sie spenden.
In der Öffentlichkeit ist es vielleicht nicht bekannt. Aber ich kann Ihnen versichern, es gibt sehr viele, die gewaltige Beträge spenden. Es ist ja an sich ein sympathischer Zug, sich nicht als grosse Wohltäter in den Medien zu inszenieren. Aber das Ganze hat auch eine Kehrseite. In den USA, wo man nach dem Motto «Tue Gutes und sprich darüber» verfährt, ist ein richtiger Spendenwettbewerb entstanden, der dazu führt, dass man Jahr für Jahr mehr spendet, um beispielsweise den Kollegen vom Golfklub auszustechen. Würde sich etwas Vergleichbares in der Schweiz entwickeln, wäre das natürlich (sie lacht schallend) durchaus in meinem Sinn.

Wie spenden Sie richtig?

Proaktiv: Wählen Sie eine bis zwei Hilfsorganisationen aus, die Sie überzeugen in Sachen Philosophie, Projekte, Transparenz und Spendeneinsatz. Auf Wunsch macht Sonja Dinner Empfehlungen per E-Mail: sonja.dinner@thedearfoundation.ch

Konstant: Bleiben Sie den gewählten Organisationen treu und wechseln Sie nicht ständig. Es sei denn, gravierende Vorfälle beeinträchtigen die Glaubwürdigkeit der Organisationen.

Angemessen: Erstellen Sie ein Spendenbudget. Mal angenommen, Sie wollen 500 Franken im Jahr spenden. Dann sollten Sie diesen Betrag einem Projekt zugute kommen lassen und nicht zehn verschiedenen.

Transparent: Teilen Sie der von Ihnen ausgewählten Organisation mit, wie viel Sie für welches Projekt spenden werden. Das hilft den Verantwortlichen bei Planung und Budgetierung.

Selbstbewusst: Weisen Sie mit Nachdruck darauf hin, dass Sie keine weiteren Bettelbriefe und Prospekte wünschen. Drohen Sie mit der Einstellung Ihrer Spendetätigkeit, sollte künftig solche Post in Ihrem Briefkasten landen.

Klar: Schicken Sie Bettelbriefe all jener Organisationen, die Sie nicht unterstützen wollen, zurück und erklären Sie in einem Begleitschreiben, dass Sie für immer aus der Adresskartei gestrichen werden möchten.

Sinnvoll: Unterstützen Sie statt einer Kinderpatenschaft eine Projektpatenschaft. Solche begünstigen nicht ein einzelnes Kind, sondern ermöglichen einem ganzen Dorf etwa Zugang zu medizinischen Einrichtungen. Kinderpatenschaften sind unverhältnismässig teuer und schüren im Umfeld der Begünstigten Neid und Zwietracht.

Frau mit Ziel
Sonja Dinner wurde 1962 in Basel geboren. Sie absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Zwölf Jahre lang hatte sie in Zürich ihr eigenes Unternehmen im Bereich Informatik mit bis zu dreissig Mitarbeitenden. 2001 verkaufte sie die Firma. Seither setzt sie sich für karitative Zwecke ein. Seit 2002 sitzt Sonja Dinner im Stiftungsrat der Kindernothilfe und der Jerusalem Foundation, dazu präsidiert sie den Stiftungsrat von The Dear Foundation, die humanitäre Projekte in aller Welt unterstützt. Sie ist verheiratet, lebt in Hedingen ZH, hat einen Labrador, wandert, gärtnert und liest gern.

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Von Jessica Prinz