Wo Sie zur Ruhe kommen

e
f

Die Regeln sind strikt im Tapa-Brata-Kurs, was auf Balinesisch intensive Heilungsmeditation heisst. Nicht sprechen. Nicht lesen. Nicht schreiben (Hilfe, wie soll ich ohne Notizen einen Artikel schreiben?). Kein Alkohol. Keine Zigaretten.

Fünf Tage Schweigen? «Das schaff ich nie», denke ich, als ich mich zum einwöchigen Meditationsseminar auf Bali anmelde. Seit ich das erste Mal «Mama» gesagt habe, stand mein Mundwerk nicht einen Tag lang still. Doch wie sich herausstellen wird, ist das Redeverbot noch die geringste Herausforderung der kommenden Woche.

Das Prana Dewi Resort empfängt uns in voller balinesischer Pracht: Eine Handvoll hübscher Bungalows liegt verstreut zwischen Reisterrassen und Lotusteichen, der heilige Berg Batukaru trägt eine Krone aus Wattewölkchen, Bauern pflügen die Reisfelder mit triefnasigen Büffeln. Unser goldener Käfig für die nächsten Tage.

Die Teilnehmer - sechs Weisse und eine Indonesierin - werden in den Tagesablauf eingeweiht. Um 4.30 Uhr aufstehen, neunmal am Tag meditieren. Insgesamt rund sechs Stunden im Schneidersitz, bei vollster Konzentration. Mit je einer Karte um den Hals - ähnlich den VIP-Badges bei Rockkonzerten -, die an das «edle Schweigen» erinnern soll, ziehen sich die Meditationsaspiranten still in ihre Bungalows zurück.

Gefühlsmässig beginnt der erste Tag mitten in der Nacht. Ich kämpfe während der Meditation und der Vorträge gegen das Einnicken. Mein Geist ist wie ein Grashüpfer: Fröhlich springt er umher, schert sich nicht um Kommandos und ist von Instinkten gesteuert. Nun bin ich hier, um ihn zu zähmen. Denn: «Gedanken und Emotionen sind wie Wellen auf dem Ozean. Man kann nicht tief hinuntersehen, wenn die Oberfläche nicht ruhig ist», sagt Merta Ada, der Meditationslehrer ab Video; erst für den dritten Tag hat der Meister seine Anwesenheit angekündigt.

Meine erste Erkenntnis: Es wird nicht leichter mit der Zeit. Ich hatte gedacht, dass es wie beim Skifahren sein und der Schmerz nach drei Tagen nachlassen würde. Doch das hier ist anders. Quält mich am einen Tag ein höllisches Ziehen in den Oberschenkeln, stechen mir am nächsten glühende Messer in die Schulterblätter. Und ausserdem - wer hätte das gedacht - gibt es im Kopf einen Konzentrationsmuskel, schräg links hinter der Stirn, der Muskelkater bekommen kann wie jeder andere hundskommune Muskel.

Doch die selbst auferlegte Folter zahlt sich aus. Am dritten Tag gleitet mein Geist plötzlich in eine tiefe Ruhe. Pure Wonne. Ich bin hellwach, die Schmerzen im Rücken treten in den Hintergrund. Doch, Meditieren macht Spass!

Mein Grashüpfer hat sich in eine Schnecke verwandelt, die brav durch die Körperteile kriecht, die mein Geist abtasten soll. So funktioniert die Gesundheitsmeditation von Merta Ada, dem chinesisch-balinesischen Heiler und Gründer der Meditationsschule Bali Usada: Den Geist durch den Körper wandern lassen, die Empfindungen wahrnehmen, freundlich begrüssen und dann loslassen. «Alles in diesem Universum ist vorübergehend», predigt Merta Ada ab Band. Diese gütige Besuchsrunde bei Leber, Zeh und Co. soll die Selbstheilungskräfte anregen, Traumata auflösen. Eine Art psychosomatischer Heilung.

Konsultation beim Meister. Ich soll meditieren, nach zwei Minuten unterbricht er mich. Meine Konzentration sei gut, er hätte meinen Geist durch Kopf und Nacken wandern gespürt. (Ich hatte wirklich diese Körperteile geistig abgetastet.) Ob ich gelegentlich Schmerzen in der linken Niere hätte? Er spüre dort eine kalte Energie, die von meinem Vater stamme und meine Motivation lähme. (Tatsächlich ist mein Vater krankheitsbedingt seit 25 Jahren zur Tatenlosigkeit verdammt, und ich selbst leide unter regelrechten Faulheitsattacken.)

Woher weiss er das? Hat Merta Ada in meinen Geist geschaut und meine linke Niere gespürt? Oder sagt er einfach irgendwas, was passen könnte, damit ich während der Meditation etwas habe, auf das ich mich konzentrieren kann? Was immer zutreffen mag, allein seine Persönlichkeit motiviert uns, eifrig weiterzumeditieren, den eigenen Geist zu besänftigen, Ärger und Abneigungen mit Nachsicht und Gelassenheit zu ersetzen. Und wie leicht sieht man über die Fehler der anderen hinweg, wenn man sie nicht anpflaumen darf!

Was für ein Luxus, sich eine Woche nur mit sich selbst beschäftigen zu dürfen. Das Schweigen ist keine Bürde, sondern wohltuend. Man darf jederzeit Verrenkungen machen oder vor Reisfeldern kauern, um Schnecken und Kaulquappen zu beobachten, ohne sich erklären zu müssen. Nun ja, ich muss gestehen: Ich habe trotzdem gesprochen, einmal. Mit einem Frosch. «Hello, Funky», sagte ich zu ihm. Und erschrak über meine eigene Stimme.


Wo Sie zur Ruhe kommen:

Intensivmeditation Tapa Brata
In Englisch. 7 Tage/6 Nächte im
2- oder 3-Bett-Bungalow:

Prana Dewi Resort, Bali
28. 6.-4. 7. 09, 13.-19. 12. 09; ca. 350 Fr.,
Tel. 0062 361 73 66 54,
www.balipranaresort.com

Saranam Eco Resort, Bali
19.-25. 4. 09, 9.-15. 8. 09, 4.-10. 10. 09; ca. 310 Fr.,
21. 7.-1. 8. 09 (Fortgeschrittene),
Tel. 0062 368 2 10 38, info_saranam@ehotelier.com

Buchen: Bali Usada Meditation, Ngurah Rai By Pass 328, Sanur, Denpasar, Bali, Indonesia, 80001,
Tel. 0062 361 28 92 09,
www.balimeditation.com

Anreise: Flug nach Bali ab Zürich mit Singapore Airlines (10 Flüge pro Woche). Preise im Februar von Zürich nach Denpasar, Bali, ab 2260 Franken,
www.singaporeair.com,
www.globetrotter.ch


Wo es sich auch bei uns prima schweigen lässt:

Kloster Cazis GR
Die netten Schwestern im Dominikanerinnenkloster Cazis offerieren «Schweige-Exerzitien» für Leute, die sich auf die Erfahrung der Stille einlassen möchten: Exerzitien ab mindestens 5 Tagen. Vollpension 67 Fr. plus 30 Fr. Kursgeld pro Tag. Spenden sind willkommen. Auch Männer können teilnehmen.
Tel. 081 651 14 32,
www.kloster-cazis.ch

Meditationszentrum Beatenberg BE
Im buddhistischen Meditationszentrum Beatenberg finden regelmässig Vipassana-Schweige-Retreats statt. 7 Tage ca. 500 Franken inklusive Kost und Logis. Individuell ermessene Spenden an die Lehrkräfte sind nicht inbegriffen.
Tel. 033 841 21 31,
www.karuna.ch
 

Lassalle-Haus, Edlibach ZG
Mindestens einmal im Monat bietet das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn dreitägige Zen-Einführungskurse an. Darin üben sich die Teilnehmenden in der Kunst der Sitzmeditation und des Schweigens. Vollpension 368 Franken, 7-tägige «Sesshins» für Fortgeschrittene 919 Franken.
Bad Schönbrunn, Edlibach ZG,
Tel. 041 757 14 14,
www.lassalle-haus.org

Mehr aus der Rubrik

Hoteltipps

Skiferien bei den Nachbarn

Von Leandra Nef