Reise durch die Schweiz

5. Etappe: von Kandersteg über den Lötschenpass nach Goppenstein

Text und Foto: Thomas Widmer
 

Auf der Höhe: Die Hütte Lötschenpass sorgt für gute Energie
  • Auf der Höhe: Die Hütte Lötschenpass sorgt für gute Energie
Zu Fuss von Kandersteg über den Lötschenpass nach Goppenstein: Zwischen Bernbiet und Wallis hört man ein stilles Urtier ächzen.

Ich merke zuerst gar nicht, dass ich auf dem Rücken des Urtiers gehe. Es liegt in der weiten Fläche unterhalb des Passes und hat seinen schrundigen Leib mit schmutzig-schwarzem Geröll und Kies getarnt. So dämmert es seit Jahrzehnten in Stille dem Ende entgegen – nur ab und zu höre ich ein Knacken, wenn an den Rändern der Ebene die gespannte Haut ein weiteres Mal reisst.

Dort, wo Schmelzwasser Rillen in den Tarnpanzer gefräst hat, schimmert der Gletscher vicksbonbonblau. Der Lötschengletscher gilt als Höhepunkt der Alpenquerung vom Kandertal, Kanton Bern, ins Lötschental, Kanton Wallis. Er ist einer der wenigen Gletscher, über die eine simple Weiss-rot-Route markiert ist; er verlangt keine Alpinausrüstung, jeder Bergwanderer kann ihn machen. Mir gefällt auf der Siebenstundenwanderung etwas anderes viel besser: die exaltierte Farbe der Felsen unterhalb des Lötschenpasses. Flechtengrün duelliert sich mit dem Rostrot eingelagerten Eisens. Das sieht aus, als hätte ein Maler seine Palette ausgewaschen. Unten im Gasterntal hat mir ein Alter im «Steinbock» erzählt, wie er als Jüngling am Lötschenpass neue Schuhe einlief. Sie hätten bös gescheuert, und am Abend seien beide Achillessehnen freigelegt gewesen. Die Horrorgeschichte mit mir tragend, erlebe ich mein Passunternehmen als zwar anstrengend, aber gefahr- und schmerzfrei.

In vielen Kehren erobere ich die Gfelalp. Ich trinke ein Mineralwasser und betrachte das Doldenhorn gegenüber mit seinen hundert Vorgipfelchen: Gotik am Berg. Es folgen noch viel mehr Kehren zum Gletscher. In der hellen Passhütte auf 2690 Metern, ausgezeichnet für sparsamen Umgang mit Energie, esse ich eine Rösti und trinke einen Zweier Goron. Beim Abstieg geniesse ich die Pyramide des Bietschhorns vor mir. Was für ein Herrscher, dieser Knappnichtviertausender! Unten auf der Kummenalp schlottern die Knie leicht. Im Hotel Ambord in Ferden nehme ich einen Walliserteller, dessen Monumentalität der Gegend nicht nachsteht.

Ich erreiche den Bahnhof in Goppenstein mit gesunden Fersen, einem zufriedenen Bauch und einem Kopf voller wilder Bilder. Im Ohr habe ich einen Naturtinnitus: das Rauschen der unzähligen Bäche und Wasserfälle auf dieser herrlichen Route.
 

Tipp

Hütte Lötschenpass. Schlafplätze und Verpflegung am besten auf Anmeldung. Tel. 027 939 19 81, www.loetschenpass.ch

Heimatland!

Eine Reise in acht Etappen durch die Schweiz.

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