Reise-Reportage

Postkarte vom Löwendenkmal: Ein trauriger Stein

Redaktion: Frank Heer; Text: Sven Broder; Fotos: Fabian Unternährer

Postkarte vom Löwendenkmal: Ein trauriger Stein
  • Löwendenkmal

Das Löwendenkmal in Luzern lässt Japaner, Inder und Russen kalt.

Mark Twain erhob das Löwendenkmal «zum traurigsten und bewegendsten Stück Stein der Welt», so wird er in jedem Luzerner Touristenführer zitiert. Und vielleicht hat der Amerikaner – dessen Reisebericht «Bummel durch Europa» ansonsten ziemlich satirisch ausgefallen ist – das nicht einmal ironisch gemeint. Was Luzern jedoch keinem auf die Nase bindet, ist, in welchem Kapitel Twain dem Löwendenkmal huldigt. Es trägt die Überschrift «Das Nest der Kuckucksuhren»: «Das Wirtschaftsleben Luzerns besteht», so schreibt Twain etwas weniger schmeichelhaft, «hauptsächlich aus dem Andenkentrödelmarkt.» Eher öde, wie er fand. Jedenfalls taten ihm die Augen weh ob all dem feilgebotenen Erinnerungsramsch; den hölzernen Wachteln, Hühnern, hüpfenden Gämsen und nervtötenden Kuckucksuhren. Das war 1878, könnte aber auch gestern gewesen sein.

Uhren, Kuhglocken, Sackmesser, dazwischen das «Swiss Stübli» mit Luzerner Pastetli; auf dem Weg zum Löwendenkmal, der originellerweise Denkmalweg heisst, ist das Tourismusgeschäft noch heute – na ja, sehr traditionell. Und zu behaupten, der «sterbende Löwe» sei der Oberbrüller, wäre verwegen. Jedenfalls wird die japanische Reiseführerin in ihrem Vortrag garantiert auch Mark Twain zitieren müssen, wie sie da vor mir im grünen Pärkchen steht – das Löwendenkmal in ihrem Rücken –, augenscheinlich bemüht, ihrem fahrigen Grüppchen das monumentale Moment dieses Lokaltermins am Rand der Luzerner Altstadt bewusst zu machen. Aber so richtig prickelnd scheinen mir die Japaner den Löwen trotz alledem nicht zu finden. Auch nicht die Inder. Nicht die Russen. Klick! Klick! Ein Foto, zwei, wir waren hier – weiter gehts!

Denk-mal

Wer im eigenen Land einen über hundert Meter hohen Buddha stehen hat, den Taj Mahal oder eine 7900 Tonnen schwere Mutter-Heimat-Statue, lässt sich von einem sechs auf zehn Meter grossen, in den Fels gehauenen Löwen eben nicht so leicht in Wallung versetzen; egal, wie traurig er dreinschaut. Weil mir die Empathie ebenfalls fehlt, die meiner Kollegin das Wasser in die Augen treibt, jedes Mal wenn sie als gebürtige Luzernerin dem leidenden Löwen ins Antlitz äugt («Als Kind habe ich immer einen Bogen um das Quartier gemacht, weil mir der Löwe so leidgetan hat»), versuche ich es auf die intellektuelle Tour. Denk-mal.

Also: Der sterbende Löwe ist im Jahr 1821 «zu Ehren schweizerischer Treue und Tapferkeit» errichtet worden, zum Gedenken an die 1792 beim Tuileriensturm in Paris gefallenen Schweizergardisten; rund 760 Männer, die König Louis XVI gegen die aufgebrachte und bewaffnete Volksmasse der Französischen Revolution zu verteidigen versuchten. Sie taten es heldenhaft – und bis zum Tod. Bei der Vorstellung jedoch, dass Schweizer Söldner im Dienst des französischen Königshauses loyal «Vive le roi» rufen, während das französische Volk ein mutiges «Vive la nation» anstimmt, fällt einem Schwyzer wie mir, den das Schulreisli noch standesgemäss aufs Rütli oder zum Wilhelm Tell nach Altdorf führte, nur wenig Ruhmreiches ein.

Rundumsicht

Das Panoramabild war das 3D-Kino des 19. Jahrhunderts. Ein eindrückliches Exemplar prangt im Bourbaki-Panorama Luzern; ein Rundbild auf 112 mal 10 Metern. Es zeigt die französische Armee von General Bourbaki beim Übertritt in die Schweiz 1871. Auch für Kinder spannend. — Bourbaki-Panorama Luzern, Löwenplatz 11, www.bourbakipanorama.ch

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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