Türkei

Das Schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste

Text: Peter Weber, Fotos: Lale Yavas und Peter Weber

Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
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Das schwarze Meer: Roadtrip entlang der türkischen Nordküste
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Haselnüsse allüberall – am Pier von Giresun sogar zu einem Teehaus hochstilisiert

Archenbau in Kurucasile

Netzwerk in Sinop

Rostiges Heavy Metal in Eregli

Dunkelgrün, türkis, graublau: Das Schwarze Meer, auf Türkisch Karadeniz

Berner Oberland? Nein, Holzhäuser und -häuschen in den Schwarzmeeralpen

Und immer wieder essen und trinken: Fisch, Tee und Türkischer Honig, Käse und Rührei mit Tomaten

Die Bucht von Rize

Tourist? Was ist das? Leben an der türkischen Schwarzmeerküste. Die Piazza in Trabzon

Überall Basketballkörbe. Aber wo sind die Bälle?

Einmal in einem kleinen blauen Auto entlang der türkischen Nordküste reisen – ein Roadtrip der literarischen Art.

Das Vorhaben: Eine Reise mit dem kleinen blauen Auto von Zürich-Wiedikon über Slowenien, Kroation, Serbien, Bulgarien nach Istanbul, von dort ostwärts die Schwarzmeerküste entlang bis fast an die georgische Grenze und hinauf in die Yaylas, die Schwarzmeeralpen, bis die Strasse nicht mehr trägt. Lale steuert das Automobil, sie ist in Windisch AG aufgewachsen, hat Verwandte in Istanbul und am Schwarzen Meer. Für sie wird es auch eine Reise zu den Wunschorten ihrer Kindheit. Von Leuchtturm (in Sile) zu Leuchtturm (in Sinop), entlang der verlassensten Strasse der türkischen Schwarzmeerküste, oft Felsenküste, kurvenreich, dort, wo sich Berggrün und Meerblau umschlingen, wo auf Karten geplante Strassen nur noch Strichlinien sind, wo keine Häfen gebaut werden konnten und nur die verwegensten Schiffer anzulegen wagten. Ich kann nicht Auto fahren, wir reisen mit klarer Arbeitsteilung: Ich bediene das GPS, buche Unterkünfte, lichte ab und sammle Unterwegswissen. Die Frau fährt, der Mann fährt bei – wird er bereits in Istanbul die Beifahrerschmach erleiden?

Wo beginnt die Reise? Vor dem Bahnhof Wiedikon, im Hochsommerschatten bei einem doppelten Espresso, annabelle-Redaktor Frank Heer, eben aus Los Angeles zurück, wo er Tarzan interviewt hat, erteilt die Erlaubnis zu berichten. Frank ist auch Musiker, seine CD «Bingo Palace» wird uns ostwärts und westwärts begleiten. Frank bezahlt die Coffees, und alle Lichtsignale an der Kreuzung vor dem Bahnhof Wiedikon schalten auf Grün. Ankunft nachts in Istanbul, Stadtautobahnen holen weit ins Umland aus. Ich erleide die Beifahrerschmach nicht; man ist froh, dass wir nach drei Tagen heil angekommen sind. Das Vorhaben, von der Schweiz aus Karadeniz zu bereisen, löst hier vieles aus, es wird ein mitreissendes Unterfangen, alle haben Verwandte im östlichen Hinterraum, wissen Geschichten zu erzählen. Karadeniz ist Türkisch und bedeutet Schwarzes Meer, meint auch: Eigensinn, Individualismus, Starrsinn.

Ein Tanz names Horon

Schwarzmeermenschen sind nicht mediterran, und sie hören ihre eigene Musik, gespielt mit der Kemence, der repetitiven Schwarzmeergeige, einer bootsförmigen Laute, die mit kurzem Bogen wild gestrichen wird, sie klingt kaukasisch. m Sommer, heisst es, versammeln sie sich in den Bergen zu Tausenden und bei jedem Wetter zu ihren Reihentänzen, Alt und Jung. Horon nennt sich der Tanz, die Gruppenchoreografien erzählen von Bären, von Wölfen, vom Adler. Woodstock in Karadeniz. Schwarzmeermenschen sind entlang der Küste istanbulwärts gezogen, erfahre ich, gesegelt, verlockt, bedrängt von Kriegen, geflohen vor dem Regen, der Armut. Bereits die kleinen Orte am Bosporus-Ufer erzählen Geschichten dieses Reisezugs über Generationen, erzählen von Fischern, Köhlern, Bootsbauern, Schmugglern, von Zurückgebliebenen und Nachkommenden. Jeder baut, wie er will. Landschaft der Sonderbarhäuser. Schwarzmeerreise a la turca: Sie führt von Verwandten zu Bekannten, die dich erwarten, du gibst keine Lira aus, nichts wird dir fehlen. Musst dich jeden Tag losreissen, um bereits wieder erwartet zu werden. Du sitzt in Runden, trinkst Tee und Kaffee. Wenn Empfänger und Absender sich telefonisch kurzschliessen, werden neue Adressen ausgemacht, es gilt Grüsse und Wünsche zu überbringen. 

Reist du innerhalb des Gastgeberwesens, wirst du dich immer langsamer bewegen, kommst zuletzt nicht mehr vom Fleck, liegst zwischen Kissen, gebettet und satt, schlafnah. Die Reise beginnt aufs Neue, als wir Lales älteren Bruder Osi, der seit über zwanzig Jahren in Istanbul lebt, dazu überreden können, das Steuer zu übernehmen. Osi ist ein begnadeter Sänger, Songschreiber und Kurvenfahrer; als er noch im Aargau lebte, hatte er einen Ferienjob, der ihm viel Spass bereitete: Für eine Grossgarage hatte er fabrikneue Luxuswagen präsentabel umzuparkieren. Die Geschwister beraten, welche Reiseweise die richtige sei, sie beschliessen, sich familiär einzufinden, jedoch auszubrechen nach Lust. Sich ausführlich anzumelden, aber helvetisch knapp zu verabschieden. Wir fahren Bosporus-aufwärts, überqueren kurz vor der Küste eine neue Schneise, eine Strassenbaustelle, Verwüstungsspur, als wäre ein Tornado durchgezogen, umgewalzte Bäume, hier entsteht der äusserste Autobahnring und die dritte Brücke über den Bosporus. Hier spürt man sie, die Verfügungsmacht der Obrigkeit, für Osi sind die neuen Autobahnen ein zwiespältiges Vergnügen, er fährt lieber auf alten Landstrassen.

Das Städtchen Sile gehört politisch noch zu Istanbul, geografisch zu Thrakien, ein Badeort in Gunstlage: Meerblicklokale auf dem Hügel in einer Reihe, jedes mit Aussichtsräumen und Terrassen, auf denen Fisch serviert wird. Zu Fisch gehört Raki. Blick westwärts, Richtung Bosporus, man sieht die kilometerlangen Sandstrände und Dünen, sie scheinen zu verschweben. Sile hat einen neuen grossen Hafen, innerhalb dieser Anlage, an der langen Mole, ankert ein alter Stadtdampfer aus Istanbul. Weiteren Geschenkschiffen werden wir in den Häfen östlich begegnen. Was haben sie nicht gesehen, bevor sie abgeschoben wurden, sie sind auf dem Bosporus sowjetischen Frachtern, Nato-Kriegsschiffen und italienischen Luxusdampfern begegnet, in den Schwarzmeerhäfen scheinen sie sich zu erholen, glorios rostend hinter weisser Dienstfarbe. Wer soll sie bewegen und wohin? So enden viele dieser schönen Schiffe als Fischrestaurant. Vormittag, wir sitzen mit Schwiegervater Hüseyin auf einer der Terrassen, trinken Tee, überblicken ein blauruhiges Sommermeer.

Diese friedliche Hafenmauer ist auch eine Unglücksstätte, sagt er und erzählt die Geschichte einer Automissglückten Rettung: Plötzlicher Wetterwechsel, ein Fischerboot war unweit des Hafens in Seenot geraten, Riesenwellen, es war im Winter. Die Rettungskräfte wollten nicht mehr ins offene Meer, und keiner der erfahrenen Fischer. Da meldete sich ein junger Mann, er sprang in eines der schnellen kleinen Rettungsboote. Er liess sich nicht aufhalten, drehte bereits im Hafen voll auf, Vollgas im noch ruhigen Wasser, er suchte den Heldenritt. Kaum hatte er die Hafenmauern passiert, wurde er schon von einer Welle erfasst, die Scheiben barsten, Wasser drang ein. Boot und Retter wurden an die Mauer geschlagen, auch die Fischer können nicht gerettet werden, am nächsten Tag fand man nur Planken und Splitter. Besuch des Fischercafés am Mittag, zeitlose Hitze. Weshalb sind die Fische des Schwarzen Meers so schmackhaft? Die Mischung aus Salz- und Süsswasser machts aus, sagt Hüseyin, die Schwärme zirkulieren, sie ziehen im Kreis, sodass immer andere Sorten Saison haben. Im Moment ist Schonzeit, bald kommt der Palamut, ein Thunfischartiger.

Karadeniz

Wir besuchen Siles Schmuckleuchtturm, von Franzosen erbaut, er gleicht einem Campanile. Unten auf dem Badefelsen, gereiht aus kleinen Steinen, die immer wieder erneuert werden: Diren Gezi; der Slogan der Protestbewegung rund um den Istanbuler Gezi-Park. Hüseyin, aufgewachsen in einem Bosporus-Fischerdorf auf der asiatischen Seite, das sich heute unter der zweiten Brücke wiederfindet, hatte vor fünfzig Jahren einen Traum: Als junger Mann wollte er sich als Leuchtturmwärter im fernen Sinop bewerben. Als er in der Schweiz Arbeit fand, zog er mit seiner Frau nach Windisch. Ostwärts weiter, die Küste bleibt flach. Jetzt, im Hochsommer, da die Regenwochen vorbei sind, zeigt sich die Natur in prallsten Farben. Die Sonne: Sie ist am Morgen vor uns, wasserberuhigend. Spektakuläre Meeresbläuen, wenn sie ihre Vormittagshöhe erreicht, wechselblauer Norden in Fahrtrichtung links, im Fahrerfenster. Reise durchs kleine Nussparadies, durchs Hasel-Hobbitland. Haselnusssträucher, wohin man schaut, und eine einfache Strasse, die zwischendurch führt, über Kuppen und Hügel.

Kleine Häuser. Aber ist das schon Karadeniz? Nein, sagt Osi, zu mild, zu lieblich. Bald folgen schroffere Küstenorte. In Eregli werden Kohle und Erz abgebaut, hier gibt es grosse Werften. Rostmächtige Schiffskörper halb eingehallt an der Strasse, Blacksea Heavy Metal. Kurucasile, Wald bis ans Wasser. Zwischenhalt bei den Kleinarchebauern. Ihr seid nicht die Ersten, die mich befragen, sagt Meister Bootsbauer, er zählt an den zerarbeiteten Fingern beider Hände auf, welche Fernseh- und Radiostationen schon hier waren. Er steht in einer Zeltlandschaft, unter provisorischem Dach. Ein bedrohtes Gewerbe. Hier gibts keinen anderen Erwerb, keine Haselnüsse, kaum Landwirtschaft. Archegeruch, Klopfgeräusche und Tiere überall, Federvieh brütet unter entstehenden Schiffen, Entenfamilien halten sich einstiegsbereit, Hunde schlafen vor der Werkstatt. Ein Handwerk ohne Lehre, der Meister hat Gehilfen um sich, nach einigen Jahren machen sie sich selbstständig, sie spüren, wenn es so weit ist. Es scheint, als führten sie ein jahrtausendealtes Handwerk weiter, nach Augenmass

Es entstehen die erprobten Fischerboote, archetypisch, aber auch Wunschschiffe, dafür reicht eine Skizze. Ein Strich, ein Telefon, und wir beginnen zu bauen, sagt der Usta (Meister); nach drei Wochen sind wir fertig. Nur die Kühnsten wagen die wilde Fahrt von der Werft übers Meer. Die Boote werden heute per Lastwagen verfrachtet. Wir liefern überallhin. Nebenan wird eine Riesenjacht gezimmert, sie wird nach Belgien geliefert werden. Wenn der Palamut kommt, fährt der Usta mit den Fischern aufs Meer. Nein, wir übernachten nicht beim Familienfreund, der uns zum Tee empfängt und schöne weisse Boote baut, ein Rückkehrer, er hat einige Jahrzehnte in Istanbul gearbeitet. Wir reissen uns spät los, bereits geht die Sonne unter. Dann Nacht. Schwarzfahrt am nördlichsten Küstenstrich. Eine Bergmeerstrasse, Bruder Osi ist am Steuer und im Element, offene Fenster, Gezirp und die Geräusche des Motors, warmer Fahrtwind. Gerüche der Vegetation und des Meeres. GPS-Linientrance, nichts mehr zu verorten, alle vorgemerkten Häuser sind dunkel, alles schläft.

Metropolenbefreiungsfahrt am entlegensten Ort der Türkei, schwarze Bergkörper, hinter denen der fast volle Mond auf- und untergeht, er ringt mit Fels und Wald, mit schweren schwarzen Riesen, die in schwarz glänzendes Wasser abzurutschen scheinen. Tosen, wenn Wasser in Felstöpfe schlägt, dann wieder Waldesstille, kühlere Bergluft. Für fünfzig Kilometer Küstenlinie braucht man fast zwei Stunden, die Strasse windet sich in die Täler und über Pässe, ich sehe die Linien immer wieder haarnadelnah am Meer, Kurven mit und ohne Leitplanken, Höhe über Meer: 0, bald 180 Meter, silberner Schimmer als hellstes Licht, kurzer Mondglanz auf dem Wasser, wenn es die Kurven erlauben, Streifungen von Schlaf, nur der Fahrer ist hellwach und bestens vergnügt. Hotel oder Pensionen: vergeblich. Stunden später hält Bruder Osi vor einem Motel mit Leuchtschrift: Wir erwachen am Morgen in einer fast leeren Ferienanlage namens Maviland. Nach Sinop eine Schnellstrasse, Leitplankenblues.

Teebüsche und Haselnüsse

Die neue Autobahn hat alte Küstenstriche und Hafenanlagen verändert, manches Pier, das in den türkischen Filmen der Sechziger- und Siebzigerjahre Paare an die Wellen führte, Einsame in den Regen, an den Sturmrand, wurde geschleift oder versetzt. Der Blick richtet sich nun auf die Landschaft: Intensive Bewirtschaftung. Das grosse Haselnussland öffnet sich zwischen Samsun und Trabzon. Die Türkei ist der grösste Haselnuss-Exporteur der Welt, jede dritte Haselnuss stammt aus diesem Gebiet. Wir entdecken am Pier von Giresun den schönsten Schwarzmeer-Sonderbau: Ein Teehaus in Haselnussform. Neueröffnung, Tischchen stehen im Wind. Die jungen Betreiber, zwei Brüder und eine Freundin, freuen sich über den Besuch, wir sind das internationale Testpublikum und bekommen alles gratis serviert, der beratende Onkel darf nicht fehlen. Weshalb ist diese Autobahn hier, frage ich einen anderen Gast, der sich zu uns setzt. Wusstest du nicht: Der Ministerpräsident stammt aus dem Schwarzmeer-Osten, er möchte kurvenfrei vors Haus chauffiert werden.

Schnelle Leitplankenfahrt, der Übergang ins Teeland geschieht nahtlos, die Bewirtschaftung der Hügel ist ebenso umfassend oder intensiv wie bei der Haselnuss, Grünflächen bis an jedes Haus, plötzlich stehen anstelle der struppigen Sträucher wohlfrisierte Teebüsche. Das Klima ist im Osten der türkischen Schwarzmeerküste ideal für die sensible Teepflanze, warm genug, feucht genug, und so gedeiht sie bis in hohe Lagen. Die Osmanen hatten das heute georgische Batumi erobert, wo die Russen bereits Teeplantagen unterhielten. Tee wird seit Mitte der Zwanzigerjahre systematisch angebaut. Etwa 80 Kilometer vor der georgischen Grenze verlassen wir die Küste, biegen nach Süden ab, Richtung Schwarzmeeralpen. Zunächst kommt ein Flusstal mit tessinischer Anmutung. Jedoch: Teebüsche bis unter den Himmel. Dämmerung bei der Auffahrt, Nadelwälder. Der Schüler, den wir mitnehmen, berichtet von meterhohem Schnee im Winter: Wenn der Pflug nicht mehr durchkommt, kommen sie mit dem Helikopter. Er will ins Bergdorf, in die Lokale, wo Musik gespielt wird, hier oben ist mehr los als unten, sagt er.

An der Küste leben die Braven und Überbraven, wer zu uns heraufkommt, sucht Freiheit, Tanz. In Ayder angekommen, essen wir eine lokale Spezialität: Forellen. Und schauen uns nach einem Hotel um. Holzhäuser. «Und was sucht ihr hier?», fragt die Bienenfrau, gekleidet wie eine Bergindianerin, ihr rotwangiges Gesicht, um die Stirn ein Klingelband, ein schwarz wallender Rock, rote Wollsocken und schwere Schuhe. Sie geht dem Berghotelier zur Hand. «Ihr seid den ganzen Weg von der Schweiz hierher gefahren, um wieder bei euch anzukommen.» Sie lacht frech. Eine Älplerin der panalpinen Art. So eigenwillig, dass man sie nicht zu fotografieren wagt. Ihr Mann ist gestorben, seine Bienenvölker hat sie nun übernommen und betreibt sie zusammen mit anderen Witwen. Die Frauen in Ayder mit ihren umgebundenen Bunttüchern, den lachenden roten Socken und den eindrücklichen Gesichtern: Wir bestaunen sie und wagen bis zuletzt kein Foto zu machen. Wir fahren aufwärts, bis es nicht mehr weitergeht. Die letzte asphaltierte Strasse endet am Nadelwaldrand, nun Kies und Sand.

Der Regen hat Rinnen eingefressen, die nur noch Allradbusse meistern können, geübte Fahrer bringen die Wanderer in die Hochebene, von wo sie die Viertausender bezwingen, nicht ohne Bergführer (denn nur sie kennen die Bären, die Wölfe, den Adler). Zuletzt, nach fast 3500 Kilometer Fahrt im kleinen blauen Auto, sehen wir: Alpweiden, gesömmertes Vieh, geschmückt mit zierlichem Kettchenschmuck, sie stehen mitten in der Strasse, wir sind fast 2000 Meter über Meer. Wir wenden, hier beginnt die lange Rückreise. Wieder auf Asphalt, parkieren wir das kleine bräunlichblaue Auto vor dem ersten Lokal und bestellen Schwarzmeerfondue: geschmolzenen Käse, angerührt in Maisgriess, dazu Weissbrot und Tee. Bäche nah rauschend, Wind bewegt die bereits wieder vollen Wolken, Irrgrün der Vegetation, die wochenlang beregnet worden war – Touristenbusse wenden hier, die Passagiere vertun sich im parkplatznahen Gras. Manche mit gymnastischer Ambition. Rückreise über die Autobahn hinter den grünen Schwarzmeerbergen, in ariden Tälern, Türkisch-Arizona, wenig Verkehr, der Abendsonne entgegen, westbegleitet mit Musik von «Bingo Palace» und Ennio Morricone.

Später das verdiente Bad in Dogancili bei Sile: Der zeitlose Strandstoff, Frotteetuch, seit den Sechzigerjahren von der Mutter getragen, jetzt trägt ihn die Tochter auf dem Fussweg zum freien Meer. Winde, knisterndes Kraut, reiches Gedistel, namenlose Karggewächse, Einzelblumen, man geht auf heissem Sand, über Dünen, die Kühe bewegen sich nach eigener Uhr, Strandvieh, tagsüber in Wassernähe, abends gehts nachhause, und der Hund, der zuschaut, schaut nur zu. Keine Obrigkeitsschneise, kein Wahnprojekt kann diese unberechenbare Küste bedrängen, Sand und Wellen regieren, unvorsichtig Badende werden lautlos hinausgesogen, die Tafel, die vor dem Tiefensog warnt, liegt halb begraben in den Binsen, und die Sonne: Sie geht unter über der Wellwasserlinie. Überall Basketballkörbe, aber keine Bälle – die Körbe sind: Blaufänger. Sonnenfänger.

Roadtrip

Peter Weber

Der Toggenburger Autor Peter Weber («Der Wettermacher») und seine Partnerin, die türkischstämmige Aargauer Schauspielerin Lale Yavas, haben sich im kleinen Auto für uns auf den Weg von Zürich ans Schwarze Meer gemacht. Im September erscheint von Weber der Text «Dachreiter, Tiere und Diener» im Buch zur Ausstellung «Gastspiel. Schweizer Gegenwartskunst im Museum Rietberg», Edition Patrick Frey.

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