Pipilotti Rist

Text: Claudia Senn
Foto: Gian-Marco Castelberg

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Die Kleidung hat sie sorgfältig auf die Umgebung abgestimmt: gelber Kaftan, gelbe Hose. Das wird, so weiss sie genau, einfach toll aussehen, wenn sie sich für den Fotografen auf die grüne Wiese stellt. Dazu Söckchen in Swimmingpoolblau – perfekt für die Letzi-Badi, wo wir sie zum Interview treffen. In der von Max Frisch gebauten Zürcher Badeanstalt hat Pipilotti Rist auch einen Teil ihres neusten Werks gedreht: «Pepperminta», ein Spielfilm, der demnächst in die Kinos kommt. Es ist ein kreischbuntes Abenteuer, das wirkt, als habe die Filmcrew jeden Morgen zum Kaffee einen LSD-Trip eingeworfen. Die Titelheldin ist unschwer als eine Schwester im Geiste von Astrid Lindgrens Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf zu erkennen. Sie möchte die Welt von überflüssigen Ängsten befreien. Von ihrer toten Grossmutter weiss sie, wie man die Menschen mit Farben hypnotisiert. «Es handelt sich dabei um eine Art Augapfelmassage.» Sobald die Patienten erkennen, dass die Welt mehr zu bieten hat als «Juristenkugelschreiberblau» oder «Zivilschutzrot», werfen sie ihre Hemmungen über Bord und tun, was ihr Herz schon immer begehrte.

«Pepperminta» ist ein anarchisches Märchen, in dem Menschen mit Tierstimmen sprechen und Autos mit den Türen flattern wie Vögel mit den Flügeln. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt auch ein Kelch, in dem die Frauen aus Peppermintas Familie «seit Generationen» ihr Menstruationsblut sammeln. Doch dazu später mehr.

Vielleicht wäre der Film im Museum besser aufgehoben als im Kino, denn er entzieht sich den klassischen Kriterien des Genres, wirkt vielmehr wie ein Kunstvideo in Spielfilmlänge. So radikal wie wahrscheinlich in keinem ihrer Werke zuvor widmet sich Pipilotti Rist ihrem Lieblingsthema: dem Ausbruch aus dem Gefängnis der Normen, Zwänge und Hemmungen.

annabelle: Pipilotti Rist, gibt es Dinge, die Sie wahnsinnig gern tun würden, sich aber nicht getrauen?
Pipilotti Rist: Ein Lied laut auf einem Platz singen. Einer Fremden die Finger abschlecken. In der Kirche aufstehen und mir den ganzen Schuld-und-Sühne-Scheiss vom Leib schreien.

Na los, machen Sies doch einfach! Wie Pepperminta, die Heldin aus Ihrem Film.
Unglücklicherweise bin ich aber nicht so furchtlos wie sie. Ich wäre es bloss gern. Wie die meisten Menschen unterwerfe ich mich einer extremen Selbstzensur. Wenn ich mir vorstelle, etwas Verrücktes zu tun, denke ich viel eher an die Ablehnung als an die Freude, die das auslösen könnte. Manchmal gebe ich mir trotzdem einen Schupf und verteile fremden Leuten Komplimente. «Sie haben aber eine schöne Stimme!», irgendwas in der Art.

Wie reagieren die Menschen?
Die meisten freuen sich. Eine kleine Minderheit hält mich für geistig behindert oder unterstellt mir böse Absichten. Das passiert jedoch seltener, als man denkt. Eigentlich könnten wir uns viel mehr erlauben, ohne den anderen damit auf den Keks zu gehen.

Verlangen Sie sich selbst Mutproben ab? Bei einer Tournee Ihrer Frauenband Les Reines Prochaines haben Sie immer beim selben Lied die rechte Brust entblösst. Und das, obwohl Sie Ihre Brüste als «unförmige Ziegenzitzen» bezeichnen.
Ja, damit meine Ängste nicht die Oberhand gewinnen, mache ich manchmal absichtlich Sachen, die ich mich eigentlich nicht traue. Damals ging es mir zusätzlich um die alte protestantische Idee der Selbstkasteiung.

Welches sind Ihre schlimmsten Ängste?
Oje, wollen Sie das wirklich wissen? Dann sitzen wir morgen Früh noch hier … Zum Beispiel die, dass ich keine richtige Frau bin, sondern eher eine Art Hampelmann.

Ein Hampelmann?
Ja, weil ich diese Frauenklischees nicht erfülle: Ich habe keinen weichen Körper und keine intuitive Verbindung zur Natur. Und nach der Geburt meines Kindes wusste ich ebenso wenig vom Geheimnis des Lebens wie zuvor.

Wovor fürchten Sie sich noch?
Dass man mir Eigennutz unterstellt, wenn ich jemandem etwas zuliebe tue. Ich möchte gern immer lieb sein. Obwohl: Vielleicht ist das tatsächlich egoistisch. Denn bezwecke ich damit nicht eigentlich, wiedergeliebt zu werden? Gibt es überhaupt ein reines, selbstloses Liebsein, das ohne jede Absicht
aus mir herausströmt?

Eine Situation, in der man nicht umhinkommt, über seinen Schatten zu springen, ist der Beginn einer neuen Liebe.
O ja, das ist richtig heftig. Vor lauter Angst, zurückgewiesen zu werden, könnte man es vorziehen, gar nicht erst in die Beziehung einzusteigen.

Sie sind also in solchen Momenten nicht besonders mutig?
Ich fürchte nein. Ich führe eine Liste mit allen Männern, die ich je geküsst habe. Es sind 36, auf den ersten Blick eine beachtliche Zahl. Doch viele Male bin ich wieder abgesprungen, bevor aus dem Küssen eine Beziehung entstehen konnte. Damit bestrafte ich den anderen für meine eigene Angst vor dem Verlassenwerden. Und wenn ich ging, bildete ich mir ein, meine Angst besiegt zu haben. Schwach!

Haben Sie auch Körbe bekommen?
Lange Zeit habe ich mir vorgemacht, dass ich so gut wie nie abgelehnt worden sei. Doch dann musste ich mir eingestehen, dass ich es bloss verdrängt hatte. Ich war ein paarmal verliebt, ohne dass etwas daraus geworden ist.

Wie haben Sie Ihren jetzigen Partner Balz Roth rumgekriegt?
Ich habe schöne Briefe mit Zeichnungen gebastelt. Die Zähne geputzt und die Pickel abgedeckt.

So billig war er zu haben?
Nein, ich musste mehrere Monate scharren, mit welchen Mitteln, weiss ich nicht mehr so genau, es ist ja immerhin elf Jahre her. An den Kampf, den ich mit mir selber führte, erinnere ich mich jedoch noch sehr gut. Ertrage ich die Angst, von Balz verlassen zu werden? Ist es die Beziehung wert, das auszuhalten? Man liefert sich ja bedingungslos aus, macht sich verletzbar.

Der andere kann einen im Prinzip vernichten.
Genau. Aber eine Zweierbeziehung ist auch ein Vertrag: Man zeigt sich mit allen Schwächen, und der Partner nützt sie nicht aus.

Die Hälfte der 36 Männer auf Ihrer Liste waren Musiker. Die andere Hälfte hatte wenigstens eine gute Plattensammlung. Welche Eigenschaften muss ein Mann sonst noch mitbringen, um Ihnen zu gefallen?
Er sollte Blumen mögen. Er muss über seine eigenen Macken lachen können. Und er darf kein Macho sein, denn das bin ich schon selbst. Das wirft mir Balz manchmal vor, wenn ich zu viel arbeite und ein bisschen autistisch werde. Wir modernen Frauen sind ja leider unersättlich, wir wollen alles, vereint in einem einzigen Mann.

Alles? Was heisst alles?
Es soll feinfühlig sein und mir trotzdem im richtigen Moment Paroli bieten. Er soll mir Grenzen setzen, wenn ich zu viel von ihm verlange. Er soll sich klar ausdrücken können und sich von Widerständen nicht irritieren lassen. – Ich kenne einen Mann, der unendlich lieb und unmachoid ist. Er hat aber nie eine Freundin, obwohl ich schon vieles versucht habe.

Aha, Sie sind also eine heimliche Kupplerin.
Ja. Neben meiner Kussliste führe ich auch eine Vermittlungsliste, mit deren Hilfe ich Paare zusammenbringe.

Wie erfolgreich sind Sie in diesem Metier?
Es hat bisher nur ein einziges Mal geklappt. – Ich verzweifle meist daran, wie sehr sich die Wünsche von Männern und Frauen widersprechen.

Eher ungehalten reagiert Pipilotti Rist auf die Frage, ob die Kunst sie reich gemacht habe. «Ein kommerzieller Profit, der die Produktions- und Fixkosten übersteigt, interessiert mich nicht», sagt sie. Doch natürlich arbeitet sie dank ihres Erfolgs unter relativ komfortablen Bedingungen. Fünf Angestellte helfen bei Produktion und Ausstellungsaufbau mit. Soeben startete eine grosse Einzelausstellung im Museum für zeitgenössische Kunst (Kiasma) in Helsinki, im Oktober beginnt eine im Paço das Artes in São Paulo. Nächstes Jahr folgen Barcelona, Melbourne und New York. In der Nähe der brasilianischen Stadt Belo Horizonte gräbt Pipilotti Rist sogar eine ganze Höhle in den Berg hinein, in der ihre an der Venedig-Biennale 2005 gezeigte Videoinstallation «Homo Sapiens Sapiens» eine dauerhafte Heimat finden soll.

Dazwischen die Premiere von «Pepperminta» an den Filmfestspielen in Venedig – Pipilotti Rist ist längst ein Brand, eine Marke, die auf allen Kontinenten funktioniert. Mit ihren schrillen Kleidern und Auftritten hat sie sich ein Image geschaffen, das ihr manchmal selbst nicht ganz geheuer ist. Eigentlich mag sie nicht mal mehr ihren Vornamen, den sie sich als junge Studentin ausgesucht hatte: «Pipilotti – das verspricht eine Kraft und Unerschrockenheit, die ich so kompromisslos gar nicht habe.» In jüngster Zeit versucht sie, sich bodenständig und bescheiden zu geben. Keinesfalls möchte sie für arrogant gehalten werden, «ich kenne noch immer alle Namen meiner ehemaligen Schulkolleginnen». Und doch weiss man auch in diesem Interview nie so ganz genau: Kommt die Antwort wirklich von ihr? Oder vom sorgfältig inszenierten Gesamtkunstwerk namens Pipilotti Rist?

Gibt es Dinge, für die Sie sich schämen?
Ich habe mich lange für meine linke, etwas grössere Schamlippe geschämt. Und noch mehr habe ich mich dafür geschämt, dass ich mich überhaupt für so was schäme, weil diese Art Schämen nicht zu meiner feministischen Überzeugung gegen das Symmetriediktat passt.

Weshalb strömen eigentlich ganze Bäche von Menstruationsblut durch Ihre Filme? Das ist eklig!
Warum? Blut ist doch ein ehrenwerter Saft. Wenn es fliesst, heisst das in erster Linie, dass der Körper lebendig ist, dass die Fleischuhr tickt. Dass Sie das eklig finden, haben Sie den Überbleibseln unserer Religion zu verdanken. Noch immer steckt in unseren Köpfen drin, dass die Frau die Sünde in die Welt gebracht habe und folglich alles, was zwischen ihren Beinen herauskommt, schmutzig sei. Sie fänden das Blut doch bestimmt weniger eklig, wenn es aus dem Arm käme statt von da unten!

Mich hat eher die glibbrige, blutpuddingartige Konsistenz gestört. Schliesslich wurde es «seit Generationen» in einem Kelch gesammelt, den Pepperminta und ihre Mitstreiter nun wollüstig ausschlürfen. Igitt!
Möglicherweise wirkt es durch die Zeitlupe dickflüssig. Dann war ich wohl zuwenig exakt. Ich empfinde es als frisches Blut. Vielleicht lohnt es sich, in diesem Zusammenhang auch über unser Hygieneverständnis nachzudenken, das ich für total übersteigert halte. Nicht nur unsere eigenen Körpersäfte finden wir eklig, sondern wir wittern auch überall Viren und Bakterien. Um unser Bedürfnis nach Hygiene zu befriedigen, produzieren wir riesige Abfallberge von Verpackungsmaterialien, mit anderen Worten: Dreck. Das ist doch krank! Höchste Zeit, da gegenzusteuern.

Leckt deshalb Pepperminta immer die Klingelschilder ab?
Ja. Sie hat wie ich keine Angst vor dem Dreck, dem Lebendigen und Unverblümten.

Also sind Sie die Charlotte Roche der Videokunst.
Meinen Film habe ich gedreht, bevor «Feuchtgebiete» erschien. Aber ich mochte das Buch sehr, auch wenn man sich über die sprachliche Qualität streiten kann.

Ihre Arbeit wirkt immer so unerschütterlich bunt und lebensfroh. Sind Sie denn gar nie schlecht drauf?
Es gehört zu den häufigeren Missverständnissen, eine Künstlerin sei mit ihrer Kunst identisch. In Wirklichkeit ist eher das Gegenteil der Fall: Weil ich depressive Tendenzen habe, mache ich so vitale Kunst. Ich suche das, was mir fehlt.

Sie sind nun 47 Jahre alt. Spüren Sie schon etwas von der Weisheit des Alters?
Früher wusste ich immer ganz genau, was richtig und was falsch ist. Heute sehe ich eher die Widersprüche, die unendlichen Ambivalenzen. Ich möchte noch viel weiser werden.

Wie werden Sie als alte Dame sein?
Freundlich, tolerant, unaufgeregt – wie Maude aus dem Film «Harold and Maude». (Singt den Titelsong des Films:) If you want to sing out, sing out, if you want to be free, be free …

Und der 18-jährige Liebhaber ist bei diesem Plan mit inbegriffen?
Nein, den lasse ich aus. Ich bin immer wieder sehr verliebt in Balz, ich möchte mich nicht mehr andersweitig verlieben. Das absorbiert auch viel zu viel Energie. Mein Leben soll eher in eine meditative Richtung gehen. Als kleine Übung stelle ich mir jeweils alle Wassertröpfchen auf der ganzen Welt vor. Dann versuche ich, bei all diesen Wassertröpfchen gleichzeitig zu sein. Im Alter werde ich in dieser Disziplin hoffentlich wahre Meisterschaft erlangen.

Offenbar möchte Pipilotti Rist gerade jetzt, in diesem Moment, bei sehr vielen Wassertröpfchen sein. Sie schlägt dem Fotografen vor, für ein Bild ins Schwimmbecken zu springen – mit Kleidern. «Man muss schliesslich etwas bieten, wenn man Aufmerksamkeit bekommt.» Der Fotograf, besorgt um ihr Wohlergehen, versucht, sie auf eine halb angezogene Variante herunterzuhandeln, denn Ersatzkleider gibt es nicht. «Nix da», sagt sie, «wir machen das jetzt. Und zwar full monty.»

Danach schlurft sie durch die Badi wie eine wieder zum Leben erweckte Wasserleiche, argwöhnisch beäugt von den Badegästen. Der Kaftan tropft, die Haare kleben, sie grinst. «Auch das», sagt sie, «war eigentlich viel weniger schlimm, als ich ursprünglich gedacht hatte.» Obwohl es die Zuschauer nicht ahnen, haben sie soeben einer Pepperminta-Liveperformance beigewohnt. Einem «positiven Exorzismus», verabreicht von der Zeremonienmeisterin der Angstlosigkeit, die auch nicht immer so mutig ist, wie sie es gern wäre.

In schmatzenden Schuhen schreitet sie von dannen.

Queen of Video

Pipilotti Rist wurde 1962 in Grabs im St. Galler Rheintal geboren. Sie studierte Gebrauchs-, Illustrations- und Fotografik in Wien und besuchte danach die Videoklasse an der Schule für Gestaltung in Basel. Heute ist sie die wohl bekannteste Gegenwartskünstlerin der Schweiz. Ihre Arbeiten werden in den wichtigsten Museen der Welt ausgestellt, wie etwa im New Yorker MoMa, das letzten Winter ihre Videoinstallation «Pour Your Body Out (7354 Cubic Meters)» im Atrium zeigte. Sechs Jahre lang war Pipilotti Rist Mitglied der (immer noch existierenden) feministischen Performance-Band Les Reines Prochaines. Sie lebt mit ihrem Partner Balz Roth und ihrem siebenjährigen Sohn Himalaya Yuji Ansgar in einer offenen Hausgemeinschaft von mehreren Familien in Zürich.

Der Film «Pepperminta» kommt am 10. September in die Kinos. 

Aktuelle Schweizer Ausstellungen:
Schloss Werdenberg im St. Galler Rheintal, bis 31. 10. (gemeinsam mit Niki Schawalder); Galerie Hauser & Wirth, Zürich, bis 17. 10.

Dokumentarfilm:
13. 9., 12 Uhr, SF1: «Pipilotti Rist – Die Farbe deiner Socken»

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