Angsthase am Steuer

Und nun», sagt Herr Schüpbach, «fahren wir los.» Leichte Panik: «Auf die Strasse hinaus?» frage ich, «Ich dachte eigentlich, wir würden zuerst auf einem Parkplatz …» «Und – los.» Es ist nicht das erste Mal, dass ich in einer Fahrstunde sitze – seit Jahren modert der Führerausweis in meinem Portemonnaie, stets dabei für den Notfall, aber den wusste ich bisher zu verhindern. Und so sitze ich jetzt das erste Mal seit 15 Jahren hinter dem Steuer.

Die routinierten Autofahrerinnen unter Ihnen werden jetzt vermutlich den Kopf schütteln und denken: «Wieso hat sie es nicht einfach auf einer Nebenstrasse probiert? Ist doch wie Velofahren, man verlernt es nie.» Aber Angst kann man nicht erklären, und wir Nicht-mehr-Fahrerinnen reden sowieso nicht gern über unsere Behinderung, weil sie uns peinlich ist. Schliesslich sieht man es täglich auf den Strassen: Jeder Tubel kann Auto fahren!

Deshalb tarnen wir uns, sagen, dass ein Auto in der Stadt vollkommen unnötig ist, zu teuer, oder dass uns die Umwelt besonders am Herzen liegt und wir aus ökologischen Gründen aufs Autofahren verzichten. Oder wir behaupten einfach, wir können nicht fahren. Gar keinen Ausweis zu haben ist für Autofahrer besser nachvollziehbar als einen zu haben, ihn aber nicht zu nutzen.

Wir sind übrigens viele. Gesteht man ein, eine Nicht-mehr-Fahrerin zu sein, outen sich unzählige Frauen (und einige Männer). Verlässliche Zahlen gibt es nicht, aber von meinen Kolleginnen ist etwa jede Dritte betroffen. Das Phänomen hat sogar einen Namen: Fahrangst. Die Spanne der Furcht reicht von Ängstlichkeit nach langer Abstinenz bis zu plötzlichen Panikattacken auf Autobahnen oder im Tunnel.

Herr Schüpbach ist kein dynamischer Driving Coach, sondern strahlt eine angenehm altmodische Ruhe aus, die sich aus dem Wissen um Tausende von erfolgreichen Fahrschülern speist. Seine Fahrschule Heuried ist eine der wenigen, die sich explizit auch an «Wiedereinsteiger» richtet und nicht nur an Neulenker. Ihm muss man nichts erklären, er kennt uns schon, all die Frauen, die jahrelang nicht gefahren sind und nun plötzlich wieder müssen. Weil sie einen neuen Job anfangen, bei dem Auto fahren verlangt wird. Weil sie aufs Land ziehen, oder Kinder haben, die zum Sport gefahren werden wollen. Weil sie sich endlich ein bisschen Freiheit zurückerobern wollen, nachdem sie jahrzehntelang dem Mann das Steuer überlassen haben. Wir alle haben einen guten Grund, hier zu sitzen. Aber der interessiert Herrn Schüpbach nur am Rande.

«Und – los», sagt er also, nachdem wir kurz die Funktion der Pedale und Schalter repetiert haben. Also fahre ich los, hinaus auf die zweispurige Zürcher Birmensdorferstrasse, den Sitz zuvorderst, beide Hände ans Lenkrad geklammert. Vieles kommt mir auch nach so langer Abstinenz noch sehr vertraut vor: das Zusammenspiel von Kupplung, Gas und Schalten, die Position des Blinkers, selbst der Blick in den Rückspiegel beim Spurwechsel funktioniert noch vollautomatisch. Niemand hupt, und Herr Schüpbach sitzt entspannt im Beifahrersitz, also kann es so schlimm nicht sein. Mehr als ein sanftes «Ui nei, Sie!» entfährt ihm nicht an Tadel. Das ist natürlich Kalkül: Er will die ängstlichen Wiedereinsteigerinnen nicht zusätzlich verunsichern, sondern ihnen Sicherheit und Selbstbewusstsein zurückgeben. Dann, da ist sich Herr Schüpbach sicher, verschwinde die Angst meist ganz von selbst.

Renate Siegenthaler hingegen geht umkehrt vor. Die Psychologin und Fahrlehrerin interessiert sich als Erstes für Gründe, für jene, die zur Fahrangst geführt haben, aber auch für jene, die nun zu ihr führen. Die Motivation für den Wiedereinstieg auf der Fahrerseite müsse «intrinsisch» sein, sagt sie, der Wunsch muss von innen kommen – und stark genug sein. Ist er das bei mir? In den vergangenen Jahren habe ich mir ein Dutzend Mal vorgenommen, wieder anzufangen: damit nicht immer mein Freund die langen Strecken fahren muss, damit ich mit meiner Grossmutter einen kleinen Ausflug machen kann, damit ein Haus auf dem Land zumindest denkbar ist. Trotzdem habe ich das zweite erste Mal stets auf ein unbestimmtes Später verschoben.

In Deutschland existieren etliche Angebote für Menschen mit Fahrangst, in der Schweiz ist Renate Siegenthaler die einzige Fachfrau. Zu ihr kommen leichtere Fälle wie ich, aber auch Leute mit schweren Panikattacken, die beim Fahren zittern, kaum noch Luft bekommen und bei denen der Puls rast. Um herauszufinden, wo das Problem liegt und wie gross diese Ängste sind, beginnt eine Therapie bei Renate Siegenthaler mit einem Gespräch. Zum Beispiel über die Fahrbiografie.
 
Meine war lange ganz gewöhnlich. Pünktlich mit 18 begann ich zu fahren, das gehörte auf dem Land mit zur Grundausbildung, ein paar Stunden bei einem Fahrlehrer, dazu ein geduldiger Vater, der seine Sonntage opferte, um mit mir das Einfahren auf Autobahnen zu üben und Nadelkurven auf Passstrassen. Nach 17 Fahrstunden schaffte ich die Prüfung relativ problemlos, danach fuhr ich regelmässig, drei Monate lang sogar im australischen Linksverkehr. Und dann plötzlich gar nicht mehr. Ich zog in die Stadt, war in der Ausbildung, hatte also kein Geld und dank des öffentlichen Verkehrs auch eine Alternative zum Auto. Ausserdem war es aus ökologischen Gründen sowieso gerade angesagt, kein Auto zu haben. Es gab noch einen einzigen Versuch, nach mehreren Jahren Fahrabstinenz. Ich mietete einen Tag lang ein Auto, in Italien dummerweise, und das Erlebnis war, so vermutet Renate Siegenthaler, wahrscheinlich ein wenig traumatisch. Ich fühlte mich überfordert, hatte kein Gefühl mehr für Länge und vor allem Breite des Autos, bezog jedes Hupen auf mich und war mir sicher, ich würde im nächsten Moment einen Unfall bauen. «Das reicht schon als Auslöser», sagt Renate Siegenthaler, «nach solchen Panikerfahrungen verknüpft die Psyche Autofahren mit Angst. Helfen würde, danach wieder einige harmlose, entspannte Situationen beim Fahren zu erleben – aber Menschen mit Fahrangst vermeiden stattdessen das Fahren ganz.» Die einzige Lösung heisst Konfrontation: Man muss die Angst mit positiven Erlebnissen parieren, indem man immer wieder erfährt, dass nichts Schlimmes passiert, wenn man im Auto sitzt. Also fahren, fahren, fahren – bis die negativen Denkmuster weg sind.

Wieso eigentlich haben viel mehr Frauen als Männer Fahrangst? Renate Siegenthaler sagt, dass einerseits Frauen generell stärker von Ängsten betroffen sind. Anderseits hätten wir oft die Tendenz, die Schuld bei uns zu suchen, wenn mal was schief läuft. Bei einer brenzligen Situation denken wir also, wir hätten falsch reagiert, während Männer sich eher über den unfähigen anderen Autofahrer aufregen. Die dritte Erklärung: Männer fahren meist trotzdem. Mag es für eine Frau gesellschaftlich noch okay sein, stets nur Beifahrerin zu sein – für einen Mann ist es das nicht. Renate Siegenthaler hat sowohl Männer als auch Frauen in ihren Trainings, die Frauen sind allerdings in der Mehrheit. Über neunzig Prozent bringt sie wieder auf die Strasse zurück, jeden und jede auf andere Art. Denn jede Fahrangst ist anders. Mit den einen übt Renate Siegenthaler Fahrsituationen, die Panik auslösen, fährt bei Tunnelangst durch viele Tunnels, bei Furcht vor Geschwindigkeit auf die Autobahn. Bei anderen wird die Angst erst in mehreren Gesprächen eingekreist und analysiert, bevor man ins Auto steigt. Eines aber bleibt sich immer gleich: Überwinden kann man Fahrangst nur durch Fahren.

Fahren also. Durch den Stadtverkehr manövrieren, seitwärts/rückwärts parkieren, Einspuren auf der Autobahn: 15 Tage, fünf Fahrstunden und etliche, aber seltener werdende «Ui nei, Sie» später ist meine Angst beinah weg. 15 Tage, um ein Problem zu lösen, das mir 15 Jahre lang zu schaffen gemacht hat. Herr Schüpbach findet, ich dürfe mich nun wieder allein auf die Strasse trauen. Die Feuerprobe steht mir allerdings noch bevor. Denn nun gilt es, das Fahren in den Alltag zu integrieren, regelmässig hinters Steuer zu sitzen und weder den Stadtverkehr noch widrige Witterungsverhältnisse zu scheuen. Sonst waren die Stunden zwecklos. Wenn Sie in nächster Zeit einen himbeerfarbenen Saab vor sich haben, der ein wenig zögerlich wirkt: Sie kennen nun die Geschichte. Also bitte nicht gleich hupen.

Zurück auf die Strasse

Die meisten Fahrschulen bieten auf Anfrage auch Stunden für Wiedereinsteigerinnen. Jene Schulen, die sich explizit an Wiedereinsteigende richten, findet man am besten über Google: Fahrschule + Wiedereinsteiger + Region. Die vorgestellte Fahrschule befindet sich in Zürich.

www.fahrschule-heuried.ch

Die Psychologin und Fahrlehrerin Renate Siegenthaler bietet Tages-, Einzel- und Gruppentrainings für Menschen mit Fahrangst. Sie arbeitet vor allem im Gebiet Berner Oberland, Region Bern und Mittelland.

www.fahrangst.ch

Der TCS Schweiz empfiehlt Wiedereinsteigerinnen, zuerst einige Stunden bei einem Fahrlehrer zu absolvieren. Für zusätzliche Sicherheit lohnt es sich, danach einen Weiterbildungskurs zu besuchen, zum Beispiel den Check-up «Autofahren – heute».
 
www.tcs.ch

«Autofahren ohne Angst.» Von Karl Müller (Huber-Verlag, ca. 35 Fr.). Der Verhaltenstherapeut behandelt Menschen mit Fahrangst und gibt in seinem Buch Tipps zur Bewältigung. Allerdings: Vom Lesen allein wird man die Angst nicht los.

Mehr aus der Rubrik

Autotest

Schlicht eine Wucht

Von Nathalie De Geyter