annabelle-Jivita-Masterclass

«Sich gesund zu ernähren ist keine Hexerei.»

Interview: Martina Monti; Bild 1: Brooke Lark on Unsplash, Bild 2: Anja Lehmann

Was und wann wir essen, entscheidet mit darüber, ob und wie wir alt werden. Für den Ernährungsmediziner und Bestsellerautor Andreas Michalsen gehört zu einer guten Ernährung nicht zuletzt: ein leerer Teller.

 

annabelle: Andreas Michalsen, der Titel Ihres aktuellen Buches lautet «Mit Ernährung heilen». Trauen Sie da unserem Essen nicht ein bisschen viel zu?
Andreas Michalsen: Wir wissen heute, dass es im Körper so gut wie keinen Prozess gibt, der nicht dadurch beeinflusst wird, was wir essen und wann wir essen. So beispielsweise die Entstehung von Entzündungen oder das Altern. Und je nachdem, was ich zu mir nehme, ist dieser Einfluss gut oder schlecht.

Ein konkretes Beispiel für den guten, den heilenden Einfluss wäre?
Eine salzarme oder vegane Diät ist bei Bluthochdruck erwiesenermassen genauso wirksam wie Medikamente. Ein vergleichbares Wirkungspotential hat Ernährung bei allen sogenannten grossen Krankheiten, also auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Bei Krebs gilt das allerdings nicht in jedem Fall. Aber ansonsten kann eine gute Ernährung grundsätzlich dafür sorgen, dass wir länger und länger gesund leben.

Was kennzeichnet denn aus Sicht der Ernährungsmedizin die «gute» Ernährung?
Das sind im Wesentlichen fünf einfache Punkte: Konsequent Vollkorn- statt Auszugsmehl verwenden, weniger bis gar kein Fleisch auf dem Speiseplan, wenige verarbeitete Lebensmittel, dafür viel Obst und Gemüse. Und dazu einen Mix aus wertvollen Nährstofflieferanten wie Nüssen und Hülsenfrüchten, die ausserdem schnell und anhaltend sättigen. Wenn Sie dann noch die goldene Regel der Essensrhythmik beachten – drei Stunden vor dem Schlaf und eine nach dem Aufwachen nichts essen – dann sind sie bereits auf einem sehr guten Weg. Sich gut zu ernähren ist also keine Hexerei.

Wie erklären Sie sich dann aber, dass viele am Thema Ernährung durchaus interessierte Menschen, verunsichert sind, was sie essen dürfen?
Dafür sorgt zum einen die schiere Masse an Informationen aus Ratgebern, Medien und Internet. Und andererseits ein Mangel an Wissen. Scheint auf den ersten Blick paradox, lässt sich aber leicht damit erklären, dass die Informationen der Einfachheit halber häufig zu wenig differenziert sind. Es gibt aber nicht das ungesunde Fett, sondern Hunderte von Fettsäuren, von denen einige nicht nur gesund, sondern für bestimmte Körperfunktionen sogar lebenswichtig sind. Dasselbe gilt für die Kohlenhydrate, von denen es wertvolle und nachteilige gibt.

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach – daran scheitern am Ende viele Versuche, gesünder zu leben. Warum fällt uns die Umstellung so schwer?
In vielen Fällen die sprichwörtliche Macht der Gewohnheit, im Fall der Ernährung sind es auch Suchtmechanismen. Zucker, Frittiertes und an gesättigten Fettsäuren reiches Essen regen die Ausschüttung von suchtmachenden Botenstoffen wie dem Glückshormon Dopamin an. Bleibt diese Stimulierung aus, reagiert das Gehirn mit den sogenannten Cravings oder Heisshungerattacken. Besonders perfide ist, dass vor allem das Fettgewebe am Bauch ebenfalls Signalstoffe ausschüttet, die bei uns für Hungergefühl und den Wunsch nach schneller Sättigung sorgen. Je mehr Fett man also hat, desto schwieriger ist der Ausstieg aus diesem Teufelskreis.

Als Ausstiegshilfe empfehlen Sie das Fasten, warum?
Weil es diese Gewohnheiten unterbricht und vom Sekundenglück der Suchtmacher entwöhnt. Beim Heilfasten erleben die Menschen einen «Reset». Ab dem dritten, vierten Tag ohne Nahrung stellt sich ein Gefühl der Befreiung und Euphorie ein, ein neues Köpergefühl und die Erfahrung, auch ohne Essen glücklich sein zu können. Es entsteht eine innere Ruhe und Musse, die beim abschliessenden Fastenbrechen ganz neue, ursprüngliche Geschmackserlebnisse ermöglicht. Zum Beispiel wie intensiv, wie gut ein bewusst gegessener Apfel schmeckt. So vorbereitet hat eine Ernährungsumstellung eine sehr gute Chance. Aus der vollen Fahrt des Alltäglichen heraus ist das hingegen schwierig. Meistens werden die Menschen dann erst durch einen «Schuss vor den Bug» ausgebremst. Etwa durch einen Herzinfarkt.

Für Sie gehört das Fasten, also die Abwesenheit von Nahrung, ganz grundsätzlich zu einer gesunden Ernährungsweise. Warum tut uns der Verzicht gut?
Weil uns die pausenlose Verfügbarkeit von Nahrung nicht gut tut. Unser Organismus ist darauf schlicht nicht eingestellt, weil er über Jahrtausende der Evolution gelernt hat, mit dem Wechsel zwischen Essen und Hunger wunderbar zurecht zu kommen. Würden wir uns die nächsten 10 000 Jahre nur von Fast Food ernähren, würde sich unser Körper am Ende auch daran gewöhnt haben. Da wir das aber nicht erleben werden, sind gute Ernährung und zeitweiliger Verzicht aktuell eine unschlagbare Kombination.

Zum Schluss bitte ein Listing: Ihre Top 5 der Nahrungsmittel.
Also, Platz 1: Haferflocken. Die sind «all in one» und für Darm und Darmschleimhaut, dem «Zentralorgan» unserer Gesundheit, eine wahre Wohltat. Sie verhindern zudem Bluthochdruck und Diabetes Typ II. Eine Schale Haferflocken zum Frühstück, ein paar Blaubeeren dazu – und man hat fast schon alles richtig gemacht. Platz 2: Alles, was mit Beeren zu tun hat. Die sind punkto Antioxidantien und sekundäre Pflanzenstoffe die reinsten Powerpakete. Platz 3: Nüsse, wegen der wertvollen ungesättigten Fettsäuren. 4. Hülsenfrüchte. Sie enthalten die besten pflanzlichen Proteine, Ballast- und viele Nährstoffe. 5. Broccoli und verwandte Kohlsorten wegen ihres hohen Anteils an entzündungshemmenden Sulfonamiden.

Und ganz zum Schluss: Ihr Genussmoment beim Essen?
Wenn ich mir ein vegetarisches thailändisches Curry zubereite, das Zitronengras, etwas Koriander dazugebe, den Tofu noch ein wenig mariniere, und wenn dann die erste Gabel Curry in meinen Mund kommt und auf meine Geschmacksnerven trifft, das ist so ein Moment ...

Foto: Anja Lehmann, Berlin

Andreas Michalsen ist Chefarzt für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charité Berlin. In seinen Büchern vermittelt er anschaulich und praxisnah den neusten Stand der Forschung zu gesunder Ernährung, Heilfasten und Intervallfasten.
Er ist am 9. September für ein Podiumsgespräch im komplementärmedizinischen Zentrums Jivita zu Gast, das er mit der leitenden Ärztin Dr.med. Marisa Hübner führt. Weitere Informationen zu diesem Event finden Sie hier.

Die annabelle-Jivita-Masterclass wurde von Dr.med. Marisa Hübner konzipiert und orientiert sich an Andreas Michalsens ernährungsmedizinischer Forschung.
Sie findet vom 21. September bis 11. Oktober online statt.

Weitere Informationen und die Anmeldung zur Online-Masterclass finden Sie hier, und hier erfahren Sie in einem Interview mit Marisa Hübner, wie wir die Intelligenz von Lebensmitteln für unsere Gesundheit nutzen können.

 

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