Reportage aus dem Männerhaus

«Oft sind die Männer völlig erschöpft»

Text: Klaus Petrus; Foto: Fabian Hugo

«Oft sind die Männer völlig erschöpft»
Reportage aus dem Männerhaus
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«Die Paare kommen kaum voneinander los, selbst wenn die Zustände dramatisch sind»: Sieglinde Kliemen im Männerhaus Bern

Kehrte der boomenden IT-Branche den Rücken und zog in einen Wohnwagen, um loslassen zu lernen: Sieglinde Kliemen

Im Berner «Zwüschehalt» suchen Männer Zuflucht vor ihren Frauen. Sieglinde Kliemen hilft ihnen weiter.

Immer wieder habe sie sich fremd gefühlt in ihrem Leben. Doch in der Schweiz sei sie sofort heimisch geworden – was auch damit zu tun habe, wie man hierzulande miteinander umgehe. Sieglinde Kliemen hält inne. Sie lächelt, dann bringt sie einen Krug Jasmintee an den Tisch der karg eingerichteten Küche, irgendwo in der Stadt Bern, in einem stattlichen Haus, dessen Adresse nur wenige kennen dürfen. Warum? Sie bietet Opfern häuslicher Gewalt Asyl, die zwei Stockwerke heissen «Zwüschehalt». Neben Aarau und Luzern befindet sich in Bern die schweizweit dritte Anlaufstelle für Männer, die Schutz vor ihren Partnerinnen suchen.

«In der Schweiz ist man höflich zueinander», sagt Sieglinde Kliemen, die in den Siebzigerjahren in Rumänien aufgewachsen ist. «Man hört einander zu, setzt auf Dialog statt Konfrontation – das liegt mir sehr.» Aufeinander zugehen, miteinander reden: Das ist auch das Fundament ihrer Tätigkeit als Leiterin des Berner Männerhauses. Die meisten Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden, würden über ihre Situation nicht reden, sagt Kliemen. «Sie trauen sich nicht, ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen oder Hilfe anzunehmen.Zu gross ist die Scham, als Versager zu gelten statt als echter Kerl.» Denn das Bild des Mannes als Opfer von Gewalt, die von Frauen ausgeht, entspricht in unserer Gesellschaft nicht dem herkömmlichen Rollenverständnis. Genauso wenig wie das der Frau als Gewalttäterin: Opfer sein, das ist in der öffentlichen Wahrnehmung primär weiblich.

Die Erfahrung aber zeige, sagt Kliemen, dass in vielen Fällen erst beidseitiges Verhalten den Ausbruch von Gewalt verursache. «Gewalt provoziert Gegengewalt, das ist immer eine schlechte Lösung.» Tatsächlich kommen drei von vier Männern, die Opfer häuslicher Gewalt werden, aus Beziehungen, in denen die Gewalt auf Gegenseitigkeit beruht. Viele der betroffenen Männer sind Opfer und Täter zugleich. Bei Frauen ist das anders: Sie sind statistisch gesehen überwiegend Opfer. Für Kliemen ist das jedoch keine Bestätigung des klassischen Rollenbildes, wenn es um häusliche Gewalt geht. Vielmehr sei es ein Beleg dafür, dass die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter letztlich zu kurz greife. Die Wirklichkeit sei eben viel komplexer. Am Ende zählt der Einzelfall.

«MÄNNERN FÄLLT ES SCHWERER,
SICH GEGENÜBER ANDEREN
MÄNNERN ZU ÖFFNEN,
WENN ES UM SOLCHE THEMEN GEHT»

 

Zum Beispiel Daniel L.: Der 45-jährige Elektriker ist einer von rund 2500 Männern, die in der Schweiz gemäss Statistik jedes Jahr Opfer von häuslicher Gewalt werden. Dabei zählen über siebzig Prozent der registrierten Fälle als «leichte Gewalt», etwa Beschimpfung, Drohung, Nötigung oder ein übersteigertes Kontrollverhalten seitens der Partnerin. Letzterem liegt oft eine irrationale Eifersucht zugrunde. Auch bei Daniel: Immer häufiger suchte seine Frau die Kontrolle über sein Leben, fragte ihn aus, überwachte seine E-Mails, sein Handy, zum Schluss sein gesamtes Umfeld. «Ich durfte keinen Schritt mehr machen ohne meine Frau», erzählt er im Gespräch am Küchentisch. «Sie war krank vor Eifersucht.»

Irgendwann konnte Daniel nicht mehr, ihm wurde eng auf der Brust, er erbrach sich, und plötzlich war ihm klar: «Ich muss raus hier!» Bis ins letzte Detail hatte er seinen Weggang aus der gemeinsamen Wohnung geplant. Dann packte er den Koffer mitsamt Reisepass, brachte seine Frau zur Arbeit und fuhr ohne Umwege ins Männerhaus. «Als ich dort ankam, fiel eine tonnenschwere Last von mir, ich fühlte mich sicher, erfuhr so etwas wie Normalität», erinnert sich Daniel. Genau dafür sei der «Zwüschehalt» der richtige Ort, nickt Sieglinde Kliemen. Oft seien die Männer erschöpft und völlig orientierungslos, wenn sie im Männerhaus Zuflucht suchen. Dann sei es wichtig, mit ihnen zu reden, sie in ihrem Alltag zu betreuen, etwa wenn Anzeigen erstattet werden oder eine Scheidung ansteht. Dass Kliemen als Frau ein Männerhaus leitet, sei selten ein Problem, meistens eher ein Vorteil. «Männern fällt es viel schwerer, sich gegenüber anderen Männern zu öffnen, wenn es um solche Themen geht. Zudem sehen sie mich nicht in der Rolle einer Partnerin, sondern als Beraterin.»

Je nach Aufwand der Beratung wird der Tarif für die Unterkunft berechnet; er bemisst sich zwischen 35 und 120 Franken pro Nacht. Insgesamt 1650 Übernachtungen zählten die drei Häuser im Jahr 2017. Um Miete, Unterhalt und Personal zu bezahlen, ist das Männerhaus auf Spenden angewiesen. Anders als die meisten der 17 Schweizer Frauenhäuser erhält der Trägerverein «Zwüschehalt» keine öffentlichen Gelder.

2017 übernahm Sieglinde Kliemen die Leitung im Berner Männerhaus. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits einen ebenso langen wie verschlungenen Weg hinter sich. Ihre Kindheit in Rumänien war vom «Kommunismus mit Lebensmittelmarken und allem Drum und Dran» geprägt. Ausserdem gehörte sie der Minderheit der Siebenbürger Sachsen an, die seit dem Mittelalter den Nordwesten Rumäniens besiedelten und über Jahrhunderte ihre eigene Sprache und Kultur pflegten. Als das Land nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht wurde, war davon auch die deutsche Minderheit betroffen. Ihre Eltern wurden über Nacht enteignet. Ausserdem galten die Siebenbürger Sachsen als Kriegsverlierer und wurden als Nazis beschimpft, ein Stigma, das auch Sieglinde Kliemen zu spüren bekam. «Vielleicht deshalb fühlte ich mich immer fremd in meiner Heimat.»

1989 fiel die Mauer und Kliemen wusste: Bloss weg von hier! Die damals 19-Jährige organisierte für sich und ihre Eltern die Papiere, um nach Deutschland auszuwandern. «Ich hatte zwei Koffer, einen unbändigen Willen und keine Ahnung, was auf mich zukommen würde.» Kaum in Nürnberg angekommen, überkam sie erneut das Gefühl des Fremdseins. «In Siebenbürgen waren wir die unerwünschten Deutschen, jetzt wurden wir abschätzig als Rumänen bezeichnet.» Trotzdem fasste sie den Entschluss, in Deutschland zu bleiben, absolvierte eine Zusatzausbildung als IT-Spezialistin, heiratete und verdiente gutes Geld, denn die Branche war am Boomen – bis erste Zweifel aufkamen, ob dieses «Immer mehr, immer schneller» auf die Dauer ein erstrebenswertes Ziel sei.

2003 machte sich Kliemen selbstständig, bekam erste Aufträge in der Schweiz und siedelte nach Bern um. Das Unbehagen gegenüber der Wachstumseuphorie blieb, weshalb sie sich zu einem Experiment entschloss: Sie zog für zehn Monate in einen Wohnwagen. «Ich konzentrierte mich aufs Wesentliche und übte mich im Loslassen.» Die Erfahrung war in ihrer Klarheit so einschneidend, dass Sieglinde Kliemen eine Ausbildung in Systemischer Beratung absolvierte – eine Coaching-Methode, die darauf abzielt, den Menschen und seine Fähigkeiten als Ganzes ins Zentrum zu rücken, statt Probleme rein technologisch lösen zu wollen, wie das die IT-Branche suggeriert. Das war 2011. Sechs Jahre später begann für sie ein neuer Lebensabschnitt als Leiterin des Berner Männerhauses – ein Ort, an dem sich mit Technik nichts ausrichten lässt.

Anders als für Kliemen ist der «Zwüschehalt» – wie der Name andeutet – für die meisten Männer nur eine relativ kurze Zwischenstation. Rund die Hälfte kehrt bereits nach zwei Monaten zu ihren Ehefrauen oder Partnerinnen zurück. Einer der Gründe dafür sieht Kliemen in den teils krassen Abhängigkeitsverhältnissen, die typisch sind für Beziehungen, in denen Gewaltvorkommt. «Die Paare kommen kaum voneinander los, selbst wenn die Zustände dramatisch sind.» Auch Daniel kehrte nach einigen Wochen zu seiner Frau zurück. Sie hätten anfänglich zwar viel geredet, doch schon bald seien sie in ihre alten Verhaltensmuster zurückgefallen: seine Frau, die sich in Eifersuchtsattacken hineinsteigerte, und er, der sich zurückzog und alles über sich ergehen liess. Als er damit drohte, sie erneut zu verlassen, und sie ihn abermals als Versager beschimpfte, konnte er nicht mehr anders: «Jetzt halt du mal das Maul!», schrie er sie an.

«Wenn einer immer passiver wird und sich immer mehr anpasst», sagt Sieglinde Kliemen, «überlässt er den Aggressionen des anderen immer mehr Raum.» Hier verortet sie auch ein Problem bei Ermächtigungsdebatten wie #MeToo. Für Kliemen laufen sie Gefahr, die starre Gegenüberstellung von Tätern auf der einen und Opfer auf der anderen Seite zusätzlich zu zementieren. Kliemen ist sich bewusst, dass sie sich mit dieser Position Kritik aussetzt, betont aber auch, dass #MeToo wichtige Diskussionen anzustossen vermocht habe. Schon gar nicht möchte sie in Abrede stellen oder auch nur relativieren, dass bei «schwerer Gewalt» das Aggressions- und Gewaltpotenzial in den meisten Fällen klar zugeordnet werden kann: Für viele Frauen ist kaum jemand so bedrohlich wie der eigene Ehemann oder Partner. Am Ende stehe hinter jeder Gewalt viel Ohnmacht und Angst. «Solang wir nicht darüber reden, woher diese Angst kommt und was wir dagegen tun können, werden wir nicht aus der Gewaltspirale herausfinden», ist Sieglinde Kliemen überzeugt. «Deshalb ist der Dialog so wichtig.»

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