Bijou am See

Text: Barbara Schmutz
Foto: Reto Guntli / Zapaimages.com

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Hans Georg Schulthess, Nachfahre der Familie Streuli, die einst weitherum für ihre Seidenmanufaktur bekannt war, sitzt im Garten des Hernerguts in Horgen. Einem Garten, der eigentlich ein Park ist, bestückt mit Mirabellen-, Zwetschgen-, Apfel- und Birnbäumen, einer Blutbuche, einem gigantischen Mammutbaum – und einem Badepavillon, der aussieht wie ein Miniaturschloss. Und während sein Blick zum Bauwerk hinüberschweift, das im Rokokostil gehalten ist, sagt er: «Zu diesem Pavillon bin ich ganz unverhofft gekommen.»

Was so nicht wirklich stimmt. Denn das Schlösschen unten am See, genau in der auf den See hinaus verlängerten Mittelachse des Landguts platziert, gehört seit vier Generationen zum Besitz der Familie. Nur ist Hans Georg Schulthess nicht ganz freiwillig zum Schlossbesitzer geworden.

Aber erst einmal fahren 1899 im Hernergut die Baumaschinen auf. Emil Streuli-Hüni, Seidenfabrikant und Artilleriemajor, gerade eben sechzig geworden, will vor seinem Park eine Insel aufschütten lassen, vier Aren gross. Darauf sollen zwei ungetüme, alte Kanonen zu stehen kommen, deren Geschützrohre je auf eine Stadt zielen: auf Rapperswil am Südende des Zürichsees und auf Zürich am Nordende.

Drohgebärde? Provokation? Oder einfach die spinnerte Idee eines Artilleriemajors a. D.? Hans Georg Schulthess entfährt ein polterndes Lachen. Man wisse nicht, was den Urgrossvater damals geritten habe. In die Tat umgesetzt wurde der Plan allerdings nicht. Ein befreundeter Kunsthistoriker hatte davon abgeraten, etwas derart Martialisches auf der Insel zu platzieren.

Und so gibt Major Streuli bei Albert Müller, einem Schüler Gottfried Sempers, stattdessen ein Badehaus in Auftrag, das einem Rokoko-Kleinod nachempfunden ist: der Amalienburg, dem Jagdhaus des Münchner Schlosses Nymphenburg. Eine verkleinerte Kopie sollte es werden, mit Haupttrakt, zwei Seitenflügeln und einer Kuppel. Gezeichnet werden die Pläne von einem Angestellten Albert Müllers, Franz Bruno Frisch, Vater des Schriftstellers Max Frisch. Für die Aussenfassade wählt man Savonière, einen französischen Muschelkalk. Innen wird das Badehaus mit Neo-Rokoko-Stuckaturen verziert, die Motive aus Jagd und Fischerei zeigen. In den Haupttrakt kommt der Salon zu liegen, und die beiden Seitenflügel dienen als Umkleidekabinen, eine für die Damen, die andere für die Herren.

Wie ein Pfahlbau steht das Badehaus nach seiner Fertigstellung im See, es ruht auf einer  Stahlfachwerkkonstruktion, die auf drei Seiten geschlossen ist. Von den Umkleidekabinen führt eine Falltür mit Eisentreppen direkt ins Wasser.

Man stellt sich vor, wie der Bub Hans Georg zusammen mit Gspänli ganze Sommernachmittage hier verbracht hat, nach dem Abstieg in den Wasserkeller mit ein paar kräftigen Zügen ins Freie hinausgeschwommen ist. Doch die Realität sah anders aus. «Gross gebadet haben wir hier nicht», sagt Hans Georg Schulthess. Schlösschen Amalienburg wurde von der Familie nur leidlich genutzt. Keine Infrastruktur, die es erlaubt hätte, einen Zvieri zu servieren. Rollläden, die sich nur harzig hinaufziehen liessen, und unversiegeltes Eichenparkett, das noch Tage nach einem Schwumm im See die Abdrücke von nassen Füssen zeigte. Und dann der strenge Grossvater. Emil Streuli junior zog 1915 mit Gattin Susanne und den Töchtern Margrit und Susi ins Hernergut ein und führte in Haus und Garten ein strenges Regime. «Er war ein Patriarch», sagt der Nachfahre. Was auf seinem Grundstück zu tun und zu lassen war, das bestimmte einzig und allein er. Baden im See hätte er am liebsten verboten. Zu gefährlich, befand der Nichtschwimmer.

Im Jahr 1997 stirbt Margrit Schulthess-Streuli, die jüngere Tochter des Patriarchen, die Mutter von Hans Georg Schulthess. Sie hinterlässt nebst dem Hernergut auch das Badehaus am See. Von ihren Kindern aber will es keines. Doch weil verkaufen nicht in Frage kommt und weil der Sohn der einzige Schulthess-Streuli-Nachkomme ist, der noch in Horgen wohnt, springt er in die Bresche. Übernimmt das Badehaus und wird so – unverhofft – zum Badeschlösschenbesitzer.

Kaum hat er das Erbe angetreten, stellt er fest: Der Wellenschlag und die Schwankungen des Seespiegels haben die Holzpfählung faulen lassen, und an der Stahlfachwerkkonstruktion nagt der Rost. Der Unterbau muss ersetzt werden. Doch nicht nur das – der Denkmalpfleger, der nebst dem Architekten auf den Plan gerufen wird, wirft einen Blick auf die üppigen Stuckaturen und befindet: Renovieren. Und so fahren im Jahr 2002 erneut Baumaschinen im Hernergut auf. Handwerker karren einen grossen Unterwasserstaubsauger heran und spülen die Pfähle im Seegrund frei, errichten eine Schalung und betonieren unter Wasser ein neues Fundament. Darauf montieren sie Stützen und Träger und entfernen dann die alte Stahlfachwerkkonstruktion. Über Wasser werden derweil Wände gestrichen, die Savonière-Fassade mit feinem Steinmehl gestrahlt, die Falznähte im Kupferdach neu gelötet und die Stuckaturen aufgefrischt.

Anderthalb Jahre dauern die Arbeiten. Und mit jedem baulichen Fortschritt wächst Hans Georg Schulthess der Pavillon ein wenig mehr ans Herz. Fast täglich ist er auf der Baustelle, freut sich an der Freude, mit der die Handwerker an die Arbeit gehen, und beschliesst, nach getaner Restaurierung sein Bijou krönen zu lassen. Zusammen mit dem Architekten reicht er bei Europa Nostra, einem europäischen Verbund von nicht staatlichen Denkmalorganisationen, eine Dokumentation ein, in der sämtliche Arbeiten bis ins kleinste Detail aufgelistet sind. 2006 trifft der Bescheid aus Den Haag, dem Europa-Nostra-Hauptsitz, in Horgen ein: Das Badehaus gewinnt eine Auszeichnung samt Medaille. Eine Ehre, die im selben Jahr auch der Mailänder Scala zuteil wird. Klar, dass der Nachfahre stolz ist. Auch darauf, dass seine stete Neugier am Fortschritt der Renovationsarbeiten festgehalten ist: Die Stuckateure haben der Sonne, die am Neo-Rokoko-Himmel prangt, dasselbe Brillengestell auf die Gipsnase geritzt, das der Hausherr trägt.

Allem Besitzerstolz zum Trotz bleibt das Badehaus jedoch Privatsache. Man möge doch bitte schreiben, sagt Hans Georg Schulthess, dass der Pavillon für runde Geburtstage oder Hochzeitsfeiern nicht zu haben sei.

Zum Nachlesen die Geschichte der Horgner Seidenmanufakturen und ihrer Besitzerfamilien: Hans Peter Treichler, «Die Löwenbraut. Familiengeschichte als Zeitspiegel der Belle Epoque» – samt Drama um eine verbotene Liebe. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2008, 48.90 Franken

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